INSTALLATION: Sarah Sze

Eine kleine Anregung:

Die amerikanische Künstlerin Sarah Sze hat für das HAUS DER KUNST die Installation Centrifuge gemacht. Sie steht in der Mittelhalle des Museums. Kleinste Objekte werden filigran zu einem Mosaik organisiert, das “alle gängigen Kategorien durchkreuzt”. Von überall werden Einzelteile beleuchtet. Feinarbeit. Minilichtquellen, Miniteilchen, Minifilmchen, alle Farben. Szes Konstellationen von Objekten, Bildern und Skizzen “sträuben sich gegen definitive Interpretationen” heißt es so schön. Man steht davor und denkt an alles. Von fern ist es ein Verhau, je näher man aber kommt, umso interessanter wird es. Man sieht etwa irgendwelche bewegte Bilder auf Papierfetzen … wie das Gehirn kommt es einem vor.

Es war bedeutungsschwanger zu lesen: Die Installation … bringt das Wahrnehmungsfeld der Mittelhalle zum Explodieren … verformt sich dynamisch nach außen in den umliegenden Raum (bewegte Bilder oder Schemen werden in der Tat von der Installation ausgehend an alle Wände der riesigen Halle projeziert. Man fragt sich: Wo kommen die denn her?) … schafft ein intimes, fesselndes Feld, worin sich Schwerkraft, Maßstab und Zeit zu verwandeln scheinen …. erinnert an subatomare Teilchen, die sich in einem Quantenfeld verwandeln und entwickeln … deuten auf eine Unbestimmtheit hin.

Und schöne Worte der Künstlerin:

“Die innere Skulptur von Centrifuge scheint in einem unbestimmbaren Zustand zwischen Wachstum und Zerfall gefangen. Wenn sich der Betrachter nähert, fühlt er sich im Inneren in eine Mikrodimension versetzt, während die Skulptur, die sich in den größeren Raum der Halle ausdehnt, gleichzeitig eine Makrodimension eröffnet. Sie fungiert als Schauplatz von Aktivität und ist zugleich ein Projektor, der die Decke beleuchtet und dem Raum die Offenheit eines Palazzos oder städtischen Platzes verleiht.”

Tja, die Kunst. Was soll man da sagen.

 

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THEATER und FILM: Partisan – Frank Castorf

Auf der Biennale wurde der Film „Partisan“ gezeigt. Der Berliner Tagesspiegel schreibt: “Eine pure Hommage. Die Dokumentation „Partisan“ über die Höhen und Tiefen der Ära Castorf an der Volksbühne”. Der Film verdankt seinen Titel einem Zitat von Frank Castorf („Theater ist der letzte Partisan“) und versucht, 25 wildbewegte Jahre in 130 Minuten zu packen.

Die Produktionsfirma solo:film schreibt:

in einer gesellschaft, die sich zunehmend gegenüber neuen denkweisen und ästhetischen grenzüberschreitungen abschottet, sagt frank castorf, sei das theater der letzte partisan. als regisseur und intendant hat castorf die berliner volksbühne seit anfang der 1990er jahre zu solch einem ort des aufbruchs und der avantgarde werden lassen. mit der radikalen reaktion auf gesellschaftliche umbrüche und der erprobung neuer theatermittel wurde die volksbühne zum wichtigsten theater deutschlands mit großer internationaler strahlkraft.

der film begleitet castorf bei seiner abschiedsinszenierung an der volksbühne, dem „faust“, und wirft zugleich einen blick in den maschinenraum dieser theaterfabrik. mitstreiter wie sophie rois, herbert fritsch oder alexander scheer erzählen von den speziellen arbeitszusammenhängen an diesem haus, in news-flashbacks werden besondere momente der letzten 25 jahre wieder lebendig. „partisan“ ist eine hommage an ein theater und sein team, das nun vergangenheit ist, aber als kraftvolles beispiel für ästhetischen eigensinn noch lange nachwirken wird.

Bisher bekannte Vorführungen:

25. februar 2018, 13:00 uhr, cinestar 7

3. märz 2018, 19:30 uhr, babylon kino berlin (mitte)
5. märz 2018, 19:30 uhr, babylon kino berlin (mitte)
10. märz 2018, 19:30 uhr, babylon kino berlin (mitte)

Ich werde beobachten, ob der Film auch an anderen Orten, vor allem München, läuft.

Nachtrag: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes “Partisan” eine Mitteilung bekommen: der Film wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt!

Hier der TRAILER.

THEATER: Karen Breece – Oradour

Es gab verschiedene “schnelle” Gründe, Oradour von Karen Breece im HochX anzusehen. Ein heikles Thema ist es ohnehin, siehe weiter unten. Es geht ja wieder einmal um das Erinnern an Gräueltaten der Nazis. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die nach Renovierungsarbeiten im Herbst 2016 wiedereröffnet wurde. Gezeigt werden Arbeiten aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Performance und Medienkunst mit Gastspielen der nationalen und internationalen Szene, u.a. im Rahmen verschiedener Festivals der Landeshauptstadt München wie etwa DANCE, SPIELART oder RODEO. Das Stück Oradour ist (vorerst) noch zweimal zu sehen, am 23. und am 24. Februar

Ein Grund, es anzusehen, war: Oradour ist ein Stück, das von der Amerikanerin Karen Breece geschrieben wurde. Sie arbeitet fast dokumentarisch und übersetzt es in Theaterproduktionen. Karen Breece bringt demnächst an den Kammerspielen das Stück Don’t Forget To Die. Es wird um das Altern gehen.

Nächster Grund: Oradour wird gespielt von Benny Claessens und Katja Bürkle, zwei sehr unterschiedlichen Vollblutschauspielern, die mich schon oft überzeugt haben. Gerade diese Kombination machte es interessant.

Weiter: Benny Claessens war einige Jahre lang teils umstrittenes, teils gefeiertes Ensemblemitglied bei den Kammerspielen. Er bringt in Kürze an den Kammerspielen die wohl sehr persönliche Performance Hello Useless – for W and Friends.

Und: Auch Katja Bürkle war einige Jahre lang in den Kammerspielen. Sie ist seit kurzem am Residenztheater in München. Dort ist sie bisher im furiosen Stück “Die Räuber” von Friedrich Schiller und im Stück “Jagdszenen aus Niederbayern von Martin Sperr zu sehen. Jeweils in Hauptrollen. Beides sehenswert. Die Inszenierung “Jagdszenen aus Niederbayern” wiederum lief auch an den Münchner Kammerspielen.

Noch ein Grund: Das Stück Oradour im HochX wird in Kooperation mit den Kammerspielen gezeigt, von denen ich ja oft berichte.

Noch einer: Im weit bekannten Roman “Der Vorleser” von Bernhard Schlink geht es – wie im Stück “Oradour” – um ein Kriegsverbrechen, das (im Roman) demjenigen von Oradour zumindest sehr ähnelt. 642 Einwohner des Dorfes Oradour sur Glane wurden ermordet. Die Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder in einer Kirche zusammen getrieben, die von deutschen Soldaten beschossen und in Brand gesetzt wurde. Bis heute wurde keiner der Täter vor einem bundesdeutschen Gericht angeklagt.

Also wahrlich viele schnelle Gründe, das Stück anzusehen. Oradour sur Glane, der französische Ort, an dem die Deutschen am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, dieses zahlenmäßig größte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieg in West Europa verübt hatten.

Gleichzeitig fand in München die Sicherheitskonferenz statt, auf der es wieder einmal um weltweite Konflikte geht. Man lernt nicht aus der Vergangenheit!

Es lässt sich viel sagen zu dem Stück. Dementsprechend weit gefächert sind auch die Kritiken. Das Thema ist ja: Wie erinnert man sich an diese Gräueltaten? Man hat ja nichts anderes mehr, als die Erinnerung. Man hat ja nur noch die Nachfahren. Wie soll man damit umgehen? Es ist noch nicht lange her! Vergessen wäre wahnsinnig! Benny Claessens stellt es einmal mit dem Wort “Schlussstrich” in den Raum.

Mein Eindruck: Die Inszenierung bringt als solche eine durchaus beeindruckende Annäherung an das Thema. Man muss schlichtes, konzentrierts Theater mögen. Kein Brimborium, zwei wunderbare Schauspieler, schlichte Bühne, konzentrierte Texte. Ein grüner Rasen, Mikrofone und Kopfhörer. Interessant etwa, dass Katja Bürkle hier im Gegensatz zu ihren aktuellen sonstigen Stücken (auch Hamlet in den Kammerspielen) m. E. nachdenklicher, nicht so intensiv spielt. Benny Claessens dagegen zeigt viel von der Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und dem Abstand dessen, der mit diesem  Erinnern konfrontiert ist. Andererseits aber frage ich mich, warum es Karen Breece um das Thema der Erinnerung geht. Die Erinnerung muss sein, aber sie bleibt natürlich hilflos! Die hohe Politik, die für derartige Gräuel verantwortlich ist, erinnert sich nicht! Siehe Syrien. Aber sie muss bleiben, die Erinnerung! Die Erinnerung, die beide Schauspieler teils durch Kopfhörer an den Bühnenwänden aufnehmen und in einzelnen Szenen zeigen. Eine Gedenkfeier alter Nazis, ein kleines Mädchen, das dem Grauen entkam, ein Veteran etc.

Copyright des Beitragsbildes: Lothar Reichel

MUSIK: Matija

Matija. Matija Kovac. Ich hatte ihn mal vor zwei Jahren etwa auf einer kleinen Session erlebt. In einem kleinen Popup-Store in der Hildegardstraße in München, M+. Er hatte was, fand ich! Er hatte damals gerade sein Abitur auf dem Maxgymnasium gemacht. Matija nannte damals seine Band noch “The Capitols”. Jetzt hatte ich irgendetwas von ihm gelesen. Im März hat er einen Auftritt in München. Und es gibt eine CD: 5th Avenue. Mir gefällt nicht alles von ihm, ich bin ja oft eher für recht bedächtige Musik. Daher hier der Song Justify Your Love.

THEATER: Obergrenze für Unzufriedene

Aus Anlass der Situation “50 Jahre nach 1968” gibt es zurzeit – die Premiere war am Donnerstag, den 08.02.2018 – in den Münchner Kammerspielen die Inszenierung “1968“. Man kann sagen “politisches Theater”. Ein Transparent “KEINE ANGST” hängt über den Theatereingängen in der Maximilianstraße (siehe Blogbild). Er nimmt offenbar Bezug auf das Manifest der französischen Künstlergruppe “Collectif Catastrophe”, das 2016 in der Zeitschrift “Liberation” veröffentlicht wurde. Darin geht es (frei formuliert) um das Thema “Was sollen wir eigentlich noch machen, es ist doch alles schon “post-” (postmodern etc.), wir sind zu spät!”. Sie plädieren für eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und enden im Manifest mit dem Satz: “Eine bunte Zukunft wartet auf uns. Habt keine Angst, es gibt nichts mehr zu verlieren.”

Die französischen Künstlergruppe “Collectif Catastrophe” ist eine der von den Münchner Kammerspielen für diese Inszenierung eingeladenen Künstlergruppen. Künstlergruppen, die sich aus gegenwärtiger Perspektive mit Themen und Fragestellungen der bewegten Zeit um 1968 auseinandersetzen. Das Architektenbüro RAUMLABOR BERLIN (vor zwei Jahren bereits einmal mit den „Shabbyshabby Apartments“ in München in Erscheinung getreten) hat die Kammer 1 in einen offenen Raum verwandelt, den die eingeladenen Gruppen und RegisseurInnen mit je ca. 20-minütigen Kurzinszenierungen “besetzten”. Die Regisseurin LEONIE BÖHM, das Künstler*innenkollektiv HENRIKE IGLESIAS, der Regisseur ALBERTO VILLARREAL, die deutsch-ivorische Gruppe GINTERSDORFER / KLASSEN, die Regisseurin ANNA-SOPHIE MAHLER, die Schriftstellerin ELFRIEDE JELINEK, der polnische Regisseur WOJTEK KLEMM und das französische COLLECTIF CATASTROPHE – sie alle brachten etwa 20-minütige Beiträge.

Zweierlei wird versucht:

Zum Einen wird das Szenario der 68er in verschiedensten Formen um die Inszenierung herum und in ihr aufgegriffen: “Teach-In’s” vor den Vorstellungen mit Zeitzeugen, eine “Speakers Corner” vor dem Theater und in München, der “begehbare Tempel” T1 mit exklusivem Bild- und Tonmaterial von Uschi Obermaier im Innenhof der Kammerspiele, der umgestaltete Zuschauerraum des Theaters, freie Platzwahl, Bier in einer Pause, ein umfangreicher “Reader” mit Begleitmaterial zum Abend, das Transparent und vor allem die jeweiligen  Ausgangspunkte der verschiedenen Darbietungen.

Zum Anderen geht es nicht nur um das DAMALIGE. Es geht um HEUTIGE Blicke auf die damalige Zeit. Es geht NICHT darum, nachzuforschen, wo heutzutage Felder der Revolution liegen. Das wäre ein anderes Thema. Es geht um damalige Vorgänge und die Überlegung, was davon heute noch verblieben ist oder auch in die heutige Zeit noch hineinwirkt. Die Überlegung: “Wo stehen wir heute?”, ausgehend von den DAMALIGEN Vorgängen.

Da passte erst einmal mein kleines Gespräch vor Beginn des Abends:

Früher sei es recht einfach gewesen, hatte ich den Herrn, der neben mir saß, angesprochen. Man habe in den 68ern konkret gegen die Notstandsgesetze protestiert. Es würden sich auch heute viele Menschen sagen: So geht es nicht weiter, es muss sich Einiges ändern! Aber man könne heute irgendwie nicht einfach definieren, was sich ändern müsse. Das sei das Problem. Hatte ich ihn weiter “belästigt”.

Er antwortete gelangweilt: Es ändert sich doch sowieso nichts!

Ja, sagte ich, besonders hier in Bayern!

Naja – jetzt wurde er wach – wenn es mir in Bayern nicht gefalle, könne ich ja woanders hinziehen. Er könne mir aber nichts empfehlen!

Das Gespräch war beendet. Was für eine Antwort! So ist das heute: “Uns geht es gut, so soll es bleiben und wem es nicht gefällt, der kann ja woanders hin! Der werde schon sehen, was er davon habe! Also her mit einer OBERGRENZE FÜR UNZUFRIEDENE!

Dann begann der Abend: In den Kammerspielen gab es ja im Juli 1968 berüchtigte Entlassungen, nachdem die Schauspieler – damals vorgelesen vom Kabarettisten Wolfgang Neuss – auf der Bühne nach der Premiere des Stückes “Vietnam-Diskurs” zu Spenden für den Vietcong aufgerufen hatten.

Nun, es war nicht etwa nur ein “ästhetischer Approach” an die damaligen Themen, nach dem Motto “Wir stellen das alles nochmal schön dar!”. Nein, es war inhaltlich getrieben, politisch. Die Themen etwa waren: Damalige und heutige Selbstverbrennungen aus Protest, Politik und Psychologie, Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute, der damals viel zitierte Schriftsteller Franz Fanon, die  Studentenunruhen und Massaker in Mexiko vor Olympia 1968, Feminismus, etc.

Es war ein starker, vielfältiger Abend, der nur wenige Momente hat, die ihn schwächten. Verschiedenste Beiträge, die m. E. ohne Brüche zu einer wirklich gelungenen Inszenierung zusammengewoben werden. Als Gesamzinszenierung und im Einzelnen inhaltlich dicht (mit kleinen Hängern, etwa Elfriede Jelinek und der Feminismusbeitrag). Bis Mitte März kann man ihn sehen.

Es begann schon treffend: Eine schauspielerisch wunderbare Einführung in die Zeit von Thomas Hauser und Lukas Vögler. Beide in esoterischem, liebevollem Gebrabbel mit einem Zuschauer (Beitrag LEONIE BÖHM zur Person Wolfgang Neuss).

Dann wurde es bitterernst. Europas moralisches Versagen in der Zeit des Kolonialismus und die Fehler Afrikas (Beitrag GINTERSDORFER / KLASSEN). Es folgte der Beitrag von ANNA-SOPHIE MAHLER, die eine musikalische Collage zur damaligen Verfassung der Studenten bringt. Wieder einmal auch mit sehr prägendem Gesang von Jelena Kuljic. Dieser Beitrag war m. E. ästhetisch am beeindruckendsten inszeniert, wenn auch am unpolitischsten. WOJTEK KLEMM greift – beeindruckend v. a. durch Stefan Merki –  Selbstverbrennungen in Polen und der Tschechoslowakei auf. ALBERTO VILLARREAL erinnert an die brutale Niederschlagung von Studentenprotesten in Mexiko 1968, wenige Tage vor der dortigen Olympiade. Das junge Frauen-Performancekollektiv HENRIKE IGLESIAS greift eher humoristisch das Thema der Frauenbewegungen und ihren heutigen Standort auf. Der Reigen endet mit dem eher musikalischen (Pop-)Beitrag des COLLECTIF CATASTROPHE. Hier – wie in deren Manifest – wird alles Revoltenmäßige aufgegeben. Sie folgen, wie gesagt, dem Ansatz: “Eine bunte Zukunft wartet auf uns”. Das mag irgendwie stimmen, alles wird global und selbstbestimmt. Aber es verharmlost den Abend etwas und lässt außen vor, dass es auch heute Zustände und Entwicklungen gibt, die zu beandstanden wären. Die Position des COLLECTIF CATASTROPHE gehört sicher auch zum Stimmungsbild heutiger Zeit, ich fand aber ihren Beitrag etwas schade für den engagierten Abend. Ebenso den Beitrag des Frauen-Performancekollektivs HENRIKE IGLESIAS.

Man merkte im Übrigen, dass die damaligen Themen, auch wenn sie sich heute noch auswirken, nicht die drängendsten Probleme unserer Zeit sind.

LITERATUR: Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens.

Es war ein Weihnachtsgeschenk. “Die Gleichung des Lebens” von Norman Ohler. Auch wenn man Weihnachtsgeschenke oftmals doch nicht liest, ich habs getan! Ein historischer Roman, der – wie es tatsächlich geschah – im Jahr 1747 spielt. Friedrich II. wollte die Sumpfgebiete östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt a. d. Oder, den “Oderbruch”, trockenlegen, wollte (den damals aufkommenden) Kartoffelanbau fördern und aus anderen Regionen willfährige Untertanen holen und dort ansiedeln.

Der Oderbruch. Eine Landschaft, die durch den ungezähmt und wild mäandernden Fluss beherrscht wurde und ständige Gefahren durch Hochwasser barg. Eine Landschaft, die eine unglaubliche Artenvielfalt, unfassbar riesiges Fischaufkommen, Schildkröten, Wasservögeln etc. aufzuweisen hatte. Es wimmelte von Mücken und Ungeziefer.

Wir wissen alle: Der Strom kann mächtig mit den Ketten rasseln. Ein Deich kann immer brechen und der teuer erkaufte Schutz uns schlagartig verlassen … Dann kommt die Flut und wir sind nicht vorbereitet. Lasst uns auch weiterhin die Berge nie aus den Augen verlieren, sondern immer wissen, ob’s viel Schnee gegeben hat und wann der schmilzt und zu uns herunterkommt“, sagt einer der Fischer, der wie seine Kollegen seinen Reichtum durch Fischfang erwirtschaftete. Tausende Tonnen Fisch wurden in alle Windrichtungen verkauft. Als die Fischer Wind bekamen von des Königs Plänen, brach Panik aus, Angst vor der Zukunft.

Über zehn Jahre lang hat Norman Ohler diesen Roman vorbereitet und geschrieben. Man merkt es auch. Er ist durchzogen von der zeitgemäßen Beschreibung der Gegend, den Menschen, damaligen Kleinigkeiten und vielen Schilderungen, zu denen man manches Wort garnicht kennt! Etwa: “… Oda in die Küche, um einen Kumm mit Schildkrötensuppe zu holen. Kurz verharrte sie unter dem schwarzen Mantelschornstein, der …“, oder “Die Gäste ließen sich ablenken von den Barbenstreifen mit Gurken in Senf, von Odas berühmten Hechtklößen auf Dillschmand, roten Zibola und Radieschentatar, den Muscheln in Sanddornsaft, der quadratisch geschnittenen Sülze aus schwarzen, blauen und gelben Krebsen in Wirsinghülle.” Also, da muss man sich als Autor schon verdammt gut in der damaligen Zeit auskennen! Es sind ja wohl keine Erfindungen. Ohler hat sich offenbar extrem in die damalige Zeit hineingefuchst! Für mich war es manchmal fast verwirrend.

Der Inhalt: Während der Protest gegen das Siedlungsprojekt des Königs brodelte, schickte seine Majestät einen Mathematiker los, das Mathematikgenie Leonhard Euler. Euler arbeitete sich in die schwierige Aufgabe ein, den Tod des Dammkonstrukteurs Mahistre aufzuklären, aber auch die Kosten und Rentabilität des Projektes zu bewerten. Er wird dem König abraten. Er fürchtete um den immateriellen Schaden, der angerichtet werde durch Zerstörung einer ganzen Landschaft. Euler drohte an einem rätselhaften Fieber zu sterben, wie vor ihm schon – wie er herausbekommt – der französische Ingenieur Mahistre. Die Frage, wer oder was hinter dem Tod Mahistres (und einem weiteren Mordversuch) steckt, verdichtet sich zu einem historischen Kriminalroman.

MUSIK: Noga Erez – Black Friday

Eine israelische Sängerin – Noga Erez – jung – 2017 ihr Debutalbum – ich weiß nicht viel über sie. Sie mag Israel, aber nicht die Politik Israels. Am 08. und 09. Juni ist sie in München! Ihre Website ist HIER.

Israelische Medien feiern sie als Stimme einer Generation junger Israelis, die sich nicht mit Premier Benjamin Netanyahu und seiner konservativ-orthodoxen Sicherheits- und Siedlungspolitik identifizieren können. Einer Generation junger Israelis, die von Gewalt und Terrorangst genug haben und sich nach Frieden in ihrem geteilten Land sehnen. Frustrationen und Ängste kann man auch in ihrer Musik hören. Hier der Song Black Friday, mit fast vorwurfsvoller junger Power, aber nicht nur Protest! Es hat durch den Hintergrundsound und auch durch die Bühnenbeleuchtung etwas von einem U-Boot. “Schiffe versenken”.