MUSIK: Yunupingu – Wiyathul

Geoffrey Gurrumul Yunupingu, Aborigine. Australischer Ureinwohner. Von Geburt an blind. Jetzt in einem Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben. Im Alter von 46 Jahren. Im Deutschlandradio Kultur wird der Musikjournalist Thomas Müller vom SWR 3 zitiert, durch den Yunupingu in Deutschland bekannt wurde:  Yunupingu wollte „… nicht so sehr politisch sein, das wollte er nicht. Sein Anliegen war es, die Geschichte seines Volkes weiterzutragen, und seine Botschaft lautete: Sei stark und bleib aufrecht, egal in welcher Gesellschaft du lebst.“ Informationen zu den Aborigines bietet WIKIPEDIA. Hier passen zwei schöne Songs dieser bemerkenswerten Person – man kennt seine Stimme ja nicht unbedingt. Erster Song: Wiyathul. Zweiter Song: Bapa.

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MUSIK: Procol Harum – A Whiter Shade of Pale

Ich hatte ja vor Kurzem über meinen Besuch der Premiere von Tiefer Schweb von Christoph Marthaler in den Münchner Kammerspielen geschrieben. Wieder einmal die Kammerspiele. In dem Stück singt einer der Schauspieler – zur Begeisterung des Publikums! – das ehrwürdige Lied A Whiter Shade of Pale von Procol Harum. Es geht in dem Theaterabend ja um das Althergebrachte und die drohende Veränderungen, für die eine unterirdische Kommission nach Lösungen sucht. Grund genug, das Lied auch im Blog, der mich immer weiter durch kleine Kulturstories treibt, wieder einmal aus der Versenkung zu holen. Ist ja auch ein herrlich veraltetes Video. Und sie tragen Hemden, die man heute wahrscheinlich als Tapete cool fände:

THEATER: Friedrich Schiller – Die Räuber

Mein letzter Teil des Berliner Theatertreffens 2017: Eingeladen waren in Berlin bekanntlich (siehe meine Blogberichte) die zehn „bemerkenswertesten“ deutschsprachigen Stücke des Jahres. Die 10er-Auswahl.  Aus München war dieses Jahr ein Theaterstück eingeladen: Die Räuber von Friedrich Schiller. Es wird derzeit noch am Residenztheater gezeigt. Aus „dispositorischen“ Gründen konnte es im Mai nicht in Berlin aufgeführt werden, die Bühnenkonstruktion mit den sich kippenden und drehenden und hochfahrenden und absenkenden riesigen Laufbändern war zu aufwändig. Ich habe es jetzt in München gesehen. In der Tat das derzeit bemerkenswerteste Theaterstück in München. Mein Tipp: Rechtzeitig Karten sichern.
Es ist aus einem Grund bemerkenswert: Die bombastische, außergewöhnliche Umsetzung. Regie und Bühne von Ulrich Rasche. Musik von Ari Ben Meyers. Beides zusammen macht das Stück aus. Im Onlinetext zum Stück heißt es auf der Website des Residenztheaters dementsprechend:  „… gewaltiges Mensch-Maschinen-Musik-Theater“. Im Herbst wird es im Fernsehen auf 3sat zu sehen sein, auch das wird sich lohnen. Noch beeindruckender ist natürlich der Besuch der Vorstellung.
Geprägt ist das Stück von einigen Elementen: Den riesigen Walzen, der unglaublich hohen, dunklen Bühne, dem hochästhetischen Licht- und Eisraucheinsatz, dem durchgehend – über drei Stunden langen – fast schreienden Stimmen der ebenfalls fast durchgehend schwarz gekleideten Schauspieler und von der eindringlichen Musik: Eine Trommel, eine E-Gitarre, zwei Violinistinnen und drei Chorsänger (die sich auf der Bühne/auf den Laufbändern aufhalten). Monoton, laut, so wird das ohnehin schon Bedrängende und Rhythmische der Inszenierung „musikalisch“ auf die Spitze getrieben, durch einen Tonteppich getragen. Auch das hochästhetisch. Die Musik ist ein sehr wesentliches Element dieser Inszenierung. Ari Ben Meyers verfolgt eine besondere Philosophie zu seiner Musik: Er bespielte z. B. Ende Juni im Münchner Lenbachhaus das ganze Museum mit einer eigens geschriebenen Komposition. In jedem Raum spielten einzelne Orchestermitglieder. Man soll sich die Musik, jedes Mitglied des Orchesters, durch das Museum „ergehen“ können. Musik ist – auch hier, bei den Räubern – aus Sicht von Ari Ben Meyers eine Art Performance jedes einzelnen Musikers.  Nicht nur ein Gesamtkunstwerk.
Die Schauspieler gehen in verschiedensten Konstellationen permanent auf den Rollbändern auf die Zuschauer zu. Es wird keine Handlung geboten, es wird Text geboten. Ulrich Rasche will auch mit seinen Inszenierungen gerne besonders auf den Text abstellen. In der Tat wird der Text von allen fast verzweifelt dargeboten. Manchmal nur versteht man ihn wegen der laut „mitarbeitenden“ Musik nicht.  Das Leben nimmt jedenfalls hier für die gehenden, meistens durch Verankerungen im Boden der sich bewegenden Laufbänder gesicherten Beteiligten seinen Lauf.
Ästhetisch ist es wie die Inszenierung einer Wagner – Oper: Einerseits ergreifend, in einer Dimension, die selten im Theater zu sehen ist. Andererseits geht fast der Inhalt etwas verloren. Obwohl doch der Text mit höchsten Mitteln und vollem Einsatz der Schauspieler vom Papier auf die Bühne geholt wird! Er hallt eher nach, der Inhalt, wenn man sich damit beschäftigt. Aber auch im Nachhall verblieb mir ein ungutes Gefühl: Denn wenn man nur den alten Klassiker „Die Räuber“ einmal wieder sehen wollte, dann sah man eine hochgelungene Inszenierung. Okay, es hat ja Berechtigung, wenn man einfach einmal einen der großen Klassiker sehen will. Wenn man sich dagegen fragt, warum man sich aktuell – in unserer Zeit – „Die Räuber“ ansieht, muss man länger überlegen. Mit welchen inhaltlichen Gedanken hat man das Residenztheater verlassen? Ein aktueller Bezug wird von Ulrich Rasche absichtlich nicht geboten.
Man muss sich selber seine Gedanken machen. Die Räuber, Geschichte zweier ungleicher Brüder. Zwei Geschichten sind es eigentlich. Der eine Bruder – Karl – wird aus emotionalen Gründen – er scheint vom Vater verstoßen – Hauptmann einer Räuberbande, will die Welt verändern. „‚Die Räuber‘ erzählt die Genese einer Bewegung, die jeglicher konkreten politischen Grundlage entbehrt“, sagt Rasche im Programmheft. Karl kommt aber, als er emotional vorankommt, letztlich nicht mehr von der Bande los. Der andere – Franz – ist machtbesessen, setzt den Vater durch List außer Gefecht. Er begeht am Ende Selbstmord. Aussage? Ich könnte nicht sagen, warum Die Räuber inhaltlich gesehen aktuell aufgeführt werden.  Dennoch sehr bemerkenswert!

POLITIK: G 20 – Treffen in Hamburg

Achtung, ich setze mich jetzt einmal so richtig in die Brennesseln: „Ich habe Verständnis für die Krawalle zum G 20 Treffen in Hamburg!“ Oh Gott, jetzt bin ich bei vielen unten durch! Aber HALT, NICHT WEGKLICKEN! Wer mich kennt, weiß: Ich bin kein Radikaler oder Krawallbruder! Es geht mir nicht um ein Verständnis für die Zerstörung des Eigentums anderer! Das nicht! Ich finde nur, man redet nur über die Krawalle und Zerstörungen, nicht aber über den Grund des Ganzen.

  • Im Grunde finde ich es nur gut, dass sich die Politiker dieser wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig stärksten Staaten der Welt (HIER eine interessante Übersicht zu den Teilnehmerstaaten) treffen und um etwas Gemeinsames ringen. (Wenn was rauskommen würde!) Mit all ihren Unterhändlern, den Vorgesprächen etc. Die weltweiten Probleme sind nur noch gemeinsam zu lösen, das ist klar. HIER übrigens dazu noch ein guter Artikel von Christiane Hoffmann (stv. Leiterin des Berlinbüros des Spiegel) auf Spiegel Online: Auf Deutsch war es der Leitartikel der letzten Printausgabe des Spiegel (28/2017) über die Berechtigung des G 20 Treffens.
  • Es gibt für mich aber ein ABER: Die Krawalle werden natürlich verurteilt. Aber dabei kann es nicht bleiben! Es wird m. E. von allen Seiten so reagiert, als hätten die Krawallbrüder einfach mal so vor dem Bundestag, vor dem Sitz der Kanzlerin, vor Schloss Bellevue o. ä. gewütet und zerstört. Das würden sie aber nicht tun, haben sie auch noch nie so getan. Dann wären die einseitig zu hörenden/lesenden entsetzten Kommentare gegen die Straftäter ja völlig gerechtfertigt. Denn bei uns führt nun einmal die Demokratie den Diskurs, Opposition findet sich im Bundestag und in anderen Parteien. Das hat sich Gott sei Dank durchgesetzt. Es gilt nun einmal das Mehrheitsprinzip, sonst funktioniert nicht viel. Und da kann die Minderheit schlecht einfach Krawall machen (obwohl es in bestimmten auch das Widerstandsrecht des Einzelnen gibt).
  • Der Punkt ist aber: Anlass der Krawalle war nicht die Bundesregierung, waren auch nicht einzelne der anwesenden Politiker. Der Anlass war die Tatsache des G 20-Treffens! Aber das wird nicht mehr Thema. Thema sind nur noch die unschönen Auswüchse der Krawalle. Die G 20 – Zusammenkunft ist in gewisser Weise aber ein Machtvakuum. Da kommt man mit „Demokratie“ nicht weit. Da hat der protestierende Mensch nun einmal nur Gewalt anzubieten. Das muss die Politik hinnehmen. Meines Erachtens ist es von der einladenden Bundesregierung deswegen einfach fahrlässig gewesen, nach Hamburg einzuladen! Schon durch diese Entscheidung wurde doch das Eigentum etc. der dort lebenden Menschen gefährdet. Das Treffen – ok, aber in Hamburg? Es ist natürlich ein bisher ungelöstes Thema, auf welcher politischen Basis all die globalen Themen gelöst werden sollen. Man kann es durchaus fragwürdig finden, dass sich nur die G 20 zusammentun. Aber darüber würde ich auch gerne einmal mehr hören: Was hat jetzt das Treffen gebracht? Was wird daraus konkret? Warum diese G 20? Warum nicht Afrika? Was ist mit den arabischen Ländern? Wäre nicht doch die UN der richtige Ort für solche Treffen? Ist es nicht schon gefährlich, dass die G 20 – Staaten NICHT klarstellen, dass sie nicht alles entscheiden können? Das sollte alles nicht verschwiegen werden! Da können auch den Politikern Vorwürfe gemacht werden. Und den Medien! Darüber muss viel mehr geredet werden, um Verständnis für solche Zusammenkünfte zu wecken. Es geht nicht einfach so nach dem Motto: „Der kleine Mann versteht sowieso nichts und die Krawallbrüder schon garnicht. Wir setzen uns gemütlich in die Philharmonie!“ Solange nicht darüber viel geredet und gestritten wird, kann ich Proteste verstehen! Das meine ich mit Verständnis. Wir brauchen wieder mehr Revolution, hört man ja manchmal.
  • Hier übrigens ein Facebook-Statement von Gregor, 26 Jahre, zum G 20 Treffen. Auch nicht uninteressant:  20 Statement Gregor

 

POLITIK: Helmut Kohl

Wenn der Blog von meinem Leben erzählt, gehört er auch dazu: Helmut Kohl. Er ist mir einen Blogbeitrag wert. Am vergangenen Wochenende der europäische Trauerakt in Straßburg, die Trauerfeier in Speyer, die Beerdigung in Speyer. Wir wissen es: Es ist nicht ein bekannter Mensch gestorben, nicht ein Politiker. Es ist nicht ein großer Politiker gestorben, einer von bisher zwei europäischen Ehrenbürgern. Nein, auch das nicht. Hier mein persönlicher kleiner Nachruf:

Ich finde, Walter Steinmeier hatte es gut formuliert und viele spüren es ja: Ein Weg geht zu Ende. Ein Weg. Ein Weg, den er für uns alle gegangen ist, sein Lebensweg. Helmut Kohl war schicksalhaft mehr als eine Person, er war ein Phänomen in seiner Zeit! Er hat die Dinge für uns alle geregelt. Ich glaube nicht, dass er aus Egoismus, aus Machtgier handelte. Dazu opfert man doch wohl nicht sein Leben. Sicher war er schwierig und machtbewusst und unnachgiebig und und und, aber das gehört wohl dazu. Er war schließlich immer auch versöhnlich. Wir leben heute noch in einer Welt, die er für uns geschaffen hat. Ob wir ihn mochten oder nicht. Er hat sein Leben hoffentlich für sich, aber auch: Für uns gelebt. So gut es ging, mit den Themen, die damals eben Thema waren. Ich bin 55 Jahre alt und war etwas über 20, als er Kanzler wurde. Von 1982 (ich war 21) bis 1998 (ich war 37) war er Bundeskanzler! Was für eine Zeitspanne!

Erinnerungen. Helmut Kohl hat auch meine Zeitein entscheidendes Stückchen vorangetragen. Er hat es gerichtet. Mehr als jeder große Politiker heute (es ist ja alles viel unüberschaubarer, komplexer und vielfältiger geworden, meint man). Da konnte er vielleicht garnichts dafür, es war einfach so! Erinnerungen? Da wird es natürlich sehr persönlich. Ich sehe meine Kindheit, das Briefmarkensammeln (spanisch Briefmarken), der Fußball (der TSV 1860 München natürlich), die Schule (humanistisch), Latein, Freunde, Familie, München, Cassius Clay, die erste Mondlandung, RAF, die Urlaube an der Nordsee: Das war die Zeit VOR Helmut Kohl. Okay, aber dann, die Zeit des Studiums (erst Altphilologie; oder doch lieber Architektur? Dann Jura!) auch in München, dann Lausanne, Freunde, die Freundin, mein ganz eigenes Leben, alles spitzte sich zu, die Heirat, die schöne Zeit, die Gründung der Familie, Köln, drei Kinder, der Berufsbeginn, mich selbst suchen und finden, mit allem zurecht kommen, die Eltern bei alledem, all das hängt eher mit Helmut Kohl zusammen in dieser Zeit, 1982 bis 1998.

Vielleicht hatte Helmut Kohl etwas, was heute verpönter ist: Eine Art Unnahbarkeit – die damals noch anders hingenommen wurde. Eine Generationenfrage? Unnahbar, aber nicht falsch, das war er irgendwie. Wie meine Eltern, würde ich sagen. Auch das ist natürlich sehr persönlich, aber es ist eben eine Parallele. Auch sie waren letztlich unnahbar, aber nicht falsch! Die Parteispendenaffaire verzeihe ich Helmut Kohl. Ich finde, irdische Kräfte haben an ihm gezerrt, Finanzgünstlinge, sie wollten ihn damit unbewusst aus seiner historischen Stellung herausreißen, zurückholen in den irdischen Strudel, abhängig machen.

Es war kein Gezeter, kein Kampf, keine Rechthaberei, er hat uns einfach durchgeführt durch diese Epoche, scheint mir rückblickend. Obwohl ich mich nicht gerade intensiv darum gekümmert hatte, was er wie machte. Plötzlich war ich dann in Berlin bei der Treuhandanstalt, Abteilung für die Privatisierung alter Stahlbetriebe nach der Wiedervereinigung. Noch ein Zeichen der Zeit: Damals schien vielleicht die Person ansich, die Persönlichkeit noch weit wichtiger als all die abstrakten unbestimmten globalen Phänomene, die sich heute so unlösbar in den Vordergrund drängen – der Terror, die Umwelt, die Flüchtlingskrise, die Globalisierung insgesamt. Helmut Kohl, am vergangenen Wochenende ist somit auch bei mir eine Epoche aus dem Leben geschieden. Abgeschlossen war sie ja schon. Vielleicht kommt ja irgendwann einmal ein Mensch daher, der uns – oder eher unsere Kinder – in gewisser Weise wieder ähnlich ein Stückchen lang durch einige der globalen Misslagen führen wird. Ganz schicksalhaft … Aber heute muss man vielleicht auch viel mehr selber in die Hand nehmen.