BALLETT: Anna Karenina von Christian Spuck

Zugegeben, Ballett ist nicht Schwerpunkt dieses Blogs. Aber über den Tellerrand hinaus blicken, ist doch immer interessant. Und in Kürze folgt viel THEATER. Das Theatertreffen 2018 steht bevor! Und Tanz findet sich ja in heutiger Zeit auch immer wieder einmal in Theatern. Wenn auch nicht in derartiger Perfektion wie im Ballett. Anna Karenina von Lew Tolstoi wurde als Ballett im Bayerischen Nationaltheater in München auf die Bühne gebracht. Choreographie Christian Spuck. Was für ein anderes Erlebnis! Es wird in dieser Spielzeit noch einmal und dann in der kommenden Spielzeit das ein oder andere Mal zu sehen sein! Also, wer Interesse hat:

Den Roman Anna Karenina von Lew Tolstoi (man betont Karenina ja auf dem “e”) kann ich ja unbedingt empfehlen. Er gibt einen unglaublich detaillierten, vor allem nicht schwülstigen Einblick in das russische Leben zur damaligen Zeit. Und aus russischer Sicht den Blick auf das damals weltweit noch große Problem des Ehebruchs. Der Eifersucht, der Liebe, des Hasses, der Verzweiflung, der Konkurrenz, des Abgrundes, der gesellschaftlichen Erwartungen. Es endet ja tragisch.

Im Bayerischen Nationaltheater in München hat jetzt also – ich hatte die Chance, hinzugehen – Christian Spuck den 1000-Seiten-Roman als Ballett auf die Bühne gebracht. HIER ein Trailer. Und HIER (das kleinere Video rechts anklicken) ein Video mit Erläuterungen von Christian Spuck und den beiden “Protagonisten” sowie weiteren Ausschnitten der Inszenierung. Ansehen! In den Videos sieht es fast kitschig aus, ich finde aber, Christian Spuck hat das Gespür, Kitsch zu vermeiden. Es wird Eleganz.

Ballett kann man “mögen oder nicht mögen”, finde ich, es ist nicht so diskursiv wie Theaterabende sein können. Ich hatte mich aber dennoch sehr darauf gefreut, denn:

Ich erinnerte mich: Als junger Student hatte ich tatsächlich (!) längere Zeit den Gedanken, das Gefühl, dass ich am liebsten Balletttänzer wäre! Nicht viele Worte, sondern Tanz, das hatte mir gefallen! Ich hatte ein Jahr in Lausanne studiert, dort erschien beim jährlichen Prix de Lausanne irgendwie auch der Ballettstar John Neumeier, ich glaube als Mitglied der Jury. Oder es gab einen John-Neumeier-Preis für den Nachwuchs. Aber für Ballett muss man ja schon als Kind mit Tanz beginnen. Tja, daraus ist leider nichts geworden. Knapp daneben, ich wurde Rechtsanwalt. Naja, das ist doch ähnlich, es ist eben Ballett mit Worten? Nein, es ist eher Fechten mit Worten, würde ich sagen!

Und es gab noch einen besonderen Grund, hinzugehen: Ich hatte im Blog zu Ostern über Christian Spuck geschrieben. Er hatte mit dem Staatsballett und dem Staatsorchester Zürich das Verdi-Requiem (“Messa da Requiem”) als Ballett mit Chor inszeniert. Es wurde zusammen mit einer Dokumentation über Spucks Arbeit auf 3sat gesendet. Ich war damals wahrlich begeistert! Jetzt war er zur Münchner Ballettwoche 2018 eingeladen.

Also bin ich hin. Und, was soll ich sagen: Ich war baff! Es wäre anmaßend, wenn ich jetzt hier eine detaillierte Kritik mit Pros und Contras bringen würde! Aber: Erster Gedanke mit Blick durch das Nationaltheater: Es ist schon ein Privileg, ich möchte sagen: elitär, es zu erleben. Man sollte einmal pro Monat einen Abend für Harz IVler geben! Kunst sollte nicht elitär sein! Allein das extreme Erlebnis, danach aus dem Nationaltheater in einen lauen Frühlingsabend zu treten, Blick auf die Frauenkirche und die Maximilianstraße … . Das sollte eigentlich nicht immer nur Wohlhabenden vorbehalten sein.

Während der Aufführung – und danach – dann der Gedanke: Diese unglaubliche Eleganz des Balletts, diese unglaubliche Schönheit des Bühnenbildes, der gesamten Choreographie, der Kostümierung, der Farben, diese unglaublichen Leistungen der TänzerInnen, die so treffende russische Musik, all das erleben zu können. Alles hatte eine irre Leichtigkeit trotz des so schweren Lebens von Anna Karenina. Gut, sie lebte in feinen Kreisen. Die Musik brachte dabei generell russische Schwere hinein, fand ich. Aber genau das war passend! Allein das Zusammenspiel von Musik (Auswahl Christian Spuck) mit dem Tanz, der Choreographie, dem Russischen. Leichtigkeit und Schwere mischtern sich so den Abend hindurch. Beides in Formvollendung. Die Trailer oben lassen es erahnen.

Und dann noch die Überlegung: Man sitzt da und betrachtet einfach mal so Menschen, die allein mit phantastischen körperlichen Bewegungen, mit Tanz, etwas zum Ausdruck bringen. Das allein macht doch etwas mit einem! Man rutscht komplett weg vom banalen Alltag! Etwa der – für mich – beeindruckendste Tanz von Jonah Cook und Lauretta Summerscales als Kostja (Lewin) und Kitty, dem zweiten verliebten Paar, dem der Roman folgt. Es war der erste Tanz nach der Pause.

Es waren also völlig andere Eindrücke als bei einem Theaterbesuch, zwei Welten. Auch wenn es um die Geschichte eines Romans ging, was ja in beiden Vorführungsformen vorkommt. Beeindruckend allemal!

 

 

 

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