Ein Tipp vor Ostern

Ich sage ja immer wieder: Wenn wir die Kunst nicht hätten! Und wenn wir nicht Menschen hätten, die außergewöhnliches leisten können! Da gebe ich gerne einen Tipp. Wer vor Ostern etwas Zeit hat, könnte sich dies hier ansehen. Es ist meines Erachtens absolut außergewöhnlich schön! Und es passt zu Ostern: Giuseppe Verdi, Messa da Requiem.
Es ist eine Inszenierung des Opernhauses Zürich aus dem Jahre 2016,  Verdis Oper für Orchester, Chor und Ballett. Es wurde gestern, Samstag, 24. März 2018, auf 3sat gesendet. Es ist jetzt noch wenige Tage auf der Mediathek von 3sat zu finden. Ein außergewöhnliches Erlebnis!! Eindrucksvoll ist auch die gestern im Anschluss gesendete Dokumentation über die Entstehung der Inszenierung. Muss man sich auch ansehen! Es ist eine Choreografie und Inszenierung von Christian Spuck.
Unglaublich schön etwa sind die Sequenzen bei Minute 1:03:40 bis 1:09:00 und 1:20:50 bis 1:23:45.
Man spürt in jeder Bewegung fast den Konflikt von Leben und Tod. Diesen Konflikt, der das Requiem ausmacht. Es geht ja auch nicht um die Höchstleistung an sich, es geht darum, wie sie es schaffen, uns all das nahezubringen!
Hier der Link auf die Mediathek: AUFFÜHRUNG
Hier der Link zur Dokumentation: DOKUMENTATION
Hier der Link zu Wikipedias Beitrag zu Verdis Messa da Requiem: WIKIPEDIA
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POLITIK: mut

Wie oft hört man Sätze wie: „Es muss sich einiges ändern!“ Gut, die CSU möchte in Bayern offenbar lieber Ruhe haben und lehnt es beispielsweise ab, einem diskursiven Kopf wie Matthias Lilienthal den Intendantenvertrag bei den Münchner Kammerspielen zu verlängern (HIER die Meldung mit Kommentar).

Man will keinen Diskurs? Ich meine: Es gibt viele Themen, die nicht unbedingt wortlos der CSU überlassen werden müssen. Diskurs ist immer gut! Einiges sollte deutlicher zur Sprache kommen. Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Es geht darum, die Spaltung der Gesellschaft zwischen „arm“ und „reich“ aufzuhalten. Es darf keine „Verlierer“ geben. Und es geht darum, sich diesem europaweiten Rechtsruck in Politik und Gesellschaft  entgegenzustellen. Einiges ließe sich ja schwer zurückdrehen.

Also: Es hat sich kürzlich in Bayern die Partei mut gegründet – ich hatte schon einmal darüber geschrieben. Zur Partei mut wurde die ursprüngliche Bewegung „ZEIT ZU HANDELN“ durch Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, und Stephan Lessenich, Professor für Soziologie. Sein interessantes und schonungsloses Buch „Neben uns die Sintflut“ stellte er vor einiger Zeit in den Kammerspielen vor.

In vielen Bereichen drohen soziale und menschenwürdige Gesichtspunkte „unter den Tisch zu fallen“ – auch angesichts des in manchen Bereichen schon sehr deutlich festzustellenden Rechtsrucks in Bayern! Wohnen, Altersarmut, Pflegesituation, Flüchtlinge, Arbeit, die Liste der Themen, in denen die politische Herangehensweise nicht mehr schön ist, ist lang. Viel lässt sich schlicht daran festmachen, dass wir uns vielleicht abgewöhnen, jedem Menschen in jeder Hinsicht sein großes Maß an Menschenwürde zuzugestehen. Daran gilt es zu arbeiten! Und man muss keine besondere politisch gefärbte Einstellung vor sich hertragen, um diese Themen beachten zu wollen.

Besucht einen der Stammtische oder der anderen Aktionen, die derzeit in Bayern von der Partei mut organisiert werden. HIER ein Überblick über alle aktuellen Termine. Etwa gibt es den Termin in München am 10. April 2018, 20.00 Uhr, (HIER der link): Ein Benefizabend mit Musik, Kabarett, Diskussion etc. im Fraunhofer – Theater. Politik und Kultur.

Claudia Stamm sagt:

mut hat sich gegründet, um Politik zu machen, die wirklich Wert auf Menschenwürde und Demokratie legt. Dem auch in Bayern festzustellenden Rechtsruck sollte man nicht tatenlos zusehen!Unser Ziel ist es dabei auch, diese Kraft in den bayerischen Landtag zu bringen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, gerade in Bayern wieder eine politische Kraft zu haben, die sich klar und deutlich der teils menschenverachtenden Politik der Mehrheitspartei entgegenstellt.“

HIER DIE WEBSITE der Partei. Einfach ansehen und teilen – Facebook etc. Die Landtagswahl in Bayern rückt ja näher (Oktober).

THEATER: News – Matthias Lilienthal

Im Sinne meines Theaterblogs ist natürlich sofort zu melden:

Das hätten die Münchner geschafft! Nachdem sich die Münchner CSU – Stadtratsfraktion kürzlich gegen die Verlängerung des Vertrages des Kammerspiele – Intendanten Matthias Lilienthal ausgesprochen haben, erklärt Lilienthal heute, dass er den Vertrag 2020 auch seinerseits nicht verlängern wolle. Er habe keinen Rückhalt mehr. Recht hat er! Es ist ein Armutszeugnis für die CSU, meine ich. Was ist schon eine fünfjährige Intendanz. Wenn man sich einem Stadttheater hingibt, muss man Zeit bekommen!

Aber in der Tat mögen die Münchner – unabhängig von der CSU – brave und gediegene, bloß nicht aufwühlende Produktionen. Etwa Tiefer Schweb und Wartesaal. Oder Gerhard Polt. Die Münchner wollen lachen oder verwöhnt werden und nicht viel nachdenken. Und das ist nicht Matthias Lilienthal – der zusammen mit Frank Castorf das Berliner Volkstheater am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut hatte!

Tja, die CSU muss jetzt mit ihrer Argumentation  (für die Zeit ab der Spielzeit 2020/2021) einen Nachfolger finden, der für mehr „Auslastung“ der Kammerspiele sorgt. Also wohl für mehr Mainstream! Als wäre die Auslastung – 5 % hin oder her – ein Kriterium in der Kultur!

Copyright des Beitragsbildes: Lukas Barth

THEATER: Kevin Barz – Saal 600

Wenn sich junge Leute heute noch mit dem „alten“ Thema der Naziverbrechen beschäftigen und dies zu einem Theaterabend machen, bin ich natürlich dabei. Wie nähern sie sich heute dem Thema? Es könnte ja auch sein, dass sie sich sagen: „Ach nein, bitte nicht das schon wieder!“

Es gibt natürlich noch jede Menge Wahnsinnige, die die Nazis und die Naziverbrechen auch heute noch rechtfertigen oder gar verehren. Aber von denen möchte ich hier nicht schreiben. „Saal 600“ hieß die Inszenierung heute Abend in den Münchner Kammerspielen. Ob und wo sie noch einmal zu sehen sein wird, weiß ich gar nicht. Ich schreibe eigentlich nur über Aufführungen, die man noch sehen kann, aber hier einmal eine Ausnahme. Es war ein „dokumentarischer“ Theaterabend, habe ich im Programmfolder gelesen. Im Schwurgerichtssaal 600 wurde in den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptangeklagten verhandelt. Die Abschlussinszenierung eines Regieschülers der Falkenbergschule, der Schauspielschule der Kammerspiele. Kevin Barz.

Auf die Geschichte der Nürnberger Prozesse und die unsäglichen Verbrechen, die zum Thema werden, kommt man in dieser Inszenierung dadurch, dass sich drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler – junge Schauspielschüler der Falkenbergschule – in die Position der damaligen DolmetscherInnen begeben, die das Unsägliche übersetzen mussten. Man saß vier Dolmetscherkabinen gegenüber.

Als Zuschauer wurde man dann hauptsächlich mit diesem Unsäglichen konfrontiert – nur zaghaft mit schauspielerischen Leistungen. Es beginnt mit Worten aus der grundlegenden Rede des amerikanischen Hauptanklägers Jackson. Langsam merkte man dann (sehr zaghaft allerdings), wie das Gesagte und Übersetzte die DolmetscherInnen belastete. Manchmal war es auch akustisch schwer verständlich, weil die Musik die Sprache überlagerte. Aber die Musik spielte auch eine wichtige Rolle in der Inszenierung, da Paul Brody die Musik anhand der Sprachmelodie von Angeklagten wie Hermann Göring oder Albert Speer komponiert hat. Ich fand es Alles in Allem aber eine gelungene Inszenierung. Es war durchaus sensibel, nicht platt, gemacht. Man war zurecht immer noch betroffen. Vielleicht war es dann gerade gut, dass man nicht von schauspielerischen Leistungen abgelenkt wurde. So kam einfach die Stimmung der Nürnberger Prozesse durch.

Und ich weiß nicht warum: Ich hatte die Überlegung, warum man nicht heute wieder wegen der grauenhaften Gräueltaten gegen Unschuldige (Syrien etc.) einen ähnlichen Prozess anstrengt. Aber Gründe gibt es leider: Alle großen Mächte sind heute in die Kriege involviert, es gibt keinen „besiegten Staat“, es gibt keine „Siegermächte“, die die „Kompetenz“, die (moralische) „Berechtigung“ hätten, die heutigen Gräueltaten anzuklagen usw. Jackson hatte in der Inszenierung in seinen original zu hörenden Worten sinngemäß gesagt: Wenn die Gräueltaten der Nazis nicht bestraft werden, können die Menschen nicht weiter leben. Aber so sehr unterscheiden sich die heutigen Gräuel von den damaligen gar nicht mehr! Wir sind vielleicht abgestumpft. Vielleicht aber gibt es auch einfach niemanden mehr, der nach Strafe rufen dürfte.

Copyright des Beitragsbildes: Milena Wojhan

 

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THEATER: Amir Reza Koohestani – Die Attentäterin

Warum macht eine Frau das? Sich selbst in die Luft sprengen und weit mehr als zehn Kinder mit in den Tod reißen! Sie waren gerade auf einer Geburtstagsfeier. Sie war Palästinenserin und hat sich in Tel Aviv in die Luft gejagt.

Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Attentäterin“ des Algeriers Jasmina Khadra (sein Künstlername). Der Ehemann der Attentäterin kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau das getan hat. Er bezweifelt sogar lange, dass sie es überhaupt getan haben könnte. Warum auch? Er möchte dann den Gründen näher kommen. Einer der bedeutenden iranischen Theatermacher, Amir Reza Koohestani, hat aus dem Roman eine Theaterfassung entwickelt, die am vergangenen Freitag Premiere an den Münchner Kammerspielen hatte. Es war ein anderer Theaterabend, als meine vorherigen, die viel mehr auch  „Blicke in die Vergangenheit“ waren (Lion Feuchtwanger – „Wartesaal“, Bertolt Brecht – „Trommeln in der Nacht“, Der Abend „1968“ über die Studentenunruhen 1968, Maxim Gorki – „Kinder der Sonne“ am Residenztheater, „Oradour“ im HochX, „Les Miserables“, die Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble etc., ). „Die Attentäterin“ ist leider immer wieder aktuell. Hier mit der Besonderheit, dass es eine Frau ist, die den Selbstmord begeht.

Zum Stück: Es war eine zurückhaltende, textlastige Inszenierung. Politisches Theater. Eine derart zurückhaltende Inszenierung zeigt Koohestani ja auch im Stück „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ nach dem gleichnamigen Roman von Kamel Daoud. Auch diese Inszenierung läuft noch in den Kammerspielen (Freitag, 6. April).

Der Zuschauer verfolgt die Suche des Ehemanns nach einer Erklärung. Man folgt ihm auch nach Palästina zu ihrer Familie. In der Inszenierung sieht der Zuschauer immer wieder auf der Rückwand der Bühne schwarz-weiß und übergroß ein, zwei oder mehrere Gesichter der sprechenden Personen. Nur die Gesichter. Die Personen sitzen meist an einem lang gezogenen Tisch. Es geht um die Gespräche und um die Reaktionen der Personen. Und um „die Situation“ zwischen Israel und Palästina. Sehr intensiv. Wir in Deutschland sind sicherlich nicht in der Lage zu sagen, warum eine Frau so etwas tut. Sicherlich sind Jasmina Khadra und Amir Reza Koohestani um einiges näher dran. Die Attentäterin habe doch jeden Luxus gehabt, sagte einmal etwa der israelische Kommissar. Eine vordergründige Überlegung. Stand eine Terrororganisation dahinter? Auch eine Überlegung. Gespielt wird der Kommissar übrigens von Samouil Stojanov, der wie immer eine fantastische Bühnenpräsenz hat. Ihm müsste man mal einen ganzen Abend geben, auf dem er solo spielen, „brüllen“ und tanzen kann. Beide letztgenannten Dinge sind bei ihm sehr beeindruckend. Auch in „Die Attentäterin“ brüllt er den Ehemann am Tisch an, insgesamt seien bis heute 2300 palästinensische Minderjährige durch Selbstmordattentate umgekommen, während es 145 Minderjährige aus Israel seien. Und alles geht immer weiter. Der Abend endet auch damit, (ACHTUNG: Nicht weiterlesen, wer das Stück sehen will!) dass eine israelische Bombe die palästinensische Familie auslöscht. So verlängert sich ganz einfach die Kette der sinnlosen Massaker. Man bekommt auch keine fertige Lösung dafür, warum die Attentäterin sich und – angeblich – viele Kinder in die Luft gesprengt hat. Sie sagt – nach ihrem Tod – etwa einmal: „Was nützt unser Glück, wenn wir es nicht teilen können?“ Teilen mit wem? Mit allen, die dort unten leiden? Und dann selbst Leid zufügen? Ich verstehe es nicht ganz. Aber der psychische Druck auf bestimmte Menschen – wie die Attentäterin – muss extrem sein! Andererseits erlebt man die Attentäterin – in der Inszenierung taucht sie nach ihrem Tod mehrfach auf und spricht zu ihrem Ehemann – nicht als mit Druck oder gar Hass belastete Person. Ganz und gar nicht. Sie wird fast als die „gute Seele“ des Stückes gezeigt … was ich irgendwie auch nicht verstanden habe. Es bleiben viele Ansätze. Auch generell die Rolle arabischen Frauen in der Gesellschaft mag ein Aspekt sein. Ob die Frauenrolle gar Motiv für den Suizid und Mord sein kann, bleibt offen, das zu beantworten war nicht Intention des Abends. Man muss jedenfalls als Zuschauer dem Text genau folgen, um die verschiedenen Überlegungen und Nuancen gut zu erkennen. Aber das macht den Abend wertvoll. So kommt die „Situation“, die wir nur von Schlagzeilen kennen (Israel/Palästina und die Selbstmordanschläge), hier auf die Bühne! „In „Die Attentäterin“ versuchen wir, eine Schlagzeile in ein Drama zu verwandeln„, sagt Koohestani im Programmheft. Ohne Partei zu ergreifen übrigens. Sonst wäre so ein Abend auch sinnlos.

HIER die Besprechung des Deutschlandfunks (als Audio abhörbar).

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

THEATER: Victor Hugo – Les Miserables, Inszenierung von Frank Castorf

Heute bringe ich allgemeiner gehaltene Betrachtungen zu einem der ganz großen Köpfe der deutschen Theaterszene der letzten 25 Jahre: Frank Castorf. Ich bringe keine reine „Theaterkritik“: Zum Einen: Ich schreibe den Blog ja nicht für wahre Theaterprofis. Zum Anderen geht es um eine Castorf – Stück und ich habe bisher erstaunlicherweise keinen Vergleich mit anderen Castorf – Aufführungen. Es war ein besonderer Castorf – Tag und es wäre in diesem Fall etwas anmaßend, zu „kritisieren“.
Frank Castorf! Viele Theaterfans haben natürlich schon längst eine oder mehrere der wahrlich berüchtigten Inszenierungen von Frank Castorf gesehen. Ich noch nicht. Obwohl er schon vor der Wende 1989 sogar einmal in München (im Residenztheater) eine Inszenierung bringen konnte. Aber das war noch nicht meine Theaterzeit. Jetzt gab es eine Inszenierung von Frank Castorf am Berliner Ensemble. Victor Hugos Roman Les Miserables. Ich bin nach Berlin gefahren.
Nach der Wende, von 1992 bis 2017, war Frank Castorf ja Intendant der Berliner “Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“. Ich hatte im Blog (weiter unten) kürzlich darauf hingewiesen, dass es auf der Berlinale 2018 einen Film über „25 Jahre Frank Castorf“ gab. Ich hoffe, man kann den Film („Partisan„) noch öfter sehen. Frank Castorf arbeitet jetzt weiter als Regisseur am “Berliner Ensemble“, wo er pro Jahr eine Inszenierung bringt. Dieses Jahr ist es der große Roman von Victor Hugo, Les Miserables. Es gab am 3. März eine „Extended Version“ seiner Inszenierung mit Rahmenprogramm.
Das Rahmenprogramm dieser Extended Version bestand aus – erstens – einem selten gezeigten alten, jetzt restaurierten Film über die Anfänge der Revolution auf Kuba 1959 und – zweitens – einer Podiumsdiskussion des Dramaturgen Frank Raddatz mit dem Soziologen Wolfgang Engler (der Schriftsteller Ulrich Pelzer war leider krank). Titel der Podiumsdiskussion: „Die montierte Zeit“. Beide Veranstaltungen passten wunderbar zu der dann folgenden achtstündigen verlängerten Version der „Aufführung“ von Les Miserables von Victor Hugo. Irgendwelche Verbindungen?
Frank Raddatz etwa, Leiter der „Podiumsdiskussion“, hat das Buch „Republik Castorf“ herausgebracht, in dem Auszüge seiner Gespräche mit zahlreichen Personen aufgeführt sind, die mit Frank Castorf teils von Beginn an zusammengearbeitet hatten.
Matthias Lilienthal wurde auch von ihm interviewt. Lilienthal führt ja  derzeit die Münchner Kammerspiele als Intendant und hat immer noch Schwierigkeiten mit dem sturen Geschmack des Münchner Publikums. Matthias Lilienthal arbeitete nach der Wende eng mit Frank Castorf zusammen am Aufbau der Volksbühne.
Weitere Verbindung: Frank Castorfs Inszenierung  Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht wurde zu DDR-Zeiten nach zwei Aufführungen verboten (damals in Castorfs DDR-Zeit in Anklam). „Trommeln in der Nacht“ läuft derzeit an den Kammerspielen (siehe Blogbeitrag) und wurde zum Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen.
Noch eine kleine Verbindung: Die berüchtigte vorletzte Inszenierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne (Faust I und Faust II), eine siebenstündige Inszenierung, wurde zur Freude aller großen Theaterfans ebenfalls zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Und siehe da, es wird von dieser Inszenierung im Mai sogar fünf Aufführungen mitgeben. Ich hoffe, ich bekomme eine Karte.
Zurück zu Frank Castorf: Seine Inszenierungen sind international bekannt, es gab viele Aufführungen außerhalb der “Volksbühne“. Seine Inszenierungen sind in der internationalen Theaterlandschaft eine Ausnahmeerscheinung. Wenn sich Frank Castorf eines Stückes oder eines Romans annimmt, geht es in jedem Fall nicht um eine lineare Erzählung. Ein Stück oder ein Roman sind Ansatz für Themen, die in einer Inszenierung angepackt werden. Unabhängig von Zeitebenen.
Der Zuschauer wird oft genug hingerissen zu verschiedensten Assoziationen, meist vor dem Hintergrund, dass irgendwie Alles in Allem oder jedenfalls Vieles in Vielem steckt. Insoweit wäre jede lineare Erzählung viel zu wenig.
Auch die Rolle der Schauspieler ist bei Frank Castorf sicher eine andere. Man kann sie kaum „Schauspieler“ nennen. Es ist – scheint mir – eine sehr besondere Mischung von Person, Rolle und Thema, von Spiel und Realität. Eher ein Kampf der „Schauspieler“ mit den Themen. (Eine Kleinigkeit etwa: Auf der Website des Berliner Ensembles wird im Gegensatz zu den anderen Inszenierungen bei Les Miserable nicht angegeben, Schauspieler … spielt „als ….“). Es muss herrlich und sicher hoch intensiv  sein für Schauspieler.
Les Miserables von Victor Hugo. Ausgangspunkt der Inszenierung im Berliner Ensemble ist nicht nur der Roman „Les Miserables“ von Victor Hugo, sondern auch der Roman „Drei traurige Tiger“ von Guillermo Cabrera Infante, ein Buch über das Jahr 1958, das Jahr vor der Revolution in Kuba. In beiden Werken wird anhand einzelner Schicksale die Zeitströmung erfasst. Die Revolution steht 1958 in Kuba bevor, Revolution ist aber auch Thema im Roman „Les Miserables“ von Victor Hugo. Die französische Revolution. Beide Ebenen werden verbunden. Dementsprechend wurde im Rahmenprogramm des Tages der von Frank Castorf schon mehrfach verwendete Film „Soy Cuba“ gezeigt, in dem es um die Momente vor der kubanischen Revolution geht. Ausschnitte aus diesem Schwarzweißfilm werden auch dieses Mal in der Inszenierung von Frank Castorf auf Leinwand eingespielt.
Im Anschluss an die Filmvorführung von fand die Podiumsdiskussion statt. Auch diese traf „ins Schwarze“. Es wurde darüber geredet, dass Zeit nicht nur linear zu erfassen ist. Das große Thema bei Frank Castorf. Geredet wurde darüber, dass wir in der Gegenwart am liebsten nur noch linear und gegenwärtig denken und Geschichte und Zukunft ausblenden wollen. Das Ausblenden der Zukunft ist durchaus interessant. Zur Zeit der Revolutionen stand die Zukunft geradezu im Mittelpunkt des Denkens. Es sollte ja anders werden, es gab Zukunftsvisionen. Dann. Schon bei der deutschen Wiedervereinigung ist eigentlich die Frage, ob es überhaupt noch derartige Visionen gab. Es scheint heute geradezu eine Angst gegenüber der Zukunft zu herrschen. Wir beherrschen die Zukunftsthemen auch in Visionen nicht mehr! Daher blendet man die Zukunft lieber aus. Und die Vergangenheit auch. Aber wann lernt man schon aus der Vergangenheit? Schlimm, aber wohl wahr. Siehe Nationalismus, Syrien etc. Heute reden wir eben von „Postmoderne“ und könnten auch von „posthistorischen“ Zeiten reden. Eine wirklich lehrreiche Vergangenheit gab es ja auch kaum. Da ist die Gegenwart ziemlich resistent. Aber da kommt das Theater ins Spiel und die Literatur und und und.
Frank Raddatz schreibt dagegen im Programmheft zu Frank Castorfs Ansatz:
In den sich überlappenden Realitäten blitzen nahezu unkalkulierbare Zusammenhänge auf, verdichten sich unvermutet Verbindungen zu instabilen Assoziationsbrücken, die abenteuerliche Routen durch kaum kartographiertes Gelände bahnen.
(Seite 11)
Es geht um mehr als die linearen sichtbaren Realitäten. Es geht um die „Offenlegung des geheimen Bandes zwischen zwei (Anm: oder mehreren) scheinbar fremden Welten“ (Frank Raddatz), wenn das Thema Revolution in Kuba und „Die Elenden“ in Paris zusammentreffen.
Und Frank Castorf geht sogar weiter. Man findet als Zuschauer auch Assoziationen zur heutigen Zeit. Ein Beispiel: Andreas Döhler, der in Les Miserables die Hauptrolle innehat, erscheint während der Vorführung etwa plötzlich als “einfacher“ Zuschauer am Rande der Bühne und hockt sich am Bühnenrand in die Ecke. Die Inszenierung wird fast angehalten und Andreas Döhler spricht zu Valery Tscheplanova, die unterbricht und ihn verstört beobachtet: „Ich störe doch nicht, mach doch weiter! Du hast doch so viel Platz auf der Bühne“, sagt er zu ihr. Und schon ist man beim Flüchtlingsthema. Vielleicht war dieser Einschub Bestandteil der „Extension“. Mehr und mehr schlüpft Andreas Döhler dann wieder in seine Rolle.

Da wäre man allerdings bei einem meiner Eindrücke: Notwendig ist in heutiger Zeit vielleicht sogar ein noch gegenwärtigeres, noch politischeres Theater. Aber ich kenne ja nicht viele Castorf-Inszenierungen. Viele Jahre lang war ja die „Volksbühne“ sehr politisch und hat die Fahne des Ostens gegen die alles erdrückende Welle der westlichen Welt hochgehalten. Dafür stand ja auch der Schriftzug OST auf dem Dach der Volksbühne, der während der vorletzten Aufführung unter Frank Castorf – kurz vor dem Beginn der Intendanz von Chris Dercon – vom Dach abmontiert wurde.

Die volle Dröhnung habe ich mir jedenfalls gegeben. Es hat sich gelohnt.

Copyright des Beitragsfotos: Matthias Horn