LITERATUR: Juli Zeh – Neujahr

Ich habe nach „Unter Leuten“, ihrem bekanntesten Werk, jetzt auch ihr neuestes Buch gelesen: „Neujahr“ von Juli Zeh. (HIER die kürzlich gepostete Besprechung von „Unter Leuten“).

Mein Fazit zu ihrem Roman „Neujahr“ vorweg: Ich fand den – deutlich umfangreicheren – Roman „Unter Leuten“ um Einiges interessanter. Vor allem sprachlich hat mich “Neujahr” eher gelangweilt. Viele Standardbilder, die nicht sehr überraschend beschrieben werden. Es entsteht Spannung, aber keine besondere Stimmung, fand ich.

Die Story von „Neujahr“:

Die Geschichte, die Juli Zeh in ihrem neuesten Roman „Neujahr“ erzählt, ist recht weit hergeholt. Ein Mann radelt am „Ersten Ersten“ des Jahres 2018, also an Neujahr, mit großer Anstrengung – und schlechter Ausrüstung – im Sportwahn hoch auf einen der kargen Berge von Lanzarote –  die Familie macht dort gerade Urlaub – zu einem einsam gelegenen Haus und erinnert sich (ab der Mitte des Buches) an sehr eigenartige Dinge aus seiner Kindheit. Mehr kann ich inhaltlich nicht verraten.

Meine Beurteilung von „Neujahr“:

Man merkt durchaus auch an dieser Erzählung: Juli Zeh kann so erzählen, dass man  eigentlich zu jedem Zeitpunkt wissen will, wie es weitergeht. Sie lässt immer wieder viele Dinge offen und steigert die Spannung. Man erwartet dauernd etwas. Das macht das Lesen spannend, keine Frage. Man will ja manchmal ein Buch einfach auch deswegen lesen, um abgelenkt zu werden oder ähnliches. Dann ist dieses Buch geeignet.

Mich hatte nur bei „Neujahr“ gestört, dass der Erzählstil des Romans – wie gesagt – nicht sehr einfallsreich ist. Der Roman „Unter Leuten“ wurde dagegen viel mehr davon getragen, dass Juli Zeh immer wieder plötzlich Situationen einfallsreich darstellt und mit interessanten Gedanken und Worten schildert. Da entstanden kurze, besondere Blicke auf die Dinge. Sie kann ja gut schreiben. Da steckte oft auch eine Art schelmischen Humors drin. Das fehlt dem Roman „Neujahr“ meines Erachtens. Es wird alles fast reportagemäßig geschildert. Ich lese lieber Bücher, an denen auch der Erzählstil auffällig und besonders ist. Besonders natürlich Thomas Bernard, aber auch viele andere. Es schien mir fast, als wolle Juli Zeh mit dieser Erzählung etwas üben: Sie wollte vielleicht eine einzige – nicht sehr ausgefallene – Situation genau schildern (Radfahren bei immer mehr Anstrengung, dazu immer wieder auftretende Beklemmungen des Protagonisten („Es“) und eine Erinnerung an ein verdrängtes Kindheitserlebnis. Und alles in vielen kurzen Sätzen. Das ist der Stil dieser Erzählung: Kurze Sätze. Auch das hat mir persönlich nicht so gefallen.

HIER die Onlineseite des Verlages Luchterhand zum Buch.

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LITERATUR: Juli Zeh – Unter Leuten

Bekannt ist Juli Zeh seit Jahren, hier die Rezension eines ihrer aktuelleren Werke: „Unter Leuten“. Ich hatte bisher noch kein Buch von Ihr gelesen. Ich lese derzeit  noch einen zweiten Roman von ihr. Auch darüber werde ich in Kürze berichten.

Fazit vorweg:  

Es geht aktuell und politisch los (Windkraftanlagen sollen in schöner Landschaft in der Nähe des Dorfes „Unterleuten“ in Brandenburg gebaut werden), man bekommt interessant und spannend geschrieben die Befindlichkeiten der Bewohner des kleinen Dörfchens mit, die sich angesichts der Planung der Windkraftanlage in der näheren Umgebung auftun. Die Beziehungsgeflechte, die Zeiten der ehemaligen DDR, das aktuelle Leben, alles hängt mit allem zusammen.

Je mehr man aber liest, umso mehr geht es um die einzelnen Schicksale und die Verstrickungen der dort lebenden Menschen, nicht mehr um das politische Thema. Das ist etwas schade, zumal man den Roman letztlich mit dem Gedanken verlässt: „Viele der geschilderten privaten Schicksale gehen letztlich doch ausgelöst durch den Plan der Windkraftanlagen desaströs den Bach hinunter“. Sehr brisant, genau so mag es sein! Wer mag schon Windräder in seiner Nähe? Andererseits brauchen wir sie ja. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen, aber so, wie Juli Zeh es angeht, ist es eben auf der Ebene der persönlichen Schicksale zu Ende gedacht!

Zur Autorin:

Sie ist zweifelsohne eine der extrem erfolgreichen SchriftstellerInnen der letzten Jahre. Zwei Bücher werde ich dann also von ihr gelesen haben (Futur II!): Zum Einen den Roman „Unter Leuten“, erschienen 2016, und zum Anderen ihr aktuellstes Buch, „Neujahr“, erschienen 2018, ein deutlich kürzerer Roman. Bekannt sind von ihr ja auch vor allem die Romane „Schilf“, erschienen 2007, und „Nullzeit“, erschienen 2012. Irre, was sie schon alles geschrieben hat. Der Roman „Unter Leuten“ ist deutlich umfangreicher, als der aktuelle Roman „Neujahr“. Siehe schon die Blogfotos.

Sie ist promovierte Juristin. Man liest ja derzeit, dass sie auf Vorschlag der brandenburgischen SPD-Landtagsfraktion Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht werden soll. Sie scheint also äußerst vielseitig zu sein. So schreibt sie auch. Sie scheint Praktikerin zu sein! Nicht vergeistigt! Völlig anders als etwa Andreas Maier (siehe meinen vorherigen Blogbeitrag zur Literatur). Sie kann Situationen gut beschreiben, sehr vielfältig, nicht wiederholend, nicht einseitig, interessant, immer wieder mit verstecktem Witz, überraschenden kleinen Wendungen. Das ist ihre Gäbe, finde ich: Plötzlich findet sie wunderbare Worte für irgendwelche Begebenheiten und dann geht es weiter. Man stößt immer wieder auch etwa auf schöne Gedanken zu unserem aktuellen Leben. Und immer wieder reißt sie mit den geschilderten Situationen aktuelle Themen an.

Zum Roman:

Der Roman „Unter Leuten“ hat meines Erachtens zwei sehr unterschiedliche Teile: Im “ersten Teil” – circa zwei Drittel des Buches – geht es fast „politisch“ zu. Aktuelles Thema eben: Die Errichtung einer Windkraftanlage auf dem Land. Keiner will sie haben, die Rotoren. Fast niemand, denn Investoren wären interessiert.  Fast parallel blickt man auf die Konstellation West/Ost! Auch das durch die genauen Schilderungen mit schöner Prägnanz! Sehr schön wird geschildert, wie der Plan, die Windkraftanlage in der Nähe des kleinen ostdeutschen Dorfes zu errichten, das ganze Dorf in Aufruhr bringt. Wie sich so etwas entwickelt, wer was dabei denkt, welche Allianzen sich auftun, welche Lebensmodelle bestehen, welche Vermutungen angestellt werden und und und .

Im zweiten Teil des Romanes merkt man aber, dass es Juli Zeh nicht mehr darum geht, diese politisch hochkontroverse Konstellation aufzuzeigen, zu entwickeln und zu vertiefen, sondern darum, persönliche Schicksale, die sich im ersten Teil des Romans auftaten, konsequent weiter zu schildern. Der Roman bekommt einen anderen Drall: Man hat es kaum mehr mit der Windkraftanlage zu tun. Auch hier gilt zwar: Sie schildert die weiteren Situationen und Entwicklungen und Beziehungsgeflechte immer sehr gut, nah am Leben, fand ich! Und immer wieder mit Witz und interessanten Darstellungen zu unserem aktuellen Leben. Ich will nicht zu viel verraten, es wird ziemlich krass, aber glaubhaft! Aber schade: Das Thema der Windkraftanlagen in schöner Landschaft verliert man aus dem Auge!

Also:

– Man braucht Zeit.

– Man wird aber letztlich durch den Roman getrieben, weil er die gesamte Situation und die Geschichte immer weiter gut schildert!

– Auch wenn er gegen Ende hin nicht mehr die politische Brisanz des großen Themas hat. Und auch, wenn er mir persönlich etwas zu „praktisch“, zu real wurde!

HIER die Website des Verlags zum Buch mit weiteren Rezensionen etc.

 

LITERATUR: Andreas Maier – Was wir waren

Jetzt kann ich endlich einmal wieder etwas von Andreas Maier bringen! Ich mag ja seine Bücher sehr! Welches habe ich nicht gelesen? Er hat etwas von Thomas Bernhard, in einer gewissen Art der Beobachtung der Dinge und der Art, darüber zu schreiben. Da bin ich nicht der einzige, der das sagt. Das weiß er auch – also, dass es so ist, nicht, dass ich das so sehe. Er hat über Thomas Bernhard promoviert, hieß es irgendwo.

Wunderbar und empfehlenswert sind seine Bücher! Beginnend mit Kirillow, Wäldchestag (!), Klausen (!), Sanssouci, die allesamt eigenartige Erzählungen waren. Skurril, treffend und einfach geschrieben, nie überdrallert. Bis hin zu seiner neueren Reihe über seine Herkunft, sein Leben in der Wetterau. Einfach die Wetterau im Hessischen. Friedberg in der Wetterau. Das Zimmer, Das Haus, Die Straße, Der Ort, Der Kreis, Die Universität. Betrachtungen seines Lebens, immer etwas von außen, rückblickend betrachtet. Es ist „unsere Zeit“, die er damit betrachtet, und er schafft es, mit seiner betont einfachen Sprache anhand einfachster Situationen Wahrheiten dazu zu formulieren. Auch über Großes oder das große Ganze wird nachgedacht. Über „das Fremde“ etwa. Aber auch das schreibt er einfach, wenn auch wunderbar treffend und damit tatsächlich tiefgehend.  Wenn „Fremde“ am Wirtshaus an der offenen Tür vorbeigehen oder gar in das Wirtshaus hineinkommen … Man kann eben Apfelwein trinken oder Apfelwein trinken und sich Gedanken machen oder den Wirt beobachten. Man kann sich auch rückblickend sehen, wie man damals beim Wirt Apfelwein getrunken hatte und man kann sich darüber jetzt Gedanken machen. Etwa darüber Gedanken machen, was der Wirt damals für einen bedeutete!  Wie alles so war in diesem Leben damals!

Generell: Wenn man ein Buch liest, taucht man doch in eine bestimmte Stimmung ein. Jedes (gute) Buch schafft und transportiert doch eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre. Ich lege ein Buch weg und nehme es wieder zur Hand, um weiterzulesen, und dann weiß ich schon, dass ich wieder in eine Stimmung eintauche! Oft ist ja gar nicht das geschilderte Geschehen das, was interessiert, sondern man will nur wieder in diese Stimmung eintauchen. Und am Ende, wenn man das Buch fertig gelesen hat, trägt man vielleicht auch diese Stimmung ein bisschen in sich. Ein Gefühl ist das dann, nicht nur ein Wissen über das Geschehen, das geschildert wurde.

Vielleicht ist es im Grunde schwerer, eine solche Stimmung zu schaffen, wenn in dem Buch “nur” lauter kleine Kolumnen zusammengefasst sind. So in dem neuen Buch von Andreas Maier, „Was wir waren“. Es ist eine kleine Sammlung von Kolumnen, die Andreas Maier in den vergangenen Jahren für die Wiener Zeitschrift Volltext geschrieben hatte.

Aber auch in diesen kleinen Band wird eine Stimmung transportiert! Das machen die Gegenstände seiner Beobachtungen und seine Sprache. Nichts ist gekünstelt, banalste Dinge werden gesehen. Aber auch oder gerade in den banalsten Dingen ist ja alles drin! Bilder seiner Jugend, die Wetterau, der Wirt, Bornheim, die „Bindernagelsche Buchhandlung“ in Friedberg, die Tochter des Buchhändlers, eine Lesereise nach Freiburg, Friedberg in der Wetterau, Sachsenhausen in der Wetterau (?), die Bierkneipe „Die Dunkel“, Apfelwein, der Mensch, und und und.

Noch schöner fand ich seine ersten Bücher (siehe oben), aber auch die Bücher der letzten Jahre sind allesamt köstlich. Etwa auch der Band über Udo Jürgens nach dessen Tod. Auch dieses hier.

Ganz aktuell also sein kleiner Band Was wir waren“. Zu diesem Buch muss man ihn aber fast schon kennen! Oder es als Einstieg nehmen und ein weiteres lesen. Etwa „Klausen“!

HIER  die Suhrkamp-Seite zum Buch mit Leseprobe!

MUSIK: Deep Purple – Child in Time

Hier mal wieder ein Stückchen Musik. Deep Purple, Child in Time. Das ist auch schon wieder eine Weile her.

Wie ich darauf komme? Ich habe gelesen, dass dieses Stück derzeit am Burgtheater in Wien zu hören ist. Und zwar bei einem derzeit übermäßig gelobten Stück, bei „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödon von Horvath. HIER der Link zur Onlineseite des Stückes in Wien. Man ist ganz begeistert von Andrea Wenzl. Und in einer der besten Szenen des Abends, so ein Kommentar, wird dieses Stück von Deep Purple gebracht.

Ich wusste gar nicht mehr, welches Lied das überhaupt ist. Aber natürlich kannte ich es von früher, von damals! Lang ist es her! Hier:

THEATER: Milo Rau, Lam Gods

Naja, ich laufe nicht nur fröhlich durch die Welt, denke ich mir manchmal. So antworte ich auch manchmal, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Das ist doch ein bisschen ehrlicher, als immer mit „gut!“ zu antworten, denke ich. Mir fallen immer wieder Dinge auf, an denen ich mich reibe. Aber mit positiver Grundstimmung! Auch politisch. Daher finde ich Theater ja so gut, wenn es an unseren Ansichten rüttelt.

Am  belgischen Nationaltheater, dem NT Gent, bringt etwa der junge Milo Rau, einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit, zurzeit das Stück „Lam Gods“. Ich hatte schon mehrfach über Milo Rau geschrieben. HIER etwa. Das Stück Lam Gods ist das erste Stück von Milo Rau am NT Gent, an dem er jetzt Intendant ist.  Es geht zurück auf einen weltberühmten Altar In der Genter St.-Bavo-Kathedrale. HIER die Seite zum Stück auf der Website des NT Gent.

Und HIER eine Kritik zum Stück von Christine Dössel, um die geht es mir.

Es scheint wieder ein sehr beeindruckendes Stück zu sein! Milo Rau hat ja ein Manifest zum „Stadttheater der Zukunft“ geschrieben, will das Theater mehr in die Realität holen. Gleichlautend zur hier verlinkten Kritik von Christine Dössel erschien ihre Kritik in München in der Süddeutschen Zeitung. Da hatte ich sie kürzlich gelesen.

Warum ich es jetzt hier bringe? Naja, nicht gerade Begeisterung über die Süddeutsche Zeitung ist es! Ich reibe mich wieder! Aber nicht wund reiben! Das würde meine kleine Meinung nur überbetonen! Christine Dössel ist seit Jahren Theaterkritikerin bei der Süddeutschen Zeitung. Sie schreibt interessante Kritiken. In München hat sie aber nicht unerheblich dazu beigetragen, dass man den Münchner Kammerspielen vorwarf, sie seien in eine „Krise“ geraten. Christine Dössel  argumentierte immer, „Sprechtheater“ alter Schule sei an den Münchner Kammerspielen nicht mehr vertreten und das Ensemble werde nicht ausreichend eingesetzt. Und die Münchner glauben ja an ihre „Süddeutsche“ wie an eine Institution.

Und nun ihre Begeisterung für Milo Raus Stück in der obigen Kritik aus Belgien! Beides –  die Begeisterung über das Stück im NT Gent und ihre standhafte Kritik in München – passt m. E. nicht gut zusammen. Da wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen!

Milo Rau setzt neben zwei Ensemblemitgliedern viele, viele Laienschauspieler ein. Das wird er, wie ich ihn kenne, künftig auch in seinen weiteren Stücken tun.

Da Christine Dössel mit ihrer Stimmungsmache gegen die Münchner Kammerspiele mit dazu beitrug, dass die Münchner Theaterfreunde immer unsicherer und unoffener auf die Kammerspiele blickten, habe ich einen – natürlich kurz gehaltenen –  Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

Ich finde ohnehin, dass Journalisten doch sehr wenig der Kritik ausgesetzt sind. Sie arbeiten im Grunde irrsinnig kritiklos! Ob das so gut ist! Es gibt ja auch hervorragende  Journalisten,  keine Frage! Auch in der Politik ist es aber meines Erachtens auch einmal eine Frage wert, ob nicht die Medien zur Politikverdrossenheit beitragen! Wenn man viele der Fernsehdiskussionen sieht. Dort wird nicht gerade eine sorgfältige Diskussionskultur gepflegt! Und das wäre doch auch Aufgabe der Journalisten.

Mein kurzer Leserbrief an die SZ also: Er wurde meines Wissens natürlich nicht abgedruckt. Enthält offenbar zuviel Kritik an der Zeitung, nur Kritik an der Sache wird wohl abgedruckt. Daher bringe ich ihn einfach hier, er soll ruhig gelesen werden. Ich habe ihn jetzt fast schon vorweggenommen. Ich hatte geschrieben:

„Grandios gelungen“, „genial ausgeklügelt“ und „theatrales Kunstwerk“ nennt Christine Dössel die erste Arbeit von Milo Rau am belgischen Nationaltheater Gent, dem NT Gent, „Genter Altar“ oder „Lam Gods“. Man bekommt Lust hinzufahren. Aber eine Ensemblearbeit ist diese Arbeit nicht! Genau das aber hat Christine Dössel doch oft genug in den letzten Jahren an den Münchner Kammerspielen kritisiert. Milo Rau setzt (zur Begeisterung von Christine Dössel) ein: Kinder, einen Theatermitarbeiter, einen Bauern, eine todkranke Frau, einen afghanischen Flüchtling, ein gecastetes Genter Ehepaar, eine Genter Mutter, Tiere, eine Theaterputzfrau und und! In München hieß es dagegen „Krise der Münchner Kammerspiele“, weil drei SchauspielerInnen das Theater gewechselt hatten! Bis die CSU dieser recht banalen Stimmung folgte. Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? Kann man das dem Leser und vor allem dem Münchner Theatergänger guten Gewissens verkaufen? Mit spürbarem Wohlwollen schreibt Christine Dössel etwa auch über das NTGent unter Milo Rau, 41 Gastspiele seien in der jetzigen Spielzeit geplant! Ob das genug Sprechtheater wird? (Nachtrag: Und ob das viel für das Ensemble des NT Gent bringt?) Es wird mit zweierlei Maß gemessen, ohne dass man erkennen könnte, warum. Das ist nicht schön.
Und  HIER abschließend noch ein Link: der Link zu nachtkritik.de und dem Manifest „Stadttheater der Zukunft“ von Milo Rau und anderen. Am Ende der langen Vorbemerkung ist das Manifest abgedruckt.

©️ des Beitragsbildes: Michiel Devijver

 

THEATER, FILM, LITERATUR: Margarita Broich – Alles Theater. Joachim A. Lang – Meckie Messer. Bertolt Brecht – Dreigroschenoper.

Kurz zu den Zusammenhängen: Es hängt ja alles irgendwie zusammen. Das macht doch alles aus. Das meiste wird auch erst interessant, wenn man bestimmte Zusammenhänge erkennt. Zusammenhänge lassen Hintergründe erkennen und lassen die einzelnen „Verknotungen“ , die man so sieht, erst in besonderem Licht erscheinen. Überall.

Auch ein kulturelles Ereignis steht nicht für sich allein, sondern ist immer eingebunden in Zusammenhänge. Hier habe ich wieder ein Beispiel erlebt, ich war wieder unterwegs:

–  Ich hatte zuletzt geschrieben über Fotografien von Cordula Treml über SchauspielerInnen in den Minuten VOR ihrem Auftritt.  Titel der Ausstellung: „Vor dem Auftritt“. Eine Ausstellung, die derzeit (kurze Zeit) in München zu sehen ist.

– Dann hörte ich von dem Buch von der Schauspielerin und Fotografin Margarita Broich mit dem Titel „Alles Theater“, in dem sie Fotografien von SchauspielerInnen in den Minuten NACH dem Auftritt bringt. Auch interessant. Cordula Treml erwähnte es.

–  Dann hatte ich dieses Buch von Margarita Broich in den Händen. Danke an den Insel Verlag. Dort eine Abbildung des Schauspielers Lars Eidinger. Lars Eidinger ist ja äußerst erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler. Jahrelang war er Schauspieler an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. In den letzten Jahren ist er vermehrt als Filmschauspieler zu sehen. Er soll ein großer Anhänger von Bertolt Brecht sein, liest man. “Die Widersprüche sind die Hoffnung”  ist sein Lieblingszitat von Bertolt Brecht. Eidinger sagt dazu in  einem Interview, das kürzlich von n-tv veröffentlicht wurde (HIER zum Interview):

“Die Widersprüche sind die Hoffnung” ist auf jeden Fall mein absolutes Lieblingszitat von Brecht. Es ist wie der Schlüssel zu allem – zu Brechts Persönlichkeit genauso wie zum Menschsein im Allgemeinen. Das menschliche Sein folgt keiner Logik und es ist auch nicht stimmig, sondern fehlerhaft. Brecht war bekanntermaßen Antikapitalist und Kommunist. Und er hat Werbung für eine große Autofirma gemacht. Das auszuhalten und zu sagen: Genau das macht den Menschen aus! Das imponiert mir. Der Widerspruch ist nicht das Ende eines Gedankens, sondern der Anfang.

–  Dann war ich im Kino. Der FilmMeckie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.  Darsteller von Bertolt Brecht ist: Lars Eidinger.

– Der „Dreigroschenfilm“ geht zurück auf Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“.  Es sollte eine Verfilmung der Dreigroschenoper werden. Es gab Unstimmigkeiten mit Bertolt Brecht und es ging vors Gericht. Das Thema des jetzigen Films.

Und so weiter. Ich werde wohl über die einzelnen Dinge, die hier oben erwähnt sind, noch einzeln schreiben, denke ich.

LITERATUR: Maria Duenas – Wenn ich jetzt nicht gehe

Bevor die Theatersaison wieder beginnt: Ich habe mir dieses Buch angetan, ohne irgendeine Rezension im Internet dazu zu finden.  Auch nicht auf http://www.perlentaucher.de. Dann schreibe ich eben eine. Ich bin auf das Buch gekommen, da ich in letzter Zeit mehrfach etwas von spanischen Autoren gelesen hatte und da der Insel Verlag es mir – danke! – als Rezensionsbuch  zur Verfügung gestellt hatte.

Im Klappentext des Buches heißt es:

Maria Duenas, geboren 1964, lehrte in Murcia englische Literatur, bis ihr Debütroman 2009 alle Rekorde brach. Mittlerweile ist ihr Werk in 35 Sprachen übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und in eine Fernsehserie verwandelt. „Wenn ich jetzt nicht gehe“ ist ihr dritter Roman und war 2015 das meistverkaufte Buch Spaniens.

Also eine extrem erfolgreiche Schriftstellerin! Mein Gesamteindruck: Etwas kitschig, etwas umfangreich die Handlung, bei den Personen und ihren verschiedensten Beziehungen untereinander (über die Kontinente hinweg) bin ich fast durcheinander gekommen. Von der Idee her aber ganz interessant.  Vielleicht soll es ja geradezu lehrreich sein. Während ich es gelesen hatte, dachte ich schon, dass es sich wie ein Drehbuch liest. Und tatsächlich: Auch dieses Buch soll zu einer Serie verfilmt werden.  Die Idee hinter dieser Geschichte: Ein Mann (Mauro Larrea) steht wieder auf!  Nach dem Motto:  Hingefallen, Staub abwischen und wieder aufstehen! Er hat sehr klein angefangen, wurde sehr reich, hat plötzlich alles verloren und sich dann komplett auf ein neues Leben eingestellt.  Reisen von Mexiko nach Kuba und Spanien prägten seinen weiteren Weg. Auch dieser weitere Weg führte letztlich wieder zum Erfolg,  wenn auch auf einem völlig anderen Gebiet, als demjenigen, den er früher gewohnt war.  Also: Sich immer wieder mit Überzeugung auf Neues einlassen! Er war früher Bergarbeiter und Bergbauunternehmer und dann kam Neues.  Das ganze wird natürlich noch geschmückt von seiner Leidenschaft zu einer Frau und einer sich letztlich noch erfüllenden Liebe.

Man kann diese Geschichte erzählen, aber ein besonderer Lesereiz ist es meines Erachtens nicht! Literarisch gesehen nicht auffallend! Da finde ich einige andere Schriftsteller deutlich gewitzter und interessanter.

 

MUSIK: Tash Sultana – Jungle

Zugegeben: Ich habe gerade von ihr erstmals gelesen: Tash Sultana. Was Wikipedia über sie schreibt? Tash Sultana sei am 18. Juni 1995 in Melbourne geboren, heiße eigentlich Natasha Sultana, sei eine australisch- maltesische „Singer-Songwriterin, Multiinstrumentalistin, Beatboxing- und Looping-Künstlerin“. Das ist doch was. Sie bezeichne ihre Musik als nicht-Genre-basiert. Ihr Sound stelle eine Mischung aus Electronic Indie, Folk, Jazz, Reggae, Rock und Soul dar.

Zu Beginn ihrer Musikkarriere habe sich Tash Sultana, lese ich, mit Straßenauftritten einen Namen in der lokalen Musikszene gemacht. Bekanntheit habe sie im April 2016 erlangt, als ein Repost des von ihr im Oktober 2015 auf Facebook hochgeladenen Videos einer Liveversion ihres Songs „Jungle“ (siehe unten) innerhalb weniger Tage mehr als eine Million Aufrufe erreichte. Weitere Aufnahmen von Livesessions in ihrem Wohn- oder Kinderzimmer, den von ihr benannten „Live Bedroom Recordings“, die sie auf YouTube verbreitete, erhielten danach große Resonanz.

Wer mich gut kennt, könnte merken, dass der Song unten irgendwie mein Rhythmus ist oder – in jüngeren Jahren immer war. Betonung auf 2, nicht auf 1! Aber in meinen jungen Jahren, den wirklich jungen Jahren, war Trash Sultana ja noch nicht einmal geboren!

Tja, wieder knapp zu spät, um sie zu entdecken, sie ist schon bekannt! Aber ich konnte schlecht durch Melbourne laufen und sie als Straßenmusikantin entdecken. Ich war nie in Melbourne!

Diesen Song widme ich Hajü Staudt, der meinen Blog gerne las, wie er mir mehrmals gesagt hatte. Er ist vor wenigen Wochen völlig überraschend und viel zu früh an einem Herzinfarkt verstorben! An einem Montag morgen. Zwei Tage davor hatte er es mir noch gesagt, dass er den Blog und so.

Trash Sultana kommt nächstes Jahr für zwei Konzerte nach Deutschland: Am 26.07.2019 nach Köln und am 27.07.2019 nach Berlin! 

HIER ihre Website.

Hier also ihr Song Jungle von den Live Bedroom Recordings:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

THEATER und LITERATUR: Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

Endsation Sehnsucht von Tennessee Williams. Oft gehört, nie gelesen. Blanche, eine Frau aus gutsituierten Kreisen, verliert den ererbten Wohlstand, landet bei ihrer Schwester in einfachen Verhältnissen, die mit dem Rüpel Stanley verheiratet ist. Wer gewinnt den Kampf? Blanche zerbricht, landet in der psychiatrischen Anstalt. Eigentlich eine interessante Story. “Sehnsucht” (Desire) hieß einmal eine Endstation der Straßenbahn in New Orleans. Ich habe das Buch jetzt gelesen, da es am Berliner Ensemble von Michael Thalheimer inszeniert wurde. Ich habe dazu letztens in Berlin auch die Inszenierung gesehen, die in der gerade beendeten Spielzeit gebracht wurde und wohl auch in der kommenden Spielzeit gebracht wird.

Die vordergründige Geschichte ist ja so: Blanche lebte im relativen Wohlstand und hat alles verloren. Das Haus der Familie wurde gepfändet, ihr Ehemann war schwul und hatte sich schon vor Jahren umgebracht, ihren Job als Lehrerin hat Blanche auch verloren. Sie – nebenbei: durch sexuelle Hingabe suchte sie schon irgendwo Halt, bevor sie zu Stella kam – sucht Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in ganz einfachen Verhältnissen lebt und mit Stanley verheiratet ist. Und damit prallen eben zwei Welten aufeinander. Blanche, die ihre Welt erhalten und Stanley nicht ausstehen kann, versucht immer wieder, ihre Schwester Stella dazu zu bringen, ihren Mann zu verlassen. Stella ist ihrem Mann aber in Liebe oder jedenfalls aus sexuellem Antrieb heraus hingegeben und weiß, dass sie ihn nicht ändern kann. Dass sie nichts ändern kann. Blanche wird schließlich von Stanley sogar vergewaltigt. Die irgendwie irreale, von viel Einbildung geprägte Welt der Blanche und die reale derbe Welt von Stella. Schon die Sprache der Personen zeigt im Buch (Originaltext) die Unterschiede deutlich. Man liest teils derben Slang (interessant!) neben der “besseren” Sprache . Ich empfehle das Buch gerade jüngeren Lesern auf Englisch.

Die Inszenierung von Michael Thalheimer dagegen hat mich überhaupt nicht überzeugt. Erstaunlich, wenn die FAZ schreibt:

“Kunstvoll und klug zeigt Michael Thalheimer in seiner grandios eindrucksvollen Inszenierung mit dem überragenden Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennesse Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren.”

Eigenartige Kritik. Der große Clou sollte wohl die schiefe Bühne sein (siehe das Blogbild oben). Alles weitere war aber konventionell, teilweise affektiert, zu gewollt, zu darstellerisch. Ich meine, aus dem Buch hätte man einiges mehr un d interessanter herausholen können. Hinter der vordergründigen Story stecken schließlich viele kleine Themen. Allein das Verhältnis zwischen Blanche und ihrer Schwester Stella. Oder der Umgang von Blanche mit ihrem persönlichen “Niedergang”. Das wird in der Inszenierung alles zwar angerissen, aber meines Erachtens ohne Herzblut! Andreas Döhler (Stanley) ist da vielleicht am ehesten wieder einmal die Ausnahme. Aber selbst er: Im Buch erscheint mir Stanley noch rüder, krasser, unnachgiebiger, derber. Was man sich zu diesem Buch alles denken kann, wird etwa im Programmheft zur Inszenierung angerissen. Zu wenig davon war auf der Bühne zu sehen. Vielleicht haben es auch die Schauspieler nicht geschafft, die jeweiligen Positionen der Personen besser darzustellen. Ihre Zweifel, ihre Kämpfe untereinander, ihre so unterschiedlichen Positionen. Vor allem Cordelia Wege als Blanche spielte für mich nur eines: Affektiert. Modernes Theater sieht anders aus. Aber vielleicht sollte sie so spielen. Wahrscheinlich sogar, wenn man sieht, wie sie sich am Ende mit rotem Lippenstift das Gesicht vollmalt – ein alter Hut! Es war herkömmlich, es wurden von den Schauspielern keine Grenzen der schauspielerischen Darstellung eingerissen. Offenbar hat Michael Thalheimer keine Freiheit gelassen. Oder dieses Bühnenbild war zu starr! Den Eindruck hatte ich. Wie sollte man da auch erkennbar aus sich herausgehen! Ich mag ja immer das Nicht-affektierte, das Überraschende, das Persönliche, das Interpretierte. Nicht das Herkömmliche. Die Inszenierung von Michael Thalheimer ist aber herkömmlich.

Nun gut, einen ersten – vielleicht anderen – Eindruck gibt HIER die Online-Seite des BE zum Stück.

Und HIER die Seite des Cornelsen Verlags zum Buch in englischer Sprache mit Anmerkungen am Schluss zu den Südstaaten, New Orleans etc., und mit Fußnoten zu seltenen Wörtern.

Copyright des Beitragsbildes: Matthias Horn, Berliner Ensemble

THEATER und LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.” Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. “Breit” kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung “Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort “Panik”. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

“Panikherz” nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: “Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.” Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: “Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –“. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von “Panikherz” um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung “20 Jahre Soloalbum” ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück “Panikherz”.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE