MUSIK DER WOCHE: Neil Young

Mal wieder ein Oldie. Neil Young – Heart of Gold. Passt in die Sammlung. Heute ist wenig Zeit, um mehr dazu zu schreiben. Einfach anhören.

 

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THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Peter Richter, 89/90

  1. Wer es sehen will, kann es sich am: Schauspielhaus Leipzig anschauen. Oder noch ein paar Taghe lang HIER in der 3Sat-Mediathek. Ausgehend vom Roman 89/90 von Peter Richter. Regie Claudia Bauer. Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017. Sehr begehrt. Die Wendejahre 1989/1990 aus Sicht einer Gruppe jugendlicher DDR – Bürger:
  2. Tenor: „Wir haben durch die Wende komplett den Boden unter den Füßen verloren. Nicht Ost, nicht West.“ Und vieles kam hoch, was in der DDR nie aufgearbeitet worden ist.
  3. Im Programmheft heißt es: „Bereits 1945 war es schon einmal so abgelaufen: Einige Nazis und Kriegsverbrecher wurden benannt, verurteilt oder vertrieben – das Böse schien damit verbannt, und nun sollte Mit der „Stunde Null“ alles Gute bei uns blühen und gedeihen. Die DDR hatte diese absurde Idee tatsächlich zur Grundlage ihrer „antifaschistischen“ Gesinnung und Moral gemacht. Unter völliger Verkennung der sozialpsychologischen und charakterlichen Zusammenhänge wurde stets gelehrt, daß in Ostdeutschland der Nationalsozialismus per Gesetz auf Stumpf und Stiel vernichtet sei. Die sogenannte „Entnazifizierung“ wie auch die Proklamation des Endes der Stalinismusära sollten vor allem vertuschen, daß die große Mehrzahl der Deutschen damals und heute begeisterte Täter oder wenigstens bereitwillige Mitläufer waren. Der einzelne wollte unbedingt geschont bleiben – und in der Tat, wie schon gehabt: wieder wollte kaum jemand wirklich etwas gewußt haben oder gar verantwortlich und schuldig mitbeteiligt gewesen sein.
  4. In anschließenden Gesprächen mit Zuschauern, die selbst oder deren Familie in der DDR gelebt haben, heißt es einheitlich: „Genau so war es! So ist es noch heute! Sehr gut, so etwas einmal zu zeigen!“
  5. Mein Eindruck: Inhaltlich wertvoll, aber in der Umsetzung zu bieder, fast historisch, dokumentarisch, bedrängend, ohne zweite Ebenen, platt und direkt. Manche Idee aber gut! Helmut Kohl als Birne darzustellen ist aber nicht sehr originell.

 

Ent

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Thom Luz, Traurige Zauberer

Das Stück, das im Staatstheater Mainz läuft, wurde auch nach Berlin eingeladen. Es geht um das, was uns verborgen ist. Zunächst: Im Programmheft findet sich dieser Text, den ich persönlich (mancheiner wird es nachvollziehen können) sehr gut verstehe. Ein schönes Bild:

Die „normale“ Identität ist von Anfang an eine mutierbare und transformierbare Entität; sie ist immer bereit sich aus dem Staub zu machen oder Adieu zu sagen. Zumeist fließt das Leben dahin wie ein Fluss. Die zu diesem Leben gehörenden Veränderungen und Metamorphosen, die infolge von Zufällen oder Schwierigkeiten auftreten oder einfach mit dem natürlichen Gang der Dinge zusammenhängen, tauchen auf wie die Spuren und Falten einer beständigen, fast logischen Vollendung, die bis zum Tod führt.

Manchmal jedoch verlässt der Fluss sein Bett, ohne dass es einen geologischen Grund oder eine unterirdische Verwerfung gäbe, um diese Überschwemmung oder jene Abweichung zu erklären. Die plötzlich abweichende oder umgeleitete Form dieses Lebens hat eine explosive Plastizität, die sich bis dahin unter der polierten Erscheinung des Subjekts verbirgt wie vergrabener Sprengstoff unter der Pfirsichhaut des Seins zum Tode. Eine neue, noch nie dagewesene Person tritt zur alten dazu und nimmt schließlich den ganzen Platz ein. Ein neues Wesen kommt zum zweiten Mal auf die Welt, aus einer tiefen Spalte, die sich in der Biographie aufgetan hat.

(Catherine Malabou)

So. Und zum Stück noch: Es ist eine „Einladung, eine Welt kennen zu lernen, die man so vielleicht noch nicht kennt„, so der Autor und Regisseur des Stückes, der junge Schweizer Thom Luz. Es ist kein „problembezogenes“ Stück, wie etwa Five Easy Pieces oder Der Schimmelreiter. Es ist einfach – könnte ich sagen – „lebensbewusst“. Wer es sich leisten kann – ich meine zeitlich und emotional und von seiner ganzen Lebenssituation her! Es entstand wohl schlicht aus Thom Luz‘ persönlichen thematischen Vorlieben heraus: Das Leben und all das eigentlich uns Verborgene, versunkene Vergangenheiten, Unwirkliches, das Verschwinden, Nebel, Unfassbares, die Welten hinter der vorderen Welt, Traum, Scheintod, Tod, das sind ein paar der Begriffe und Vorlieben von Thom Luz. Ihn interessieren, sagt er, Menschen, die in einer verschwindenden oder verschwundenen Vergangenheit leben. Daher das Stück „Traurige Zauberer“. Ein schöner und widersprüchlicher Titel (schon das …au…  …au… der Wörter). „Lukullisch“ nennt ihn Thom Luz auch. Und: Erst kam der Titel, dann der Inhalt. Zauberer passen ja in diese Themenwelt.

Inhaltlich ist es entsprechend schwer zu fassen. Es mag an der ungünstigen Akustik und der fehlenden Unmittelbarkeit der Aufführung gelegen haben (ich habe es im Rahmen des Public Viewing im SONY-Center am Potsdamer Platz auf einer Großleinwand gesehen) Ich hatte es in vielerlei Hinsicht einfach nicht verstanden! Gott sei Dank lief es bzw. läuft es (noch für wenige Tage) in der MEDIATHEK von 3Sat! Ich habe es mir dort noch einmal angesehen. Sehr hilfreich ist vor allem das ebenfalls dort zu findende Interview mit Thom Luz. Es ist ein völlig bizarrer Inhalt. Man blickt auf die riesige schwarze Bühne, seitlich ein paar Gerüste, Requsiten.Viel Platz. Es scheint der Raum hinter einer Bühne zu sein. Zwei Zauberer scheinen sich auf ihren Auftritt vorzubereiten. Dann merkt man, das es um eine Schiffsreise geht. Später merkt man, dass das Schiff sogar untergegangen ist, alle Passagiere gestorben sind. Was auf der Bühne passiert, verwundert alle. Auch die Schauspieler zeigen ihr Unverständnis über das Wenige, stehen oft staunend auf der Bühne, blicken auf all das Eigenartige, was sich hier in aller Ruhe ereignet. Bizarre Musik trägt das Stück. Es sind lange Blicke in Verschwundenes, in Spiegel, sich Ergebendes. Und so weiter. Da könnte ich noch einiges schreiben, aber man muss es dazu ja gesehen haben!

MUSIK DER WOCHE: Wiederholung: Man O To

Weil sie so schnell weg war, hier noch einmal die Musik von vor ein paar Tagen! Nu mit MAN O TO. Lohnt sich doch! UND: Es folgen in Kürze (morgen?) noch zwei Berichte vom Theatertreffen: „Traurige Zauberer“ und „89/90“. Bisher hatte ich geschrieben über die folgenden Stücke, die als „besonders bemerkenswert“ ausgewählt wurden:

Drei Schwestern

Der Schimmelreiter (Lesung)

Real Magic

Five Easy Pieces

In München kann ich mir dann noch Die Räuber anschauen. Ist auch ausgewählt worden.

 

 

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Milo Rau, Five Easy Pieces

Ein weiteres Stück der diesjährigen 10er – Auswahl des Theatertreffens. Five Easy Pieces des Schweizers Milo Rau (Konzept, Text und Regie). Milo Rau, der demnächst am international renommierten Theater in Gent arbeitet. In dem seit Mai 2016 in höchsten Tönen gefeierten Stück (es hat auch den 3Sat-Preis des Theatertreffens erhalten) geht es tatsächlich um den belgischen Kindermörder Marc Dutroux! Was für ein Unterschied zu den anderen Abenden! Was Theater alles versucht! Warum dieses Thema? Was ist der Kern des Stückes? Ich habe noch keine Kritik dazu gelesen, möchte erst meine eigenen Schlüsse ziehen. Meine Überlegungen sind:

  1. Theater ist hier der Versuch, etwas Grauenhaftes, das ganz Belgien – und Europa – erschüttert hatte, ein wenig aufzuarbeiten. Schon einmal gut! Es geht ja bei allem nicht immer nur um Nachrichten! Wobei: Es geht bei alledem hier auch um eine ganz andere Frage: Können sich gerade Kinder solch einem Thema – überhaupt dem Thema Leben und Tod – schauspielerich irgendwie in ihrer Art annähern? Es spielen ja Kinder!!
  2. Es ist ein zutiefst berührendes Stück, das mitunter zu Tränen rührt. Natürlich ist man auch wieder fassungslos über das Geschehene. Aber irgendwie ist man auch versöhnt, ein bisschen versöhnt. Es kann einem danach durchaus etwas besser gehen und das hilft! Es ist nicht eine Dokumentation, an deren Ende man nur sagen würde: „Was war das für ein grauenhafter Mensch!“ Das würde einen ja wieder einmal völlig hilflos und ratlos und beschwert zurücklassen. Das tut das Stück nicht! Nein, das Stück erleichtert ein wenig! Vielleicht weil man sieht, dass sich Kinder dem Thema genähert haben.
  3. Es wird nicht etwa dolumentarisch gearbeitet oder etwa nach Erklärungen für das Verhalten von Marc Dutroux gesucht. Darum geht es nicht. Kurz nur wird auf belgische Vergangenheit eingegangen. Dutroux’s Vater war in der Kolonialzeit im Kongo, Dutroux ist im Kongo geboren.
  4. Das Auffallende ist dann, dass das Stück so arbeitet, dass man (im Wesentlichen jedenfalls) in erträglicher Distanz zu Marc Dutroux und dem so unglaublich grauenhaften Schicksal einiger belgischer Kinder bleibt! Wie? Der Gesamtkomplex wird möglichst weit weggezogen. Es werden verschiedene Ebenen dazwischen gelegt: Ebenen, die es dem Zuschauer und hoffentlich den darstellenden Kindern erst ermöglichen, sich dem Thema anzunähern. Welche Ebenen? Eine Ebene ist das tatsächliche Geschehen. Eine zweite Ebene: Einzelne Szenen  und Personen des Geschehens werden ausgewählt. Die dritte Ebene: Die ausgewählten Personen und Szenen werden auf einer Leinwand von Erwachsenen schauspielerisch nachgestellt (die Beerdigung eines der Kinder etwa – die Eltern eines verschwundenen Mädchens etwa – etc.). Eine vierte Ebene:  Vor der Leinwand spielen die Kinder auf der kargen Bühne diese Rollen der Erwachsenen genau nach, übernehmen deren Rollen. In derselben Kleidung. Eine fünfte Ebene: Die Kinder spielen die Rollen ja, weil sie auf der Bühne schauspielende Kinder spielen! Schauspielernde Kinder, die – zum Teil jedenfalls – von einem Erwachsenen, ihrem Regisseur, mit einer Kamera aufgenommen werden. Das sieht der Zuschauer. Eine sechste Ebene sind dann erst die schauspielenden Kinder selbst, ganz real. Sie werden anfangs allesamt wie bei einem Casting mit ihren richtigen Namen vorgestellt. Fragen werden ihnen gestellt. Etwa, ob sie schon einmal getötet oder den Tod erlebt haben. Der das verarbeitende Zuschauer ist ansich eine letzte Ebene. Es sind somit oftmals sechs/sieben Ebenen, die zwischen dem Zuschauer bzw. den Kindern und Marc Dutroux liegen.
  5. Das Stück wird tatsächlich von Kindern gespielt! Von Kindern! Obwohl in den fünf Szenen des Stückes („Five Easy Pieces“ gibt es auch von Igor Strawinsky – HIER) grauenhafte Kernelemente des Geschehens erzählt werden: Der Bericht der exakten Tatschilderung durch Marc Dutroux nach der Festnahme. Er hatte die Kinder teils bewusstlos, aber lebend begraben. Ein unglaublich bewegender Brief eines der Mädchen aus ihrem Kerker an ihre Eltern. Das Mädchen sollte nie wieder das Tageslicht sehen und verhungerte. Eine Szene mit den Eltern eines der Mädchen. Eine Szene mit dem Vater von Marc Dutroux. Spielt das Stück mit den Emotionen der Zuschauer? Nein, diesen Charakter hat es nicht. Das Stück schafft dem Zuschauer und den Kindern vielmehr einen Ausweg: Denn thematisch baut sich für die Kinder in dem Stück neben dem Grauenhaften eben ein ganz anderes Feld auf! Es geht wie gesagt darum, was Kinder schauspielerisch überhaupt leisten können. Was spielen sie da? Können sie so etwas spielen? An dieser Stelle bin ich noch etwas ratlos. Was nimmt der Zuschauer mit? Jetzt lese ich mal ein paar Materialien zum Stück und ergänze den Bericht dann.
    1. Ergänzung: Milo Rau sagt zum Thema Kindertheater: „Kindertheater für Erwachsene ist – im ästhetischen Bereich und natürlich im metaphorischen Sinne – was Pädophilie beziehungstechnisch ist: Keine gegenseitig verantwortliche Liebes-, sondern eine einseitige Machtbeziehung, zu der sich der schwächere Teil, also die Kinder, verhalten müssen. Anders ausgedrückt: Beim Kindertheater für Erwachsene kommt die postmoderne Vorliebe für Medienkritik zu ihrem ursprünglichen Angriffspunkt: Sie wird wieder Wirklichkeitskritik. Theater mit Kindern zu machen, heißt Begriffe wie „Figur“, „Realismus“, „Illusion“ und eben „Macht“ existenziell in Frage zu stellen. Diesen Vorgang wollen wir auch bei „Five Easy Pieces“ zeigen, indem die „Stücke“ immer schwieriger werden: Was mit Rollenspielen beginnt – also mit der guten alten Cindy-Sherman-Frage: Wie können wir Patrice Lumumba oder den Vater Dutroux auf der Bühne nachmachen? – führt zu grundsätzlichen Fragen über inszenatorische Gewalt. Aus naturalistischer Mimikry, aus dem gruseligen Spaß am Nachäffen wird nach und nach eine Art Meta-Studie zur Performancekunst und ihren Verwandlungs-, Unterwerfungs- und Rebellions-Praktiken.Wir machen ja seit bald 15 Jahren Theater und Filme. Von der minimalistischen Performance über die politische Aktion bis zur iro-nischen Gesellschaftsrevue haben wir alles Mögliche gemacht – dazu Hörspiele, Videoclips, Filme, Bücher, Prozesse… In diesem Frühjahr bekommen wir den „Welttheaterpreis“ vom Internationalen Theaterinstitut, eine Art Lebenswerkpreis. Da fragt man sich schon: Ja, was kommt denn jetzt? Einfach nochmal fünfzig Stücke, Filme, Bücher? Kurzum, es ist der richtige Zeitpunkt, ein Projekt zu machen, in dem es um völlig grundsätzliche Dinge geht. Was heißt es, „jemand an-deres“ zu sein auf der Bühne? Was heißt „nachmachen“, „einfühlen“, „erzählen“? Wie geht man damit um, angeschaut zu werden? Wie erklärt und wie macht man das? Und diese grundsätzliche Befragung des Theaters ist ja keine intellektuelle Entscheidung: Dinge, die für erwachsene Performer völlig selbstverständlich sind, sind mit Kindern moralisch oder technisch unmöglich. Die ganzen kleinbürgerlichen Stanislawski-Tricks, den ganzen Intensitäts-Mythos der Performance-Tradition kann man wegschmeißen. Bevor wir das erste Mal zu den Proben nach Gent gefahren sind, sagte ich scherzhaft in einem Interview: Das macht mir mehr Angst als ein Trip nach Aleppo. Und es war tatsächlich so. Also Theater mit Kindern geht gar nicht, ist Pädophilie! Und dennoch versucht er, sich den Dingen wie „nachmachen“, „einfühlen“, „erzählen“ zu nähern. Gut gelöst! Ergreifend!

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 und MUSIK DER WOCHE – Man O To

Und schon wieder etwas. Mit Musik. Hier in Berlin ist volles Programm. Programm mit vielen Dingen, denen man sich sonst eben auch nicht immer hingibt. Deswegen bin ich ja momentan hier: Im Rahmen des Berliner Theatertreffens wurde im umfangreichen Begleitprogramm ein Film gezeigt. Was das mit Theater zu tun hat, weiß ich nicht, aber es muss ja nicht.Raving Iran“ heißt der Film, von Susanne Regina Meures. Eine Doku über zwei Jugendliche aus dem Iran, denen es nicht erlaubt war, eine CD ihrer Musik – sie sind DJ’s – zu erstellen. Zu westlich, Frauen singen, das Cover der CD war politisch nicht gewünscht etc. Die Musik hat sie dann in die Welt hinaus geführt. Nicht weiter abstrus, nicht dramatisch, nicht herzzerreißend, aber es war interessant. Sie wurden von dem Organisator eines Schweizer Festivals (Street Dance/Love Parade) eingeladen und haben von der Schweiz 5-Tages-Visa erhalten. So konnten sie ausreisen. Dann sind sie einfach geblieben. Ob sie Asyl beantragt haben oder sonst eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen haben, wird nicht gezeigt.

Eines der Musikstücke, die im Film laufen, ist meine Musik der Woche. Wahrscheinlich muss man es BRÜLLEND LAUT hören, wie in einem Club. So, dass man sich nicht mehr unterhalten kann. Auf Youtube kann man auch eine vierstündige Fassung der Musik hören. Wenn man eine schöne Party schmeißt oder so! Eine Party, auf der man sich nicht unterhalten kann, allenfalls anbrüllt.

 

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Forced Entertainment , Real Magic

Forced Entertainment (HIER), die Performance Gruppe aus Sheffield, wurde 1994 gegründet. Das „Stück“ Real Magic wurde als eines der zehn „bemerkenswertesten Stücke“ des Jahres zum Theatertreffen eingeladen. Das Stück wird in Berlin am HAU (Hebbel am Ufer) gezeigt. Als erste Kompanie erhielt Forced Entertaiment übrigens im März 2016 den „International Ibsen Award“, einen der renommiertesten Theaterpreise weltweit (den es aber erst seit 2007 gibt). Der Preis wurde bisher nur an einzelne Protagonisten der Theaterwelt wie Heiner Goebbels, Peter Handke oder Ariane Mnouchkine verliehen. Soviel zur Stellung von Forced Entertainment in der Theaterwelt. Mit Real Magic scheint es – sagt der künstlerische Leiter der Truppe, Tim Etchell -, als seien sie „zum ersten Mal auf zuvor unerreichte Weise zu dem vorgestoßen, was sie mit Forced Entertainment eigentlich wollen„, und als hätten sie hier ihr „Anliegen endlich auf den Punkt gebracht„.

Eine Schleife der permanenten Wiederholung ist es. Immer wieder die gleiche Szene. Gut 50 mal. Es könnte auch Straßentheater sein, das man sich endlos anschaut. Ganz einfach. Es amüsiert, man lacht, es wird immer absurder und zeigt immer mehr die Tatsache, dass alle drei Darsteller gefangen sind. Und dann geht man weiter. Fürchterlich gefangen lässt man sie dann zurück, in der immer gleichen Szene. Sie versuchen es ständig, kommen aber nicht heraus aus der Situation. Alle drei spielen ihren Part – als ModeratorIn, als KandidatIn oder als der denkende Richard – in immer etwas anderer Verfassung. Mal angestrengt, mal lässig, mal stolz (dass der Andere es nicht erraten hat), mal wichtigtuerisch, mal traurig (dass der Andere es nicht erraten hat), mal hektisch und so weiter und so weiter. Es hilft nichts! Sie sind alle drei gefangen in einer vollig illusorischen Szene, Sie stehen vor einer unlösbaren Aufgabe, ohne es so zu sehen: „Richard is now thinking of a word. ….. Are you ready? What is the word Richard is thinking of?“, fragt der Moderator. „You have three chances!“.  Die Szene einer TV-Show, die immer wieder dargestellt wird. Immer mit dem Moderator, einem Kandidaten und Richard. Mehr nicht.

Gefangen, absurd, ein ständiges Versuchen, eine unlösbare Aufgabe, dennoch sind alle drei ständig emotional voll dabei. Eine endlose Vergeblichkeit. Es werden immer die gleichen Antworten. Das Lösungswort wird der Kandidatin sogar einmal vom „Denkenden“  auf dem großen Schild, das der Denkende immer bei sich hat, gezeigt. Die Kandidatin bleibt aber bei ihren drei falschen Antworten. Natürlich liegt der Vergleich mit dem Leben, mit der Welt nahe. Tim Etchell nennt den Kapitalismus, die Globalisierung, Fremdenfeindlichkeit. Auch Beckett wird von Tim Etchell genannt. Ich selber dachte an persönliche Gefangenheit. An die Unmöglichkeit, jemand anderen jemals zu verstehen. Schwer genug! Aber es war mehr, das wäre zu banal gedacht. Es berührt das ganze Leben, die Welt, das Sein. Große Worte, aber sie kommen wahrlich mit dieser einen banalen Szene diesen Punkten nahe. Ohne ein Theaterstück. Wieder können wir nur sagen: Take it easy!

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Explorer/Prometheus unbound

Eine fast erschreckende Darbietung im Rahmen des umfangreichen Programms des Theatertreffens. EXPLORER/Prometheus unbound: Zum ersten Mal bin ich in diesem Maße einigen Möglichkeiten heutiger 3 D Technik ausgesetzt. Es beginnt mit einer Liebesgeschichte. Allerdings schon die wird in der „Motion Capture 3D-Technik“ gezeigt. D. h. die performenden „Schauspieler“ werden mit Sonden am Körper ausgestattet und ihre Bewegungen werden in eine Virtual Reality Show implantiert: Sie spielen die virtuellen Personen, die der Zuschauer sieht. Manchmal sieht man auch die „echten“ Schauspieler. Es kommt dann hinzu, dass die virtuelle Realität alles, was undenkbar ist, zulässt. Sprünge durch Wände, Stürze auf einsame Inseln, abstrakte Räume, Verschwinden und abstruse Verformungen der Körper und und und. Gesteigert durch mehr und mehr laute Musik und abstrakte Videodarstellungen. Wo menschlich echte Emotionen sind? Weg!! Wahrlich erschreckend. Wo führt das hin? Wie leer man sich da fühlt! Im Grunde kann man nur hoffen, dass die Darbietung eine Form der Kritik an diesen Möglichkeiten darstellen soll.

In der Ankündigung der Veranstaltung hieß es:

1994. Das Jahr, in dem das World Wide Web explodiert. Das Jahr des großen Versprechens. The point of no return. Neue Schichten der Realität werden erkundet. TUNE IN für die Liebesgeschichte von Bridget und Deacon im virtuellen Paradies. TURN ON die Cybershow. BOOT UP. JACK IN. DROP OUT. EXPLORE. Die erfolgreich durch die Niederlande tourende Arbeit „Explorer / Prometheus unbound“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach die erste Theaterproduktion, die die Motion Capture 3D-Technik auf der Bühne einsetzt. Sie ist aus einer Zusammenarbeit des Performancekollektivs Urland (Rotterdam) und CREW – der Organisation des Virtual Reality-Pioniers und Künstlers Eric Joris (Brüssel) – entstanden. Mit CREWs technologischem Instrumentarium und Kenntnissen über immersive Technologien, taucht Urland auf sehr eigene Art in den Cyberspace ein.

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Theodor Storm, Der Schimmelreiter

Der Schimmelreiter, gezeigt im Hamburger Thalia Theater, sollte mein zweites Stück auf dem Theatertreffen 2017 werden. Es wurde leider kurzfristig abgesagt, da ein Schauspieler erkrankte und nicht ersetzt werden kann. Der Regisseur: Johan Simons. Statt des Stückes wurde mit den verbleibenden Schauspielern eine Lesung des Schimmelreiter gebracht. Anschließend ein Klavierkonzert von Beethoven. Beides passte wunderbar zusammen. Schade trotzdem! Johan Simons erklärte im anschließenden Publikumsgespräch, warum der erkrankte Schauspieler in diesem Fall einfach nicht ersetzt werden konnte. Er war wohl zu bedeutend für die Aufführung.

Das Stück wird sehenswert sein – für diejenigen, die in Hamburg leben oder dort hin kommen. Der erkrankte Schauspieler wird allerdings gut sechs Wochen lang ausfallen.

Der Schimmelreiter: Thema: Wie schwer es ist, Neues zu etablieren.

In der Novelle geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien. Oft sitzt Hauke bis tief in die Nacht am Deich und beobachtet die Wellen, die an den Damm schlagen. Er überlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern könnte, indem man die Deiche zur See hin flacher anlegt.

Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle. Er wird angenommen. Als es darum geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt ein Konflikt zwischen Hauke und dem Großknecht Ole auf. Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies träfe auf Knecht Hauke nicht zu. Gegenüber dem Oberdeichgrafen, der die Stelle des örtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke – Tochter des verstorbenen Deichgrafen – das Wort und erklärt, Hauke werde durch die Hochzeit mit ihr das Land ihres Vaters bekommen und damit genügend Grundbesitz aufweisen. Hauke wird Deichgraf.

Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: Einen edel aussehenden Schimmel, den er krank und verkommen einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgepäppelt hatte. Der Schimmel soll, darin bestätigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit dem Teufel in Verbindung gebracht.

Hauke setzt die neue Deichform, die er als Kind bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind dagegen. Doch Hauke setzt sich durch. Vor einem Teil des alten Deiches lässt er einen neuen bauen, es entsteht mehr Ackerfläche.

Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich hält den Stürmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges (Landes) weiterhin verläuft und dort die vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von Mäusen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung durch den alten Großknecht Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter führt Hauke an dem alten Deich keine umfassenden Baumaßnahmen durch, sondern beschränkt sich mit großen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre später eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des Bevollmächtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchstoßen, da jener sich damit erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergießen und damit der alte Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endgültig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer gemeinsamen Tochter Wienke, die geistig behindert ist, aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausfährt, muss dieser mit ansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schießenden Wassermassen Frau und Kind unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser, die das Land überfluten, und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!“

THEATER: Theatertreffen Berlin 2017 – Anton Tschechow, Drei Schwestern

Wenn es einen solchen Freundeskreis gäbe: Lässig im Alltagsgeschehen, aber zugleich nebenbei intensiv, emotional, eindringlich, schlagfertig, direkt, austauschfreudig, prägnant. Bei aller Banalität. Dazwischen eine Umarmung oder ein Kuss, auch Sex, Streit, Tränen, Freude, Musik usw. Das Verhalten der jungen Truppe in diesem ausgewählten Stück ist so  lässig und normal und gegenwärtig. Und zeigt andererseits immer mehr ehrliche Emotionen, denen wir uns im wahren Leben ja selten wirklich öffnen! Wann umarmt man schon einmal jemanden? Wann gibt man schon einmal einen Kuss! Ich sicherlich zu selten! So kann aber doch das Leben sein, wenn man ganz dicht dran ist, sich dem eigenen Glück, dem Unglück, der Freude oder den Sorgen hingibt! Schon anhand Tschechows Stück wunderbar zu zeigen, in ganz moderner Zeit. Auch wenn jeder doch sehr mit sich selbst kämpft. Drei Schwestern von Anton Tschechow.

Anton Tschechow zeigt Menschen, die mit ihrer Vergangenheit nicht weiter kommen und dann – bewusst oder unbewusst – Dinge zerstören. Fast gleichgültig ist jeder am Anfang, es ist einfach ein Treffen im Ferienhaus. Was harmlos beginnt, endet aber tragisch. Das erste Stück der 10er-Auswahl des Theatertreffens 2017 wurde am Samstag im Berliner Festspielhaus aufgeführt.
Ich empfehle: Seht es Euch an, es kann in der 3Sat-Mediathek aufgerufen werden. Wie? Ganz einfach: www.3Sat.de aufrufen – dort die „Mediathek“ anklicken – dann den Reiter „Sendung verpasst“ anklicken – das Datum „Samstag, 06.05.2017“ anklicken – dann die Aufzeichnung der Aufführung „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow anklicken und ansehen!

Oder noch einfacher: HIER klicken! Man kann es noch wenige Tage ansehen.

Oder: Nach Basel fahren, um diese Inszenierung von Simon Stone am Theater Basel anzusehen! (Warum nicht? Basel hat ja z. B. noch das schöne MUSEUM FONDATION BEYELER):

Simon Stone ist Hausregisseur am Theater Basel. Seine Bearbeitung von Ibsens „Gabriel Borkmann“ wurde von der Zeitschrift Theater heute zur besten Inszenierung 2016 gewählt und auch schon zum Theatertreffen 2016 eingeladen.

Die Bühne: Ein sich immer wieder langsam drehendes Ferienhaus mit großen Glasfronten. Ein schöner Anblick. Man hat Einsicht in alle Zimmer auf beiden Etagen und folgt so dem modernen alltäglichen Geschehen. Weihnachtsvorbereitungen etwa. Gurke schneiden etwa. Die Zimmer bieten oft gleichzeitig Szenen. Wie in unserem richtigen Leben: Gleichzeitigkeit. Die Kinder der Besitzerfamilie (Andrej und seine drei Schwestern, die zusammen das Haus geerbt haben) kommen mit Freunden zusammen.

Drei Szenen: Das erste Treffen im Frühling, die Weihnachtsfeier im Winter und der Auszug aus dem Haus im dritten Teil. Mehr und mehr wird im Kreis der Freunde aufgedeckt: Jeder für sich ist auf seine Art auf dem Weg, sein eigenes Glück, sein Leben und teils auch das Glück und das Leben anderer zu zerstören. Oder er trägt schon länger Unglück mit sich herum.

Allein Olga, die älteste der Schwestern, sie ist es, die das sieht. Sie schreit gegen Ende, wild durch das Ferienhus rennend: „Seid ihr alle vollkommen verrückt geworden??!!“ Sie kann es aber nicht aufhalten. Olga wird wahrlich fantastisch gespielt von Barbara Horvath. Aber jeder im Ensemble (etwa die anderen Schwestern Mascha – Franziska Hackl – und Irina – Liliane Amuat) besticht durch wunderbar natürliches Verhalten. Als würde man einfach einer jungen Truppe von Freunden zusehen.

Kurze Andeutungen zu einzelnen Zerstörungen des Glücks:

Mascha ist mit Theodor verheiratet, der auch anwesend ist. Sie begeht aber Ehebruch mit Alexander, dem Gast. Alexander ist auch verheiratet, hat zwei Kinder (seine Familie bewohnt ein Haus in der Nachbarschaft) und begeht somit seinerseits Ehebruch. Er erklärt Mascha gegen Ende allerdings …. auf 3Sat ansehen! Alexanders Frau wiederum, hört man später, …. auf 3Sat ansehen! Irina, die jüngste der Schwestern, trennt sich von Nikolai. Was macht Nikolai? Auf 3Sat ansehen! Andrej wiederum, der Bruder der Schwestern, ist drogensüchtig. Seinen Job hat er aufgegeben. Roman, der etwas älterer Freund im Kreis, steckt im Nihilismus/Existenzialismus fest und … auf 3Sat ansehen!
Das Ferienhaus: Die Geschwister verkaufen es. Natascha, die erste Frau von Andrej: Sie kauft das Ferienhaus und kündigt an, es schon „übermorgen“ abreißen zu lassen. Sie habe es von ihrem zweiten Mann geschenkt bekommen. Und sie erklärt ihrem ersten Mann Andrej, dass das zweite Kind … auf 3Sat ansehen.

Und mehr …. auf 3Sat ansehen!

Andrej fragt einmal sinngemäß: Suchen wir das Glück im Leben oder wollen wir es immer wieder zerstören? Wir rennen oft Dingen nach, die das Glück eher zerstören. Weil unsere Wünsche und Träume und Emotionen und Gefühle und Vergangenheit und Sehnsüchte und und und uns nach etwas anderem streben lassen.