POLITIK: Kulturelle Teilhabe

Im aktuellen Beitrag über den Ballettabend im Bayerischen Nationaltheater (Anna Karenina, HIER der link) hatte ich geschrieben, auch solche kulturellen Erlebnisse sollten eigentlich nicht nur Wohlhabenden offen stehen. Kunst sollte nicht elitär sein. Um diesen Ansatz nicht ganz verpuffen zu lassen, schlage ich heute noch einmal in diese Kerbe:  HIER der link zu einem engagierten Gespräch vom 27.06.2017 mit dem Intendanten des Schauspiels am Dortmunder Theater, Kay Voges, über kulturelle Teilhabe. Es gälte,

… Wege zu finden, Teilhabe an der Kultur für jedermann zu ermöglichen„,

sagte er in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Zu schade: Auf dem letztjährigen Theatertreffen war Borderline Prozession, ein sehr besonderes Stück des Theatermachers Kay Voges, neben Pfusch von Herbert Fritsch das einzige Stück der 10er-Auswahl, das ich nicht sehen konnte.

Kay Voges sagt auch:

Ich könnte mir vorstellen, dass alle Hartz-IV-Empfänger eigentlich eine Freikarte in der Tasche haben müssen und sagen, ich kann, so oft ich möchte ins Theater gehen, ins Konzert gehen, ins Ballett gehen, in die Oper gehen, in die Bücherei gehen, das ist mein Recht. Wenn ich nicht so viel habe, dass ich mir es leisten kann, dann darf ich da auch kostenlos herein.

Oder:

„.. ich glaube, Mündigkeit ist ja so eins der großen Ideale und etwas, was so notwendig ist in Zeiten von schnellen Antworten oder von Populismus, wo nicht mehr eine Differenzierung stattfindet. Und ich glaube, das Theater ist genau der Ort, an dem diese Mündigkeit gelernt werden kann, wo wir nicht ein Klischee oder eine Parole präsentiert bekommen, sondern wo auf einmal Debatten stattfinden, wo verschiedene Perspektiven aufgezählt werden können, wo ich als Zuschauer mich in verschiedene Rollen und in verschiedene Antworten hineinversetzen kann und dadurch Mündigkeit erlernen kann.

Ich finde, das hat Berechtigung. Kunst ist für alle wichtig! Zumindest ein nicht zu kleines Kontingent derartiger Freikarten sollte es geben. Ich muss mich allerdings erst einmal erkundigen, wie es derzeit gehandhabt wird. In München etwa gibt es so etwas wie den München-Pass, der in diese Richtung geht. Man weiß es nur kaum.

Wie läuft es in anderen Städten? Schreibt es mir bitte! Oben rechts auf die Sprechblase klicken.

 

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LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

THEATER AKTUELL: Chris Dercon

EILMELDUNG: Chris Dercon tritt mit sofortiger Wirkung als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zurück!

Man hat ihn fertig gemacht! Mein kleiner Kommentar dazu:

– Eigentlich liegt die Verantwortung – mindestens auch – beim jetzigen Regierenden Bürgermeister Berlins, unter dessen Ägide der damalige Kultursenator Tim Renner damals Chris Dercon geholt hatte. Dann muss man ihn auch machen lassen, finde ich. Jetzt haben sie, lese ich, einen neuen Kultursenator, von der Linkspartei, der erst einmal Dercon abserviert. Was ist das denn für ein Stil, ihn so abzuservieren! Er hätte volle Rückendeckung benötigt! Gut, ich lebe nicht in Berlin, es mag einige Versuche der Rückendeckung gegeben haben. Der Senat hätte intensiv mit den Berliner Theaterfreunden diskutieren müssen. Schließlich hatte Dercon so gute Personen wie Susanne Kennedy und Alexander Kluge an Bord! Wir sehen es ja gerade in München, dass eine Intendanz Zeit braucht.

– Eines ist doch klar: Chris Dercon hat Fähigkeiten, die nicht jeder hat. Haus der Kunst in München, Tate Gallery in London etc. Er hat in seinem Leben große Erfolge gehabt! Wie kann man ihn jetzt so fertig machen! Auch für die Berliner Theaterfreunde kein Ruhmesblatt! Darüber muss noch geredet werden, denke ich. Ihre Art. Das ging ja hin bis zu Kot an der Intendantentür, lese ich!

– Ich meine generell: Die Zeiten haben sich auch für die Volksbühne in Berlin geändert. Das Theater Volksbühne war ein Ost-Theater. Das Emblem OST stand immer auf dem Dach des Theaterbaus. Nach der Grenzöffnung wurde die Volksbühne berüchtigt! Auch und vor allem dank Frank Castorf. Die Zeiten haben sich aber geändert. Das Zeichen OST auf dem Dach ist abmontiert. Ost-West ist nicht mehr das Thema. Jedenfalls nicht mehr das prägende Thema für die Volksbühne. Auch die Volksbühne hat das Recht und die Aufgabe, sich der Welt zu öffnen, oder? Und dazu war ein Mann wie Chris Dercon durchaus geeignet, denke ich. Auch wenn sich damit das Programm der Volksbühne ganz entscheidend änderte. Aber wahrscheinlich haben die Fans der Volksbühne eine ganz andere Sicht auf die Volksbühne. Die Volksbühne als Lebensentwurf oder Lebensantwort oder Hort der Andersdenkenden oder was weiß ich. Gerade nicht mit der Aufgabe, sich einfach mal zu öffnen. Clash der Kulturen ist dem Volksbühnenfan zu wenig. Verstehe ich auch. Das ist ja fast schon Mainstream.

Übrigens: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes „Partisan“ eine Mitteilung bekommen: der Film „Partisan“ (es geht um 25 Jahre Castorf an der Volksbühne) wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt! Ein Muss für Theaterfreunde!

 

POLITIK: mut

Wie oft hört man Sätze wie: „Es muss sich einiges ändern!“ Gut, die CSU möchte in Bayern offenbar lieber Ruhe haben und lehnt es beispielsweise ab, einem diskursiven Kopf wie Matthias Lilienthal den Intendantenvertrag bei den Münchner Kammerspielen zu verlängern (HIER die Meldung mit Kommentar).

Man will keinen Diskurs? Ich meine: Es gibt viele Themen, die nicht unbedingt wortlos der CSU überlassen werden müssen. Diskurs ist immer gut! Einiges sollte deutlicher zur Sprache kommen. Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Es geht darum, die Spaltung der Gesellschaft zwischen „arm“ und „reich“ aufzuhalten. Es darf keine „Verlierer“ geben. Und es geht darum, sich diesem europaweiten Rechtsruck in Politik und Gesellschaft  entgegenzustellen. Einiges ließe sich ja schwer zurückdrehen.

Also: Es hat sich kürzlich in Bayern die Partei mut gegründet – ich hatte schon einmal darüber geschrieben. Zur Partei mut wurde die ursprüngliche Bewegung „ZEIT ZU HANDELN“ durch Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, und Stephan Lessenich, Professor für Soziologie. Sein interessantes und schonungsloses Buch „Neben uns die Sintflut“ stellte er vor einiger Zeit in den Kammerspielen vor.

In vielen Bereichen drohen soziale und menschenwürdige Gesichtspunkte „unter den Tisch zu fallen“ – auch angesichts des in manchen Bereichen schon sehr deutlich festzustellenden Rechtsrucks in Bayern! Wohnen, Altersarmut, Pflegesituation, Flüchtlinge, Arbeit, die Liste der Themen, in denen die politische Herangehensweise nicht mehr schön ist, ist lang. Viel lässt sich schlicht daran festmachen, dass wir uns vielleicht abgewöhnen, jedem Menschen in jeder Hinsicht sein großes Maß an Menschenwürde zuzugestehen. Daran gilt es zu arbeiten! Und man muss keine besondere politisch gefärbte Einstellung vor sich hertragen, um diese Themen beachten zu wollen.

Besucht einen der Stammtische oder der anderen Aktionen, die derzeit in Bayern von der Partei mut organisiert werden. HIER ein Überblick über alle aktuellen Termine. Etwa gibt es den Termin in München am 10. April 2018, 20.00 Uhr, (HIER der link): Ein Benefizabend mit Musik, Kabarett, Diskussion etc. im Fraunhofer – Theater. Politik und Kultur.

Claudia Stamm sagt:

mut hat sich gegründet, um Politik zu machen, die wirklich Wert auf Menschenwürde und Demokratie legt. Dem auch in Bayern festzustellenden Rechtsruck sollte man nicht tatenlos zusehen!Unser Ziel ist es dabei auch, diese Kraft in den bayerischen Landtag zu bringen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, gerade in Bayern wieder eine politische Kraft zu haben, die sich klar und deutlich der teils menschenverachtenden Politik der Mehrheitspartei entgegenstellt.“

HIER DIE WEBSITE der Partei. Einfach ansehen und teilen – Facebook etc. Die Landtagswahl in Bayern rückt ja näher (Oktober).

THEATER: News – Matthias Lilienthal

Im Sinne meines Theaterblogs ist natürlich sofort zu melden:

Das hätten die Münchner geschafft! Nachdem sich die Münchner CSU – Stadtratsfraktion kürzlich gegen die Verlängerung des Vertrages des Kammerspiele – Intendanten Matthias Lilienthal ausgesprochen haben, erklärt Lilienthal heute, dass er den Vertrag 2020 auch seinerseits nicht verlängern wolle. Er habe keinen Rückhalt mehr. Recht hat er! Es ist ein Armutszeugnis für die CSU, meine ich. Was ist schon eine fünfjährige Intendanz. Wenn man sich einem Stadttheater hingibt, muss man Zeit bekommen!

Aber in der Tat mögen die Münchner – unabhängig von der CSU – brave und gediegene, bloß nicht aufwühlende Produktionen. Etwa Tiefer Schweb und Wartesaal. Oder Gerhard Polt. Die Münchner wollen lachen oder verwöhnt werden und nicht viel nachdenken. Und das ist nicht Matthias Lilienthal – der zusammen mit Frank Castorf das Berliner Volkstheater am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut hatte!

Tja, die CSU muss jetzt mit ihrer Argumentation  (für die Zeit ab der Spielzeit 2020/2021) einen Nachfolger finden, der für mehr „Auslastung“ der Kammerspiele sorgt. Also wohl für mehr Mainstream! Als wäre die Auslastung – 5 % hin oder her – ein Kriterium in der Kultur!

Copyright des Beitragsbildes: Lukas Barth

LITERATUR: Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens.

Es war ein Weihnachtsgeschenk. „Die Gleichung des Lebens“ von Norman Ohler. Auch wenn man Weihnachtsgeschenke oftmals doch nicht liest, ich habs getan! Ein historischer Roman, der – wie es tatsächlich geschah – im Jahr 1747 spielt. Friedrich II. wollte die Sumpfgebiete östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt a. d. Oder, den „Oderbruch“, trockenlegen, wollte (den damals aufkommenden) Kartoffelanbau fördern und aus anderen Regionen willfährige Untertanen holen und dort ansiedeln.

Der Oderbruch. Eine Landschaft, die durch den ungezähmt und wild mäandernden Fluss beherrscht wurde und ständige Gefahren durch Hochwasser barg. Eine Landschaft, die eine unglaubliche Artenvielfalt, unfassbar riesiges Fischaufkommen, Schildkröten, Wasservögeln etc. aufzuweisen hatte. Es wimmelte von Mücken und Ungeziefer.

Wir wissen alle: Der Strom kann mächtig mit den Ketten rasseln. Ein Deich kann immer brechen und der teuer erkaufte Schutz uns schlagartig verlassen … Dann kommt die Flut und wir sind nicht vorbereitet. Lasst uns auch weiterhin die Berge nie aus den Augen verlieren, sondern immer wissen, ob’s viel Schnee gegeben hat und wann der schmilzt und zu uns herunterkommt„, sagt einer der Fischer, der wie seine Kollegen seinen Reichtum durch Fischfang erwirtschaftete. Tausende Tonnen Fisch wurden in alle Windrichtungen verkauft. Als die Fischer Wind bekamen von des Königs Plänen, brach Panik aus, Angst vor der Zukunft.

Über zehn Jahre lang hat Norman Ohler diesen Roman vorbereitet und geschrieben. Man merkt es auch. Er ist durchzogen von der zeitgemäßen Beschreibung der Gegend, den Menschen, damaligen Kleinigkeiten und vielen Schilderungen, zu denen man manches Wort garnicht kennt! Etwa: „… Oda in die Küche, um einen Kumm mit Schildkrötensuppe zu holen. Kurz verharrte sie unter dem schwarzen Mantelschornstein, der …„, oder „Die Gäste ließen sich ablenken von den Barbenstreifen mit Gurken in Senf, von Odas berühmten Hechtklößen auf Dillschmand, roten Zibola und Radieschentatar, den Muscheln in Sanddornsaft, der quadratisch geschnittenen Sülze aus schwarzen, blauen und gelben Krebsen in Wirsinghülle.“ Also, da muss man sich als Autor schon verdammt gut in der damaligen Zeit auskennen! Es sind ja wohl keine Erfindungen. Ohler hat sich offenbar extrem in die damalige Zeit hineingefuchst! Für mich war es manchmal fast verwirrend.

Der Inhalt: Während der Protest gegen das Siedlungsprojekt des Königs brodelte, schickte seine Majestät einen Mathematiker los, das Mathematikgenie Leonhard Euler. Euler arbeitete sich in die schwierige Aufgabe ein, den Tod des Dammkonstrukteurs Mahistre aufzuklären, aber auch die Kosten und Rentabilität des Projektes zu bewerten. Er wird dem König abraten. Er fürchtete um den immateriellen Schaden, der angerichtet werde durch Zerstörung einer ganzen Landschaft. Euler drohte an einem rätselhaften Fieber zu sterben, wie vor ihm schon – wie er herausbekommt – der französische Ingenieur Mahistre. Die Frage, wer oder was hinter dem Tod Mahistres (und einem weiteren Mordversuch) steckt, verdichtet sich zu einem historischen Kriminalroman.

THEATER: Die 10er – Auswahl

BRANDAKTUELL: Vor 15 Minuten kam die Info: Die 10 bemerkenswertesten Stücke deutschsprachiger Bühnen, die zum Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen werden, sind gerade bekannt  gegeben worden! Die Münchner Kammerspiele sind ZWEIMAL vertreten! Hier die Pressemitteilung:

Die Kritiker*innen Margarete Affenzeller, Eva Behrendt, Wolfgang Höbel, Andreas Klaeui, Dorothea Marcus, Christian Rakow und Shirin Sojitrawalla sichteten und diskutierten im Zeitraum vom 28. Januar 2017 bis 21. Januar 2018 insgesamt 409 Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gestern Abend, in der finalen Jurysitzung, trafen sie ihre Auswahl der 10 „bemerkenswerten Inszenierungen“ der Saison, die für eine Einladung zum 55. Theatertreffen nominiert wurden:

„Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek
Regie Falk Richter | Deutsches Schauspielhaus Hamburg

„BEUTE FRAUEN KRIEG“ Ein Zyklus im Schiffbau
Fassung unter Verwendung von „Die Troerinnen“ von John von Düffel nach Euripides (Interlinearübersetzung Gregor Schreiner) und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima nach Euripides.
Regie Karin Henkel | Schauspielhaus Zürich

„Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer“
Regie Antú Romero Nunes | Thalia Theater, Hamburg

„Die Welt im Rücken“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle
Regie Jan Bosse | Burgtheater, Wien

„Faust“ nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie Frank Castorf | Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
(Intendanz Frank Castorf)

„Mittelreich“ Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler
Konzept und Regie Anta Helena Recke | Münchner Kammerspiele

„Nationaltheater Reinickendorf“ von Vegard Vinge / Ida Müller
Nationaltheater Reinickendorf, Berlin. Produktion Vinge/Müller & Berliner Festspiele/Immersion

„Rückkehr nach Reims“ nach dem gleichnamigen Roman von Didier Eribon
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. In einer Fassung der Schaubühne.
Regie Thomas Ostermeier | Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
Koproduktion mit dem Manchester International Festival (MIF), HOME Manchester und dem Théâtre de la Ville Paris

„Trommeln in der Nacht“ von/nach Bertolt Brecht
Regie Christopher Rüping | Münchner Kammerspiele

„Woyzeck“ Schauspiel von Georg Büchner
Regie Ulrich Rasche | Theater Basel
Zum PDF mit den Jurybegründungen

Die Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer zur diesjährigen Auswahl:
Die Arbeiten der diesjährigen Auswahl zeigen durch die unterschiedlichen Generationen und Kontexte hindurch entschiedene Perspektiven auf unsere komplexe Gegenwart. Das Theater vertraut dabei auf seine genuinen Mittel und die Lust am Spiel. Die Protagonist*innen sind oft zerbrochene und zerbrechende Charaktere, die die Welt durch ihre individuelle Wahrnehmung filtern und so neue Realitäten erzeugen. Hervorgebracht werden sie von Ausnahmespieler*innen, die sowohl im Ensemble als auch auf Solowegen ihre Kraft entfalten. Sie stellen, ebenso wie die Regisseur*innen, die Fragen: Wer spricht, wer darf sprechen und was wird eigentlich erzählt?

 

Die Gesamtliste der von der Jury diskutierten Inszenierungen ist ab sofort auf der Webseite der Berliner Festspiele veröffentlicht.

LITERATUR: Teju Cole – Open City

Durchaus ein Tipp: Man liest Bücher, in denen irgendwelche Handlungen oder Verstrickungen dargestellt werden. Das Buch von Teju Cole, Open City, ist anders: Es passiert nichts! Aber es fesselt einen. Das macht das Buch aus, es ist zu empfehlen! Ich habe es in Englisch gelesen, es gibt auch die deutsche Übersetzung.
Julius geht durch New Yorks Straßen. Und – kürzer – durch Brüssels Straßen. Er will seine dort vielleicht noch lebende Großmutter aufsuchen. Streifzüge durch das fremdenfeindliche Brüssel und das fremdenfreundliche New York (allerdings 2011, also deutlich vor Donald Trump geschrieben!). Wer New York kennt, wird allein schon vieles wieder erkennen. Er geht und beobachtet. Es sieht Menschen, er spricht mit Menschen, er beschreibt Szenen, ihm fallen Dinge auf. Mit wenigen Worten kann er die Dinge wunderbar ausdrücken. Immer mit dem Wechsel zwischen dem, was er sieht, und dem, was er damit assoziiert oder für was es steht. Immer wieder kommen Gedanken – eigene Gedanken und die Gedanken derer, mit denen er spricht – an große und kleine Zusammenhänge zum Vorschein. An Aktuelles und an Vergangenes. Und er erinnert sich. Er ist ein junger Psychiater mit afrikanischen Wurzeln (Nigeria). Das Buch wird nicht nur von Beobachtungen getragen, auch von seinen persönlichen Erinnerungen. Seine Kindheit, seine Familie, seine Ausbildung, sein Job. Alles ganz normal, aber eben doch mit Besonderheiten, die in jedem Leben geschehen. Jeder trägt und trug so etwas mit sich herum. Es ist überall anders, aber jeder hat seine Dinge um sich und mit Recht. Es geht um Tod, Vergänglichkeit, Erinnerungen, das vergangene Leben, das aktuelle Leben. Auffallend ist die gelassene große Distanz, mit der er alles beobachtet, anhört, durchdenkt. In Amerika war das Buch es ein großer Erfolg! Sein zweites Buch beschäftigt sich dann mit Nigeria.
Der Klappentext der deutschen Ausgabe (Suhrkamp);
Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.

LITERATUR zum THEATER: Thomas Bernhard – Am Ziel

Wer beides, das Theater und die Literatur, mag, sollte sich dieses kleine Buch vornehmen. „Am Ziel“ von Thomas Bernhard. Natürlich vor allem dann, wenn man Thomas Bernhard mag. Ich habe es kürzlich aus einem Bücherregal herausgezogen. Es liest sich recht locker an einem schönen Abend. Bissig, komisch, auf die Spitze getrieben, immer wieder wahr, Thomas Bernhard eben. Hier ein kleiner Auszug:

Tochter

Ein so großer Erfolg Mama

Mutter

Das besagt doch nichts
die Leute waren in Laune und machten einen Erfolg
aber es hätte auch das Gegenteil und kein Erfolg sein können
es war bis zuletzt nichts entschieden
nichts gar nichts
dann war Stille
die Leute haben geklatscht

Tochter

Und wie geklatscht wurde Mama

Mutter

Mir ist es unverständlich
dass sie geklatscht haben

wo es sich doch um ein Stück handelte
in welchem sie alle bloßgestellt worden sind
und auf die gemeinste Weise
zugegeben mit Witz auch
aber mit einem bösartigen Witz
mit Niedertracht sogar
mit absoluter Niedertracht
Und dann klatschten sie auf einmal

Tochter

Es war ein richtiger ein ganz großer Erfolg

Mutter

E i n Erfolg was sagt das
dann gehen die Leute hinaus auf die Straße
und alles ist vergessen
das sagt doch nichts ein Erfolg an einem Abend
Und ob es zu einem Lebenswerk reicht

Tochter

Was heißt Lebenswerk Mama
Die Leute haben geklatscht es hat Ihnen gefallen
die Schauspieler haben Ihnen gefallen
es hat ihnen alles gefallen

Mutter

Die Schauspieler haben gefallen
die Schauspieler waren großartig
aber das Stück

Tochter

Ich finde es ein ganz außerordentliches Stück

Mutter

Als ob du von der dramatischen Literatur
auch nur das geringste verstündest
die Leute verstehen nichts
und Klatschen sich zu Tode
weil sie gerade zum Klatschen aufgelegt sind
aber sie beklatschen auch das Unsinnigste
Sie beklatschen auch ihr eigenes Begräbnis
sie beklatschen jede Ohrfeige
die sie bekommen
sie werden von der Rampe herunter geohrfeigt
und beklatschen das
Es gibt keine größere Perversität
als die Perversität des Theaterpublikums

 

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!