THEATER: Milo Rau – Die 120 Tage von Sodom

Ich schreibe an sich nicht über Ereignisse, die man sich gar nicht mehr ansehen kann. Das nützt ja niemandem.

Aber man kann Milo Rau’s Inszenierung von „Die 120 Tage von Sodom“ nach Motiven aus dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini und dem Buch von Donatien Alphonse François de Sade noch sehen. Auch wenn es an den Münchner Kammerspielen nur zweimal – jeweils ausverkauft – zu sehen war, es ist noch im Repertoire des Schauspielhaus Zürich zu sehen. UND: Ich gehe davon aus, dass es auch an anderen deutschsprachigen Bühnen noch Gastspielauftritte geben wird. Es ist ja ein sehr bemerkenswertes Stück. Siehe meinen kürzlich geposteten Blogbeitrag zu den aktuellen Aktivitäten von Milo Rau HIER.

Einen Trailer zum Stück „Die 120 Tage von Sodom“ findet man HIER und die Seite zum Stück im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich findet sich HIER.

Zum Inhalt des Stückes: In der Alpenrepublik „Saló“ – dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung – werden junge Männer und Frauen entführt und von vier Vertretern eines untergehenden Regimes in einem Schloss gefangen gehalten. In einer Reihe von sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht und erniedrigt und schliesslich in einer Gewaltorgie zu Tode gequält.

Mein Eindruck:  „REIBUNGSFLÄCHE“ steht ja auf dem Streichholzmäppchen, das das Schauspielhaus Zürich den Zuschauern im Foyer als kleines Geschenk anbot. Das kann man wohl sagen! Milo Rau setzt mit „Die 120 Tage von Sodom“ seine Arbeit an unglaublich extremen, herausfordernden Themen fort! Eine „Untersuchung nach den Grenzen des auf der Bühne Ertrag- und Darstellbaren“ heißt es im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich. Begonnen hatte es mit Five Easy Pieces, dem Stück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, das von Kindern (!) gespielt wurde (HIER mein damaliger Blogbeitrag dazu). Und jetzt: „Die 120 Tage von Sodom“, gespielt von geistig behinderten Kindern!

Es sollte damals eine „Gesellschaftsdiagnose“ sein und das kann es auch heute noch sein. Wobei sich natürlich alles grundlegend geändert hat! Dennoch! An welche Grenzen gehen wir heute? Wie empfinden wir diese Grenzen heute? Wie empfinden wir den extremen Grat zwischen Leben einerseits und Brutalität und Tod andererseits? Alle Grenzen werden ja gesprengt! Sadistische Szenen, sexuelle Szenen, nackte Behinderte auf der Bühne etc., mit persönlicher Vorstellung einiger der Personen auf der Bühne, mit einem Abspann wie im Kino. Gerahmt von biblischen Szenen, unterlegt zum Teil mit klassischer Musik.

Milo Rau hat bei allem eine besondere Handschrift, die auch das Stück Five Easy Pieces prägte. Er ummäntelt das schwer Zumutbare mit einer ganz besonderen Sensibilität, die alles erträglich macht, ohne es auch nur irgendwie zu verharmlosen. Das Verharmlosen ist übrigens gerade durch das Spiel der Truppe der behinderten Schauspieler aus der Schweiz ausgeschlossen. Die Sensibilität betrifft die gesamte Inszenierung, von der Musik bis zu jeder Geste fast. Eine gewisse durchaus passende Ästhetik schwingt leise mit. Man hat nicht ein einziges mal  das Gefühl, hier werde ein Thema ausgeschlachtet, es werde etwas produziert. Man wird eher auf extreme Art und Weise angeregt, man kann sich, ohne überlastet zu sein, überlegen: Wie stehe ich zu alledem? Es ist zweifellos eine Kunst, derartiges so – also ohne jede übertriebene Theatralik – auf die Bühne zu bringen. Man erkennt, dass das Leben immer auch Brutalität und Tod bedeutet. Ästhetik und Rausch. Auch und gerade in der heutigen Zeit. „Genusssucht und Untergangsangst, Normalisierungswahn und kleinbürgerlicher Skandallust“ sind nur zwei Begriffspaare, die die Kammerspiele im Internetauftritt zum Stück (HIER) bringen. Ich könnte mehr dazu schreiben, ergänze es wohl in Kürze.

Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ein Stück von Milo Rau ansehen. Es ist kein Genuss, sondern eine Herausforderung!

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