THEATER: Milo Rau – Die 120 Tage von Sodom

Ich schreibe an sich nicht über Ereignisse, die man sich gar nicht mehr ansehen kann. Das nützt ja niemandem.

Aber man kann Milo Rau‘s Inszenierung von “Die 120 Tage von Sodom” nach Motiven aus dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini und dem Buch von Donatien Alphonse François de Sade noch sehen. Auch wenn es an den Münchner Kammerspielen nur zweimal – jeweils ausverkauft – zu sehen war, es ist noch im Repertoire des Schauspielhaus Zürich zu sehen. UND: Ich gehe davon aus, dass es auch an anderen deutschsprachigen Bühnen noch Gastspielauftritte geben wird. Es ist ja ein sehr bemerkenswertes Stück. Siehe meinen kürzlich geposteten Blogbeitrag zu den aktuellen Aktivitäten von Milo Rau HIER.

Einen Trailer zum Stück “Die 120 Tage von Sodom” findet man HIER und die Seite zum Stück im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich findet sich HIER.

Zum Inhalt des Stückes: In der Alpenrepublik “Saló” – dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung – werden junge Männer und Frauen entführt und von vier Vertretern eines untergehenden Regimes in einem Schloss gefangen gehalten. In einer Reihe von sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht und erniedrigt und schliesslich in einer Gewaltorgie zu Tode gequält.

Mein Eindruck:  “REIBUNGSFLÄCHE” steht ja auf dem Streichholzmäppchen, das das Schauspielhaus Zürich den Zuschauern im Foyer als kleines Geschenk anbot. Das kann man wohl sagen! Milo Rau setzt mit “Die 120 Tage von Sodom” seine Arbeit an unglaublich extremen, herausfordernden Themen fort! Eine “Untersuchung nach den Grenzen des auf der Bühne Ertrag- und Darstellbaren” heißt es im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich. Begonnen hatte es mit Five Easy Pieces, dem Stück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, das von Kindern (!) gespielt wurde (HIER mein damaliger Blogbeitrag dazu). Und jetzt: “Die 120 Tage von Sodom”, gespielt von geistig behinderten Kindern!

Es sollte damals eine “Gesellschaftsdiagnose” sein und das kann es auch heute noch sein. Wobei sich natürlich alles grundlegend geändert hat! Dennoch! An welche Grenzen gehen wir heute? Wie empfinden wir diese Grenzen heute? Wie empfinden wir den extremen Grat zwischen Leben einerseits und Brutalität und Tod andererseits? Alle Grenzen werden ja gesprengt! Sadistische Szenen, sexuelle Szenen, nackte Behinderte auf der Bühne etc., mit persönlicher Vorstellung einiger der Personen auf der Bühne, mit einem Abspann wie im Kino. Gerahmt von biblischen Szenen, unterlegt zum Teil mit klassischer Musik.

Milo Rau hat bei allem eine besondere Handschrift, die auch das Stück Five Easy Pieces prägte. Er ummäntelt das schwer Zumutbare mit einer ganz besonderen Sensibilität, die alles erträglich macht, ohne es auch nur irgendwie zu verharmlosen. Das Verharmlosen ist übrigens gerade durch das Spiel der Truppe der behinderten Schauspieler aus der Schweiz ausgeschlossen. Die Sensibilität betrifft die gesamte Inszenierung, von der Musik bis zu jeder Geste fast. Eine gewisse durchaus passende Ästhetik schwingt leise mit. Man hat nicht ein einziges mal  das Gefühl, hier werde ein Thema ausgeschlachtet, es werde etwas produziert. Man wird eher auf extreme Art und Weise angeregt, man kann sich, ohne überlastet zu sein, überlegen: Wie stehe ich zu alledem? Es ist zweifellos eine Kunst, derartiges so – also ohne jede übertriebene Theatralik – auf die Bühne zu bringen. Man erkennt, dass das Leben immer auch Brutalität und Tod bedeutet. Ästhetik und Rausch. Auch und gerade in der heutigen Zeit. “Genusssucht und Untergangsangst, Normalisierungswahn und kleinbürgerlicher Skandallust” sind nur zwei Begriffspaare, die die Kammerspiele im Internetauftritt zum Stück (HIER) bringen. Ich könnte mehr dazu schreiben, ergänze es wohl in Kürze.

Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ein Stück von Milo Rau ansehen. Es ist kein Genuss, sondern eine Herausforderung!

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MUSIK: Bruce Springsteen – Dancing in the Dark

Den Blog gibt es seit fast zwei Jahren, es begann im Januar 2016. Der dritte damals überhaupt gepostete Musiktitel war der Song “Dancing in the Dark”, gesungen von Amy MacDonald. HIER der link zum damaligen post. Es ist eigentlich ein Bruce-Springsteen-Song. Daher bringe ich hier das Springteen – Original. Beide Interpretationen sind so schön unterschiedlich! Ich empfehle, beide anzuhören! Hier also das Original, Dancing in the Dark von Bruce Springsteen. Schön ist aber auch wieder einmal das Video, es ist ja schon ein paar Jahre her!

 

THEATER: Fassbinder – In einem Jahr mit 13 Monden

Ich schreibe viel über Theaterbesuche. ABER: Ich bin kein professioneller Theaterkritiker!

Es geht hier nicht um Kritik, es geht um Eindrücke. Ich will ja Anregungen geben, es soll Spaß machen, den Blog zu lesen. Ich will Gelegenheiten aufzeigen. Sonst wäre es Zeitverlust für den Blogbesucher. Und für mich. So berichte ich in der Regel z. B. nicht über Theaterstücke, die nicht mehr gezeigt werden. Ein Gedanke dazu, der hoffentlich nicht zu schwerfällig klingt: Nun, kulturelle Einflüsse sind doch mindestens so wichtig für uns persönlich und für unsere Gesellschaft wie wirtschaftliche Erwägungen, politische, organisatorische, wissenschaftliche, technische etc. Mir tun sie jedenfalls gut! Sie gehen nur viel eher unter, obwohl sie viel anregender sind oder jedenfalls sein können. In der Organisation des Alltags spielen all die anderen Aspekte meist eine viel größere Rolle. Es ist aber wichtig, anregend, aufwühlend, beruhigend, öffnend etc., finde ich, wenn persönliche Entwicklungen und Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens auch kulturell/künstlerisch begleitet werden. Genau das macht das Theater oft. Dadurch wird Phantasie freigesetzt, entstehen neue Blicke, werden Grenzen aufgezeigt oder gesprengt und und und. Gut für den Alltag.

Vor wenigen Tagen war ich etwa wieder einmal im Münchner Residenztheater. An deren kleinerer Bühne Marstall, der ehemaligen “Experimentierbühne” des Residenztheaters.  Es ging sehr um das Persönliche, was am Stück lag. Es lief ein Stück nach einem Film von Rainer Maria Fassbinder. Fassbinder! Was für ein Kampfer mit sich und dem Leben! “In einem Jahr mit 13 Monden” hieß der Film und das gleichnamige Theaterstück. Fassbinder wird im Vorspann des Films als einziger für Idee, Buch, Produktion, Ausstattung, Schnitt, Kamera und Regie genannt. Typisch, obwohl z.B. Juliane Lorenz den Film geschnitten hatte.

Worum es geht (hier frei nach der Ankündigung des Stückes im Spielplan des Residenztheaters – HIER)? Die desasteröse Suche des Erwin (später Elvira) nach Liebe. Erwin sehnt sich nach nichts mehr als nach Liebe. Früher hatte Erwin so etwas wie ein normales Leben geführt, mit Frau und Kind und einer Arbeit als Metzger. Doch dann hat Erwin Anton Saitz kennengelernt, sich verliebt, ungeheuer und bedingungslos, hat sich deswegen sogar in Casablanca zu einer Frau umoperieren lassen. Er tat das in blinder Hoffnung, irrational und rücksichtslos gegen sich selbst, getrieben von einer kaum auszuhaltenden schmerzhaften Sehnsucht. Fassbinder! Die Rechnung geht aber nicht auf. Erwin hat in eine unmögliche Liebe investiert, er hat seine geschlechtliche Identität einer Illusion geopfert, das Verhältnis zu Anton Saitz endet schnell. Nunmehr – hier beginnt eigentlich das Stück – ist er/sie hineingeworfen in einen chancenlosen, verzweifelten Kampf, sich mit dem neuen Körper zurechtzufinden. Jeder Versuch, hineinzupassen, akzeptiert zu werden, scheitert an einer seltsam distanzierten Umgebung, die zur Empathie, geschweige denn zur Liebe, unfähig ist. Er verzweifelt an sich, an den anderen, an der Gesellschaft. Er versucht es auch damit, dass er selber viel Liebe gibt (den erfolglosen Christoph unterstützt), um selber Liebe zu bekommen. Aber auch das nützt nicht. Solange, bis Erwin/Elvira schließlich kapituliert und – sich selbst entfremdet, anhaltend einsam – zugrunde geht.

In einem Jahr mit 13 Monden wird als einer der persönlichsten Filme Fassbinders bezeichnet, entstand aus seiner privaten Situation heraus. Im Mai 1978 hatte sich Armin Meier das Leben genommen, nachdem sich Fassbinder von ihm getrennt hatte. Fassbinder plagten Schuldgefühle und Selbstzweifel; er verarbeitete die persönliche Krise mit dem Film. Erst im Anschluss an diesen Film wurden übrigens die im allgemeinen bekanntesten seiner Filme gedreht, etwa 1980 Berlin Alexanderplatz (nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin) und Lili Marlen (nach der Autobiographie “Der Himmel hat viele Farben” von Lale Andersen),  1981 Lola (aus der BRD Trilogie, Teil 3), 1982 Die Sehnsucht der Veronika Voss (aus der BRD Trilogie, Teil 2) und Querelle (nach dem Roman “Querelle de Brest/Querelle” von Jean Genet). In Jahren mit besonderen Mondkonstellationen sollen Depressionen besonders heftig auftreten. 1978 war so ein Jahr.

Es gibt auch einen gesellschaftlichen Aspekt: Der Film wird angesehen als Abrechnung mit Frankfurt, das aus Fassbinders Sicht in den 70er-Jahren – also jetzt bald genau 50 Jahre nach den 68ern – immer mehr zum Prototyp einer sozial kalten und vom Geld beherrschten Großstadt wurde. Das kommt in der Inszenierung aber nicht zur Geltung.

Ein kleiner weiterer Aspekt des Filmes – auch das spielt aber in der Inszenierung im Marstall keine Rolle: Fassbinder zielte wohl auch gegen Ignaz Bubis, den späteren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der – wie Anton Saitz im Film – sein Vermögen auch in Frankfurt durch Immobiliengeschäfte gemacht hatte.

Mein Eindruck: Man folgt – natürlich recht distanziert – der desaströsen Lage von Erwin/Elvira. Das Thema des Filmes ist kein Thema, das irgendeinen aktuellen Bezug hätte. Muss ja auch nicht! Ich nehme gerne etwas mit aus solch einem Theaterabend, irgendein Stimmungsbild, irgendeinen Gedanken, Überlegungen, mal viel, mal wenig. Hier aber kann man dem trostlosen Kampf des Protagonisten Erwin/Elvira um die Liebe nur fassungslos zusehen. Das Desaster beobachten. Sein Zerschellen an der Gesellschaft. Gut, die Liebe ist für uns immer ein Thema! Und die Gesellschaft auch! So hat es sich also natürlich gelohnt. Man kann sich etwa über die Exzentrik Gedanken machen, an der Erwin/Elvira und auch Fassbinder persönlich zerschellen. Über seine Lage vor der Gesellschaft.

Thomas Loibl war als Erwin/Elvira die zentrale Figur des Stückes. Um ihn und seine verzweifelte Lage und die Konsequenzen seiner verlorenen Suche nach der wahren Liebe dreht es sich. Mit tragischem Ende. Es ist eine sehr reduzierte Inszenierung, konzentriert auf Elvira. Auf der Bühne sieht man nichts außer zwei Matratzen, zwei Plastiktüten, die Schauspieler, das war es fast schon. Besonders Thomas Loibl überzeugt, alle anderen sind ohnehin eher unwichtig! Erwins einseitige eingebildete Liebe zu Anton Saitz, seine heillose Sehnsucht nach Liebe – auch geliebt zu werden, sein Schmerz, seine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, seine Kritik an der Gesellschaft, seine Verlorenheit auf der zerstörenden Suche nach Liebe, sein Unvermögen, mit sich selbst etwas anzufangen, seine Verzweiflung, sein Unvermögen, den Halt zu erkennen, den ihm seine Familie (seine Frau Irene  seine Tochter Anna-Marie) doch irgendwie immer weiter geben will. Und und und. Darum geht es. Wenn man schon vor dem Stück von all diesen Aspekten in Erwin/Elvira weiß, kann man ihm/ihr an diesem Abend wunderbar – durch Thomas Liobl – folgen.

THEATER: Milo Rau

Milo Rau (*1977 in Bern, gerade mal 40 Jahre alt!) ist momentan DIE Figur der deutschsprachigen Theaterszene. Es geht bei ihm mit irrer Schaffenskraft um POLITISCHES THEATER. Auch an den Münchner Kammerspielen steht eine Premiere an: Das Stück Die 120 Tage von Sodom gibt es an den MÜNCHNER KAMMERSPIELEN im Rahmen des Spielart Festivals nur kurz, und zwar am 29. und 30.10.2017, zu sehen.
Ich lese: Er studierte Soziologie, Romanistik und Germanistik in Paris, Berlin und Zürich. Seit 2002 veröffentlichte er über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen, die an allen großen internationalen Festivals zu sehen waren, u. a. am Theatertreffen Berlin, Festival d’Avignon, Biennale Teatro die Venezia, Wiener Festwochen und Kunstenfestival Brüssel und durch über 30 Länder weltweit tourten. Zuletzt wurde er mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik 2017 und dem ITI-Preis zum Welttheatertag 2016 geehrt. Nach Theaterkünstlern wie Frank Castorf, Pina Bausch, George Tabori, Heiner Goebbels oder Christoph Marthaler ist er der bisher jüngste Träger des renommierten Theaterpreises.

»Five Easy Pieces« wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ich habe das beeindruckende Stück gesehen und HIER darüber berichtet. Ab der Saison 2018/19 übernimmt Er die Direktion des Nationaltheaters in Gent.

Allein zurzeit bzw. in Kürze laufen – soweit mir bekannt – an den deutschsprachigen Bühnen folgende Stücke/Aktionen von ihm:
Five Easy Pieces in den Sophiensaelen, Berlin
Die 120 Tage von Sodom eben in Kürze an den Münchner Kammerspielen/lief bereits im Schauspielhaus Zürich
Lenin (HIER) ganz aktuell an der Berliner Schaubühne
General Assembly in Kürze an der Berliner Schaubühne mit Übertragung an das Thalia Theater in Hamburg
Start des Films Das Kongo Tribunal am 16.11.2017
Diskussion zum Film Das Kongo Tribunal im Münchner Residenztheater am 19.11.2017

 

Angekündigt ist außerdem am Residenztheater München für den 1. Februar 2018 die Uraufführung von Jeanne d’Arc.

Alles kreist bei Milo Rau um das von ihm im Jahre 2007 gegründete IIPM, das International Institute of Political Murder, mit Sitz in der Schweiz und in Deutschland. Es ist seine “Produktionsgesellschaft für Theater, Film und Soziale Plastik” und kümmert sich um die Produktionen und internationalen Verwertungen seiner Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme. Man liest auf der Website des IIPM:

Die bisherigen Produktionen des IIPM stießen international auf große Resonanz und stehen für eine neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst – „Real-Theater“, wie Alexander Kluge Milo Raus Ästhetik einmal nannte. Seit 2007 hat das IIPM mehr als 50 Theaterinszenierungen, Filme, Bücher, Ausstellungen und Aktionen realisiert. 

Die Stücke des IIPM tourten durch bisher über 30 Länder und wurden an alle bedeutenden internationalen Festivals eingeladen.  Bisherige Projekt- und Essaybände des IIPM wurden mehrfach aufgelegt („Die letzten Tage der Ceausescus“, 2010), von der Bundeszentrale für Politische Bildung als Schulbücher nachgedruckt („Hate Radio“, 2014) und von der taz zum „Buch des Jahres“ gewählt („Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“, 2013). Für 2017 entstehen der ästhetiktheoretische Band „Wiederholung und Ekstase“ (Diaphanes Verlag, Abschlussband zu einem Forschungsprojekt, das das IIPM an der Zürcher Hochschule der Künste zum Realismus in den Künsten durchführte), die beiden Projektbände „Das Kongo Tribunal“ und „1917“ (beide Verbrecher Verlag) sowie das Manifest „Die Rückeroberung der Zukunft“ (Rowohlt Verlag).”

Beispielsweise zum GENERAL ASSEMBLY, das vom 3. bis 5. November in Berlin stattfinden wird, heißt es:

Im Juli diesen Jahres hat sich der G20-Gipfel in Hamburg mit wichtigen internationalen Fragen auseinandergesetzt. Diesen Fragen stellt sich, heißt es, das Weltparlament von Milo Rau. Dabei sprechen diejenigen, die in der globalen Realität von Politik und Ökonomie nicht repräsentiert werden, die keine Stimme haben: Arbeitsmigranten, deren Kinder und Nachgeborene, Kriegsopfer, Textil- und Minenarbeiter, Kleinbauern, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, Opfer des sich anbahnenden Ökozids. Vom 3. bis 5. November versammeln sich 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Schaubühne Berlin, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter: Achille Mbembe, Can Dündar, Chantal Mouffe, Ulrike Guérot, Jean Ziegler, Armen Avanessian, Wolfgang Kaleck, Harald Welzer,(u.a) zu Plenarsitzungen mit folgendem Programm:

3. November 2017: Konstituierende Sitzung

4. November 2017: 1. Plenarsitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege; 2. Plenarsitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft; 3. Plenarsitzung: Migration und Grenzregime

5. November 2017: 4. Plenarsitzung: Cultural Global Commons; 5. Plenarsitzung: Natural Global Commons; Schlusssitzung

 

Also: Wer in Berlin oder Hamburg ist …

(Copyright des Blogbildes: re alliance/ZB)

MUSIK: Chilly Gonzales – Pop Music Masterclass

Hier habe ich etwas Schönes: Ich  bin leider nicht Musiker, habe nie ein Instrument gelernt, finde es aber sehr interessant, wie Chilly Gonzales hier etwa musiktheoretisch wesentliche Charakterzüge des weltbekannten Songs Don’t let me be misunderstood erklärt. Auch andere Songs erklärt er wunderbar in der immer wieder erstaunlichen Reihe “Pop Music Masterclass”. Und er springt in alle möglichen Musikrichtungen, wenn er ein musikalisches Phänomen erklären will. Es lohnt sich, ein paar Videos anzusehen/-hören. Man kann das Video unten einfach weiterlaufen lassen, es öffnen sich einige andere Videos der Reihe von Chilly Gonzales.

 

THEATER: Rinks und lechts

Hier einige links zu den Internetauftritten bekannter deutschsprachiger Theater: Es lohnt sich, einmal reinzusehen. Ich hatte mir die Mühe gemacht, sie einmal anzusehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie man die Internetauftritte der beiden großen Münchner Bühnen – der Münchner Kammerspiele (Stadttheater) und des Residenztheaters (Staatstheater) – im Vergleich beurteilen kann. Abgesehen davon: Man bekommt einen ganz guten Eindruck von der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Es sind schöne Internetauftritte dabei! Mein Ergebnis: München ist und bleibt eben leider – finde ich – wieder einmal konservativer als andere! Obwohl die Stadt München seit 1948 – eine Ausnahme: Erich Kiesl (CSU) von 1978 bis 1984 – von der SPD regiert wird!

Ich werde die Liste gelegentlich ergänzen und im Blog sichtbar positionieren.

Basel: THEATER BASEL

Berlin: BERLINER ENSEMBLE

Berlin: HEBBEL AM UFER

Berlin: MAXIM GORKI THEATER

Berlin: SOPHIENSAELE

Berlin: VOLKSBÜHNE AM ROSA – LUXEMBURG – PLATZ

Bern: THEATER BERN

Bremen: THEATER BREMEN

Frankfurt: SCHAUSPIEL FRANKFURT

Hamburg: THALIA THEATER

Köln: SCHAUSPIEL KÖLN

Leipzig: SCHAUSPIEL LEIPZIG

Mainz: STAATSTHEATER MAINZ

München: RESIDENZTHEATER

München: MÜNCHNER KAMMERSPIELE

Stuttgart: STAATSTHEATER STUTTGART

Wien: BURGTHEATER

Zürich: SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

THEATER: Mittelreich – Inszenierung mit schwarzen Schauspielern

Ein Stück tief bayerischer und deutscher Geschichte. Blick auf drei Generationen der bayerischen Wirtsfamilie des “Seewirt in Seedorf” (eigentlich das Gasthaus Zum Fischmeister in Ambach am Starnberger See). Das ist Inhalt des sehr persönlichen Romans Mittelreich von Josef Bierbichler und der Musiktheater-Inszenierung dazu von Anna Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen. Die Weltkriege, die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge, persönliche Schicksale.
Und jetzt dieselbe Inszenierung, gespielt von schwarzen Schauspielern (und Musikern). Dunkelhäutige Schauspieler und Musiker zu dieser bayerischen Erzählung! Zu sehen ist diese Kopie noch einmal am Samstag, den 21.10.2017. Das Original von Mittelreich in der Inszenierung von Anna Sophie Mahler ist dann am 03.11.2017 wieder zu sehen.
Interessant, wie kontrovers und engagiert sofort über die “Kopie” – Inszenierung von Mittelreich von Anta Helena Recke geschrieben und gesprochen wird. Etwa zu lesen bei www.nachtkritik.de. Es war eine hoch detailgetreue Kopie der Inszenierung des Bierbichler-Romans, die 2016 sogar zum Berliner Theaterftreffen eingeladen war. Nur eine einzige Änderung: Anta Helena Recke, selber dunkelhäutig, besetzte die Rollen durchgehend mit dunkelhäutigen Schauspielern. Appropriation Art. Schon das Erstellen der Kopie wird demnach als ein neues Kunstwerk gesehen. Im Theaterbetrieb ein fast unbekannter Ansatz. Es geht der Appropriation Art allerdings nicht nur um das Erstellen der Kopie, sondern um einen Effekt, der dadurch zusätzlich eintritt. Hier durch die Art der Besetzung der Rollen für diese Kopie. Ziel einer Appropriation ist es, durch das Erstellen der Kopie einen anderen, sonst nicht auffallenden Aspekt sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mein Erlebnis: Es hat sich gelohnt! Irgendwie war es befreiend, erleichternd, zu sehen, dass es in dieser Inszenierung mehr um das Erlebte geht, nicht um das Deutsche daran. Das Deutsche daran verschwindet, verlässt jedenfalls das Zentrum der Erzählung! Man wurde sich im übrigen der Tatsache bewusst, dass man als Zuschauer solch ein Stück – oder jedes Stück? – gleich in einem (unsichtbaren) Kontext sieht. Und genau der wurde hier aufgehoben! Genau das war – für mich – der Aspekt, der sichtbar wurde. Der reine Vorgang der Appropriation – der Aneignung – wiederum ist dabei m. E. gut gelungen, man sah die so guten Schauspieler der Originalinszenierung vor sich: Annette Paulmann, Steven Scharf, Jochen Noch, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Thomas Hauser. Besonders gelungen waren dabei die Kopien von Steven Scharf, Jochen Noch und Damian Rebgetz! Hinzu kam dieser besondere Effekt, das Stück anders zu sehen. Den sofort vorhandenen Kontext abzugeben, den man hereininterpretriert. Die eigene, mitschwingende Prägung der eigenen Sichtweise aufzugeben. Es fehlte einem ja die Möglichkeit, sich durchgehend am Deutschen und Bayerischen zu orientieren. Man konnte sich aber selber überprüfen: Was fehlte einem, was kam zum Vorschein? Natürlich schwang auch mit, dass man  dunkelhäutige Menschen – die Schauspieler – hier etwas anders als üblich erlebte. Ob man sie zu selten so erlebt, wird diskutiert, siehe oben. Aber das war, denke ich, nicht der Hauptzweck.
Man kann natürlich viel zerlegen in der Diskussion zu dieser Inszenierung. Ist es schon Rassismus, wenn man über Rassismus redet? Ist es Rassismus, wenn man andeutet, dass es Rassismus gibt? Ist es schon eine Vertiefung der Unterscheidung von Schwarz und Weiß, wenn man diesen Unterschied auch nur irgendwie hervorhebt? Geht es überhaupt um schwarz und weiß? Ich glaube nicht! Es hätten ja auch Japaner sein können! Sie würde sich tatsächlich wünschen, so Anta Helena Recke in einem Interview, “dass die Intendanten dieses Landes mich jetzt mindestens zwei, drei Jahre lang an ihre Theater einladen und Stücke kopieren lassen. Nicht unbedingt immer nur mit Schwarzen, sondern auch mit extrem dicken Frauen oder asiatischen Deutschen, es gibt viele Möglichkeiten der Sichtbarmachung.” Abschließen würde sie den Arbeitszyklus am liebsten mit einem Tatort“Der Tatort ist für Deutschland, was ‘Mittelreich’ für Theater-München ist. Wenn Sonntag um 20.15 Uhr eine Schwarzkopie von mir von einem Tatort läuft, dann kann ich damit aufhören.”
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THEATER: Jack Kerouac – On the Road

Der Beginn der Spielzeit 2017/2018 an den Münchner Kammerspielen liegt schon wieder mehr als eine Woche zurück. Die Spielzeit begann mit einer Inszenierung zum Roman On the Road von Jack Kerouac. Die Beatnik-Generation, Aufbruchstimmung, hinaus in Neues, in die große Freiheit.
Das Thema: “50 Jahre nach den 68ern” soll in gewisser Weise über dieser Spielzeit stehen. Ich hoffe, man wird es auch ein wenig im Spielplan merken. Es war ja eine wichtige Zeit und Impulse daraus sind immer wieder aktuell. Wo sich doch immer wieder so viel verändert.
Das Signet der Spielzeit gibt die Eröffnungsinszenierung von David Marton vor” heißt es im Spielzeitheft.

Zum Roman heißt es im Spielzeitheft weiter: “Der Roman On The Road markierte den Vorabend jenes gesellschaftlichen Aufbruchs, der ab dem Ende der 60er Jahre die Welt nachhaltig veränderte. Erleben wir nach den Wahlen in den Vereinigten Staaten und angesichts des weltweiten Siegeszugs populistischer Kräfte eine historische Zäsur, die das Ende dieser Entwicklungen einläutet? Die Agenda von PolitikerInnen wie Donald Trump, Marine Le Pen oder Theresa May lässt sich kurz und knapp als der Versuch zusammenfassen, alle Errungenschaften von 1968, so kritikwürdig Teile davon auch für VertreterInnen der politischen Linken mittlerweile sein mögen, ein für allemal rückgängig zu machen.

In der Ankündigung der Inszenierung von David Marton wiederum heißt es: “Der Regisseur David Marton, der in den vergangenen zwei Spielzeiten an den Kammerspielen ein Opernhaus gründete und darin u.a. „La Sonnambula“ und „Figaros Hochzeit“ zur Aufführung brachte, spürt mit seiner Truppe von SchauspielerInnen und MusikerInnen den Sehnsüchten einer Clique nach, die Freiräume schafft und doch gegen Wände läuft. Die Rhythmen des Bebop verweben die JazzmusikerInnen auf der Bühne mit Kerouacs eigenartig musikalischem Textfluss zu Klangflächen, die Wort und Musik verknüpfen. David Martons Musiktheater führt so in die Geschichten der GlückssucherInnen und ihrer Reise in die Zwischenräume des Lebens hinein.”

 

Klingt interessant. Aber ob David Marton mit dieser Inszenierung wirklich voll zufrieden ist? Man merkt als Zuschauer fast – so ging es mir jedenfalls -, wie sehr sich Marton bemühte, die Stimmung des Romans und der Beatnik-Generation mit Text und Musik einzufangen und zu zeigen. Er hat ja im Grunde ein gutes Gespür für die Kombination von Musik und Schauspiel und auch die Beatnik-Generation war der Musik nahe. Sex and Drugs and Jazz. Bewiesen hatte David Marton sein Gespür ja vor allem mit der Inszenierung von La Sonnambula, die im vergangenen Jahr fast zum Berliner Theatertreffen (die 10er – Auswahl) eingeladen worden ist.

Es gelingt aber irgendwie kaum, den Text mit der Musik zu verweben, zu zeigen, dass Text und Musik irgendwie zusammengehören, die gleiche Stimmung rüberbringen. Es wirkte für mich leider fast wie ein Kampf, Text und Musik auf einen Nenner zu bekommen. Auch wenn im Laufe des Stückes sogar mehrmals die Musik den Text übertönt. Gut, die Geschichte, die erzählt wird, ist nicht sehr aufregend, eine damals große Reise mit dem Greyhound-Bus oder als Anhalter in Amerika von Ost nach West nach Süd. Das ist das Buch. Es gibt allerdings meines Erachtens in der Inszenierung nur vereinzelt Szenen, in denen es wunderbar – dann aber wunderbar – gelingt, die Stimmung dieses damaligen Aufbruchs zu transportieren. Andere Szenen scheinen mir Fehlgriffe zu sein, sagen einfach zu wenig aus. Die wenigen so einleuchtenden Szenen etwa: Das Gespräch der beiden besten DarstellerInnen des Stückes, Julia Riedler und Thomas Schmauser, auf Gartenstühlen mit dem Rücken zum Publikum. Oder beide an den Tresen, sie bringt den letzten “applepie”, er reißt stupide permanent ein Whiskyglas vom Tresen. Ich fragte mich im Nachhinein aber: Was macht eigentlich ein Damaturg? Hier gab es zwei Dramaturgen: Christine Milz und Christoph Gurk. Hätte nicht ein/e DramaturgIn hier sagen können: “Mehr Mut, mehr Mut”, “Mehr Deutlichkeit, mehr Deutlichkeit”, “Mehr Prägnanz”, “Andere Szenen”, “Mehr Ideen”? Sofern der Regisseur auf so etwas hört, ich weiß es nicht. Aber ein Dramaturg beobachtet doch die Entwicklung einer Inszenierung, die Ideen des Regisseurs und deren Umsetzung, denke ich. Hätte nicht ein/e DramaturgIn hier merken und sagen können, dass einige Einzelheiten, die eigentlich die Stimmung des Buches auf die Bühne bringen sollten, auf der recht chaotischen, aber ideenlosen Bühne letztlich verloren gehen? Oder dass es überhaupt ungünstige Einzelheiten sind, die auf die Bühne gebracht werden? War etwa das Gezeter um den Kinderwagen aussagekräftig? Ich finde nicht. Oder: Sich auf eine Leiter zu stellen und stumm gegen die Rückwand der Bühne zu blicken, mag der damaligen Stimmung entsprechen, aber es kann auf der Bühne vielleicht doch zu wenig sein! Oder: Wenn die Truppe der Schauspieler mehrfach dem Kinderwagen folgend um die Blechhütte auf der Bühne herumgeht. Warum? Was macht da der/die DramaturgIn eigentlich?

Es fiel recht schwer, ein Gefühl für die Stimmung der Zeit des Aufbruchs zu mehr Freiheit zu entwickeln. Trotz aller Bemühungen. Ein Gefühl für die Wildheit und Ziellosigkeit der “beatnik generation”. Für das beginnende Streben gegen das Establishment. Ansätze waren – wie gesagt – da, aber es verpuffte, denke ich, leider zu schnell. Vielleicht auch, weil die ursprünglich deutlich längere Inszenierung dann doch zeitlich stark gekürzt werden musste.

Gerne hätte ich etwa die Jazzmusik des so guten Trompeters Paul Brady durch mehr Hervorhebung seiner schönen Einsätze erlebt. Gleiches gilt auch für den wunderbaren und so gekonnten rauhen Gesang von Jelena Kulic. Durch Lichteinsatz oder wie auch immer. Es hätte ja jede Menge Möglichkeiten gegeben. Man sieht es ja sehr schön etwa am derzeit auch zu sehenden Stück “Der erste fiese Typ” nach dem Buch “The first bad man” von Miranda July. Aber die opulente Bühnentechnik der Kammerspiele kam hier praktisch nicht zum Einsatz. David Marton mag sie, scheint mir, nicht. Auch La Sonnambula (ohnehin auf der kleineren Bühne) und Figaros Hochzeit sind ja insoweit absolut “statisch”. Beides – die Verstärkung der Trompeteneinsätze von Paul Brady und der Gesangseinsätze von Jelena Kulic – hätte dem Stück so gut getan! Hätten damit auf der anderen Seite wahrscheinlich auch den Einsätzen der Schauspieler gut getan!

Dennoch: Hingehen, der Applaus war überzeugend, vielleicht kann man es auch anders erleben!

THEATER: Uisenma Borchu – Nachts, als die Sonne für mich schien

“Ich finde Kunst, ist so etwas wie die Lunge einer Gesellschaft, die Kiemen bei den Fischen, man braucht sie einfach, wenn wir so ein Ventil nicht haben, würden wir ersticken.” Ein schönes Zitat von Uisenma Borchu.

“Nachts, als die Sonne für mich schien” heißt das Theaterdebüt der Filmemacherin Uisenma Borchu, gezeigt wird es derzeit an den Münchner Kammerspielen. Uisenma Borchu sorgte 2015 mit ihrem Spielfilmdebüt “Schau mich nicht so an” für Aufmerksamkeit. Sie hatte ihre Filmausbildung an der HFF in München gemacht.

Es ist ein sehr persönlicher Theaterabend. Kein Theaterstück, eher eine Aufarbeitung. Mathias Lilienthal hat ihr die Chance gegeben, dies in den Kammerspielen zu bringen. Es muss ja auch ein Wahnsinn sein, in der Mongolei geboren zu sein, dort aufgewachsen zu sein, in der Steppe, in einem Zelt (man sieht anfangs sehr ruhige Bilder), dann im Alter von 5 Jahren mit der Familie in die DDR – in ein kleines Städtchen in Sachsen-Anhalt – zu wechseln (wechseln zu müssen) und schließlich nach der Wende in der Bundesrepublik Deutschland zu landen (man sieht gegen Ende des Abends schnell wechselnde Betonlandschaten). Größer kann die Spanne kaum sein. Und meist – das zeigt der Abend besonders – umgeben zu sein von Anfeindungen wegen der eigenen Herkunft. Uisenma Borchu muss ein sehr zerrissener Mensch sein. Andererseits wohl sehr tough, sie hat sich durchgesetzt, hat viel Erfolg. Und sicher sehr sensibel. Was für ein Beispiel für Flüchtlinge, die hier ihren Weg gehen wollen! Uisenma Borchus Vergangenheit spielt aber auch an diesem Abend permanent im Bühnenhintergrund ganz entscheidend mit. Als würde es garnicht gehen ohne diesen Hintergrund. Der Vater, mongolischer Künstler, malt während des Stückes ein großes Gemälde – wie er es in der Mongolei tat. Vor ihm auf der Bühne wird gespielt. Das Stück ist recht kurz, was vielleicht Uisenma Borchus fehlende Erfahrung mit einer Theaterproduktion zeigt. Und es mag viel mehr Facetten ihres extremen Lebens geben. Etwa ihre Mutter, mit der sie sich künstlerisch noch nicht beschäftigen kann, wie sie sagt. Aber es lohnt sich, schon oder auch wegen des schönen Auftrittes von Ensemblemitglied Christian Löber, der den jungen Vater Borchu spielt (siehe auch das Foto).

Das Foto: Copyright Josef Beyer/Kammerspiele

 

THEATER: Eugene Labiche – Trüffel Trüffel Trüffel

Ich hätte auch den Fernseher anmachen können. Aber nein, wie immer bin ich – wie schon lange geplant und gebucht – ins Theater rübergegangen. Die Theatersaison 2017/2018 hat begonnen. Über die an den Münchner Kammerspielen zur Spielzeiteröffnung gebotene “große” Premiere der Inszenierung zum Buch “On the Road” von Jack Kerouac, die ich am vergangenen Freitag gesehen habe, berichte ich in ein paar Tagen. Es gab vorgestern und gestern an den Kammerspielen zwei weitere – ich würde sagen: “kleine” – Premieren. Inszenierungen, die an den Bühnen der Kammer 2 und der Kammer 3 geboten wurden.
Vorgestern etwa war die erste Aufführung von “Trüffel Trüffel Trüffel“ von Regisseur Felix Rothenhäusler. Ein Lustspiel von Eugène Labiche (eigtl. „La poudre aux yeux“,  „Sand in den Augen“). Zwei Familien, deren Kinder heiraten möchten und die in ihren Gesprächen und “Verhandlungen” dazu sich gegenseitig Großbürgerlichkeit vorspielen, sich Sand in die Augen streuen. Sie reden geschwollen daher, laden zum Essen ein, ordern beim besten Restaurant des Ortes eine Unzahl von Trüffelspeisen und abonnieren eine Loge in der Oper, wo leider nichts anderes läuft als immer wieder „Rigoletto“. Er, ein kaum beschäftigter Arzt, erzählt von seinen vielen Patienten, etc. Zugegeben, die Szene – Gespräche und Verhandlungen der Eltern über eine Heirat der Kinder – gibt es heute kaum mehr. Eugene Labiche lebte zwischen 1815 und 1888. Man erwischt sich aber dabei, das alles garnicht schlimm zu finden. Und keineswegs veraltet. So ist das doch in vielen Bereichen. Man findet die Personen ja fast symphatisch in ihrer Übertreibung. Sie werden fast interessanter, nicht unsymphatisch. Es darf nur nicht anstrengend werden, aber darum kämpfen sie mit sich selbst. Es ist eine harmlose, lustige Inszenierung, alle Schauspieler stehen das ganze Stück über vor dem Publikum gegenüber. Ein Textstück. Der Text und die Überzeugungskraft vor allem der Ensemblemitglieder Anette Paulmann, Samouil Stojanov und auch Wiebke Puls schaffen – auch durch kleine Gesten – die Atmosphäre. Aktuell ist das Thema immer wieder. Der Mensch will eben belogen werden! Das macht einfach interessant. Hier nur sehen wir, dass gelogen wird. Und die fake news der Neuzeit sprengen natürlich mehr und mehr die Grenzen, scheinen doch gefährlicher. Wir können garnicht mehr zwischen wahr und fake unterscheiden. Oder nehmen wir das auch irgendwann hin?
Blogfoto: Copyright Julian Baumann