THEATER: Karen Breece – Oradour

Es gab verschiedene „schnelle“ Gründe, Oradour von Karen Breece im HochX anzusehen. Ein heikles Thema ist es ohnehin, siehe weiter unten. Es geht ja wieder einmal um das Erinnern an Gräueltaten der Nazis. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die nach Renovierungsarbeiten im Herbst 2016 wiedereröffnet wurde. Gezeigt werden Arbeiten aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Performance und Medienkunst mit Gastspielen der nationalen und internationalen Szene, u.a. im Rahmen verschiedener Festivals der Landeshauptstadt München wie etwa DANCE, SPIELART oder RODEO. Das Stück Oradour ist (vorerst) noch zweimal zu sehen, am 23. und am 24. Februar

Ein Grund, es anzusehen, war: Oradour ist ein Stück, das von der Amerikanerin Karen Breece geschrieben wurde. Sie arbeitet fast dokumentarisch und übersetzt es in Theaterproduktionen. Karen Breece bringt demnächst an den Kammerspielen das Stück Don’t Forget To Die. Es wird um das Altern gehen.

Nächster Grund: Oradour wird gespielt von Benny Claessens und Katja Bürkle, zwei sehr unterschiedlichen Vollblutschauspielern, die mich schon oft überzeugt haben. Gerade diese Kombination machte es interessant.

Weiter: Benny Claessens war einige Jahre lang teils umstrittenes, teils gefeiertes Ensemblemitglied bei den Kammerspielen. Er bringt in Kürze an den Kammerspielen die wohl sehr persönliche Performance Hello Useless – for W and Friends.

Und: Auch Katja Bürkle war einige Jahre lang in den Kammerspielen. Sie ist seit kurzem am Residenztheater in München. Dort ist sie bisher im furiosen Stück „Die Räuber“ von Friedrich Schiller und im Stück „Jagdszenen aus Niederbayern von Martin Sperr zu sehen. Jeweils in Hauptrollen. Beides sehenswert. Die Inszenierung „Jagdszenen aus Niederbayern“ wiederum lief auch an den Münchner Kammerspielen.

Noch ein Grund: Das Stück Oradour im HochX wird in Kooperation mit den Kammerspielen gezeigt, von denen ich ja oft berichte.

Noch einer: Im weit bekannten Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink geht es – wie im Stück „Oradour“ – um ein Kriegsverbrechen, das (im Roman) demjenigen von Oradour zumindest sehr ähnelt. 642 Einwohner des Dorfes Oradour sur Glane wurden ermordet. Die Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder in einer Kirche zusammen getrieben, die von deutschen Soldaten beschossen und in Brand gesetzt wurde. Bis heute wurde keiner der Täter vor einem bundesdeutschen Gericht angeklagt.

Also wahrlich viele schnelle Gründe, das Stück anzusehen. Oradour sur Glane, der französische Ort, an dem die Deutschen am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, dieses zahlenmäßig größte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieg in West Europa verübt hatten.

Gleichzeitig fand in München die Sicherheitskonferenz statt, auf der es wieder einmal um weltweite Konflikte geht. Man lernt nicht aus der Vergangenheit!

Es lässt sich viel sagen zu dem Stück. Dementsprechend weit gefächert sind auch die Kritiken. Das Thema ist ja: Wie erinnert man sich an diese Gräueltaten? Man hat ja nichts anderes mehr, als die Erinnerung. Man hat ja nur noch die Nachfahren. Wie soll man damit umgehen? Es ist noch nicht lange her! Vergessen wäre wahnsinnig! Benny Claessens stellt es einmal mit dem Wort „Schlussstrich“ in den Raum.

Mein Eindruck: Die Inszenierung bringt als solche eine durchaus beeindruckende Annäherung an das Thema. Man muss schlichtes, konzentrierts Theater mögen. Kein Brimborium, zwei wunderbare Schauspieler, schlichte Bühne, konzentrierte Texte. Ein grüner Rasen, Mikrofone und Kopfhörer. Interessant etwa, dass Katja Bürkle hier im Gegensatz zu ihren aktuellen sonstigen Stücken (auch Hamlet in den Kammerspielen) m. E. nachdenklicher, nicht so intensiv spielt. Benny Claessens dagegen zeigt viel von der Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und dem Abstand dessen, der mit diesem  Erinnern konfrontiert ist. Andererseits aber frage ich mich, warum es Karen Breece um das Thema der Erinnerung geht. Die Erinnerung muss sein, aber sie bleibt natürlich hilflos! Die hohe Politik, die für derartige Gräuel verantwortlich ist, erinnert sich nicht! Siehe Syrien. Aber sie muss bleiben, die Erinnerung! Die Erinnerung, die beide Schauspieler teils durch Kopfhörer an den Bühnenwänden aufnehmen und in einzelnen Szenen zeigen. Eine Gedenkfeier alter Nazis, ein kleines Mädchen, das dem Grauen entkam, ein Veteran etc.

Copyright des Beitragsbildes: Lothar Reichel

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