MUSIK: Rachel’s – Warm Body

Gleich noch etwas sehr Ruhiges, zum Entspannen, ist immer noch gut. Ich bin gerade in der ruhigen Ecke. Dann wird es bald wieder lebhafter. Rachel’s heißt die Band, Warm Body heißt das Stück. Eine schöne Mischung aus fast psychedelischen Klängen (Streichinstrumente, Gitarre, Piano, Elektro) und Drums. Aus dem Album Systems/Layers. Die Drums setzen nicht sofort ein, aber gerade die Kombination Streicher und Piano mit den Drums gefällt mir. Der Gründer Jason Noble (das müsste er sein oben im Bild) ist dem verstorbenen Esbjörn Svensson (HIER) ähnlich! Und die Musik hat etwas von Ari Ben Meyers, der ja z. B. letztens (er hat aber schon wieder andere Sachen gemacht) die Musik zum höchst beeindruckenden Theaterstück „Die Räuber“ von Schiller im Residenztheater  (HIER mein damaliger Wahnsinnsbeitrag dazu) gemacht hat – mit Streichern und E-Gitarre und Drums.

HIER die Website der Band.

HIER das full album Systems/Layers.

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THEATER: August Strindberg – Der Vater

Es war die 20. Premiere in dieser Spielzeit, alle drei Bühnen der Münchner Kammerspiele inbegriffen! 1887 wurde August StrindbergsDer Vater“ uraufgeführt. Jetzt hat es Nicolas Stemann in München auf die Bühne des großen Spielhauses der Kammerspiele („Kammer 1“) gebracht. Auf den ersten Blick eine unspannende Wahl. August Strindberg ist übrigens vor fast exakt 106 Jahren, am 14. Mai 1912 in Stockholm gestorben. Ich habe das Stück gesehen und gelesen.

Auch das (kurze) „Drama“ liest sich auf den ersten Blick harmlos und unspektakulär. Eine banale Geschichte, wonach die Frau des Rittmeisters es schafft, ihn durch ihre starke weibliche Stellung in den Tod zu treiben. Aufhänger der Geschichte ist, dass der Vater unsicher wird, ob er wirklich der Vater der „Tochter“ Berta ist. Und Aufhänger ist, dass seine Frau Laura der Tochter Berta eine andere Ausbildung zukommen lassen möchte, als der Vater. Er kommt damit nicht zurecht. Doch das ist nur der erste Blick. Schon das Buch enthält interessante Aussagen zum Verhältnis Mann – Frau.

Es ist sicherlich nicht leicht, vor allem diesen zweiten, tieferen Blick auf das Verhältnis Mann – Frau auf die Bühne zu bringen. Nicolas Stemann hat es mit gemischtem Erfolg, wie ich finde, versucht. „Feminismus“ sagt man heute schnell. Gleichzeitig ist aber alles immer auch eine Frage des Patriarchats. Man denke da nur an die Sicht islamisch denkender Menschen auf die Rolle der Frau! Ein Riesenthema. August Strindberg hat das Stück wohl so verstanden, dass es „antifeministisch“ genannt werden konnte. Der Mann das Opfer, der „Sklave“, wie der Rittmeister sagt. Strindberg redet aber auch über einen sehr psychologischen Ansatz: Der Mann und die Mutter und der Mann, der sein Leben lang versucht, etwas zu machen, um sich zu beweisen. Er sagt:

Ich, der in der Kaserne und vor der Truppe der Befehlende war, ich war bei dir der Gehorchende und ich wuchs an dir, ich sah zu dir auf wie zu einem höher begabten Wesen und ich hörte auf dich, als wäre ich dein unverständiges Kind.

Da steckt Einiges drin. Nicolas Stemann versucht, den Aspekt hervorzuheben, dass der Feminismus natürlich auch Probleme der Männerwelt beinhaltet. Auf der Leinwand verschmelzen – siehe das Beitragsbild – das Gesicht der Frau (Julia Riedler) und des Mannes (Daniel Lommatzsch) zu einem Gesicht. Eigentlich sieht wohl auch Strindberg schon, dass Feminismus etwas mit den Männern zu tun hat. Sehr interessant sind auch die Verbindungen zu heutigen Diskussionen (etwa die #me-too-Bewegung). Das Thema ist ja absolut zeitlos, aktuelle Bezüge kommen aber bei Stemann nur zaghaft auf die Bühne. Hätte man hier nicht viel viel mehr auf die Bühne bringen können? Hätte man hier nicht viel aufgewühlter das Theater verlassen müssen? Einen interessanten Einblick in heutige Gedanken zum „Feminismus“ geben jedenfalls die im Programmheft abgedruckten Gespräche mit Nicolas Stemann und mit der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal (ihre Arbeiten kreisen schon immer auch um das Thema Feminismus). Hier liest man von vielen Aspekten des Themas!
Zur Inszenierung: Stemann-typisch eine Bühne, die keine Räumlichkeit zeigt, sondern eine bespielbare Fläche (grellgrüner Boden, aus dem bewegliche Stehlampen ragen), dazu einzelne Gegenstände auf der Bühne (ein Sofa, später ein Tisch, ein Fernsehapparat,) sphärische Musik (seine bekannten beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel kommen immer wieder auf die Bühne und begleiten mit fast drohenden Klängen das Spiel), die SchauspielerInnen übernehmen mehrere Rollen (sie sind Schauspieler und Rolle zugleich), auf besonders großer Fläche (ein Vorhang) werden teils die Schauspielerinnen  schwarz-weiß in Video gezeigt. Schöne Bilder, Julia Riedler sehr überzeugend. Inhaltlich hangelt sich der Abend erstaunlich nahe an Strindbergs Stück entlang. Wie gesagt: Da hätte Provokanteres, Mutigeres kommen können. Ansonsten: Überzeugend spielte neben Julia Riedler (sie kommt hier viel mehr in ihre „Rolle“ als etwa im „Wartesaal“, finde ich) besonders am Ende Wiebke Puls mit langem Monolog (siehe das Blogbild).

 

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

MUSIK: Esbjörn Svensson Trio – Viaticum

Heute einmal wieder Musik. Sie gehören auf jeden Fall dazu: Die drei vom schwedischen Esbjörn Svensson Trio. Das Trio wurde weltweit von Jazzkennern gefeiert. Wikipedia schreibt, sie hätten einen „Jazztrio-Klang geschaffen, der mit seinen Anleihen beim Sound der Pop- und Rockmusik dem Jazz neue Hörer erschloss„. Es ist tragisch, Esbjörn Svensson starb 2008 im Alter von gerade einmal 44 Jahren bei einem seiner ersten Tauchgänge bei Stockholm!

Hier das schöne Lied Viaticum:

THEATER: Obergrenze für Unzufriedene

Aus Anlass der Situation „50 Jahre nach 1968“ gibt es zurzeit – die Premiere war am Donnerstag, den 08.02.2018 – in den Münchner Kammerspielen die Inszenierung „1968„. Man kann sagen „politisches Theater“. Ein Transparent „KEINE ANGST“ hängt über den Theatereingängen in der Maximilianstraße (siehe Blogbild). Er nimmt offenbar Bezug auf das Manifest der französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“, das 2016 in der Zeitschrift „Liberation“ veröffentlicht wurde. Darin geht es (frei formuliert) um das Thema „Was sollen wir eigentlich noch machen, es ist doch alles schon „post-“ (postmodern etc.), wir sind zu spät!“. Sie plädieren für eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und enden im Manifest mit dem Satz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns. Habt keine Angst, es gibt nichts mehr zu verlieren.“

Die französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“ ist eine der von den Münchner Kammerspielen für diese Inszenierung eingeladenen Künstlergruppen. Künstlergruppen, die sich aus gegenwärtiger Perspektive mit Themen und Fragestellungen der bewegten Zeit um 1968 auseinandersetzen. Das Architektenbüro RAUMLABOR BERLIN (vor zwei Jahren bereits einmal mit den „Shabbyshabby Apartments“ in München in Erscheinung getreten) hat die Kammer 1 in einen offenen Raum verwandelt, den die eingeladenen Gruppen und RegisseurInnen mit je ca. 20-minütigen Kurzinszenierungen „besetzten“. Die Regisseurin LEONIE BÖHM, das Künstler*innenkollektiv HENRIKE IGLESIAS, der Regisseur ALBERTO VILLARREAL, die deutsch-ivorische Gruppe GINTERSDORFER / KLASSEN, die Regisseurin ANNA-SOPHIE MAHLER, die Schriftstellerin ELFRIEDE JELINEK, der polnische Regisseur WOJTEK KLEMM und das französische COLLECTIF CATASTROPHE – sie alle brachten etwa 20-minütige Beiträge.

Zweierlei wird versucht:

Zum Einen wird das Szenario der 68er in verschiedensten Formen um die Inszenierung herum und in ihr aufgegriffen: „Teach-In’s“ vor den Vorstellungen mit Zeitzeugen, eine „Speakers Corner“ vor dem Theater und in München, der „begehbare Tempel“ T1 mit exklusivem Bild- und Tonmaterial von Uschi Obermaier im Innenhof der Kammerspiele, der umgestaltete Zuschauerraum des Theaters, freie Platzwahl, Bier in einer Pause, ein umfangreicher „Reader“ mit Begleitmaterial zum Abend, das Transparent und vor allem die jeweiligen  Ausgangspunkte der verschiedenen Darbietungen.

Zum Anderen geht es nicht nur um das DAMALIGE. Es geht um HEUTIGE Blicke auf die damalige Zeit. Es geht NICHT darum, nachzuforschen, wo heutzutage Felder der Revolution liegen. Das wäre ein anderes Thema. Es geht um damalige Vorgänge und die Überlegung, was davon heute noch verblieben ist oder auch in die heutige Zeit noch hineinwirkt. Die Überlegung: „Wo stehen wir heute?“, ausgehend von den DAMALIGEN Vorgängen.

Da passte erst einmal mein kleines Gespräch vor Beginn des Abends:

Früher sei es recht einfach gewesen, hatte ich den Herrn, der neben mir saß, angesprochen. Man habe in den 68ern konkret gegen die Notstandsgesetze protestiert. Es würden sich auch heute viele Menschen sagen: So geht es nicht weiter, es muss sich Einiges ändern! Aber man könne heute irgendwie nicht einfach definieren, was sich ändern müsse. Das sei das Problem. Hatte ich ihn weiter „belästigt“.

Er antwortete gelangweilt: Es ändert sich doch sowieso nichts!

Ja, sagte ich, besonders hier in Bayern!

Naja – jetzt wurde er wach – wenn es mir in Bayern nicht gefalle, könne ich ja woanders hinziehen. Er könne mir aber nichts empfehlen!

Das Gespräch war beendet. Was für eine Antwort! So ist das heute: „Uns geht es gut, so soll es bleiben und wem es nicht gefällt, der kann ja woanders hin! Der werde schon sehen, was er davon habe! Also her mit einer OBERGRENZE FÜR UNZUFRIEDENE!

Dann begann der Abend: In den Kammerspielen gab es ja im Juli 1968 berüchtigte Entlassungen, nachdem die Schauspieler – damals vorgelesen vom Kabarettisten Wolfgang Neuss – auf der Bühne nach der Premiere des Stückes „Vietnam-Diskurs“ zu Spenden für den Vietcong aufgerufen hatten.

Nun, es war nicht etwa nur ein „ästhetischer Approach“ an die damaligen Themen, nach dem Motto „Wir stellen das alles nochmal schön dar!“. Nein, es war inhaltlich getrieben, politisch. Die Themen etwa waren: Damalige und heutige Selbstverbrennungen aus Protest, Politik und Psychologie, Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute, der damals viel zitierte Schriftsteller Franz Fanon, die  Studentenunruhen und Massaker in Mexiko vor Olympia 1968, Feminismus, etc.

Es war ein starker, vielfältiger Abend, der nur wenige Momente hat, die ihn schwächten. Verschiedenste Beiträge, die m. E. ohne Brüche zu einer wirklich gelungenen Inszenierung zusammengewoben werden. Als Gesamzinszenierung und im Einzelnen inhaltlich dicht (mit kleinen Hängern, etwa Elfriede Jelinek und der Feminismusbeitrag). Bis Mitte März kann man ihn sehen.

Es begann schon treffend: Eine schauspielerisch wunderbare Einführung in die Zeit von Thomas Hauser und Lukas Vögler. Beide in esoterischem, liebevollem Gebrabbel mit einem Zuschauer (Beitrag LEONIE BÖHM zur Person Wolfgang Neuss).

Dann wurde es bitterernst. Europas moralisches Versagen in der Zeit des Kolonialismus und die Fehler Afrikas (Beitrag GINTERSDORFER / KLASSEN). Es folgte der Beitrag von ANNA-SOPHIE MAHLER, die eine musikalische Collage zur damaligen Verfassung der Studenten bringt. Wieder einmal auch mit sehr prägendem Gesang von Jelena Kuljic. Dieser Beitrag war m. E. ästhetisch am beeindruckendsten inszeniert, wenn auch am unpolitischsten. WOJTEK KLEMM greift – beeindruckend v. a. durch Stefan Merki –  Selbstverbrennungen in Polen und der Tschechoslowakei auf. ALBERTO VILLARREAL erinnert an die brutale Niederschlagung von Studentenprotesten in Mexiko 1968, wenige Tage vor der dortigen Olympiade. Das junge Frauen-Performancekollektiv HENRIKE IGLESIAS greift eher humoristisch das Thema der Frauenbewegungen und ihren heutigen Standort auf. Der Reigen endet mit dem eher musikalischen (Pop-)Beitrag des COLLECTIF CATASTROPHE. Hier – wie in deren Manifest – wird alles Revoltenmäßige aufgegeben. Sie folgen, wie gesagt, dem Ansatz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns“. Das mag irgendwie stimmen, alles wird global und selbstbestimmt. Aber es verharmlost den Abend etwas und lässt außen vor, dass es auch heute Zustände und Entwicklungen gibt, die zu beandstanden wären. Die Position des COLLECTIF CATASTROPHE gehört sicher auch zum Stimmungsbild heutiger Zeit, ich fand aber ihren Beitrag etwas schade für den engagierten Abend. Ebenso den Beitrag des Frauen-Performancekollektivs HENRIKE IGLESIAS.

Man merkte im Übrigen, dass die damaligen Themen, auch wenn sie sich heute noch auswirken, nicht die drängendsten Probleme unserer Zeit sind.

PREISAUSSCHREIBEN

Man muss (wie auch oben im Header des Blogs) auf Lesen: Eine abgeschlossene Erzählung klicken. Da geht es dann weiter.

Ich habe in den vergangenen Monaten/Jahren eine Erzählung geschrieben, sie ist jetzt fertig und trägt den Titel „GRUPPE FRÜHLINGSFEST“. Im Blog ist sie unter dem obigen link komplett eingestellt. Außerdem habe ich dort eine kurze Inhaltsangabe formuliert, ein Exposé. Man muss allerdings auf der oben genannten Seite den link zur Erzählung anklicken. Dann ist man drauf.

Gerne höre/lese ich dazu Kommentare jeder Art. Auch Verrisse. UND: Ich habe eine Preisfrage formuliert. Sie lautet:

WER MIR ALS ERSTER SAGEN KANN, OB VATER JUNGWIRTH IM FESTZELT IN TRACHTENKLEIDUNG SITZT, BEKOMMT EIN EXEMPLAR UMSONST, WENN ICH EINEN VERLAG FINDE.

Er oder sie kann es ja verschenken, weil er/sie es ja dann wohl schon liest. Oder bekommt den Gegenwert (Verkaufspreis).

Also, ran an den Speck!! Ich freue mich auf Kommentare und den/die GewinnerIn!

 

 

ENDE 2017

Stay with your feet on the ground, but keep reaching for the stars!

Ich erinnere mich: Casey Kasem, Moderator der „American Top 40“ auf AFN Radio. Er beendete seine wöchentliche Radiosendung mit diesem Satz. Von 1970 bis 2004 moderierte er die Musiksendung, die weltweit Beachtung fand. Ich erinnere mich auch an seine Rubrik „Long Distance Dedication“, die innerhalb dieser „American Top 40“ gebracht wurde. Voneinander entfernt wohnende Liebende hatten Gelegenheit, sich mit einem Musikwunsch zu grüßen.

MUSIK: Kinks – Lola

Die Musik, die ich hier bringe, hat natürlich auch manchen Erinnerungswert. Nicht immer, aber oft. So etwa SIMPLE MINDS, Don’t you (forget about me). Freunde werden dieses Lied immer mit mir verbinden. Es wird heute noch angestimmt, wenn es um meine schäbige Vergangenheit geht. Es war ein wunderbares Studienjahr in Lausanne. Heute „Lola“ von den Kinks. Auch dort spielen sie rein, meine Erinnerungen. Im Sommer, in meiner Kindheit und Jugendzeit, verbrachten wir jedes Jahr drei/vier Wochen auf Sylt, dieser trostlosen Insel, diesem deutschen Problemviertel. Ich mit den Eltern und den beiden Geschwistern, Bruder und Schwester. Es war jedes Jahr großer Sommerurlaub. Angereist kamen wir mit dem irgendwie finanzierten Auto. Wir, die kleinen Kinder, lagen damals tatsächlich noch unangeschnallt hinten: Einer auf der Fensterablage, einer auf der Rücksitzbank, einer im Fußbereich (!). Ich sehe mich noch im Fußbereich – die Mittelverstrebung störte immer. Ich erinnere mich gut. Wir wohnten in einem der verfallenen, dreckigen, wertlosen Häuschen in Kampen. Eine armselige Hütte. Es gab aber sogar fließend Wasser. Es waren immer wieder schöne Zeiten! Gut, tagsüber lümmelten die armen Menschen am Strand „Buhne 16“ in ihren kaputten und verschmutzten Strandkörben, zerschunden, abgearbeitet, müde, ungewaschen, alkoholisiert, stinkend, krank, verletzt, entstellt. Sie saßen dort und warteten auf nichts. Wünschten sich höchstens, dass der Tag doch bitte so bleibe … oder doch bitte vorübergehe. Manche gingen ins kalte Wasser, auch bei Flut. Und am späten Nachmittag sah man sie dann wieder im Ort. Diese Clochards, die Bettler, diese armen unrasierten Menschen. Sie kannten sich natürlich alle, von irgendwelchen Brücken im Hamburger Hafen wahrscheinlich. Im „Gogärtchen“ standen sie, die Ärgernisse des Tages mit einem Gläschen Champagner oder schon wieder mit einem Drink – am besten mit beidem – herunterspülend. Es war so traurig. Abends und nachts, nachdem sie mit ihren zerkratzten, verbeulten und überall klappernden Lamborghinis oder Porsches in ihre erbärmlichen, dem Verfall preisgegebenen, mit altem Reet notdürftig gedeckten Hütten in Kampen/Wattseite gerumpelt waren, kamen einige wieder. In das Kamp Huis etwa, schräg gegenüber vom billigen Gogärtchen, in dem erst einmal der Dreck vom späten Nachmittag beseitigt werden musste. Ich glaube es hieß „Kamp Huis“. Dort sah man sie also wieder, die ungepflegten, schmutzigen Clochards, ihre billigen Frauen (oder waren es Nutten?). Sie trugen ihr letztes Hemd, ihre letzte verdreckte und eingerissene Hose, meistens auch völlig abgelatschte, verbrauchte und verdreckte Schuhe. Und dort kam auch dieses Lied von den Kinks, Lola. Ich sehe sie noch auf den wackelnden Tischen herumzappeln, sie ließen sich hemmungslos gehen. Als hätten sie Spaß am Leben. Betrunken grölte man Lola mit. Ich sehe es vor mir. Hier also das Lied:

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!

THEATER: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht VON Bertold Brecht

Jeder kann doch nur das machen, was er braucht und was er überhaupt kann. Mehr geht nicht. Wir sind keine Übermenschen! So hat es vielleicht auch Bertolt Brecht gesehen, als er für das Stück „Trommeln in der Nacht“ ein Ende gesucht hatte. Es war das zweite Werk des damals 24-Jährigen. Gestern war Premiere in den Kammerspielen,Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Inszeniert von Christopher Rüping.

Ja, wir können nur das machen, was wir brauchen und können, also schaffen. Wir sind keine Übermenschen! Vielleicht hat Brecht gesehen, dass ein Mann, der nach dem I. Weltkrieg und vier Jahren Kriegsaufenthalt in Afrika nach Hause kommt, nicht gleich an einer Revolution teilnehmen kann. Auch nicht aus Frust. Irgendwo hört es doch auf! Der tot geglaubte Kriegsheimkehrer Andreas Kragler – gespielt von Christian Löber – sucht Halt in seinem Leben. Es hat sich in seiner Abwesenheit alles weiterentwickelt. Er gehört da kaum mehr hin. Er sucht und braucht Vertrautes! Seine Verlobte Anna sollte schon einen Anderen heiraten, sie ist sogar schon schwanger von ihm, er selber galt als tot, erscheint wie eine Leiche auf der Bühne, die Fabrik des Schwiegervaters in spe stellte um auf Kinderwägen. Und er: Vier Jahre Afrika, völlig fertig, zurück in der alten Heimat. Wenn das nicht zu Orientierungslosigkeit führt! So kann es übrigens auch Flüchtlingen gehen, die derzeit hier in Deutschland sind. Andreas Kragler entscheidet sich im Stück „Trommeln in der Nacht“ VON Brecht originalgetreu aber dennoch – Anna kehrt zu ihm zurück – für seine damalige Liebe, für Anna. Ich verstehe diese Variante sehr gut, die Revolution war doch wohl eher etwas für daheim Gebliebene.

Es gibt zwei Versionen der Inszenierung, die künftig abwechselnd gezeigt werden: Einmal „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht und einmal „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht. Die Version Trommeln der Nacht VON Bertolt Brecht ist die von Brecht geschriebene Version. Bertolt Brecht hatte dann jahrelang mit diesem Ende gehadert, mit der Entscheidung für die Liebe und gegen die Revolution.

In der zweiten Version der Inszenierung, „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht, wird sich Andreas Kragler anders entscheiden. Was ja zumindest „auch“ im Sinne von Bertolt Brecht sein kann! Er wird sich für die Revolution entscheiden. Ich bin gespannt, am Sonntag Abend ist die Premiere dieser zweiten Inszenierung. Ich werde auch über die zweite Fassung berichten. Brechts Stück sollte ursprünglich „Spartacus“ heißen, da es in der Zeit des Spartacus – Aufstandes nach dem I. Weltkrieg geschrieben war. Das deutet in der Tat auf das Interesse Brechts an der Revolution hin. Obwohl er eben letztlich ein Ende gegen die Revolution gewählt hatte.

Zur Inszenierung: Es ist eine sehr gelungene Inszenierung. Getragen von einem überzeugenden Ensemble. Starke und sehr glaubhaft prägende Bühnenpräsenz haben vor allem Damian Rebgetz (als Journalist Barbusch) und Christian Löber (als Andreas Kragler), auch Wiebke Mollenhauer (als Anna). Es ließe sich so viel dazu sagen. Es gibt so viele Aspekte! Was da alles aus dem Text herausgeholt wird! Allein die Vielschichtigkeit der Inszenierung. Die immer wunderbar zur Brechtschen Zeit passenden Elemente, auch wenn stückchenweise Andeutungen zu modernerer Zeit gebracht werden, wenn etwa Damian Rebgetz „I shot the sheriff“ singt. Oder wenn die Modernität in der späteren Kostümierung und im Bühnenbild (etwa die herabgelassenen Neonröhrenkonstrukte) Einzug erhalten. Bertolt Brecht wurde damit aber, war mein Eindruck, in keiner Weise ausgehebelt. Es bleibt ein Brechtabend.

Zuerst wird man zurückgeführt in den ersten Akt der Inszenierung von 1922. Deutlich ironisch wird im alten Stil gespielt. Die Zeiten im Theater haben sich geändert! Die Uraufführung 1922 fand damals in den Münchner Kammerspielen statt (an anderem Ort). Das gleiche Bühnenbild wurde jetzt rekonstruiert. Dann rutscht man langsam in modernere Zeiten. Dennoch bleibt man voll und ganz im Thema von Bertolt Brecht. Es zerfaselt nicht! Weitere „Schicht“: Der Journalist Barbusch begleitet das Bühnengeschehen in immer wieder anderer Form auf süffisante Art und Weise. Er singt, er beobachtet, er erklärt einer fiktiven Person neben der Bühne den Inhalt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Inszenierung: Die Einbeziehung des Publikums. Es gelingt, das Publikum nicht beim bloßen Glotzen zu belassen. „Glotzt nicht so romantisch“ hatte Bertolt Brecht schon in seiner Uraufführung 1922 im Foyer der Kammerspiele plakatiert. Auch er richtete sich damit schon an das Publikum. Das Publikum, das auf der Bühne so gerne mit Dramatik, mit Mord und Totschlag amüsiert werden will, wird wachgerüttelt. Christian Löber – unterstützt von weiteren Schauspielern – wendet sich gegen Ende kämpferisch an das Publikum: Sinngemäß: „Nein, wir bieten Euch kein Drama, da müsst ihr schon selber dafür sorgen, wenn sich was ändern soll!“

Die Inszenierung bleibt insgesamt irgendwie nah dran an Bertold Brecht, der vor fast 120 Jahren in Augsburg geboren wurde. Allenfalls etwas ratlos hatte ich die Kammerspiele verlassen. Ich musste die Vielzahl der Aspekte erst einmal verdauen. Aber dafür habe ich ja auch noch die Aufführung der zweiten Versionam Sonntag, die sich nur am Ende von der gestrigen Inszenierung unterscheiden wird.

Wieder einmal sage ich: Hingehen!

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger – „Erfolg“: Dieses kleine, unscheinbare Heftchen, dieser bescheidene Band, kränkliches Kloblättchen, dürftige Broschüre, unscheinbares Taschenbüchlein, windiges Ding … neinnein, genau das Gegenteil ist der Fall: Dieser Brocken! Ihn hatte ich zuletzt gelesen. Weil in den Kammerspielen ja am vergangenen Wochenende die Premiere von WARTESAAL von Lion Feuchtwanger war (ich sehe es am Sonntag). Und Wartesaal heißt die Trilogie von Lion Feuchtwanger, zu der auch „Erfolg“ gehört. „Erfolg“ – „Die Geschwister Oppenheim“ – „Exil“. Aber ich war auf dem Holzweg. Der Regisseur Stefan Pucher konzentriert seine Inszenierung an den Kammerspielen auf den Roman „Exil“!  Trotzdem, es war eine gute Wahl. Jetzt kommt eben noch „Exil“ dran. Auch so ein windiges Ding, läppische fast 900 Seiten!

München in der Zeit nach dem I. Weltkrieg, erste Hälfte der Zwanziger Jahre. Lion Feuchtwanger schildert in dem Buch, wie man damals in Teilen der Münchner Gesellschaft dachte und handelte. „Erfolg“ ist ein grandioses Panorama der Zeit, in der Hitlers erster Anlauf zur Machtergreifung scheiterte. Lion Feuchtwanger war wohl der erste Schriftsteller, der das Aufkommen des Nationalsozialismus thematisierte. „Kein literarisches Werk vorher und nachher hat die Mentalität der Stadt und ihrer Bewohner so gut erfasst wie der „Erfolg“, trotz oder gerade wegen der begründeten Hassliebe, die daraus spricht“ (Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2008). Was den Blick auf das Bayerische, Voralpenländische angeht, haben Feuchtwangers Beobachtungen vor allem heute noch volle Berechtigung! Sie sind zeitlos. Die Bayern bleiben die Bayern. Es ist sehr bedrückend, wie hilf- und wehrlos alle die damals aufkommenden Veränderungen gesehen und hingenommen haben. Erst kleine Veränderungen, Lappalien, Stimmungsänderungen, dann auch deutliche Veränderungen. Es wurde immer bedrückender. Aber jeder schaute auf sein eigenes Thema, sein Fortkommen. Durch das Buch zieht sich etwa die tragische Geschichte des progressiven Kunsthistorikers Dr. Martin Krüger, der wegen einer völligen Lappalie – im Grunde aber wegen mißliebiger Kunstwerke, die Krüger erwirbt und ausstellt –  ins Gefängnis kam.

Dieses Kunstskandälchen bildet […] nur den Ausgangspunkt, sozusagen den Schmetterlingsflügelschlag, aus dem sich ein Orkan von einem Roman entwickelt: ein Zeit- und Sittenbild epochalen Ausmaßes, in dem die bayerische Mentalität, die politisch-ökonomische Großwetterlage und die deutschen Zustände am Vorabend des Dritten Reichs spürbar, greifbar und schmeckbar werden. Dieser große politische Roman bleibt bei aller analytischen Schärfe stets das Werk eines Bestsellerautors. (Wilhelm Trapp, Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008)

Erstaunlich wie immer ist die Zusammenfassung des Romans auf der WEBSITE von Dieter Wunderlich.