THEATER: Fassbinder – In einem Jahr mit 13 Monden

Ich schreibe viel über Theaterbesuche. ABER: Ich bin kein professioneller Theaterkritiker!

Es geht hier nicht um Kritik, es geht um Eindrücke. Ich will ja Anregungen geben, es soll Spaß machen, den Blog zu lesen. Ich will Gelegenheiten aufzeigen. Sonst wäre es Zeitverlust für den Blogbesucher. Und für mich. So berichte ich in der Regel z. B. nicht über Theaterstücke, die nicht mehr gezeigt werden. Ein Gedanke dazu, der hoffentlich nicht zu schwerfällig klingt: Nun, kulturelle Einflüsse sind doch mindestens so wichtig für uns persönlich und für unsere Gesellschaft wie wirtschaftliche Erwägungen, politische, organisatorische, wissenschaftliche, technische etc. Mir tun sie jedenfalls gut! Sie gehen nur viel eher unter, obwohl sie viel anregender sind oder jedenfalls sein können. In der Organisation des Alltags spielen all die anderen Aspekte meist eine viel größere Rolle. Es ist aber wichtig, anregend, aufwühlend, beruhigend, öffnend etc., finde ich, wenn persönliche Entwicklungen und Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens auch kulturell/künstlerisch begleitet werden. Genau das macht das Theater oft. Dadurch wird Phantasie freigesetzt, entstehen neue Blicke, werden Grenzen aufgezeigt oder gesprengt und und und. Gut für den Alltag.

Vor wenigen Tagen war ich etwa wieder einmal im Münchner Residenztheater. An deren kleinerer Bühne Marstall, der ehemaligen „Experimentierbühne“ des Residenztheaters.  Es ging sehr um das Persönliche, was am Stück lag. Es lief ein Stück nach einem Film von Rainer Maria Fassbinder. Fassbinder! Was für ein Kampfer mit sich und dem Leben! „In einem Jahr mit 13 Monden“ hieß der Film und das gleichnamige Theaterstück. Fassbinder wird im Vorspann des Films als einziger für Idee, Buch, Produktion, Ausstattung, Schnitt, Kamera und Regie genannt. Typisch, obwohl z.B. Juliane Lorenz den Film geschnitten hatte.

Worum es geht (hier frei nach der Ankündigung des Stückes im Spielplan des Residenztheaters – HIER)? Die desasteröse Suche des Erwin (später Elvira) nach Liebe. Erwin sehnt sich nach nichts mehr als nach Liebe. Früher hatte Erwin so etwas wie ein normales Leben geführt, mit Frau und Kind und einer Arbeit als Metzger. Doch dann hat Erwin Anton Saitz kennengelernt, sich verliebt, ungeheuer und bedingungslos, hat sich deswegen sogar in Casablanca zu einer Frau umoperieren lassen. Er tat das in blinder Hoffnung, irrational und rücksichtslos gegen sich selbst, getrieben von einer kaum auszuhaltenden schmerzhaften Sehnsucht. Fassbinder! Die Rechnung geht aber nicht auf. Erwin hat in eine unmögliche Liebe investiert, er hat seine geschlechtliche Identität einer Illusion geopfert, das Verhältnis zu Anton Saitz endet schnell. Nunmehr – hier beginnt eigentlich das Stück – ist er/sie hineingeworfen in einen chancenlosen, verzweifelten Kampf, sich mit dem neuen Körper zurechtzufinden. Jeder Versuch, hineinzupassen, akzeptiert zu werden, scheitert an einer seltsam distanzierten Umgebung, die zur Empathie, geschweige denn zur Liebe, unfähig ist. Er verzweifelt an sich, an den anderen, an der Gesellschaft. Er versucht es auch damit, dass er selber viel Liebe gibt (den erfolglosen Christoph unterstützt), um selber Liebe zu bekommen. Aber auch das nützt nicht. Solange, bis Erwin/Elvira schließlich kapituliert und – sich selbst entfremdet, anhaltend einsam – zugrunde geht.

In einem Jahr mit 13 Monden wird als einer der persönlichsten Filme Fassbinders bezeichnet, entstand aus seiner privaten Situation heraus. Im Mai 1978 hatte sich Armin Meier das Leben genommen, nachdem sich Fassbinder von ihm getrennt hatte. Fassbinder plagten Schuldgefühle und Selbstzweifel; er verarbeitete die persönliche Krise mit dem Film. Erst im Anschluss an diesen Film wurden übrigens die im allgemeinen bekanntesten seiner Filme gedreht, etwa 1980 Berlin Alexanderplatz (nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin) und Lili Marlen (nach der Autobiographie „Der Himmel hat viele Farben“ von Lale Andersen),  1981 Lola (aus der BRD Trilogie, Teil 3), 1982 Die Sehnsucht der Veronika Voss (aus der BRD Trilogie, Teil 2) und Querelle (nach dem Roman „Querelle de Brest/Querelle“ von Jean Genet). In Jahren mit besonderen Mondkonstellationen sollen Depressionen besonders heftig auftreten. 1978 war so ein Jahr.

Es gibt auch einen gesellschaftlichen Aspekt: Der Film wird angesehen als Abrechnung mit Frankfurt, das aus Fassbinders Sicht in den 70er-Jahren – also jetzt bald genau 50 Jahre nach den 68ern – immer mehr zum Prototyp einer sozial kalten und vom Geld beherrschten Großstadt wurde. Das kommt in der Inszenierung aber nicht zur Geltung.

Ein kleiner weiterer Aspekt des Filmes – auch das spielt aber in der Inszenierung im Marstall keine Rolle: Fassbinder zielte wohl auch gegen Ignaz Bubis, den späteren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der – wie Anton Saitz im Film – sein Vermögen auch in Frankfurt durch Immobiliengeschäfte gemacht hatte.

Mein Eindruck: Man folgt – natürlich recht distanziert – der desaströsen Lage von Erwin/Elvira. Das Thema des Filmes ist kein Thema, das irgendeinen aktuellen Bezug hätte. Muss ja auch nicht! Ich nehme gerne etwas mit aus solch einem Theaterabend, irgendein Stimmungsbild, irgendeinen Gedanken, Überlegungen, mal viel, mal wenig. Hier aber kann man dem trostlosen Kampf des Protagonisten Erwin/Elvira um die Liebe nur fassungslos zusehen. Das Desaster beobachten. Sein Zerschellen an der Gesellschaft. Gut, die Liebe ist für uns immer ein Thema! Und die Gesellschaft auch! So hat es sich also natürlich gelohnt. Man kann sich etwa über die Exzentrik Gedanken machen, an der Erwin/Elvira und auch Fassbinder persönlich zerschellen. Über seine Lage vor der Gesellschaft.

Thomas Loibl war als Erwin/Elvira die zentrale Figur des Stückes. Um ihn und seine verzweifelte Lage und die Konsequenzen seiner verlorenen Suche nach der wahren Liebe dreht es sich. Mit tragischem Ende. Es ist eine sehr reduzierte Inszenierung, konzentriert auf Elvira. Auf der Bühne sieht man nichts außer zwei Matratzen, zwei Plastiktüten, die Schauspieler, das war es fast schon. Besonders Thomas Loibl überzeugt, alle anderen sind ohnehin eher unwichtig! Erwins einseitige eingebildete Liebe zu Anton Saitz, seine heillose Sehnsucht nach Liebe – auch geliebt zu werden, sein Schmerz, seine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, seine Kritik an der Gesellschaft, seine Verlorenheit auf der zerstörenden Suche nach Liebe, sein Unvermögen, mit sich selbst etwas anzufangen, seine Verzweiflung, sein Unvermögen, den Halt zu erkennen, den ihm seine Familie (seine Frau Irene  seine Tochter Anna-Marie) doch irgendwie immer weiter geben will. Und und und. Darum geht es. Wenn man schon vor dem Stück von all diesen Aspekten in Erwin/Elvira weiß, kann man ihm/ihr an diesem Abend wunderbar – durch Thomas Liobl – folgen.

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