LITERATUR zum THEATER: Thomas Bernhard – Am Ziel

Wer beides, das Theater und die Literatur, mag, sollte sich dieses kleine Buch vornehmen. „Am Ziel“ von Thomas Bernhard. Natürlich vor allem dann, wenn man Thomas Bernhard mag. Ich habe es kürzlich aus einem Bücherregal herausgezogen. Es liest sich recht locker an einem schönen Abend. Bissig, komisch, auf die Spitze getrieben, immer wieder wahr, Thomas Bernhard eben. Hier ein kleiner Auszug:

Tochter

Ein so großer Erfolg Mama

Mutter

Das besagt doch nichts
die Leute waren in Laune und machten einen Erfolg
aber es hätte auch das Gegenteil und kein Erfolg sein können
es war bis zuletzt nichts entschieden
nichts gar nichts
dann war Stille
die Leute haben geklatscht

Tochter

Und wie geklatscht wurde Mama

Mutter

Mir ist es unverständlich
dass sie geklatscht haben

wo es sich doch um ein Stück handelte
in welchem sie alle bloßgestellt worden sind
und auf die gemeinste Weise
zugegeben mit Witz auch
aber mit einem bösartigen Witz
mit Niedertracht sogar
mit absoluter Niedertracht
Und dann klatschten sie auf einmal

Tochter

Es war ein richtiger ein ganz großer Erfolg

Mutter

E i n Erfolg was sagt das
dann gehen die Leute hinaus auf die Straße
und alles ist vergessen
das sagt doch nichts ein Erfolg an einem Abend
Und ob es zu einem Lebenswerk reicht

Tochter

Was heißt Lebenswerk Mama
Die Leute haben geklatscht es hat Ihnen gefallen
die Schauspieler haben Ihnen gefallen
es hat ihnen alles gefallen

Mutter

Die Schauspieler haben gefallen
die Schauspieler waren großartig
aber das Stück

Tochter

Ich finde es ein ganz außerordentliches Stück

Mutter

Als ob du von der dramatischen Literatur
auch nur das geringste verstündest
die Leute verstehen nichts
und Klatschen sich zu Tode
weil sie gerade zum Klatschen aufgelegt sind
aber sie beklatschen auch das Unsinnigste
Sie beklatschen auch ihr eigenes Begräbnis
sie beklatschen jede Ohrfeige
die sie bekommen
sie werden von der Rampe herunter geohrfeigt
und beklatschen das
Es gibt keine größere Perversität
als die Perversität des Theaterpublikums

 

Advertisements

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger – „Erfolg“: Dieses kleine, unscheinbare Heftchen, dieser bescheidene Band, kränkliches Kloblättchen, dürftige Broschüre, unscheinbares Taschenbüchlein, windiges Ding … neinnein, genau das Gegenteil ist der Fall: Dieser Brocken! Ihn hatte ich zuletzt gelesen. Weil in den Kammerspielen ja am vergangenen Wochenende die Premiere von WARTESAAL von Lion Feuchtwanger war (ich sehe es am Sonntag). Und Wartesaal heißt die Trilogie von Lion Feuchtwanger, zu der auch „Erfolg“ gehört. „Erfolg“ – „Die Geschwister Oppenheim“ – „Exil“. Aber ich war auf dem Holzweg. Der Regisseur Stefan Pucher konzentriert seine Inszenierung an den Kammerspielen auf den Roman „Exil“!  Trotzdem, es war eine gute Wahl. Jetzt kommt eben noch „Exil“ dran. Auch so ein windiges Ding, läppische fast 900 Seiten!

München in der Zeit nach dem I. Weltkrieg, erste Hälfte der Zwanziger Jahre. Lion Feuchtwanger schildert in dem Buch, wie man damals in Teilen der Münchner Gesellschaft dachte und handelte. „Erfolg“ ist ein grandioses Panorama der Zeit, in der Hitlers erster Anlauf zur Machtergreifung scheiterte. Lion Feuchtwanger war wohl der erste Schriftsteller, der das Aufkommen des Nationalsozialismus thematisierte. „Kein literarisches Werk vorher und nachher hat die Mentalität der Stadt und ihrer Bewohner so gut erfasst wie der „Erfolg“, trotz oder gerade wegen der begründeten Hassliebe, die daraus spricht“ (Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2008). Was den Blick auf das Bayerische, Voralpenländische angeht, haben Feuchtwangers Beobachtungen vor allem heute noch volle Berechtigung! Sie sind zeitlos. Die Bayern bleiben die Bayern. Es ist sehr bedrückend, wie hilf- und wehrlos alle die damals aufkommenden Veränderungen gesehen und hingenommen haben. Erst kleine Veränderungen, Lappalien, Stimmungsänderungen, dann auch deutliche Veränderungen. Es wurde immer bedrückender. Aber jeder schaute auf sein eigenes Thema, sein Fortkommen. Durch das Buch zieht sich etwa die tragische Geschichte des progressiven Kunsthistorikers Dr. Martin Krüger, der wegen einer völligen Lappalie – im Grunde aber wegen mißliebiger Kunstwerke, die Krüger erwirbt und ausstellt –  ins Gefängnis kam.

Dieses Kunstskandälchen bildet […] nur den Ausgangspunkt, sozusagen den Schmetterlingsflügelschlag, aus dem sich ein Orkan von einem Roman entwickelt: ein Zeit- und Sittenbild epochalen Ausmaßes, in dem die bayerische Mentalität, die politisch-ökonomische Großwetterlage und die deutschen Zustände am Vorabend des Dritten Reichs spürbar, greifbar und schmeckbar werden. Dieser große politische Roman bleibt bei aller analytischen Schärfe stets das Werk eines Bestsellerautors. (Wilhelm Trapp, Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008)

Erstaunlich wie immer ist die Zusammenfassung des Romans auf der WEBSITE von Dieter Wunderlich.

KINO: Julian Rosefeldt – Manifesto

Es gab im vergangenen und im ablaufenden Jahr eine Ausstellung „Manifesto“ mit 12 Videos. Genannt „Kunstinstallation“. Ab 23. November kommt das Ganze im Kino! Die Ausstellung war in Berlin und München zu sehen. In den Videos spielt die australische Schauspielerin Cate Blanchett 13 Rollen. Rollen, in denen sie jeweils nur ein künstlerisches Manifest spricht. Es spielen keine anderen Schauspieler (mit Text). Die Manifeste sind zusammengestellt aus existierenden künstlerischen Manifesten der letzten hundert Jahre zum Thema: Was ist Kunst? Sind die Aussagen in den Manifesten – und hier in den erstelllten „Manifestcollagen“ – heute noch verständlich? Wie hört man sie heute? Gerade dieser Kontrast zwischen den (damaligen) Manifesten und dem heutigen (Alltags-)Leben zeigt sich in den Videos.

Situationismus – Futurismus – Architektur – Blauer Reiter/Expressionismus – Kreationismus – Konstruktivismus – Dada – Surrealismus – Pop Art – Fluxus/Performance – Konzeptkunst/Minimalismus – Film.

HIER ein Interview mit dem Regisseur Julian Rosefeldt.  Der Film lohnt sich schon wegen Cate Blanchetts wirklich außergewöhnlicher Leistung  und wegen der 12 Videos insgesamt. Es heißt: „Eine Hommage an die poetische Sprengkraft der großen Künstlermanifeste der letzten hundert Jahre.“ Diese Sprengkraft wird durch das Gegenüber der Manifesttexte und der modernen Alltagssituationen auf die Spitze getrieben.

Wieder gibt es Querverbindungen: Julian Rosefeldt lernte – so liest man in der ZEIT – Cate Blanchett über THOMAS OSTERMEIER kennen. Thomas Ostermeier ist seit September 1999 Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung der SCHAUBÜHNE in Berlin. Er hat z. B: in München an den Kammerspielen das wunderbare Stück SUSN von Herbert Achternbusch inszeniert.

HIER der link zur Website zum Film und HIER der Filmtrailer.

Und hier unten als Beispiel für Cate Blanchetts wirklich beeindruckende Leistung (alles wurde innerhalb von drei – drei! – Tagen gedreht, glaube ich mich zu erinnern) noch ein Bild zu einem der Videos. Ein Bild aus dem Buch zur Ausstellung. Im Buch finden sich alle Manifestcollagen auf Englisch und in einem Beihefter auf Deutsch, plus Aufnahmen und weitere Texte zum Thema. Interessantes Buch, siehe das Blogbild. Es lohnt, erst die Manifestcollagen zu lesen und dann den Film zu sehen!

FullSizeRender 3

portrt-rosefeldt-img-0

Julian Rosefeldt, © Jens Kalaene/dpa/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

THEATER: Berliner Volksbühne – Publikumsbeleidigung

Für den Theaterfreund: Premiere an der Berliner Volksbühne! Das erste Stück unter dem neuen, dem höchst umstrittenen Intendanten CHRIS DERCON. Fast das Ereignis des Theaterjahres. Nach dem Abgang des Intendanten Frank Castorf. Castorf war Intendant der Volksbühne seit 1992! Die Kritiken sind durchgehend verheerend! „Selten bis nie“ … liest man solch niederschmetternde, krasse Premierenkritiken. Etwa in der FAZ: Eine „Beleidigung“ für Publikum wie für Darsteller sei der Eröffnungsabend gewesen; es zeuge von höhnischem Hochmut, dazu überhaupt einzuladen. !!

HIER ein Presserundschau von Deutschlandradio Kultur. HIER die Kritik der Sueddeutschen Zeitung. HIER die Kritik der FAZ.

Es bleibt spannend an der Volksbühne! Immerhin arbeiten mit Chris Dercon so interessante Personen wie SUSANNE KENNEDY oder ALEXANDER KLUGE! Susanne Kennedy hat ja beispielsweise an den Münchner Kammerspielen zuletzt Die Selbstmord-Schwestern nach Motiven des Romans von Jeffrey Eugenides inszeniert . HIER mein damaliger Bericht im Blog. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Volksbühne Berlin, wo sie ab Frühjahr 2018 im Repertoire zu sehen sein wird.

THEATER: Milo Rau

Milo Rau (*1977 in Bern, gerade mal 40 Jahre alt!) ist momentan DIE Figur der deutschsprachigen Theaterszene. Es geht bei ihm mit irrer Schaffenskraft um POLITISCHES THEATER. Auch an den Münchner Kammerspielen steht eine Premiere an: Das Stück Die 120 Tage von Sodom gibt es an den MÜNCHNER KAMMERSPIELEN im Rahmen des Spielart Festivals nur kurz, und zwar am 29. und 30.10.2017, zu sehen.
Ich lese: Er studierte Soziologie, Romanistik und Germanistik in Paris, Berlin und Zürich. Seit 2002 veröffentlichte er über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen, die an allen großen internationalen Festivals zu sehen waren, u. a. am Theatertreffen Berlin, Festival d’Avignon, Biennale Teatro die Venezia, Wiener Festwochen und Kunstenfestival Brüssel und durch über 30 Länder weltweit tourten. Zuletzt wurde er mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik 2017 und dem ITI-Preis zum Welttheatertag 2016 geehrt. Nach Theaterkünstlern wie Frank Castorf, Pina Bausch, George Tabori, Heiner Goebbels oder Christoph Marthaler ist er der bisher jüngste Träger des renommierten Theaterpreises.

»Five Easy Pieces« wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ich habe das beeindruckende Stück gesehen und HIER darüber berichtet. Ab der Saison 2018/19 übernimmt Er die Direktion des Nationaltheaters in Gent.

Allein zurzeit bzw. in Kürze laufen – soweit mir bekannt – an den deutschsprachigen Bühnen folgende Stücke/Aktionen von ihm:
Five Easy Pieces in den Sophiensaelen, Berlin
Die 120 Tage von Sodom eben in Kürze an den Münchner Kammerspielen/lief bereits im Schauspielhaus Zürich
Lenin (HIER) ganz aktuell an der Berliner Schaubühne
General Assembly in Kürze an der Berliner Schaubühne mit Übertragung an das Thalia Theater in Hamburg
Start des Films Das Kongo Tribunal am 16.11.2017
Diskussion zum Film Das Kongo Tribunal im Münchner Residenztheater am 19.11.2017

 

Angekündigt ist außerdem am Residenztheater München für den 1. Februar 2018 die Uraufführung von Jeanne d’Arc.

Alles kreist bei Milo Rau um das von ihm im Jahre 2007 gegründete IIPM, das International Institute of Political Murder, mit Sitz in der Schweiz und in Deutschland. Es ist seine „Produktionsgesellschaft für Theater, Film und Soziale Plastik“ und kümmert sich um die Produktionen und internationalen Verwertungen seiner Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme. Man liest auf der Website des IIPM:

Die bisherigen Produktionen des IIPM stießen international auf große Resonanz und stehen für eine neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst – „Real-Theater“, wie Alexander Kluge Milo Raus Ästhetik einmal nannte. Seit 2007 hat das IIPM mehr als 50 Theaterinszenierungen, Filme, Bücher, Ausstellungen und Aktionen realisiert. 

Die Stücke des IIPM tourten durch bisher über 30 Länder und wurden an alle bedeutenden internationalen Festivals eingeladen.  Bisherige Projekt- und Essaybände des IIPM wurden mehrfach aufgelegt („Die letzten Tage der Ceausescus“, 2010), von der Bundeszentrale für Politische Bildung als Schulbücher nachgedruckt („Hate Radio“, 2014) und von der taz zum „Buch des Jahres“ gewählt („Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“, 2013). Für 2017 entstehen der ästhetiktheoretische Band „Wiederholung und Ekstase“ (Diaphanes Verlag, Abschlussband zu einem Forschungsprojekt, das das IIPM an der Zürcher Hochschule der Künste zum Realismus in den Künsten durchführte), die beiden Projektbände „Das Kongo Tribunal“ und „1917“ (beide Verbrecher Verlag) sowie das Manifest „Die Rückeroberung der Zukunft“ (Rowohlt Verlag).“

Beispielsweise zum GENERAL ASSEMBLY, das vom 3. bis 5. November in Berlin stattfinden wird, heißt es:

Im Juli diesen Jahres hat sich der G20-Gipfel in Hamburg mit wichtigen internationalen Fragen auseinandergesetzt. Diesen Fragen stellt sich, heißt es, das Weltparlament von Milo Rau. Dabei sprechen diejenigen, die in der globalen Realität von Politik und Ökonomie nicht repräsentiert werden, die keine Stimme haben: Arbeitsmigranten, deren Kinder und Nachgeborene, Kriegsopfer, Textil- und Minenarbeiter, Kleinbauern, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, Opfer des sich anbahnenden Ökozids. Vom 3. bis 5. November versammeln sich 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Schaubühne Berlin, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter: Achille Mbembe, Can Dündar, Chantal Mouffe, Ulrike Guérot, Jean Ziegler, Armen Avanessian, Wolfgang Kaleck, Harald Welzer,(u.a) zu Plenarsitzungen mit folgendem Programm:

3. November 2017: Konstituierende Sitzung

4. November 2017: 1. Plenarsitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege; 2. Plenarsitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft; 3. Plenarsitzung: Migration und Grenzregime

5. November 2017: 4. Plenarsitzung: Cultural Global Commons; 5. Plenarsitzung: Natural Global Commons; Schlusssitzung

 

Also: Wer in Berlin oder Hamburg ist …

(Copyright des Blogbildes: re alliance/ZB)

POLITIK: Helmut Kohl

Wenn der Blog von meinem Leben erzählt, gehört er auch dazu: Helmut Kohl. Er ist mir einen Blogbeitrag wert. Am vergangenen Wochenende der europäische Trauerakt in Straßburg, die Trauerfeier in Speyer, die Beerdigung in Speyer. Wir wissen es: Es ist nicht ein bekannter Mensch gestorben, nicht ein Politiker. Es ist nicht ein großer Politiker gestorben, einer von bisher zwei europäischen Ehrenbürgern. Nein, auch das nicht. Hier mein persönlicher kleiner Nachruf:

Ich finde, Walter Steinmeier hatte es gut formuliert und viele spüren es ja: Ein Weg geht zu Ende. Ein Weg. Ein Weg, den er für uns alle gegangen ist, sein Lebensweg. Helmut Kohl war schicksalhaft mehr als eine Person, er war ein Phänomen in seiner Zeit! Er hat die Dinge für uns alle geregelt. Ich glaube nicht, dass er aus Egoismus, aus Machtgier handelte. Dazu opfert man doch wohl nicht sein Leben. Sicher war er schwierig und machtbewusst und unnachgiebig und und und, aber das gehört wohl dazu. Er war schließlich immer auch versöhnlich. Wir leben heute noch in einer Welt, die er für uns geschaffen hat. Ob wir ihn mochten oder nicht. Er hat sein Leben hoffentlich für sich, aber auch: Für uns gelebt. So gut es ging, mit den Themen, die damals eben Thema waren. Ich bin 55 Jahre alt und war etwas über 20, als er Kanzler wurde. Von 1982 (ich war 21) bis 1998 (ich war 37) war er Bundeskanzler! Was für eine Zeitspanne!

Erinnerungen. Helmut Kohl hat auch meine Zeitein entscheidendes Stückchen vorangetragen. Er hat es gerichtet. Mehr als jeder große Politiker heute (es ist ja alles viel unüberschaubarer, komplexer und vielfältiger geworden, meint man). Da konnte er vielleicht garnichts dafür, es war einfach so! Erinnerungen? Da wird es natürlich sehr persönlich. Ich sehe meine Kindheit, das Briefmarkensammeln (spanisch Briefmarken), der Fußball (der TSV 1860 München natürlich), die Schule (humanistisch), Latein, Freunde, Familie, München, Cassius Clay, die erste Mondlandung, RAF, die Urlaube an der Nordsee: Das war die Zeit VOR Helmut Kohl. Okay, aber dann, die Zeit des Studiums (erst Altphilologie; oder doch lieber Architektur? Dann Jura!) auch in München, dann Lausanne, Freunde, die Freundin, mein ganz eigenes Leben, alles spitzte sich zu, die Heirat, die schöne Zeit, die Gründung der Familie, Köln, drei Kinder, der Berufsbeginn, mich selbst suchen und finden, mit allem zurecht kommen, die Eltern bei alledem, all das hängt eher mit Helmut Kohl zusammen in dieser Zeit, 1982 bis 1998.

Vielleicht hatte Helmut Kohl etwas, was heute verpönter ist: Eine Art Unnahbarkeit – die damals noch anders hingenommen wurde. Eine Generationenfrage? Unnahbar, aber nicht falsch, das war er irgendwie. Wie meine Eltern, würde ich sagen. Auch das ist natürlich sehr persönlich, aber es ist eben eine Parallele. Auch sie waren letztlich unnahbar, aber nicht falsch! Die Parteispendenaffaire verzeihe ich Helmut Kohl. Ich finde, irdische Kräfte haben an ihm gezerrt, Finanzgünstlinge, sie wollten ihn damit unbewusst aus seiner historischen Stellung herausreißen, zurückholen in den irdischen Strudel, abhängig machen.

Es war kein Gezeter, kein Kampf, keine Rechthaberei, er hat uns einfach durchgeführt durch diese Epoche, scheint mir rückblickend. Obwohl ich mich nicht gerade intensiv darum gekümmert hatte, was er wie machte. Plötzlich war ich dann in Berlin bei der Treuhandanstalt, Abteilung für die Privatisierung alter Stahlbetriebe nach der Wiedervereinigung. Noch ein Zeichen der Zeit: Damals schien vielleicht die Person ansich, die Persönlichkeit noch weit wichtiger als all die abstrakten unbestimmten globalen Phänomene, die sich heute so unlösbar in den Vordergrund drängen – der Terror, die Umwelt, die Flüchtlingskrise, die Globalisierung insgesamt. Helmut Kohl, am vergangenen Wochenende ist somit auch bei mir eine Epoche aus dem Leben geschieden. Abgeschlossen war sie ja schon. Vielleicht kommt ja irgendwann einmal ein Mensch daher, der uns – oder eher unsere Kinder – in gewisser Weise wieder ähnlich ein Stückchen lang durch einige der globalen Misslagen führen wird. Ganz schicksalhaft … Aber heute muss man vielleicht auch viel mehr selber in die Hand nehmen.

 

FILM: Filmfest München 2017

Schön, dass der Tag ungefähr 70 Stunden hat! Das FILMFEST MÜNCHEN findet jetzt wieder statt. Schlapp über 150 Filme werden ab heute bis zum 01. Juli gezeigt. Was soll man bloß dazwischen machen? Die große Leere! Nun gut, ein Eis essen gehen etwa. Ich mache es kurz (mit einigen links): Ich habe zwei Dinge im Programm des Filmfestes entdeckt, die auch diesen Blog betreffen:

  • Man bringt eine Hommage/Retrospektive zu allen Filmen in Regie von Sofia Coppola. Unter anderem wird gezeigt THE VIRGIN SUICIDES. Zu sehen ist der Film am 24.06. um 19.00 oder am 26.06. um 17.30. Ich hatte ja kürzlich im Blog über das Theaterstück DIE SELBSTMORDSCHWESTERN geschrieben. Basis ist das Buch. Übrigens kommt demnächst Jeffrey Eugenides, der das Buch geschrieben hat, zu einem AUTORENGESPRÄCH bei den Kammerspielen vorbei. Bei der Gelegenheit: LOST IN TRANSLATION kommt auch! Auch Regie Sofia Coppola. Wohl eine recht coole Frau. Der Film wird am 25.06. und am 27.06. gezeigt.
  • Der zweite Punkt: Ich bringe ja im Blog gerne Livemitschnitte von Konzerten als Musik der Woche. Das Filmfest lässt sich davon offenbar anstecken und bringt eine Reihe OPEN AIR/LOUD AND FAMOUS. Mit Filmen von Konzerten von Bob Marley, The Doors, Janis Joplin, Falco, Neil Young und andere. Auch nicht schlecht.

So, die kommenden Tage sind vielleicht gerettet.

MUSIK DER WOCHE: Gunter Gabriel

Heute mal etwas ganz anderes. Ein kleines Stückchen Zeitgeschichte. Gunter Gabriel ist heute gestorben. Durch einem schweren Sturz am 11. Juni hatte er einen dreifachen Halswirbelbruch erlitten. „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ kennt man – wenn man nicht zu jung ist – von ihm. Ich hatte ihn in jungen Jahren tatsächlich auch gehört, seine Fernfahrer- und Arbeitersongs. Der deutsche Jonny Cash. Hier ein Lied, das nicht einmal so richtig typisch für ihn ist: Hey Yvonne von Gunter Gabriel. Also heute einfach einmal ein Schlagerlied dieses ehrlichen Typen. Aber die Zeiten haben sich geändert. So würde man heute nicht mehr singen. Deshalb:

POLITIK: Die arabische Welt

Die arabische Welt und ihre Konflikte! Wer versteht das schon! Ich nicht! Eine aktuelle Meldung lautet ja: „Terroranschlag im Iran“. Und: „Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und der Jemen brechen alle Beziehungen zu Katar ab. Die nationalen Fluggesellschaften stoppten den Luftverkehr. Zudem schlossen die Nachbarländer die Grenzen. Die Staaten werfen Katar vor, Terroristen zu unterstützen. Zudem stoßen sie sich an den Beziehungen des Emirats Katar zum Iran.“ Was steckt dahinter?

Es hat wesentlich mit dem Konflikt Sunniten – Schiiten zu tun. Ich habe ein paar Informationen gesammelt, hoffentlich verlässlich. Ich war auf journalistischen Seiten wie SPIEGEL online, FAZ online, SZ online, ZEIT online unterwegs. Folgendes:

Etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten. Das Königreich Saudi-Arabien sieht sich als große Schutzmacht der Sunniten. Eine besonders konservative Strömung der Sunniten ist der Wahabismus – die Staatsreligion in Saudi-Arabien. Man sagt, der Wahabismus sei dem IS recht nahe. Donald Trump hat mit seinem riesigen Waffendeal (über 110 Mrd. US – Dollar) also einseitig die Sunniten von Saudi Arabien unterstützt. Das bringt natürlich Unruhe, vor allem im Iran, siehe unten. Wenn sich eben zwei streiten (Saudi Arabien und der Iran) und sich ein Dritter (USA) einseitig auf die eine Seite stellt! Aus wirtschaftlichen Gründen! Wenn das mal gut geht!

Nur in wenigen Ländern stellen jedenfalls die Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Der Iran vor allem betrachtet sich als der wesentliche Interessenvertreter der Schiiten. Also Saudi Arabien gegen Iran im Kampf um die Vorherrschaft in der arabischen Welt. Der große Konflikt!

Die Schiitengegner im Nahen Osten glauben ohnehin generell, dass Schiiten in arabischen Staaten nicht herrschen dürften, obwohl sie im Irak 60 Prozent, in Bahrain 50 bis 70 Prozent, im Libanon 35 bis 50 Prozent, in Kuwait 20 bis 30 Prozent, in den Vereinigten Arabischen Emiraten bis zu 20 Prozent und in Saudi-Arabien rund 10 Prozent der Bevölkerung stellen. Vielmehr müssten schiitische Regierungen – wie auch in Syrien übrigens – sowie substaatliche Akteure wie die schiitisch geprägte Hisbollah bekämpft werden. Der Islamische Staat (IS) ist auch sunnitisch und antischiitisch geprägt. Er bekämpft ja auch die schiitische Regierung in Syrien. Auch andere syrische Aufständische sind sunnitisch.

Und jetzt das Emirat Katar. Es wird sunnitisch regiert (es leben aber 70 % Schiiten im Land), will aber die sunnitische Vormachtstellung Saudi Arabiens nicht einfach   hinnehmen. Vorgeworfen wird Katar aktuell, es finanziere sunnitisch geprägte Terrororganisationen wie die sunnitisch-islamistische Muslimbruderschaft und die ebenfalls sunnitisch-islamistische Palästinenserorganisation Hamas. Die Muslimbruderschaft ist zwar auch sunnitisch, aber – lese ich – die Muslimbruderschaft stehe in Konkurrenz zu den Wahabisten, die die Vorherrrschaft im sunnitischen Islam für sich beanspruche. Und: Katar pflege zuviel Nähe zum Iran (? – Schiiten). Katar ist etwas westlicher orientiert, die Amerikaner haben dort einen „riesigen“ – wie es heißt – Militärstützpunkt. Kapier ich noch nicht ganz.

Und die Türkei, die ja aktuell Katar unterstützt? Den Emir von Katar und den türkischen Präsidenten Erdogan verbindet – liest man – die Nähe zur sunnitisch-islamistischen Bewegung der Muslimbrüder sowie die Energiefrage. Stößt also auf Unruhe in Saudi Arabien, den Wahabisten. Katar hat außerdem Zugang zum größten Erdgasfeld der Erde, die Türkei einen hohen Energiebedarf. Der frühere Spitzendiplomat Jürgen Chrobog sagte kürzlich in einem Interview mit Deutschlandradio

Frage: „Welche Rolle spielt die Entwicklung um Katar, ein Land, dem die Nachbarländer, die es jetzt boykottieren, auch vorwerfen, zu freundschaftlich mit dem Iran umzugehen?“
Chrobog: „Nun gibt es keine engen Beziehungen zwischen Katar und dem Iran, aber Katar ist vielleicht das einzige Land in der Golf-Kooperation, das sich etwas nach vorn bewegt und etwas moderner denkt und diese Stagnation aufbrechen will, die in dem Freund-Feind-Denken besteht. … Aber auf jeden Fall ist Katar das Land, das etwas moderner denkt, und versucht, auch die Brücke zu Iran zu bauen, ohne jetzt aber eine enge Freundschaft zum Iran aufzubauen.“

Wie ist dann die Türkei zu bewerten? Ich muss hier heute abbrechen. Es reicht ja auch erst einmal. Ist alles nur ganz grob. Ich werde weiter darüber schreiben, um es selber für mich zu verstehen. Mal sehen.

So, vor diesem Hintergrund kann man den Artikel zur Katar-Krise auf ZEIT online gut lesen. Er liest sich dann fast so einfach wie Fix und Foxi. HIER

 

%d Bloggern gefällt das: