THEATER und MUSIK: Florence and The Machine – Various Storms and Saints

Der Blogbericht und die Musik unten gehen zurück auf die Inszenierung „Juliet & Romeo“ in den Kammerspielen. Eine Inszenierung des US-Amerikaners Trajal Harell. Ich hatte es schon gesehen, HIER mein damaliger Blogbericht. Ich habe es ein zweites Mal angesehen, wie so oft. Theaterstücke zweimal anzusehen kann ich empfehlen! Es müsste ein vergünstigtes Angebot zum Kauf von Karten zweier Aufführungen desselben Stückes geben! Einmal ansehen ist oft nur halb ansehen!

Juliet & Romeo geht zurück auf Romeo und Julia von Shakespeare. Die Inszenierung von Trajal Harell ist ein Extrakt der Geschichte um Romeo und Julia. Es geht nicht um die altbekannte Geschichte: Romeo flieht nach der Ermordung des Cousins von Julia, Tybald, nach Mantua, Julia soll verheiratet werden, nimmt einen Schlaftrunk, stellt sich tot, jemand berichtet Romeo fälschlicherweise, Julia sei tatsächlich gestorben. Romeo eilt zurück und bringt sich angesichts seiner Liebe und Trauer um Julia um, Julia wacht wieder auf, tötet sich daraufhin auch angesichts des Todes von Romeo. Im Zentrum der Aufführung von Trajal Harell steht die Trauer. Die Trauer und Erinnerung von Julias Amme. Alles ist nur noch Erinnerung. Die Bühne zeigt am Boden zwei tiefergelegte Gräber, eines in mattten Blautönen, eines in matten Rottönen. Mehr ist nicht auf der Bühne. Das „Geschehen“ der Inszenierung findet um die Gräber herum statt. Trajal Harell selbst spielt die Amme. Im Zentrum der Trauer steht ein Tanz von Trajal Harell, untermalt von der Musik, die ich hier bringe: Florence and The Machine mit Various Storms and Saints. Zugegeben kein lustiges Lied. Trajal Harell drückt in wunderbaren Bewegungen sitzend Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit aus. Das muss man erst einmal schaffen!

Shakespeares Drama ist für Harrell initiierendes Sprungbrett für sein Unterfangen. Harells Trauer – als Amme – befasst sich grundsätzlich mit dem Tod und der Erinnerung. In der modernen Zeit findet er einen Ansatz in Fashion Shows, ebenfalls Sinnbild für Vergänglichkeit. Und überall spielt der Tod hinein. Wir können uns noch so sehr präsentieren, gegeneinander kämpfen etc., schön machen, behaupten: Der Tod spielt überall mit. Haltung und Formgebung bleiben letztlich sinnlos. Erstmals arbeitet Trajal Harell mit Schauspielern. Ein weiterer Eindruck: Trajal Harell vereint am Rande der Bühne eine Art Gesamtschmerz in sich, ein Schmerz, der die Welt regiert, der auch heute gegenwärtig ist. Dessen wir uns auch immer bewusst sein müssen. Die anderen Mitwirkenden, allesamt mänliche Tänzer und Schauspieler, zeigen dagegen Konkreteres. Sie deuten Motive aus Romeo & Julia an, sie deuten das Verhalten von Models auf Fashion Shows an. Sie zeigen Trauer, aber die konkretere Trauer von Romeo und Julia. Sehr beeindruckend die Szene, in der Thomas Hauser in langen Zügen Julias Trauer und Selbstmord zeigt! Dass keine weiblichen Tänzerinnen/Schauspielerinnen mitwirken, passt gut, um dem Stück nicht zu nahe zu kommen.

Zwei der acht Mitwirkenden sind Schauspieler der Kammerspiele, Thomas Hauser und Damian Rebgetz.

Zum Video: Der Song beginnt nach 50 Sekunden! HIER der Songtext. Es ist wahrlich kein einfacher Text. Er wird Passendes ausdrücken! Ich werde ihn mehrfach lesen müssen.

 

Copyright des Blogbildes: Orpheas Emirzas

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PREISAUSSCHREIBEN

Man muss (wie auch oben im Header des Blogs) auf Lesen: Eine abgeschlossene Erzählung klicken. Da geht es dann weiter.

Ich habe in den vergangenen Monaten/Jahren eine Erzählung geschrieben, sie ist jetzt fertig und trägt den Titel „GRUPPE FRÜHLINGSFEST“. Im Blog ist sie unter dem obigen link komplett eingestellt. Außerdem habe ich dort eine kurze Inhaltsangabe formuliert, ein Exposé. Man muss allerdings auf der oben genannten Seite den link zur Erzählung anklicken. Dann ist man drauf.

Gerne höre/lese ich dazu Kommentare jeder Art. Auch Verrisse. UND: Ich habe eine Preisfrage formuliert. Sie lautet:

WER MIR ALS ERSTER SAGEN KANN, OB VATER JUNGWIRTH IM FESTZELT IN TRACHTENKLEIDUNG SITZT, BEKOMMT EIN EXEMPLAR UMSONST, WENN ICH EINEN VERLAG FINDE.

Er oder sie kann es ja verschenken, weil er/sie es ja dann wohl schon liest. Oder bekommt den Gegenwert (Verkaufspreis).

Also, ran an den Speck!! Ich freue mich auf Kommentare und den/die GewinnerIn!

 

 

MUSIK: Amy Winehouse – „I love you more than you’ll ever know“ und „Wake Up Alone“

Die phantastische Amy Winehouse wurde nur knapp 28 Jahre alt! Sie wurde am 14. September 1983 in Southgate, London, geboren und starb am 23. Juli 2011 in Camden, London. Ich bringe unten zwei Songs, einen ganzen Abend könnte ich mit ihrer Musik gestalten. I love you more than you’ll ever know und Wake Up Alone.

Sie hätte mehr verdient gehabt: Nach ihrem internationalen Durchbruch hatte sie mit Drogenmissbrauch und mit psychischen Problemen zu kämpfen. Mitschuld an ihrer Drogensucht wurde entsetzlicherweise ihrem Ehemann Blake Fielder-Civil zugeschrieben, mit dem sie 2007 bis 2009 verheiratet war. Er gestand sogar, sie an harte Drogen herangeführt zu haben und sie daran gehindert zu haben, eine Entziehungskur zu machen. Man sieht ihn, Blake Fielder-Civil, in der Sequenz 0:42 des Videos zu Wake Up Alone. Amy Winehouse schaut erst längere Zeit auf den Balkon – die Hand zum Schutz gegen die Lichtstrahler über den Augen. Und dann sagt sie zu ihm in dieser Sequenz sogar: „I love you!“. Man kann es ihren Lippen ablesen!

Von 2007 bis Ende 2008 litt sie außerdem an Bulimie, die durch die Drogensucht ausgelöst worden war. Erst als sie sich Ende 2008 von Blake Fielder-Civil getrennt hatte, gelang es ihr, von den harten Drogen loszukommen. Sie hatte aber wiederum Alkoholprobleme, die sich während ihrer Engiftung verschlimmerten! Am 23. Juli 2011 ist sie an einer Alkoholvergiftung mit 4,16 Promille im Blut (!) tot aufgefunden worden. Sie wurde auf dem Edgwarebury Jewish Cemetery im London Borough of Barnet, einem nördlichen Stadtbezirk von London, beigesetzt.

 

MUSIK: Lady Gaga – Million Reasons

Ihre Stimme ist einfach gut! Daher hier auch einmal ein Song von ihr – ein recht ruhiger Song. Sorry, es ist simpler Pop, nichts Besonderes, aber für meine Party jetzt auch mal ganz gut! „Ladies and Gentlemen, the incredible Lady Gaga“ mit Million Reasons. Und das Video: Kleider machen Leute!

Wikipedia sagt: Sie wurde am 28. März 1986 als Stefani Joanne Angelina Germanotta in New York geboren, ist Golden Globe- und sechsfache Grammy-Preisträgerin. Mit dem Debütalbum „The Fame“ gelang ihr 2008 der internationale Durchbruch. Sie zählt mit über 150 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Künstlern der Gegenwart.

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LITERATUR zum THEATER: Thomas Bernhard – Am Ziel

Wer beides, das Theater und die Literatur, mag, sollte sich dieses kleine Buch vornehmen. „Am Ziel“ von Thomas Bernhard. Natürlich vor allem dann, wenn man Thomas Bernhard mag. Ich habe es kürzlich aus einem Bücherregal herausgezogen. Es liest sich recht locker an einem schönen Abend. Bissig, komisch, auf die Spitze getrieben, immer wieder wahr, Thomas Bernhard eben. Hier ein kleiner Auszug:

Tochter

Ein so großer Erfolg Mama

Mutter

Das besagt doch nichts
die Leute waren in Laune und machten einen Erfolg
aber es hätte auch das Gegenteil und kein Erfolg sein können
es war bis zuletzt nichts entschieden
nichts gar nichts
dann war Stille
die Leute haben geklatscht

Tochter

Und wie geklatscht wurde Mama

Mutter

Mir ist es unverständlich
dass sie geklatscht haben

wo es sich doch um ein Stück handelte
in welchem sie alle bloßgestellt worden sind
und auf die gemeinste Weise
zugegeben mit Witz auch
aber mit einem bösartigen Witz
mit Niedertracht sogar
mit absoluter Niedertracht
Und dann klatschten sie auf einmal

Tochter

Es war ein richtiger ein ganz großer Erfolg

Mutter

E i n Erfolg was sagt das
dann gehen die Leute hinaus auf die Straße
und alles ist vergessen
das sagt doch nichts ein Erfolg an einem Abend
Und ob es zu einem Lebenswerk reicht

Tochter

Was heißt Lebenswerk Mama
Die Leute haben geklatscht es hat Ihnen gefallen
die Schauspieler haben Ihnen gefallen
es hat ihnen alles gefallen

Mutter

Die Schauspieler haben gefallen
die Schauspieler waren großartig
aber das Stück

Tochter

Ich finde es ein ganz außerordentliches Stück

Mutter

Als ob du von der dramatischen Literatur
auch nur das geringste verstündest
die Leute verstehen nichts
und Klatschen sich zu Tode
weil sie gerade zum Klatschen aufgelegt sind
aber sie beklatschen auch das Unsinnigste
Sie beklatschen auch ihr eigenes Begräbnis
sie beklatschen jede Ohrfeige
die sie bekommen
sie werden von der Rampe herunter geohrfeigt
und beklatschen das
Es gibt keine größere Perversität
als die Perversität des Theaterpublikums

 

THEATER: Lion Feuchtwanger – Wartesaal

Was Theater kann? Beispielsweise das kann man sagen:
„Wie alt ein Stück auch sein mag, wie futuristisch oder naturalistisch das Bühnenbild, wie realistisch oder theatralisch der Spielstil: Schauspieler und Zuschauer sind Zeitgenossen. Dies bietet dem Theater enormes Potenzial, nämlich, mit jeder Vorstellung von neuem mit dem Zuschauer das Gespräch zu suchen über die Zeit, in der wir leben. Es gibt keine Kunstform, die diesen „Bewusstseinsbonus“ mehr in sich trägt als das Theater. Es gibt für mich nichts schöneres als Zeuge zu sein, wie Schauspieler und Zuschauer zusammen aus toter Materie ein lebendes Gespräch entstehen lassen.“

(Brief an das Publikum, Kammerspiele Spielzeit 2010/2011)

Und  wie siehts mit „Wartesaal“ von Lion Feuchtwanger aus? Ich habe es jetzt gesehen.

„Wartesaal“ ist inszeniert von Stefan Pucher, wird derzeit an den Münchner Kammerspielen gezeigt. Die Trilogie (Erfolg – Geschwister Oppermann – Exil) über die Zeit des Aufkommens der Nazis vor dem II. Weltkrieg. Tote Materie. Gut, man könnte sagen, auch heute kommt irgendetwas auf uns zu, die Dinge ändern sich, wir schauen nur zu. Aber die Inszenierung (es geht um den Teil „Exil“) gehört m. E. wahrlich nicht zu den Stücken, die den obigen engagierten Sätzen über Theater gerecht werden.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Wartesaal“ ist eine durchaus beeindruckende Nacherzählung des umfangreichen Romans „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Ich hatte ihn davor gelesen. Manche finden die Inszenierung gar fulminant, man liest etwa:
Es war endlich wieder einmal einer dieser unvergesslichen Abende, die unauslöschlich im Bewusstsein bleiben, nicht nur, weil eine große und großartige Botschaft in die Welt gebracht wurde, sondern weil erlebbar war, welche bewegende Kraft gutes Schauspiel haben kann (Wolf Bernatzki, www.theaterkritiken.com).
Oder die Münchner Abendzeitung: Sie hat die Inszenierung zum Theaterstück des Jahres gekürt – der kulturelle Münchner Höhepunkt des Jahres 2017 im Bereich Theater!
Andere sind nicht so überzeugt, etwa die Süddeutsche Zeitung, etwa die neue Zürcher Zeitung (siehe die Kritikenrundschau auf www.nachtkritik.de).
Ich sage nicht: „Fulminant!“ Ich würde sagen: „Eine schöne Inszenierung“, mehr nicht. Die Inszenierung wird m. E. aber einem irgendwie gearteten progressiven Charakter – dem Charakter der Kammerspiele – nicht gerecht. Das ist nicht harte Kritik, es ist meine Erfahrung nur. Progressiv im Sinne von: Man wird angeregt, man denkt nach, man sieht Dinge neu, anders, sieht Dinge aus anderer Perspektive, erhält neue Perspektiven, es kann unbequem sein, kann stören, man wird manchmal leicht oder stark gerüttelt und so weiter. Aber was derart Progressives angeht, hatte ich nach diesem Abend sogar gedacht: Diese Inszenierung ist der Kammerspiele nicht würdig! Das spricht nicht gegen die Inszenierung! Wer den Roman nicht kennt, wird wunderbar durchgeführt. Es kann auch beeindruckende Inszenierungen dieser nur „darstellenden“ Art geben, keine Frage. Es geht nicht immer um „politisches Theater“. Ich meine nur, dass man sich hier leider als Zuschauer nicht mit progressiver Darstellung irgendeiner Art oder aufrüttelnden Gedanken oder ähnlichen Anreizen auseinandersetzen musste/konnte. Es ist brav. Brav auf sehr hohem Niveau!
Und wenn ich etwas zur Inszenierung sagen kann: Sie ist in jedem Detail schön gemacht. Das Bühnenbild etwa: Dieser gekachelte Wartesaal, diese mehrfachen Ebenen. Aber auch dort, finde ich, wären deutlichere Wege möglich gewesen. Zu brav. Gut, ich war vorbelastet durch das Lesen des Romans. Liest sich ja nicht an einem Tag! (Schöner und meine Erachtens eindringlicher geschrieben ist übrigens der Roman „Erfolg“!). Ich hatte auch eine deutlichere Orientierung in der damaligen Zeit erwartet. Erst der vorletzte Teil, in dem Annette Paulmann vor geschlossener Bühnenwand (auf die Bilder der damaligen Zeit projiziert werden) über die Exilanten der damaligen Zeit liest/spricht, holt den Zuschauer deutlich in die damalige Zeit. Schön, wie die Schauspieler des Ensembles in die Bilder integriert werden.
Oder die schauspielerischen Leistungen: Gut und brav zum Großteil! Samouil Stoyanov und Maja Beckmann haben mich am meisten beeindruckt. Ich finde, Sepp Trautwein (Samouil Stoyanov), um den sich letztlich alles dreht, hätte – so habe ich den Roman vor Augen – mehr Raum in der Inszenierung verdient gehabt. Zumal dann die wunderbare Leistung von Samouil Stoyanov verdientermaßen hervorstechen hätte können. Schade. Julia Riedler hatte es dagegen schwer: Drei Rollen, aber die unterschiedlichen Charaktere wurden bei ihr m. E. nicht richtig deutlich. Auch schade! Ich war vorbelastet!
Auch die Videotechnik war interessant eingesetzt. Immer zugunsten der Schauspieler!
Ich werde es noch einmal ansehen, wie so oft! Schön und auf seine Art sehr gelungen ist es allemal!
Copyright des Beitragsfotos: Arno Declair, Kammerspiele

ENDE 2017

Keep your feet on the ground and keep reaching for the stars!

Ich erinnere mich: Casey Kasem, Moderator der „American Top 40“ auf AFN Radio. Er beendete seine wöchentliche Radiosendung mit diesem Satz. Von 1970 bis 2004 moderierte er die Musiksendung, die weltweit Beachtung fand. Ich erinnere mich auch an seine Rubrik „Long Distance Dedication“, die innerhalb dieser „American Top 40“ gebracht wurde. Voneinander entfernt wohnende Liebende hatten Gelegenheit, sich mit einem Musikwunsch zu grüßen.

MUSIK: Kinks – Lola

Die Musik, die ich hier bringe, hat natürlich auch manchen Erinnerungswert. Nicht immer, aber oft. So etwa SIMPLE MINDS, Don’t you (forget about me). Freunde werden dieses Lied immer mit mir verbinden. Es wird heute noch angestimmt, wenn es um meine schäbige Vergangenheit geht. Es war ein wunderbares Studienjahr in Lausanne. Heute „Lola“ von den Kinks. Auch dort spielen sie rein, meine Erinnerungen. Im Sommer, in meiner Kindheit und Jugendzeit, verbrachten wir jedes Jahr drei/vier Wochen auf Sylt, dieser trostlosen Insel, diesem deutschen Problemviertel. Ich mit den Eltern und den beiden Geschwistern, Bruder und Schwester. Es war jedes Jahr großer Sommerurlaub. Angereist kamen wir mit dem irgendwie finanzierten Auto. Wir, die kleinen Kinder, lagen damals tatsächlich noch unangeschnallt hinten: Einer auf der Fensterablage, einer auf der Rücksitzbank, einer im Fußbereich (!). Ich sehe mich noch im Fußbereich – die Mittelverstrebung störte immer. Ich erinnere mich gut. Wir wohnten in einem der verfallenen, dreckigen, wertlosen Häuschen in Kampen. Eine armselige Hütte. Es gab aber sogar fließend Wasser. Es waren immer wieder schöne Zeiten! Gut, tagsüber lümmelten die armen Menschen am Strand „Buhne 16“ in ihren kaputten und verschmutzten Strandkörben, zerschunden, abgearbeitet, müde, ungewaschen, alkoholisiert, stinkend, krank, verletzt, entstellt. Sie saßen dort und warteten auf nichts. Wünschten sich höchstens, dass der Tag doch bitte so bleibe … oder doch bitte vorübergehe. Manche gingen ins kalte Wasser, auch bei Flut. Und am späten Nachmittag sah man sie dann wieder im Ort. Diese Clochards, die Bettler, diese armen unrasierten Menschen. Sie kannten sich natürlich alle, von irgendwelchen Brücken im Hamburger Hafen wahrscheinlich. Im „Gogärtchen“ standen sie, die Ärgernisse des Tages mit einem Gläschen Champagner oder schon wieder mit einem Drink – am besten mit beidem – herunterspülend. Es war so traurig. Abends und nachts, nachdem sie mit ihren zerkratzten, verbeulten und überall klappernden Lamborghinis oder Porsches in ihre erbärmlichen, dem Verfall preisgegebenen, mit altem Reet notdürftig gedeckten Hütten in Kampen/Wattseite gerumpelt waren, kamen einige wieder. In das Kamp Huis etwa, schräg gegenüber vom billigen Gogärtchen, in dem erst einmal der Dreck vom späten Nachmittag beseitigt werden musste. Ich glaube es hieß „Kamp Huis“. Dort sah man sie also wieder, die ungepflegten, schmutzigen Clochards, ihre billigen Frauen (oder waren es Nutten?). Sie trugen ihr letztes Hemd, ihre letzte verdreckte und eingerissene Hose, meistens auch völlig abgelatschte, verbrauchte und verdreckte Schuhe. Und dort kam auch dieses Lied von den Kinks, Lola. Ich sehe sie noch auf den wackelnden Tischen herumzappeln, sie ließen sich hemmungslos gehen. Als hätten sie Spaß am Leben. Betrunken grölte man Lola mit. Ich sehe es vor mir. Hier also das Lied:

THEATER: „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht

Eigenartig! Gestern war in den Kammerspielen die „Premiere“ der ZWEITEN Version von „Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Ich wieder hin! (Damit sich der geneigte Blogleser nicht wundert: Ich wohne ca. 100 m entfernt von den Kammerspielen und habe nun einmal – nach mehreren Operationen vor ein paar Jahren, die mich aus dem Beruf geholt haben – für all das viel viel Zeit. Und Freude, Interesse und hohen Respekt vor der Theaterwelt insgesamt, aber speziell vor den Leistungen und besonders dem spirit der Münchner Kammerspiele, den dort jeder bei sich hat.)

Also, gestern: Eine kleine Abänderung von der Originalversion ist es nur, die dazu führt, dass diese zweite Inszenierung dann nicht „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht (Originalversion), sondern „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht genannt wird. (Siehe meinen Blogbeitrag zur Originalversion HIER.) Es hat sich nicht viel geändert in dieser zweiten Version, nur der Schluss. Die Hauptfigur Andreas Kragler entscheidet sich nach Kriegsrückkehr nicht für die Liebe, sondern für die Revolution, damals der Spartacusaufstand. Bertolt Brecht war ja immer wieder unzufrieden mit der Entscheidung in der Originalversion, also der Entscheidung für die Liebe, nicht für die Revolution. Daher wird in den Kammerspielen derzeit auch die Alternativversion gebracht.

Und doch habe ich das Theater dieses Mal völlig unzufrieden und orientierungslos verlassen. Vielleicht lag es an mir, ich muss es mir noch einmal ansehen. Ich habe es nicht verstanden. Wenn es nicht an mir lag: Die so gute Inszenierung von Christopher Rüping, von der ich in der ersten Version sehr überzeugt war, geriet irgendwie in der zweiten Version aus den Fugen! Nach dem Motto: Es zählt nicht der Mensch, sondern die Idee! Die Idee! Vielleicht ist uns dieser Gedanke heutzutage einfach völlig fremd geworden! Vielleicht war es aber auch zu wortgewaltig, zu kompliziert in der Alternativversion. Irgendwie passte mir der Schluss dieses Mal überhaupt nicht. Es bleibt insgesamt aber bei der sehr gelungenen Inszenierung insgesamt. Vor allem, wie gesagt, waren wieder die Leistungen von Christian Löber und Damian Rebgetz wahrlich überzeugend. Obwohl ich den Eindruck hatte, als hätten sie am vergangenen Donnerstag noch euphorischer gespielt! Vielleicht hatte ich aber auch nur einen schlechten Tag.

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!