Farhad

Er ist geboren in Afghanistan, in einem kleinen Dorf etwa 50 Kilometer von Kabul entfernt. Und er ist allein auf dieser Welt! Seit etwas mehr als zwei Jahren ist er in Deutschland. Was hat er alles erlebt! Ich schildere es hier grob, um einmal zu zeigen, was erlebt wird.

Als er noch ein Kind war, kamen eines Nachts Taliban – Männer. Sie klopften am Haus, die Mutter öffnete, sie fragten nach dem Vater. Der Vater kam, sie nahmen ihn mit. Verschwunden für immer. Er hat ihn nie wieder gesehen. Die Taliban ist gegen schlaue Menschen, erklärt er mir. Farhads Vater war Lehrer, hatte in Kabul gearbeitet. Er war also zu schlau! Seitdem lebte Farhad allein mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern. Aus Angst verbot die Mutter ihm und den Schwestern, das Haus zu verlassen. Eine Kindheit im Zimmer. Er passte auf die Schwestern auf.

Die Mutter wurde in der Folgezeit von einem offenbar hohen Vertreter derjenigen Menschen unterstützt, die gegen die Taliban waren. Die Mutter wohnte zusammen mit ihren drei Kindern im bewachten Haus des Mannes. Es gab einen großen, gefährlichen Wachhund, erzählt Farhad.  Said Jwar Bahonar hieß der Mann. Farhad zeigt mir Fotos von ihm. So etwas wie der Bürgermeister des Ortes. Ein Mann, der gegen die Taliban kämpfte, der mit den Amerikanern in Kontakt stand. Das brachte weitere Schwierigkeiten. Dieser Mann konnte zwar irgendwann zusammen mit seiner Familie aus Afghanistan fliehen, um sein Leben zu retten. Die Taliban setzte aber daraufhn Farhads Mutter unter Druck, ihr zu verraten, wo der Mann denn sei. Obwohl sie es nicht wusste. Auch für die Kinder wuchs die Bedrängung. Die Taliban drohten, den Kindern etwas anzutun, ohne sie dabei zu töten. Die um ihr und ihrer Kinder Leben besorgte Mutter floh mit ihren Kindern in den Iran. Dort gab es aber wieder Schwierigkeiten.

Die iranische Polizei griff Farhad, der im Iran etwas arbeitete, um Geld für seine Mutter zu verdienen, aber keinen Pass hatte, auf und steckte ihn ins Gefängnis. Normalerweise schmeißen sie Afghanen ohne Pass raus. Iraner mögen Afghanen nicht, erklärt er mir. Afghanistan war vor langer Zeit Teil des Iran und habe sich irgendwann vom Iran gelöst, verselbständigt. Durch Vermittlung eines anderen Polizisten kam Farhad frei. Ihm wurde von diesem Mann allerdings nahegelegt, sich ausbilden zu lassen und nach Syrien zu gehen, um dort für den Dschihad zu kämpfen. Die Mutter war verzweifelt. Sie sammelte ihr Geld und vertraute sich in Angst um ihre Kinder – durch Vermittlung einer Nachbarin – einem Schleuser an. Eine Gruppe von vierzig/fünfzig Afghanen – darunter Farhad mit seiner Mutter und beide Schwestern – wurde zur iranisch/türkischen Grenze gefahren.

Zu Fuß ging es an der iranisch/türkischen Grenzer nachts durch die Berge. Ich halte mich kurz, es klingt alles glaubwürdig. So lügt man nicht. Es sind zu viele Einzelheiten. Die Gruppe der Menschen  stand an der Grenze. Einige Männer – darunter Farhad – standen auf einer Mauer, die es zu überwinden galt. Eine Grenzmauer zwischen dem Iran und der Türkei. Sie wollten die unten an der Mauer wartenden Menschen – darunter Farhads Schwestern und seine Mutter – auf die Mauer ziehen, ihnen über die Mauer helfen. Die Polizei tauchte plötzlich mit Lichtstrahlern auf, es enstand große Aufregung. Drei Schüsse wurden in die Luft abgegeben. Farhad lief auf der Mauer ein Stückchen entlang, um sich zu schützen. Die Menge vor der Mauer verteilte sich wahrscheinlich in alle Richtungen. Farhad zeigt mir an der Wand seines Zimmers, wie hoch die Mauer war, auf der er stand. Irgendwann sprang er auf die türkische Seite hinter der Mauer. Er blieb im Stacheldraht hängen, der hinter der Mauer aufgerollt war. Stunden später riss er sich aus dem Draht. Er blutete stark, zeigt mir seine Narben. Die Mutter und die Schwestern waren im nächtlichen Chaos im Iran geblieben, unfreiwillig für immer von Farhad getrennt. Er weiß nicht, was mit ihnen passiert ist. Ein internatinaler Suchauftrag beim Roten Kreuz blieb ergebnislos. Auch die Nachbarin im Iran ließ er fragen. Kein Ergebnis. Er selber verbrachte die Nacht mit anderen Geflohenen in einen hohen Feld. „Wo ist meine Mama, wo ist meine Schwester?“ waren seine Fragen am nächsten Tag. Farhad war fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Seine Mutter und seine Schwestern hat er seit dieser Nacht nicht mehr gesehen.

Es folgte ein langer Weg, den ich hier nur kurz schildere, um nichts Falsches zu schreiben. Er legte – ich verstehe: mit einem Pferd, wobei sich der Eigentümer letztlich darüber beschwert habe, dass Farhad das weiße Pferd mit seinem Blut verdreckt hätte – eine bestimmte Strecke in der Türkei zurück. Als nächstes kam er – ich weiß nicht, wie – nach Istanbul. Davon hatte ich zunächst nichts gewusst. Er erzählte es später. In Istanbul lebte er eine Woche lang im Freien. Ein anderer, etwa 20-jähriger Afghane war bei ihm. Er vermittelte ihm und zahlte ihm letztlich zm Teil einen Arztbesuch. 300 Dollar kostete es. Ein anderer Mann/Junge gab ihm 100 Dollar, er selbst kratzte sein letztes Geld zusammen. Der Arzt sagte Farhad, er habe viel Glück gehabt, hätte sich leicht infizieren können mit den groben Verletzungen. Farhad hatte die Wunden immer selbst verbunden gehabt. Die Hand war schon dick geschwollen, der Arm eingewickelt. Ein Kompagnon (en anderer Flüchtling?) in Istanbul fragte ihn einmal, was er denn am Unterarm habe, es solle es ihm einmal zeigen. Farhad wickelte den Arm aus, der Kompagnon fiel bewusstlos um! Man habe am Arm bis auf die Sehnen schauen können. Die Narbe ist mittlerweile gut verheilt.

Einige Zeit lebte er in der Türkei wohl an einem Strand, verkaufte Wasser an Touristen, das er zuvor selber gekauft hatte. Von der Türkei aus wollte Farhad eigentlich wieder in den Iran zurück. Er wurde aber von anderen überzeugt, dass das nicht gut sei. Er müsse weiter. In einem überfüllten Boot ging es daher dann später auf einer wohl fünftägigen Seefahrt nach Sizilien. Farhad erzählt von den Wellen, die – er war durchnässt auf Deck – über das kleine Boot schlugen. Von Sizilien aus ging es irgendwann per Flugzeug – er weiß nicht, wer es gezahlt hatte – nach Rom. Dort riet ihm bald eine Frau, Italien zu verlassen, er werde dort nicht ausgebildet werden, er werde als Penner enden. Farhad will aber lernen, er ist schlau, seine Mutter war immer dafür gewesen, dass er wie der Vater wird. Er zog daher mit einer kleineren Gruppe von Flüchtlingen hoch an die italienisch/französische Grenze am Mittelmeer. Dort ging es nun – wieder mit einem Schleuser – in die Berge. Sie schlugen sich nach Cannes durch. Die Berge hoch, die Berge hinunter. Die Polizei griff ihn in Cannes auf und fuhr ihn zurück in die Berge. Er solle nach Italien zurückgehen. Nach langem Fußmarsch hinunter kam er wieder in Italien an. Doch Farhad und andere versuchten es erneut – mehrfach, verstehe ich -, nach Frankreich zu kommen. Immer wieder derselbe Weg nach Cannes, immer wieder – dreimal? viermal? – bringt ihn die französische Polizei an die Grenze zurück. Er erzählt mir von einem Polizisten, der ihm erklärte, er müsse es so machen, er sei zwar Vater, aber er bekomme sonst Ärger. Schließlich lernt er irgendwann rechtzeitig in Cannes einen Mann kennen, der ihm ein Zugticket nach Paris zahlt. (In der NEW YORK TIMES erschien kürzlich ein Bericht über einen Franzosen, der den Flüchtlingen an der italienisch/französischen Grenze hilft, weiterzukommen). Farhad landet durch die Hilfe vielleicht genau dieses Mannes in Paris und geht dort – nachts unter der Brücke schlafend – bald zur Polizei. Zu Einzelheiten ab hier weiß ich weniger. Er sei so jung, er brauche Hilfe, war sein Begehren bei der Polizei. Allein auf der Welt, minderjährig. Die Polizei antwortet ihm, er solle Fankreich verlassen. Auf Wegen, die ich noch nicht verstanden habe, kommt er letztlich nach Deutschland. Jetzt ist Farhad in Riemerling bei Ottobrunn, südlich neben München, in einer Flüchtlingsunterkunft. Kein Zelt, immerhin ein Haus.

 

Ich werde ihn am Mittwoch zum Asylgespräch begleiten und sehen, wie man ihn behandelt. Es geht um ihn, nicht um mich.

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