Flüchtlinge II

Hier ein Bericht von „vor Ort“, der m. E. viele Dinge anspricht, die auch gesehen werden müssen. Er folgt der Linie „Wir schaffen das„, auch wenn wir es natürlich irgendwie begrenzen müssen: Unten bitte auf das Datum klicken.

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Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur…

Posted by Raphaele Lindemann on Donnerstag, 28. Januar 2016

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Theater: Caspar Western Friedrich

Wir und die Natur. Es war alles einmal anders, vor garnicht allzu langer Zeit. Das zeigt uns – unter anderem – der Abend der Premiere von Caspar Western Friedrich in den Kammerspielen: Caspar Western Friedrich, eine Performance von Philippe Quesne. Caspar Western Friedrich hinterfragt den Platz des modernen Menschen in der Welt. Ausgehend von unserem Wissen – Fernsehwissen – über den Western und von der bildhaften Reflexion der Natur durch Caspar David Friedrich stellt die Inszenierung unsere Verbindung zur Natur dar, zwischen dem Willen sie zu beherrschen und dem Wunsch sie zu beschützen, zwischen Eroberung und Kontemplation, zwischen Ausbeutung und Ökologie. Ein modernes Thema, auf das der Zuschauer sehr eigenwillig gestoßen wird. Es soll sich vielleicht nur etwas regen in ihm. Für Phillipe Quesne ist der Spagat zwischen Caspar David Friedrich und dem Western ein logischer: In beiden Welten ist die Natur allumfassend und der Mensch in ihr verloren, der lonesome rider wie der Mönch am Meer.

Philippe Quesne konzipiert Arbeiten, die, heißt es, auf einer starken Verbindung zwischen Raum, Bühnenbild und Körpern basieren. Stimmt genau! Seine multidisziplinaren Performances seien international auf Festivals zu sehen. Seit 2014 leitet er das Theater Nanterre – Amandiers in Paris.

Ein durchaus beeindruckender Abend, an dem der einzelne Mensch eben der Natur gegenübersteht. Und auf sich und die kleine Gemeinschaft zurückgeworfen wird. Anders als heute. Die Schlichtheit des Abends überzeugt. Es ist kein typischer theatraler Kampf der Charaktere, kein Theaterstück. Die Schauspieler spielen nicht ein Stück, sie tragen zur Performance bei. Sie räumen um, sie schauen, gehen herum, musizieren, lesen das an die Wand Projezierte, erzählen ein wenig. Aber es passt, es ist ein langsames, ruhiges Herantasten an das Verhältnis des Menschen zur Natur – wie es heute nicht mehr ist. Getragen von wunderbaren Bildern und schöner Musik. Früher stand der einsame Mönch vor der gewaltigen Natur (Caspar David Friedrich) und der einsame Cowboy vor der gewaltigen Natur. Und die Cowboys packen die Natur in ein Museum. Stehen andererseits staunend vor der Natur. Und somit auch vor sich.

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Die Ausrichtung des Blogs

In den ersten Wochen der Beschäftigung mit meinem kleinen Blog machte ich mir natürlich auch Gedanken darüber, was der Blog künftig enthalten wird. Der Ansatz könnte sein: Ich habe zweifellos Zeit, mich mit kulturellen Angeboten zu befassen und möchte – wenn möglich – Zusammenhänge aufzeigen. Kultur ist mehr als nur Konsum. Es geht nicht darum, meinen Kulturkonsum zu beschreiben, sondern es geht um die Befassung mit den Themen, die kulturell aufgegriffen werden. Es geht also darum, Themen klarzumachen. Das wird nicht immer gelingen, aber hoffentlich manchmal. Es geht ja meistens um Themen, die uns alle betreffen. Die Kultur greift immer wieder Themen auf, schildert Gedanken zu Themen. Die Kultur gibt uns damit Gelegeheiten, die Gegenwart zu erfassen. Es ist eben nicht immer nur eine politische, eine technische, eine wissenschaftliche, eine wirtschaftliche  Befassung mit den Themen der Zeit möglich oder nötig oder hilfreich. Ganz im Gegenteil. „Die Ausrichtung des Blogs“ weiterlesen

Musiktipp der Woche

Ästhetik und Rausch- Der Mensch will Beides, er will immer die Ästhetik und er will den Rausch. In allem will er es, wenn man ehrlich ist. Die private Ästhetik ist schon das, was ihm so im großen und im kleinen gelingt. Der private Rausch ist schon die Erkenntnis, dass es nicht nur auf Ästhetik ankommt. Der Abstand von Ästhetik und die Begeisterung, das Rauschhafte, Ungeordnete. Die äußere Form und das Innere. Das Appollonische (Form) und das Dionysische (Rausch).  Wir leben gerne in Ästhetik, suchen aber eigentlich ständig den Rausch, den kleinen oder den großen Rausch. Allein Ästhetik ist unmöglich, allein Rausch ist auch unmöglich. Auch Musik ist Rausch. Andreas Spechtl kombiniert beides in beeindruckender Form. Er war mit seiner ersten „Soloplatte“ Sleep in den Kammerspielen. Die Videos auf der großen Leinwand im Hintergrund waren durchgehend hochästhetisch, die Musik war konträr dazu, war brutal, bizarr, laut, aber harmonisch, ein Rausch! Das Projekt SpechtlPlaysSleep in den Kammerspielen traf insoweit ins Schwarze.

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Musik: Amy McDonald

Hier der Song Dancing In The Dark von Amy MacDonald, ursprünglich von Bruce Springsteen. Siehe auch den Titel Stay In The Dark von Lambert. „Dark“ klingt düster, aber es geht um den Funken, der – egal bei was – Licht bringt. You can’t light a fire without a spark heißt es! Es geht in dem Song wohl um eine schreibende Person, die den Blick einer geliebten anderen Person als Funken wünscht, oder so.

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Gedicht: An Kassandra III

Heute der dritte und letzte Teil der Gedichte An Kassandra, in denen es um das Erwachsenwerden geht. Ausgehend, wie gesagt, von Kassandra von Christa Wolf. Siehe die Einträge vom 18. Januar und 16. Januar. Auch diese Gedichte werden Teil des Buches sein, das bald fertig ist.

ERWACHSENWERDEN – AN KASSANDRA III

Nein, Kassandra, ich verlor nichts, als ich erwachsen wurde.
Durch das Erwachsenwerden gewann ich!
Ich gewann Nähe zu mir, ich kannte mich nicht.
Natürlich hat man mir vieles beigebracht,
damals, als ich mich nicht wehren konnte.
Vieles, was ihnen entsprach, sollte ich machen,
selten das, was mir entsprach.
Aber im Laufe der Jahre, Kassandra,
da hatte ich es geahnt und dann verstanden,
dass ich mich wehren musste,
und ich wehrte mich
gegen das, was ich nicht wollte.
Nicht machen wollte, nicht sein wollte.
Überall waren Grenzen, gegen die ich mich wehrte.
Und ich überlegte, was ich machen wollte
und was ich sein wollte.
Ich überlegte und konnte sogar begreifen, wer ich war.
Aber erst, Kassandra, als ich erwachsen war, begriff ich.
Als ich erwachsen war.
Da war es zu spät, meinst Du? Nein, glaube ich nicht.
Es war nur weit weg, was ich noch suchte,
hinter den Grenzen.
Also musste ich mich anstrengen
und das ging, weil ich erwachsen war.
So ist es!
Ich suche und suche
aber als Erwachsener sehe ich,
auf welche Reise ich gehe.
So komplizierte und schöne Reisen kann ich
als Erwachsener gehen!
Früher habe ich Grenzen entdeckt und eingerissen

aber jetzt geht es weiter hinaus.
Und ich suche nicht, weil ich mich verloren hätte,
nein, ich suche, weil ich finden werde,
was ich noch nicht sehe,
und weil ich merke,
wie reichhaltig die Suche noch sein kann
für mich, Kassandra.

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Musik: Lambert

Heute gleich noch ein Stück Musik. Stay In The Dark von Lambert. Der Titel und das schöne Stück klingen traurig, aber ich finde, man kann es auch verdammt positiv hören. Lambert tritt leider immer mit Gesichtsmaske auf, das finde ich sehr unangenehm. Unabhängig davon bleibt dieses kurze Stück schön.

In Kürze werde ich noch das Lied Dancing in the Dark von Bruce Springsteen, interpretiert von Amy MacDonald, bringen. Passt zum Thema, hat auch etwas Positives. Man muss sich sicher auch vielem Negativen stellen, immer wieder, das kann ja auch lehrreich sein, ist es meistens sogar, aber dann gerne wieder hin zum Positiven, wenns geht.

Das ist ein großes Thema. Überall. Zum Aktuellen: Man kann auch Flüchtlingen erst einmal positiv gegenüber auftreten, nicht mit einem schnellen: Halt, hier ist kein Platz, wir machen dicht!

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Kammerspiele: Piketty lesen II

 

Zweite Lesung des Buches Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty. Kammerspiele München. Immer noch die Einleitung, aber es wird schon konkret. Kleiner Makel vorab: Er untersucht hauptsächlich die USA und Europa/Frankreich. Dabei ist eine weltweite Betrachtung mittlerweile auch interessant. In China etwa entkommenja durch die wirtschaftliche Entwicklung  viele, viele Menschen der absoluten Armut. Das Buch befasst sich mit den Einkommen und mit dem Vermögen. Die zentrale Frage sei dabei natürlich, ob es „gute Gründe für die Ungleichheiten“ in diesen Bereichen gäbe. Dann sagt er, dass vor allem die Konzentration und Akkumulation von Vermögen destabilisierende Wirkungen habe. Neben – zweitens – der Abkoppelung der Spitzengehälter von den „normalen“ Einkommen. Er bringt schon hier zwei Kurven: Eine Kurve zum Anteil der hohen 10 % der Einkommen am Nationaleinkommen. In den USA. Sie zeigt den Anstieg der hohen Einkommen am Nationaleinkommen. Und eine Kurve zum Verhältnis des Vermögens zum Einkommen – in Europa. Sie zeigt, dass auch dieses Verhältnis auseinandergeht: Das Kapital wächst im Verhältnis zum Nationaleinkommen. Seit dem II. WK.

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Gedicht: An Kassandra II

Hier die zweite Antwort auf Kassandra Aussage im Buch Kassandra (siehe Blogeintrag An Kassandra I):

ERWACHSENWERDEN – AN KASSANDRA II
Ich, ich will mich nicht verlieren,
wenn ich erwachsen werde,
was kann ich machen, Kassandra?
Muss ich unerwachsen bleiben?
Kann ich es schaffen, erwachsen zu werden
und mich nicht zu verlieren?
Sie werden mich für seltsam erklären.
Ich werde traurig werden,
weil es schwer ist, sich nicht zu verlieren.
Vielleicht komme ich in diese Anstalt,
sie sperren mich weg,
bis ich gelernt habe,
so zu sein, wie sie es brauchen.
Vielleicht wollen sie, dass alle
mit dem Verlust ihres Selbst leben und
dass alle Anderes machen, als sie selbst zu sein.
Vielleicht brauchen sie es.
Die Persönlichkeit in uns ist gefährlich,
unausgegoren, nicht geübt, nicht gepflegt.
Kassandra, ich weiß, es ist so.
Aber, hey, ich will mich nicht verlieren!
Ich werde mich nicht verlieren auf ihren geebneten Wegen,
auf denen ich mich nicht sehen darf.
Nein, ich werde meine eigenen, krummen Wege gehen,
auf denen ich mich sehe.
Es wird, ich brauche Mut, Kassandra,
um mich nicht zu verlieren beim Erwachsenwerden.

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