THEATER: Werner Fritsch – Null

Nichts – Null

Das Nichts ist aber nicht nichts, es ist etwas, oder nicht? Bevor etwas beginnt, besteht vielleicht schon etwas? In der Bibel heißt es ja auch: “IM Anfang war das Wort, nicht AM Anfang”. Da war also schon was! Da war – laut Bibel – der Anfang, bevor es überhaupt anfing

Und Faust überlegt ja in Goethes “Faust”, ob im Anfang das Wort war oder die Tat oder was

Obwohl es ein großes Loch sein könnte, das Nichts. Wie die Null optisch

“Schicker Gürtel” sagt dann die Null zur Acht

Auch das Jahr Christi Geburt trägt eigentlich die Ziffer NULL, wenn das nicht was ist!        Im Programmheft steht: Wir sagen zwar im Jahr 2000 “2000 Jahre nach Christi Geburt”, es sind aber erst 1999 Jahre. Man habe das Jahr seiner Geburt schon mit der Ziffer EINS belegt. Obwohl erst das Folgejahr das Jahr 1 nach Christi Geburt wäre – ich habe es nicht überprüft       

Das Nichts ist dann also mehr als große Leere, es ist große Freiheit. Camus sagte angeblich irgendwo: Abgesehen vom Tod ist das Leben vor allem eines, Freiheit         

Und mit der Freiheit im Nichts wollte Fritsch etwas machen, eine Annäherung an die Null

Die Theaterbühne nicht als Bühne für ein (klassisches) Stück, an dem man sich (Zuschauer, Schauspieler, Regisseur, alle) orientiert, sondern bloß für eine verrückte Annäherung an diese Null. An die Freiheit

Sich endlich einmal mit dem Nichts beschäftigen, nicht angestrengt und übertrieben mit irgendeinem mehr oder weniger sinnvollen Text

Obwohl Fritschs letzte Stücke “Pfusch” und “Murmel Murmel” auch schon Richtung Null gingen. Ich kann Fritsch aber gut verstehen, nach all den Jahren

Nichts ist irgendwann genauso viel wert wie Anderes, wir sind nur dazu verdammt, ständig aus dem Nichts etwas zu machen

Ein bunter Abend, ein Bühnenwerk, man kann sich nichtige Gedanken machen, auch grundsätzlich über das Leben

Erst einmal pendeln und schwingen alle an Seilen, im Nichts

Pastellfarbene Kostüme, knallige Farben dazu, Scheinwerferlicht, einer der Wahnsinne von Fritsch

Eine riesige mechanische Hand schwebt später über allem und eine gut 10 m hohe Table-Dance-Stange steht im Raum, mehr nicht, es genügt. Später kommt ein Gabelstapler hinzu

Die drei Gegenstände sind die einzigen Anzeichen dafür, dass etwas “ist”. Dass “etwas gemacht” wird, dass “eingegriffen” wird. Die Hand etwa will (ferngesteuert senkt und bewegt sie sich manchmal) eingreifen, tut sie aber nicht: Die Schauspieler suchen sogar Schutz unter ihr. Dann wirkt sie wieder bedrohlich. Der Mensch macht eben alles (kaputt)

Der Gabelstapler mit Warnblinker hat mehr Einsatz: Weil er so sinnlos ist, hebt er wenigstens einen Schauspieler auf etwa 8 m Höhe an die Table-Dance-Stange, was soll er auch machen. Der rutscht langsam wieder herunter auf den Boden des Nichts. So auch später eine andere Schauspielerin

Der Gabelstapler verschwindet auch einmal im Bühnenboden, kommt aber wieder hoch, und er führt fast einen Tanz auf. Etwas Sinnloseres könnte er kaum machen

Oder das Konzert mit den Blasinstrumenten, mit Dirigent. Wir erwarten ja immer viel, wir erwarten Musik, Töne. Es kommt aber nur Luft, kein einziger Ton. Und die Schauspieler verneigen sich später vor dem Publikum, präsentieren die Instrumente

Schön, dass man sich auch einmal mit nichts beschäftigt, es muss für die Schauspieler geradezu erfrischend sein

Auch als Zuschauer kann man den Abend erleichtert beenden. Man darf nur nichts erwarten. Und dann ein Glas Wein etwa, ein Gläschen vom guten Tropfen, null/eins oder null/zwei. Man hat nichts gesehen, das war doch was!

Herbert Fritsch hat an der Berliner Schaubühne also “NULL” inszeniert! Ich hatte einmal – im Residenztheater München 2013: “Der Revisor” – etwas von ihm gesehen, es aber vergessen. Also wurde es Zeit, hinzufahren. Er hatte jahrelang als Schauspieler (Ausbildung an der Schauspielschule der Kammerspiele, der Otto-Falckenberg-Schule) und später als Regisseur bis 2017 an der legendären Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gearbeitet. Einer der großen Namen der Theaterwelt. Seine Stücke waren 2011 (zweifach) bis 2014 durchgehend sowie 2016 und 2017 (Abschiedsstück von der Volksbühne) zum Berliner Theatertreffen eingeladen!

Seine letzten Stücke hießen “Murmel Murmel”, ” Zeppelin” und “Pfusch”. In Murmel Murmel wird eineinhalb Stunden lang nur das Wort Murmel gesprochen. Fast schon wie Null. Zeppelin ging auf Ödon von Horvath zurück und das Stück Pfusch war – wie so oft bei ihm – eine große Bühnenschau. Ein Abschied von der Volksbühne.

Wie das Stück NULL entstanden ist? “Ich hatte Null Ideen, was ich machen könnte”, war die Ausgangslage für seine jetzt zweite Arbeit an der Schaubühne. Vielleicht hat er wieder Kraft getankt für mehr?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin
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