THEATER: Politik im Freien Theater

Mein Theaterwahnsinn geht weiter! In Kürze beginnt das Festival „Politik im Freien Theater“, erstmals in München, vom 1. bis 11. November! Ich werde einige Stücke sehen und sicher darüber schreiben. HIER der Link zur Veranstaltungsseite!  Ein umfangreiches Programm!

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THEATER: Yael Ronen – #Genesis

Es gibt eben Unabwendbares. Wir können nicht alles ändern, nicht alles. Da sind wir ziemlich ratlos. Wir alle lagen z. B. einmal als Embryo im Bauch einer Mutter. Und was war davor? Wir werden nie wissen, was in der Zeit vor unserer Geburt wirklich war. Auch von den ersten Jahren unseres Lebens wissen wir es ja nicht. Wir werden auch nie wissen, was unsere Mutter wirklich dachte, und wir werden nie wissen, was unser Vater wirklich dachte. Das wird das ganze Leben lang so sein, das ist unser Schicksal, Teil unseres Lebens. Wir haben zwar die Sehnsucht, Vater, Mutter und ganz weit zurück eben auch Gott zu verstehen, es ist aber nicht möglich. Wir wollen sie andererseits nicht, diese Unwissenheit, sie beschäftigt uns, wir kämpfen damit! Und wir kämpfen um Anerkennung. Wie Adam und Eva wohl um Gottes Anerkennung. „Du hättest ja einmal sagen können: Das hast Du gut gemacht!“ sagt Adam. Er sagt es ja zu seinem Vater! Aber es geht nicht anders.

Wir sind also vor allem immer im Zweifel darüber, was vor uns war. Was kurz vor uns war und was ganz, ganz weit vor uns war. Was vor kurzem war, beschäftigt uns, beeinflusst uns, das andere sind „unantastbare“ Mythen. Wir brauchen Mythen, sagt Yael Ronen. Damit wir uns wenigstens einbilden können, etwas zu wissen, und damit wir irgendetwas haben, an dem wir uns festhalten können, in dieser Unwissenheit über das Fernliegende. Etwa an der Genesis, dem religiösen Mythos der Erschaffung des Menschen.

Ich war in der Premiere, am Sonntag, #Genesis von Yael Ronen in den Münchner Kammerspielen. Ein wunderbarer Abend! Ich habe es am Montag noch einmal gesehen. Einmal aus dem Parkett und einmal vom Balkon, so mache ich es oft. Ein Theaterstück nur einmal anzusehen und dann zu beurteilen, halte ich manchmal fast für absurd.

(Ich würde Theaterhäusern ohnehin empfehlen, ein „Kombiticket“ für Theaterfrende zu etablieren, das es ermöglicht, ein Stück zweimal – einmal im Parkett und dann günstig auf dem Balkon – anzusehen. Das zweite Mal ist manchmal ein völlig anderes und noch weit mehr erleuchtendes Erlebnis! Das haben viele Theaterstücke verdient!)

Kann man aber an diesen Mythen rütteln? Nein. Will ja auch niemand. Und kann man über das Thema Gott und die Entstehung des Menschen überhaupt ein Theaterstück machen? Nun, auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin nimmt sich in Kürze mit Regisseur Kay Voges dieses Themas an. Es gibt dort demnächst die Premiere des Stückes „Das Erste Evangelium“. Premiere ist am 01. November 2018. HIER ein Trailer dazu. Das Stück hatte Anfang des Jahres Premiere am Schauspiel Stuttgart. Und die Münchner Kammerspiele haben jetzt die „Genesis“, das Buch Mose zum Thema gehabt. Die Herangehensweise in den Kammerspielen scheint mir um Einiges ruhiger, konzentrierter, gebündelter. Nun gut, so oder so kann man eben.

Tja, diese Mythen. Man kann mit ihnen umgehen, verändern kann man sie nicht. Deswegen wäre es auch sinnlos, mit den Mythen – dem Mythos der Entstehung des Menschen etwa – todernst umzugehen. Es bringt ja nichts. Im Stück von Yael Ronen an den Kammerspielen mischt sich dementsprechend auch Humor mit Ernsthaftigkeit. Das ist der Kern des Abends: Die Mischung von Humorvollem und Ernstem. Es gibt auch fast Klamaukhaftes, aber eben keineswegs nur! Auf eine wunderbare Art und Weise wird beides gemischt. So, dass es jeden Zuschauer und wahrscheinlich jede/n Schauspieler/in persönlich trifft. Denn alles wird ja zurückgeführt auf die Unwissenheit, die jeder hat: Die Unwissenheit über den eigenen Vater zumindest. Freier Wille einerseits – Drang nach Anerkennung andererseits!

Traumhaft schön – ein Erlebnis! – ist das Bühnenbild. Siehe das Blogbild oben und das Blogbild des vorherigen Beitrags (HIER). Unten eine riesige, sich langsam drehende und auf und ab bewegende runde Scheibe, auf die von oben Bilder herabprojeziert werden, oben schräg ein ebenso großer runder Spiegel, der alles aus anderer Perspektive wiedergibt. Schon die Tatsache, dass nichts auf der Bühne eckig (!) war, sondern alles rund, war wunderbar passend. Gratulation an den Bühnenbildner Wolfgang Minardi, der bis 2001 an der Otto-Falckenberg-Schule, der Schauspielschule der Kammerspiele, eine Schauspielausbildung gemacht hatte.

Gratulation aber auch an Damian Rebgetz für seine Vorrede an das Publikum vor Beginn des Stückes. Auch da lag eine Mischung von Humor und bitterem Ernst in der Luft. Geradezu sympathisch, andererseits aber auch geradezu aggressiv und verbittert – lässig verbittert –  hat sich Rebgetz  – meines Erachtens völlig zurecht – an das Münchner Publikum gewandt. In der zweiten Aufführung gab es sogar Zwischenrufe. Er kann ja auf besondere Art und Weise lachen, zweifeln, staunen und weinen in Einem – mit unsicherem Blick in das Gegenlicht, als würde er sich fragen: Versteht ihr mich? Das Münchner Publikum, das doch nichts Fremdes will. Damian Rebgetz ist aus Australien! Er kündigt an, zu gehen.

Überhaupt das Ensemble der Kammerspiele! Man kann etwas merken, wenn man will, manch eine(r) will es nur nicht merken (zum Beispiel die Kritikerin der Süddeutschen Zeitung, Christine Dössel): Dieses Ensemble insgesamt und jeder einzelne Schauspieler darin werden immer besser! Sie steigern sich und steigern sich!

Einige Ensemblemitglieder hatte ich zuletzt – auch zweimal natürlich – gesehen in „Dionysos Stadt“ und nun einige andere in „#Genesis“. Das andere Drittel (Julia Riedler, Christian Löber, Anette Paulmann, Jochen Noch, etc.) wird auch wieder kommen oder spielt derzeit in anderen Stücken. Es wird alles immer natürlicher und immer überzeugender auf der Bühne. Man merkt kaum mehr einstudiert Schauspielerisches, Fremdes. Auch hier – wie bei Dionysos Stadt – kann ich sie alle nennen, keinen herausheben: Wiebke Puls, Damian Rebgetz, Zeynep Bosbay, Samouil Stojanov und als „Gäste“ Daniel Lomatzsch und Jeff Wilbusch. Ich meine fast, man merkte bei #Genesis sogar einen Unterschied zwischen den Ensemblemitgliedern und den beiden „Gästen“, die etwas abfielen, nicht so überzeugten.

Vielleicht ist es das, was Damian Rebgetz in seiner Ansprache an das Publikum vor Beginn des Stückes mit „Experiment“ meinte. Jeder im Ensemble kann sich schon durch die Atmosphäre in der Arbeit entwickeln. Vermute ich nur. Samouil Stojanov hebe ich hier am ehesten hervor, er spielt Gott so wunderbar erzürnt über den Menschen – der ja das Paradies verlassen hat, dem „freien Willen“ folgt, sich aber auch über seine Unwissenheit und fehlende Anerkennung beschwert. „Es hätte alles so schön werden können“ sagt Stojanov als Gott einmal sinngemäß. Aber auch Damian Rebgetz. Er trägt das Stück irgendwie.

Die Schauspieler des Ensembles der Kammerspiele und die Gastschauspieler liegen einmal in Embryonenhaltung auf der sich langsam drehenden riesigen Scheibe, auf der von oben herab ein Embryonenbild aus dem Bauch einer Mutter zu sehen ist. Später liegen sie noch einmal dort – ausgestreckt – und erzählen persönlich Dinge von ihren Vätern, Ihrer Kindheit. Typisch für Yael Ronen, persönliche Erlebnisse der Schauspieler mit aufzugreifen. Und später liegen sie auch auf herabprojezierten Gemälden der Mythendarstellung, in den Posen der gemalten Figuren. Alles Bilder, die man dann auch im großen Spiegel sieht. Und alles irgendwie beeindruckend.

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele

MUSIK: Bob Dylan – Knocking on Heaven’s Door

Ich hatte es vor langer Zeit schon einmal gebracht, Bob DylansKnocking on Heavens Door“. Hier aber eine andere Version, Bob Dylan spielt das Lied  zusammen mit Mark Knopfler von den Dire Straits.

Ich bringe es aus aktuellem Anlass: Es kommt in einer wunderbaren Theateraufführung (Münchner Kammerspiele) zur Geltung, über die ich in den nächsten Tagen (morgen?) schreiben werde!

©️ des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele

Hier der Song:

LITERATUR: Juli Zeh – Unter Leuten

Bekannt ist Juli Zeh seit Jahren, hier die Rezension eines ihrer aktuelleren Werke: „Unter Leuten“. Ich hatte bisher noch kein Buch von Ihr gelesen. Ich lese derzeit  noch einen zweiten Roman von ihr. Auch darüber werde ich in Kürze berichten.

Fazit vorweg:  

Es geht aktuell und politisch los (Windkraftanlagen sollen in schöner Landschaft in der Nähe des Dorfes „Unterleuten“ in Brandenburg gebaut werden), man bekommt interessant und spannend geschrieben die Befindlichkeiten der Bewohner des kleinen Dörfchens mit, die sich angesichts der Planung der Windkraftanlage in der näheren Umgebung auftun. Die Beziehungsgeflechte, die Zeiten der ehemaligen DDR, das aktuelle Leben, alles hängt mit allem zusammen.

Je mehr man aber liest, umso mehr geht es um die einzelnen Schicksale und die Verstrickungen der dort lebenden Menschen, nicht mehr um das politische Thema. Das ist etwas schade, zumal man den Roman letztlich mit dem Gedanken verlässt: „Viele der geschilderten privaten Schicksale gehen letztlich doch ausgelöst durch den Plan der Windkraftanlagen desaströs den Bach hinunter“. Sehr brisant, genau so mag es sein! Wer mag schon Windräder in seiner Nähe? Andererseits brauchen wir sie ja. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen, aber so, wie Juli Zeh es angeht, ist es eben auf der Ebene der persönlichen Schicksale zu Ende gedacht!

Zur Autorin:

Sie ist zweifelsohne eine der extrem erfolgreichen SchriftstellerInnen der letzten Jahre. Zwei Bücher werde ich dann also von ihr gelesen haben (Futur II!): Zum Einen den Roman „Unter Leuten“, erschienen 2016, und zum Anderen ihr aktuellstes Buch, „Neujahr“, erschienen 2018, ein deutlich kürzerer Roman. Bekannt sind von ihr ja auch vor allem die Romane „Schilf“, erschienen 2007, und „Nullzeit“, erschienen 2012. Irre, was sie schon alles geschrieben hat. Der Roman „Unter Leuten“ ist deutlich umfangreicher, als der aktuelle Roman „Neujahr“. Siehe schon die Blogfotos.

Sie ist promovierte Juristin. Man liest ja derzeit, dass sie auf Vorschlag der brandenburgischen SPD-Landtagsfraktion Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht werden soll. Sie scheint also äußerst vielseitig zu sein. So schreibt sie auch. Sie scheint Praktikerin zu sein! Nicht vergeistigt! Völlig anders als etwa Andreas Maier (siehe meinen vorherigen Blogbeitrag zur Literatur). Sie kann Situationen gut beschreiben, sehr vielfältig, nicht wiederholend, nicht einseitig, interessant, immer wieder mit verstecktem Witz, überraschenden kleinen Wendungen. Das ist ihre Gäbe, finde ich: Plötzlich findet sie wunderbare Worte für irgendwelche Begebenheiten und dann geht es weiter. Man stößt immer wieder auch etwa auf schöne Gedanken zu unserem aktuellen Leben. Und immer wieder reißt sie mit den geschilderten Situationen aktuelle Themen an.

Zum Roman:

Der Roman „Unter Leuten“ hat meines Erachtens zwei sehr unterschiedliche Teile: Im “ersten Teil” – circa zwei Drittel des Buches – geht es fast „politisch“ zu. Aktuelles Thema eben: Die Errichtung einer Windkraftanlage auf dem Land. Keiner will sie haben, die Rotoren. Fast niemand, denn Investoren wären interessiert.  Fast parallel blickt man auf die Konstellation West/Ost! Auch das durch die genauen Schilderungen mit schöner Prägnanz! Sehr schön wird geschildert, wie der Plan, die Windkraftanlage in der Nähe des kleinen ostdeutschen Dorfes zu errichten, das ganze Dorf in Aufruhr bringt. Wie sich so etwas entwickelt, wer was dabei denkt, welche Allianzen sich auftun, welche Lebensmodelle bestehen, welche Vermutungen angestellt werden und und und .

Im zweiten Teil des Romanes merkt man aber, dass es Juli Zeh nicht mehr darum geht, diese politisch hochkontroverse Konstellation aufzuzeigen, zu entwickeln und zu vertiefen, sondern darum, persönliche Schicksale, die sich im ersten Teil des Romans auftaten, konsequent weiter zu schildern. Der Roman bekommt einen anderen Drall: Man hat es kaum mehr mit der Windkraftanlage zu tun. Auch hier gilt zwar: Sie schildert die weiteren Situationen und Entwicklungen und Beziehungsgeflechte immer sehr gut, nah am Leben, fand ich! Und immer wieder mit Witz und interessanten Darstellungen zu unserem aktuellen Leben. Ich will nicht zu viel verraten, es wird ziemlich krass, aber glaubhaft! Aber schade: Das Thema der Windkraftanlagen in schöner Landschaft verliert man aus dem Auge!

Also:

– Man braucht Zeit.

– Man wird aber letztlich durch den Roman getrieben, weil er die gesamte Situation und die Geschichte immer weiter gut schildert!

– Auch wenn er gegen Ende hin nicht mehr die politische Brisanz des großen Themas hat. Und auch, wenn er mir persönlich etwas zu „praktisch“, zu real wurde!

HIER die Website des Verlags zum Buch mit weiteren Rezensionen etc.

 

MUSIK: Matthew Dear – Calling

Man glaubt es kaum, aber das könnte ich sein, nur etwas anders: Er hat einen Bart, hat andere Haare, ist etwas jünger, hat eine andere Nase, trägt eine Musikerhemd, Kopfhörer auf dem Kopf, in ein Mikrofon singend, am Mischpult stehend,  hat auch eine ganz andere Stimme, dunkler irgendwie. Er ist irgendwie insgesamt anders. Aber sonst … Gut, es ist Matthew Dear in seinem Studio.  Er singt das Lied Calling.  Vielleicht singt er ja auch ein klein bisschen besser als ich – wenn man wirklich genau hin hört. Ich kenne ihn sonst nicht, kann also nicht allzu viel über ihn sagen, aber ich will ja auch nicht dauernd über mich schreiben. Daher HIER der Link zu Wikipedia – also zu SEINER Wikipedia-Seite.

 

LITERATUR: Andreas Maier – Was wir waren

Jetzt kann ich endlich einmal wieder etwas von Andreas Maier bringen! Ich mag ja seine Bücher sehr! Welches habe ich nicht gelesen? Er hat etwas von Thomas Bernhard, in einer gewissen Art der Beobachtung der Dinge und der Art, darüber zu schreiben. Da bin ich nicht der einzige, der das sagt. Das weiß er auch – also, dass es so ist, nicht, dass ich das so sehe. Er hat über Thomas Bernhard promoviert, hieß es irgendwo.

Wunderbar und empfehlenswert sind seine Bücher! Beginnend mit Kirillow, Wäldchestag (!), Klausen (!), Sanssouci, die allesamt eigenartige Erzählungen waren. Skurril, treffend und einfach geschrieben, nie überdrallert. Bis hin zu seiner neueren Reihe über seine Herkunft, sein Leben in der Wetterau. Einfach die Wetterau im Hessischen. Friedberg in der Wetterau. Das Zimmer, Das Haus, Die Straße, Der Ort, Der Kreis, Die Universität. Betrachtungen seines Lebens, immer etwas von außen, rückblickend betrachtet. Es ist „unsere Zeit“, die er damit betrachtet, und er schafft es, mit seiner betont einfachen Sprache anhand einfachster Situationen Wahrheiten dazu zu formulieren. Auch über Großes oder das große Ganze wird nachgedacht. Über „das Fremde“ etwa. Aber auch das schreibt er einfach, wenn auch wunderbar treffend und damit tatsächlich tiefgehend.  Wenn „Fremde“ am Wirtshaus an der offenen Tür vorbeigehen oder gar in das Wirtshaus hineinkommen … Man kann eben Apfelwein trinken oder Apfelwein trinken und sich Gedanken machen oder den Wirt beobachten. Man kann sich auch rückblickend sehen, wie man damals beim Wirt Apfelwein getrunken hatte und man kann sich darüber jetzt Gedanken machen. Etwa darüber Gedanken machen, was der Wirt damals für einen bedeutete!  Wie alles so war in diesem Leben damals!

Generell: Wenn man ein Buch liest, taucht man doch in eine bestimmte Stimmung ein. Jedes (gute) Buch schafft und transportiert doch eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre. Ich lege ein Buch weg und nehme es wieder zur Hand, um weiterzulesen, und dann weiß ich schon, dass ich wieder in eine Stimmung eintauche! Oft ist ja gar nicht das geschilderte Geschehen das, was interessiert, sondern man will nur wieder in diese Stimmung eintauchen. Und am Ende, wenn man das Buch fertig gelesen hat, trägt man vielleicht auch diese Stimmung ein bisschen in sich. Ein Gefühl ist das dann, nicht nur ein Wissen über das Geschehen, das geschildert wurde.

Vielleicht ist es im Grunde schwerer, eine solche Stimmung zu schaffen, wenn in dem Buch “nur” lauter kleine Kolumnen zusammengefasst sind. So in dem neuen Buch von Andreas Maier, „Was wir waren“. Es ist eine kleine Sammlung von Kolumnen, die Andreas Maier in den vergangenen Jahren für die Wiener Zeitschrift Volltext geschrieben hatte.

Aber auch in diesen kleinen Band wird eine Stimmung transportiert! Das machen die Gegenstände seiner Beobachtungen und seine Sprache. Nichts ist gekünstelt, banalste Dinge werden gesehen. Aber auch oder gerade in den banalsten Dingen ist ja alles drin! Bilder seiner Jugend, die Wetterau, der Wirt, Bornheim, die „Bindernagelsche Buchhandlung“ in Friedberg, die Tochter des Buchhändlers, eine Lesereise nach Freiburg, Friedberg in der Wetterau, Sachsenhausen in der Wetterau (?), die Bierkneipe „Die Dunkel“, Apfelwein, der Mensch, und und und.

Noch schöner fand ich seine ersten Bücher (siehe oben), aber auch die Bücher der letzten Jahre sind allesamt köstlich. Etwa auch der Band über Udo Jürgens nach dessen Tod. Auch dieses hier.

Ganz aktuell also sein kleiner Band Was wir waren“. Zu diesem Buch muss man ihn aber fast schon kennen! Oder es als Einstieg nehmen und ein weiteres lesen. Etwa „Klausen“!

HIER  die Suhrkamp-Seite zum Buch mit Leseprobe!

MUSIK: Deep Purple – Child in Time

Hier mal wieder ein Stückchen Musik. Deep Purple, Child in Time. Das ist auch schon wieder eine Weile her.

Wie ich darauf komme? Ich habe gelesen, dass dieses Stück derzeit am Burgtheater in Wien zu hören ist. Und zwar bei einem derzeit übermäßig gelobten Stück, bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödon von Horvath. HIER der Link zur Onlineseite des Stückes in Wien. Man ist ganz begeistert von Andrea Wenzl. Und in einer der besten Szenen des Abends, so ein Kommentar, wird dieses Stück von Deep Purple gebracht.

Ich wusste gar nicht mehr, welches Lied das überhaupt ist. Aber natürlich kannte ich es von früher, von damals! Lang ist es her! Hier:

THEATER: Christopher Rüping – Dionysos Stadt

Nils Kahnwald, Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, hat zu Beginn des Theatermarathons in einführenden Worten an das Publikum von einem Sonnenaufgang erzählt.

Es entsteht so etwas wie eine Klammer um den Tag, den Abend (von 13 Uhr bis 23 Uhr). Nils Kahnwald stellt sich vor, dass der Mensch in 3000 Jahren – nach der Zerstörung der Erde – wieder aus Höhlen kriecht, endlich ohne Eigenschaften wie Gewinnsucht, Gier etc., nur in Demut, und erstmals wieder einen Sonnenaufgang beobachtet. Nach 700 Jahren. Und ganz am Ende des langen Tages sitzt man in den Kammerspielen und ganz langsam geht eine große Sonne auf. Alle – die Schauspieler und die Zuschauer – schauen minutenlang gebannt bei lauter werdender Musik zu.  Man ist richtig eingewickelt in den Anblick dieser riesigen, aufsteigenden Sonne und die dröhnende, irgendwie schöne Musik. Und vielleicht fühlt man da ja diese Demut. Nils Kahnwald sagte zu Beginn auch, es käme am Ende das Schönste, was er im Theater je gesehen habe. Ist subjektiv natürlich und hebt die Spannung natürlich!

Ich habe aber jetzt schon zweimal an den Münchner Kammerspielen „Dionysos Stadt“ von Christopher Rüping gesehen. Wie bei den Dionysien werden drei Tragödien und ein heiteres Nachspiel, das „Satyrnspiel“, das das aktuelle Leben aufgreift, gebracht, eine Tetralogie. Ein 10-Stunden-Theatermarathon, der zurzeit an jeweils einem Wochenende pro Monat läuft. HIER der Link zur Onlineseite zum Stück.

Es ist natürlich ein besonderer Tag. Warum besonders? Es gibt mehrere Gründe: Worum es geht – kleine Momente – nochmal kleine Momente – Lerninhalte und der Mensch – die Schauspieler und Schauspielerinnen – die Gesamtheit – das Gemeinschaftsgefühl – fehlende Bedrängnis – die Schlichtheit – kleine Fragen:

1. Die Antike: Es geht bei „Dionysos Stadt“ nicht nur um die Erzählung der antiken Stoffe, Rüping spannt – fast unmerklich – einen weiteren Bogen hin zu Fragen, die jedenfalls immer leicht mitschwingen.  Das hat ja auch die Antike ausgemacht damals. Der Mensch! Der Mensch zwischen Schicksal und Selbstbestimmung, oftmals zerstörerischer Selbstbestimmung. Der Mensch sah sich ja lange in der Gewalt von Göttern, Zeus etc. Und gegen den Willen von Zeus hat dann Prometheus den Menschen davon befreit, so die Sage, er gab den Menschen das Feuer. Der Mensch geht seither seinen eigenen Weg, wurde fähig (oder verdammt dazu), Wissenschaft und Technik immer weiter zu entwickeln. „Und dann kam ich, Nils Kahnwald“, sagt Nils Kahnwald  im Stück an entsprechender Stelle, als der Mensch von den Göttern befreit war.

2. Es gab dann einen kleinen Moment gegen Ende des Theatertages, der plötzlich alles enthielt. Trotz dieses langen Theatertages und -abendes hatte man offenbar die Kraft, solch kleine Momente zu erkennen! Im Satyrnspiel, dem vierten Teil: Einzelne SchauspielerInnen blieben plötzlich regungslos auf dem kleinen Fußballfeld stehen, das man sah, unterbrachen ihr Fußballspiel, standen nur im Weg und blickten stumm in den Himmel. Um sie herum wurde weitergekickt, vorne auf dem kleinen Kunstrasenfeld auf der Bühne. Nils Kahnwald wiederum, er erzählte dazu die Geschichte des Kopfstoßes von Zinédine Zidane beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006. Das war ja auch ein kleiner Moment. Er rezitiert den Text von Jean-Philippe Toussaint (La Melancholie de Zidane) zu diesen berühmten Sekunden. Es habe etwas für Zinedine Zidane Unausweichliches gehabt, der Kopfstoß. Etwas, was sich schon während des Spiels angekündigt habe. Etwas, das mit Melancholie zu tun habe, weil er seine Karriere nie anders hätte beenden können. Schicksal und Selbstbestimmung!

3. Der Abend hatte mehrere solcher Momente. Momente, die im Grunde das Mitschwingende hervorbrachten: Etwa wenn Benjamin Radjaipour mittendrin – während der Orestie, dem dritten Teil –  wieder als Prometheus erscheint und über die Bühne und durch die Zuschauerreihen geht. Mit seinen zu einer Pistole geformten Fingern simuliert er Kopfschüsse! Nach dem Motto: Ihr seid doch alle dem Untergang ausgeliefert! Und er selbst ist schuld (Teil 1, die Prometheussage). Erst sucht der Mensch Kriege (Teil 2 des Abends, Troja), dann sind es Familientragödien (Teil 3 des Abends, die Orestie) und immer so weiter, mittlerweile Kriege UND Familientragödien. Oder wenn Udo Jürgens mit „Griechischer Wein“ ertönt. Klingt banal, ist aber gut. Oder wenn Agamemnon aus Troja zurückkehrt, am Tisch sitzt, isst und mit Klytaimnestra redet. Mit Videokamera auf einer große Leinwand projeziert.

4. Es ist bei alledem ein positiver Theatermarathon und nebenbei auch ein  lehrreiches Erlebnis! Es sind vier Erzählungen, die völlig unterschiedlich gebracht werden: Wie gesagt: Die Erzählung 1: Die Prometheus-Geschichte (das Menschwerden) – eine Sage des Ursprungs der Menschheit. Der Mensch am Beginn des Weges zu Wissenschaft und Technik – Pause – Erzählung 2: Die Geschichte des Trojakrieges (und der Troerinnen) – eine wortgewaltige und musikalisch/mediale „Trojashow“ – Große Pause – Erzählung 3: Die Orestie – eine wunderbar humorvolle Darstellung der Familientragödie um Klytamnestra, Orestes, Elektra, Helena, Agamemmnon, Aigisthos etc. in modernes Leben gepackt – Pause wieder – Und zum Abschluss Teil 4: Eine leise Darstellung aus dem modernen Leben. Und immer wieder aufflackernd geht es um das Thema Menschsein insgesamt!

5. Ich möchte alle mitwirkenden SchauspielerInnen nennen: Maja Beckmann, Peter Brombacher, Majd Feddah, Nils Kahnwald, Gro Swantje Kohlhof, Wiebke Mollenhauer, Benjamin Radjaipour und Livemusik von Matze Pröllochs. Es sind für diesen langen Theatertag erstaunlich und erfrischend wenige Schauspieler! Bemerkenswert ihre Leistungen! Jeder Schauspieler und jede Schauspielern ist bemerkenswert überzeugend. Jeder und jede hat große Auftritte, ich frage mich auch, wie Sie sich all diese Texte merken können!

6. Meines Erachtens sehr prägend für diesen Tag ist auch, dass alle SchauspielerInnen ohne die geringste Einschränkung gerade in der GESAMTHEIT komplett überzeugen! Oft sieht man ja Stücke, bei denen vielleicht ein oder zwei SchauspielerInnen unter den anderen besonders überzeugen! So soll es ja zum Beispiel derzeit am Burgtheater in Wien bei der Inszenierung von Horvaths Glaube, Liebe, Hoffnung sein. Man schwärmt dort derzeit besonders vom Auftritt von Andrea Wenzl. Das Besondere bei Dionysos Stadt ist, dass alle durchgehend gemeinsam und jeder/jede für sich wunderbar spielen! Es ist die Gesamtheit der SchauspielerInnen, die einen geradezu durch diesen Abend zieht! Man ist eigentlich ständig bei Ihnen und – so ging es wohl fast allen Zuschauern – spürt nicht den Wunsch, vorzeitig zu gehen – bei 10 Stunden! Man merkt bei jedem und jeder SchauspielerIn durchgehend, dass er/sie sich mit dem Theatermarathon und dem Thema offenbar unglaublich identifiziert, wirklich nichts wirkte aufgesetzt, es schien ihnen Spaß zu machen!

7. Eine Art Gemeinschaftsgefühl entsteht fast im Lauf der Stunden. Mehr als sonst jedenfalls. Zwischen den Zuschauern untereinander und auch zwischen den Zuschauern und den Schauspielern.

8. Dieser lange Theatertag hatte bei mir jedenfalls die Wirkung, dass ich mich nicht ein einziges Mal auch nur irgendwie bedrängt fühlte. Bedrängt etwa von einer Art Wunsch der SchauspielerInnen, dem Publikum etwas klarmachen zu wollen. Kommt ja auch vor!

9. Besondes die ersten beiden Teile der Tetralogie – nein, auch der vierte Teil – bestechen durch Klarheit und Einfachheit! Trojas Geschichte ist durchaus kompliziert, aber die Herangehensweise von Christopher Rüping ist schlicht. Ein Merkmal der Inszenierungen von Christopher Rüping. Auch „Der erste fiese Typ“ – seine vorherige Münchner Inszenierung – besticht dadurch! Nichts ist überladen! Nichts ist verwirrend oder kompliziert durch unnötiges Geschehen. Man ermüdet nicht durch Komplexität der bildlichen Darstellung oder überbordende Details! Man fliegt mit. Einfaches Bühnenbild, Prometheus im Gitterkäfig über der Bühne hängend, wenige Schauspieler, die Schauspieler selbst nicht theatralisch, sondern schlicht und gut! Sehr gut! Glasplatten werden zu Scherben geschlagen – das ist das zerstörte Troja. Nur der dritte Teil, die Orestie, fällt insoweit aus dem Rahmen. Es ist üppiger, aber das muss dort so sein, es wird schließlich eine Hochzeitsfeier gezeigt. Aber auch das ist sehr gut gelungen!

10. Danach kann man sich kleine Fragen stellen, wenn man das Theater verlässt. Nils Kahnwald raisonniert ja am Anfang auch, man denke vielleicht später irgendwann noch an den Abend (Er sagt: … an ihn!) Wo stehen wir Menschen? Zwischen Schicksalsvorgaben von außen einerseits und eigener Selbstbestimmung andererseits zum Beispiel. Aber können wir denn überhaupt irgendetwas selbst bestimmen? Oder ist alles letztlich vorgegeben? Machen wir alles kaputt? Früher, in der Antike, dachte man, die Götter bestimmen vieles. Davon befreite sich der Mensch also. Und? Führte die Selbsbestimmung des Menschen seither nicht immer wieder ins Desaster? Troja und die Orestie waren in der Antike jedenfalls die ersten Desaster. Erstaunlich modern.

Viele Dinge haben diesen Theatertag also zu einem absolut gelungenen Tag gemacht! Standing Ovations am Ende.

©️ des Beitragsbildes: Julian Baumann

 

THEATER: Milo Rau, Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver

 

THEATER: Trajal Harrell – Morning in Byzantium

Was könnte sie von dem Abend halten? Was könnte sie mitnehmen? Zum Beispiel die  alleinstehende Mutter, geschieden, ein Kind im Haushalt, sie arbeitet täglich an der Kasse im Supermarkt, ihre Mutter ist krank, ihr selber geht es vielleicht momentan auch nicht besonders gut, die schlechte Luft den ganzen Tag, der Junge ist schlecht in der Schule, schafft er die sechste Klasse? Vielleicht gibt es noch finanzielle Probleme, das Geld ist auf jeden Fall knapp, die Spülmaschine ist defekt. So ist das Leben! Genau so! So ist der Alltag! Es  könnte sein, dass sie sagt: „Naja, der Abend von Trajal Harrell an den Münchner Kammerspielen“ – hinten in der schönen Kammer 2 – „ist eine andere Welt, die Welt, die nicht realistisch ist. Fast elitär, schöngeistig, sensibel, ästhetisch, abgehoben, das hilft mir nicht!“ Das  könnte sie sagen! Und irgendwie hätte sie jedenfalls zum großen Teil auch recht!  Ihr Alltag ist einfach anders!

Sie wird diesen Abend wahrscheinlich auch nicht sehen. Schade, obwohl er doch vielleicht auch für sie irgendwie schön wäre! Es geht ja allgemein um das Leben!  Und das hat sie ja auch an der Backe! Vielleicht könnte sie doch etwas mitnehmen.  Nur ein Gefühl. Sie muss sich vielleicht nicht unbedingt Trojas Geschichte (dazu komme ich aber in Kürze, am Wochenende schaue ich mir in den Kammerspielen – noch einmal – die 10 Stunden „Dionysos Stadt“ an) oder Shakespeare antun. Der Abend von Trajal Harrell hätte sie aber vielleicht irgendwie beeinflusst!

Es ist ein Abend allgemein über das Leben! Es wird keine Geschichte erzählt. Der Gärtner, der eine Rose und das Leben betrachtet. Mehr nicht. Er sieht alles um die Rose herum! Oder in der Rose drin! Man sieht keine Rose, aber man liest vom Gärtner und der Rose. Das Schöne, das Hässliche, das Langsame und Grazile, das Wankende, das Kranke, das Entstellte, das Gemeinsame, das Abgeschiedene, er sieht es alles. Manchmal wird er mitgerissen, manchmal nicht. Manchmal tanzt er, manchmal nicht. Es könnte auch ein sehr persönlicher Abend von Trajal Harell sein. Zart und sensibel schreiten die mitwirkenden Schauspieler (Irae Diessa, Marie Goyette, Trajal Harrell, Thomas Hauser, Walter Hess, Max Krause, Jelena Kuljić, Stefan Merki, Songhay Toldon, Ondrej Vidla) bedächtig und eingehüllt meist in wunderschöne Tücher auf Zehenspitzen über die Bühne.  Zart und ruhig wird auch das Entstellte dargestellt.

Begleitet meist von ruhigen Pianotönen. Schon das ist eine sehr eigene Herangehensweise.  Jeder, der geht und sich bewegt, wirkt dadurch leicht, verletzlich, sensibel, schön. Der Gärtner könnte aber sagen: Bei aller Schönheit ist auch alles schrecklich! Nur was soll er machen? Es gibt eine positive Antwort, sie zeigt sich am Ende, meint man. Dazu ändert sich die Musik auch deutlich! Und vielleicht könnte auch die alleinstehende Mutter immer wieder einmal  – für Sekunden – eine positive Antwort finden! Eine Antwort, die nicht im zweifelnden (verzweifelnden) Zurückschauen besteht, wie bei Orpheus und Eurydike. Orpheus hat Zweifel, ob ihm seine geliebte Eurydike folgt. Es dreht sich um und die Zweifel rauben ihm alles!  Es geht an diesem Abend vielleicht auch darum, dass man im Lauf des Lebens doch merkt, dass alles irgendwann zu Ende sein kann. Wie soll man da reagieren? Zurückschauen? Im Begleittext heißt es: „… für den Protagonisten (Anm.: Walter Hess) des Abends, der bereits so viel erfahren und gesehen hat und nun lustvoll den dritten Frühling seines Lebens beginnt. Vorstellung, Wirklichkeit, Erinnerung.„ Also Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit.

Die alleinstehende Mutter müsste sich allerdings sehr von ihrem Alltag lösen, an dem sie vielleicht immer wieder einmal verzweifelt, wenn sie sich auf diesen Abend einlassen will! Man müsste sie einladen!

HIER der Link zur Onlineseite der Münchner Kammerspiele zum Abend „Morning in Byzantium“.

©️ des Beitragsbildes: Orpheas Emirzas