MUSIK: Rachel’s – Warm Body

Gleich noch etwas sehr Ruhiges, zum Entspannen, ist immer noch gut. Ich bin gerade in der ruhigen Ecke. Dann wird es bald wieder lebhafter. Rachel’s heißt die Band, Warm Body heißt das Stück. Eine schöne Mischung aus fast psychedelischen Klängen (Streichinstrumente, Gitarre, Piano, Elektro) und Drums. Aus dem Album Systems/Layers. Die Drums setzen nicht sofort ein, aber gerade die Kombination Streicher und Piano mit den Drums gefällt mir. Der Gründer Jason Noble (das müsste er sein oben im Bild) ist dem verstorbenen Esbjörn Svensson (HIER) ähnlich! Und die Musik hat etwas von Ari Ben Meyers, der ja z. B. letztens (er hat aber schon wieder andere Sachen gemacht) die Musik zum höchst beeindruckenden Theaterstück „Die Räuber“ von Schiller im Residenztheater  (HIER mein damaliger Wahnsinnsbeitrag dazu) gemacht hat – mit Streichern und E-Gitarre und Drums.

HIER die Website der Band.

HIER das full album Systems/Layers.

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MUSIK: Max Richter – Dream 13 (minus even)

Ich stoße momentan auf sehr ruhige Musik. Aber das ist auch eine interessante Ecke! Heute Max Richter mit Dream 13 aus dem Album „Sleep“. Ein schönes, sicher sehr persönliches Video! HIER seine Website. Er lebt in Berlin. Ist Komponist, macht auch Filmmusik. Er hat etwa die Filmmusik zu dem sehr beeindruckenden Film Waltz with Bashir über den Einmarsch der Israeli im Libanon 1982 gemacht. Ein Dokumentarfilm als Zeichentrickfilm! Er hat auch schon mit Wayne McGregor zusammengearbeitet (siehe meinen Beitrag über Wayne McGregor). In Zusammenarbeit mit Wayne McGregor und dem Künstler Julian Opie schrieb er die Musik zu dem Ballettstück „Infra“, das 2008 in London uraufgeführt wurde.

MUSIK: Olafur Arnalds – Happiness Does Not Wait

Olafur Anders (geb. am 03. 11. 1986) ist ein isländischer Musiker aus der bekannten Metropole Mosfellsbaer. Wer kennt ihn nicht, diesen pulsierenden Moloch. Arnald war Mitglied mehrerer Bands und ist seit 2007 hauptsächlich als Solomusiker tätig. Ruhige Kompositionen macht er, ist ja auch mal gut! Er macht auch Filmmusik, hat auch mit Nils Frahm zusammengearbeitet. Auch übrigens mit dem Ballettchoreografen Wayne McGregor, über den ich auch schon einmal geschrieben hatte („Portrait Wayne McGregor“).

Am 5. bis 8. Oktober tourt er ein wenig durch Deutschland (Hamburg; Dortmund, Wiesbaden, Ludwigsburg):

HIER seine Website.

Copyright des Bildes: Von z3To – 2118435587, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7498907

Hier das Stück Happiness Does Not Wait:

THEATER: Johann Wolfgang von Goethe – Faust

Heute ist es ein Beitrag mit ziemlich vielen links. Manche sind wunderbar! Schwerpunkt auch: Bühnenbildner Aleksandar Denic. Tja, ich habe ihn also wieder einmal gesehen, unseren großen Faust von Johann Wolfgang von Goethe.

Im Münchener Residenztheater gibt es eine Inszenierung von Martin Kusej, die seit 2014 läuft. Am 1. November, also in der nächsten Spielzeit, wird sie zum 60. Mal gezeigt. Zuletzt war es natürlich angebracht, ihn zu zeigen, in München lief bis Ende Juli ein übertriebenes Faust Festival. Ich halte den Faust – Hype ja für fragwürdig. Unten komme ich drauf zurück. Jedenfalls empfehle ich, sich VOR dem Besuch der Inszenierung auf der umfangreichen Faust – Website des Residenztheaters in Ruhe umzusehen (HIER der Link) und dort am besten den gesamten Text der Inszenierung herunterzuladen und zu lesen (er wird komplett als PDF zur Verfügung gestellt). Der Regisseur – und derzeitige Intendant des Residenztheaters Martin Kusej (er geht zum Wiener Burgtheater) – hat nämlich Textpassagen aus Faust II und Faust I gemischt. So entstand ein neues Textgebilde. In der Aufführung kann man dem Text kaum folgen.

Über zwei Aspekte schreibe ich hier: Zum Einen sage ich etwas zum Bühnenbild. Zum Anderen bringe ich ein paar Gedanken zum Faust.

Also zum Bühnenbild:

Ein bisschen namedropping: Ich bin auf die Faust-Inszenierung von Martin Kusej auch deshalb gekommen, weil Aleksandar Denic wieder einmal das Bühnenbild gemacht hat. Aleksandar Denic hat jahrelang in der Volksbühne (und anderswo) mit Frank Castorf zusammengearbeitet. Die Bühnenbilder von Aleksandar Denic sind berüchtigt, sie haben die Arbeiten von Frank Castorf wesentlich geprägt. Sie sind sehr eigen, sind sich aber andererseits auch meist recht ähnlich, soweit ich sie kenne. Hier ein Bild von Aleksandar Denic:

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© Bojana Denić

Ich habe jetzt Denics Bühnenbilder gesehen in Les Miserables (XXL-Version) von Frank Castorf am Berliner Ensemble (HIER mein Blogbeitrag), in Faust von Frank Castorf am Berliner Theatertreffen 2018 (HIER mein Blogbeitrag) uns jetzt in Faust von Martin Kusej am Residenztheater. Schade, im Rahmen der Salzburger Festspiele 2018 bringt Frank Castorf im August wiederum zusammen mit Aleksandar Denic „Hunger“ von Knut Hansum. Ich kann aber leider nicht hinfahren. HIER der link zur Seite zur Inszenierung von „Hunger“ bei den Salzburger Festspielen. Und HIER eine erste kurze Besprechung von „Hunger“ im Deutschlandfunk Kultur.

Übrigens: Auf der Website zu „Hunger“ ist eine Bildergalerie. Sehr schön! Das sieht nach einer gelungenen Inszenierung aus! Und so sieht wieder einmal das Bühnenbild von Denic in Salzburg aus:

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© Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Aber interessant und bei Denic eher ungewohnt: Andere Szenen sind topmoderner Alltag. Siehe Bildergalerie.

Das Bühnenbild im Residenztheater war ein wenig ruhiger, als von Denic gewohnt. Wieder eine Drehbühne, wieder ein zweistöckiges Gebilde darauf, wieder düstere Stimmung. Irgendwie kaputte Welt. Oben hinter hohem Maschendraht ein Kran und eine „Kampffläche“ für Boxer etc., unten verschiedene dunkle Räume, rückseitig helle Räume.

Unglaublich übrigens, was für eine Arbeit drin steckt, ein solches Bühnenbild auf das Parkett zu bringen! HIER ein eindrucksvolles Video zum Aufbau der Bühne! (Wer wenig Zeit hat – also alle: Nach 1 min 35 sec wird es im Video interessant.)

Aber es war, schien mir, ein wenig an München angepasst: Etwas ordentlicher, etwas übersichtlicher. Auf Videoleinwände wurde sogar – für mich erstmals bei Denic – verzichtet. Und teils der gern gesehene weiße leere Raum.

Meine Gedanken zum Faust:

Erste Überlegung: Ich weiß ja nicht! Da tun wir Deutschen immer so, als sei der Faust das Maß aller Dinge. Als würde dort das ganze Leben drin stecken. Ist aber ziemlich egozentrisch! Meines Erachtens ist der Faust veraltet. Auch wenn man ständig meint, er wäre immer wieder aktuell. Deswegen war für mich auch dieses wahnsinnig groß aufgezogene Faustfestival in München, das monatelang lief, fragwürdig. Es ist einfach mittlerweile anders, es geht zwar allen um Selbstentwicklung, aber nicht so einseitig, wie im Faust gebracht! Gut, manche wollen das Leben voll auskosten, etwa übrigens Benjamin von Stuckradt-Barre, siehe meine kürzlich gebrachte Besprechung von „Panikherz“ HIER. Aber da waren viele Drogen im Spiel.

Zweite Überlegung: Eigenartig, es gibt, glaube ich, Theateraufführungen, die großartig sein können, bei denen aber der Funke zum Publikum einfach nicht überspringt. Zu komplex vielleicht. So kam es mir bei der Faust-Inszenierung im Residenztheater vor. An sich war es eine – finde ich – gute Inszenierung, aber irgendwie begeistert schien mir das Publikum im ausverkauften Haus nicht zu sein. Vielleicht konnte man den Text gar nicht verarbeiten. Der Text war ja schwierig. Schon das Lesen des Faust erfordert ja höchste Konzentration.

Dritte Überlegung: Irgendwie hat mich das Schicksal von Faust nicht gepackt. Matthias Wölbern mag den Faust sehr gut gespielt haben, die Interpretation des Faust, die er spielen sollte, war aber meines Erachtens eben nicht mehr zeitgemäß. Die Versuche (auch durch das Bühnenbild), das Geschehen zeitgemäß darzustellen, waren meines Erachtens nicht wirklich modern oder cool. Das alte Thema: Der Mann, der noch einmal jung sein möchte und sich verlieben möchte. Der sich in das Leben hinein wirft. Im Pakt mit Mephisto. Für den die Zeit nicht still stehen darf. Sicher, so leben wir. Aber diese krankhafte Ichbezogenheit hat heute einfach andere Ausprägungen, Ursachen und Folgen. Feinsinniger komplexer, individueller. Es endet nicht einfach mit dem Tod einer Person. Insoweit war es inhaltlich nicht großartig.

MUSIK: Lou Doillon – Where To Start

Ich hatte Lou Doillon ganz zu Beginn des Blogs einmal gebracht. Vor zweieinhalb Jahren. Da viele sie wahrscheinlich nicht kennen, bringe ich sie hier noch einmal, mit dem Song Where To Start: Das kann nicht schaden. Sie ist die Tochter von Jane Birkin und mütterlicherseits die Schwester von Charlotte Gainsburg. Wie man eben so geboren wird. Ich bin auch der Sohn meiner Eltern und der Bruder meiner Geschwister! Man hört leider in den letzten Jahren wenig von ihr. „Where To Start“ ist der erste Song ihres wunderbaren Albums „Lay Low“. Unten folgen die Lyrics.

Lyrics:

 

Let’s just pretend for a little while
That all there is here and now
And you and I
Hey, oh
Let’s turn our backs
To all the reasons why we shouldn’t
Let us lay low, in each other’s stare
Hey, ohIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay low
Hey, ohAnd I know it wasn’t wise
To look straight back into your eyes
And I don’t need you to tell me so
Hey, ohAnd I don’t want to think, no
I don’t want to know
You tell me when it’s my time to go
Hey, oh

In the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay lowIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay low
Hey, ohLet’s just pretend for a little while
That all there is here and now
And you and I
Hey, oh
Let’s turn our backs
To all the reasons why we shouldn’t
Let us lay low, in each other’s stare
Hey, ohIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay lowIn the morning lights
While the world gets busy
We lay low, we lay low
Hey, oh – Hey, oh – Hey, oh – Hey, oh

MUSIK: Lambchop – When you were mine

When You Were Mine ist eigentlich ein Song von Prince, aus seinem Album „Dirty Mind“. Über eine unglückliche Liebe. Hier ein Cover von Lambchop, die den Song sehr ruhig spielen. Etwas zum Entspannen auf meiner Party ist ja auch mal ganz gut. Unten die lyrics.

Lyrics:
When you were mine
I gave you all of my money
Time after time
You done me wrong
It was just like a dream
You let all my friends come over and meet
And you were so strange
You didn’t have the decency to change the sheets
Oh girl, when you were mine
I used to let you wear all my clothes
You were so fine (so fine)
Maybe that’s the reason that it hurt me so
I know (I know)
That you’re going with another guy
I don’t care (don’t care)
‚Cause I love you, baby, that’s no lie
I love you more than I did when you were mine
When you were mine
You were kinda, sorta my best friend
So I was blind (so blind)
I let you fool around
I never cared (didn’t care)
I never was the kind to make a fuss
When he was there
Sleeping in between the two of us
I know (I know)
That you’re going with another guy
I don’t care (don’t care)
‚Cause I love you, baby, that’s no lie
I love you more than I did when you were mine
When you were mine
you were all I ever wanted to do
Now I spend my time
Following him whenever he’s with you
I know (I know)
That you’re going with another guy
I don’t care (don’t care)
‚Cause I love you, baby, that’s no lie
I love you more than I did when you were mine
When you were mine, yeah, oh no
Love you, baby, love you, baby
When you were mine

THEATER und LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

LITERATUR: Teju Cole – Blinder Fleck

Im Grunde geht es um ein Buch: „Blinder Fleck“ von Teju Cole.

Also: Da saß ich im Zug von Berlin nach München und wir redeten darüber, was „Kunst“ ist. Es war ein anstrengendes Wochenende in Berlin. Sie studiert Kunstwissenschaften in Berlin, spezialisiert auf Fotografiekunst. Fotografiekunst. Was ist denn erst mal „Kunst“? Das sei doch sicher eine Grundfrage ihres Studiums. Zum Beispiel Fotokunst: Heutzutage macht doch jeder mit seinem Handy ständig Fotos. Ist das immer Kunst? Oder besser: Wann ist ein Foto Kunst? Sie meinte, Kunst sei es immer dann, wenn es ein Ausdruck ist, über den sich der Betrachter Gedanken machen kann. Also ein Verkehrsschild nicht, sagte ich. Nein, sagte sie, da sei ja vorbestimmt, was man sich denken und was es bedeuten soll. Aber zum Beispiel ein schwarzer Strich auf weißer Leinwand, das könne durchaus Kunst sein! 

Ich erzählte ihr nicht vom gestrigen Besuch im Pergamonmuseum. Daran dachte ich auch erst im Nachhinein. Das große Ishtartor: Ishtar war die Stadtgöttin von Babylon, 600 Jahre vor Christi Geburt. Dargestellt wurde sie als Löwin. Das riesige Vortor des noch viel größeren richtigen Ishtartores steht im Pergamonmuseum, Vorderasiatischer Teil. Kräftig blaue Kacheln, auf denen – fast dreidimensional – in beige Tiergestalten, unter anderem Löwen, dargestellt sind. Zur Abschreckung von Feinden. War das Kunst? Ich finde zum Beispiel die Art, wie man damals schon etwas darstellte, war unfassbar stilvoll und kunstfertig! Steht heute einfach so in Museen. Es sollte jedenfalls Furcht und Respekt einflössen, also den Betrachter anregen. Also Kunst? Kunst für den Herrscher? Hat Kunst auch Funktionen? Funktionen gehabt? Verloren? Heute? Ein weites Feld!

Ich erzählte ihr – zum Thema Fotokunst – von einem Buch, das ich seit Wochen immer wieder in der Hand habe. „Blinder Fleck“ eben, von Teju Cole. Über Teju Cole hatte ich kürzlich schon im Blog geschrieben, über sein gutes Buch Open City. HIER der damalige Beitrag. Er schreibt dort über seine Streifzüge durch New York und seine Überlegungen dazu, seine Erinnerungen. Das Buch „Blinder Fleck“ wiederum ist ein viel weiterer Streifzug. Ein Streifzug über die ganze Welt. Teju Cole reist offenbar sehr sehr viel. Eine Übersicht über alle Orte, an denen Texte oder Fotos entstanden sind, sind am Ende als Anhang aufgelistet. Er erzählt (auch) in diesem Buch nicht etwas, der Band enthält einfach immer wieder Paare: Ein Foto (meist rechts) und ein meist kurzer Text dazu (meist links).

Anfangs kann man sich bei den Bildern denken: Naja, nichts sagende Banalitäten. Ich sagte meiner Zugbegleiterin: Hier im Zug hätte er den Mitteltisch mit einer Coladose darauf fotografiert. Mehr nicht. Man kann sich dazu auch denken, Teju Cole muss einsam sein. Man sieht auf den Fotos extrem selten eine menschliche Person, und wenn, dann von hinten, weggehend. Eine Ausnahme gibt es, einen afrikanischen Jungen, dessen Foto er zweimal bringt, mittendrin und ganz am Ende.

Mehr und mehr merke ich aber, dass die Bilder große, teilweise sehr große POWER haben. Meine Zugbegleiterin meinte, dann werde es zur Kunst! Ein ganz bestimmtes Feeling entsteht auch durch die Texte im Buch, die jeweils ein Foto begleiten. Als würde man merken, dass Teju Cole dem Leben näher kommen wollte. Indem er einerseits durchgehend banalste Blicke fotografiert, die wir ständig unbeachtet lassen, die aber genauso etwas aussagen, wie das, was wir zu beachten glauben. Die ansich genauso viel Wert sind und ihm Anlass gegeben haben, etwas zu schreiben. Und wenn es nur ein Gedanke war. Die Fotos verlieren dadurch mehr und mehr ihre Banalität. Und andererseits zeigt er etwas vom Leben eben durch diese Texte. Die Texte sind oft völlig weit hergeholte Gedanken zu einem Foto. Aber auch kleine Situationsachilderungen, abstrakte Überlegungen, historische Rückblicke, Erinnerungen, Grundsätzliches, Kleines, alles. Mal kurz, mal etwas länger. Wie im richtigen Leben. Und das macht diese Kombination der Texte mit den Fotos aus! Vielfalt und Banalität. Unbeachtetes und weit Zurückliegendes, Fernliegendes, Dinge, die wir sehen und wissen. Es sind Gedanken über Dinge, die er weiß. Und er weiß viel! So ist nichts banal.  Oder alles banal! Ich nehme dieses Buch seit Wochen in die Hand und werde immer wieder überrascht. Man kann es garnicht in einem Schwung durchlesen oder durchblättern. Mehr und mehr verstehe ich die banalen Fotografien und die Texte dazu. Dieses Buch kann ein sehr anspruchsvolles Geschenk für einen guten Freund, eine gute Freundin, sein.

HIER die Seite des Hanser Verlags zum Buch mit einer Leseprobe.

FILM: Esbjörn Svensson

Ein Hinweis:

Kürzlich hatte ich im Blog Musik des Esbjörn Svensson Trio eingestellt. Der Jazzpianist Esbjörn Svensson ist ja vor genau zehn Jahren (unglaublich!) bei einem seiner ersten Tauchgänge vor Stockholm in jungen Jahren, im Alter von 44 Jahren, ums Leben gekommen. Für viele Jazzfanatiker bis heute tragisch! Heute, am Donnerstag, den 14. Juni 2018, bringt der bayerische Rundfunk auf BR-Klassik um 23:05 Uhr eine Hommage zum zehnten Todestag von Esbjörn Svensson. Auch online zu hören.

HIER der link zum Podcast der Sendung auf der BR – Homepage!

Das Esbjörn Svensson Trio galt ja schon als ganz große Jazzgruppe der damaligen Zeit. Sie hätten einen „herausragenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Jazz“ geleistet. Kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir.

Ebenfalls hörenswert: Vor kurzem kam tatsächlich noch eine CD von e.s.t. heraus, rechtzeitig vor dem 10. Todestag: e.s.t. Live in London, eine Aufnahme aus dem Mai 2005. HIER hier eine Besprechung der CD auf BR-Klassik.

Das Hamburg-Konzert des Esbjörn-Svensson-Trios „e.s.t. live in Hamburg“ wiederum ist ja 2010 von der britischen Zeitung „The Times“ zum Jazz-Album des Jahrzehnts gekürt worden.

Hier ein Ausschnitt aus der CD „e.s.t. live in Hamburg“:

 

THEATER: Ligia Lewis – minor matter

Wer es noch sehen will: minor matter, choreographiert von der in Berlin lebenden Ligia Lewis. Heute Abend, Freitag, 08.06.2018, in München, an den Kammerspielen. Danach am 6./7. Juli. in der Nähe von Rimini, auf dem Santarcangelo Festival. Auch eine schöne Reise … wenn man Zeit hätte! HIER ein Video der Performance.

Was der Mensch so alles ausdrücken will! In totaler Freiheit! Aber er kommt nie ans Ziel! Dennoch drängt er ständig nach etwas! Auch das Zuschauen ist ja schon ein ähnlicher Akt. Man kann ja nicht alles selber machen! Wie offen wir doch sind. Ich dachte mir noch: In der strengen muslimischen Welt wäre so eine Performance undenkbar!

„minor matter“ ist der zweite Teil einer von drei Tänzer*innen performten Trilogie (BLUE, RED, WHITE), die mit „blackness“ und der „Blackbox“ – hier der Kammer 3 der Kammerspiele -spielt.

Im Stück minor matter nutzt Ligia Lewis die Farbe rot, um Gedanken, die sich zwischen Liebe und Wut bewegen, eine Gestalt zu geben. Ansätze barocker Musik wandeln sich zu exzessiven Beat-Rhythmen, harten Rhythmen, harten Bewegungen, modernen Rauschetönen. Die Tänzer*innen verausgaben sich dabei, ihre Körper entziehen der Bühne alles Geheimnisvolle und erforschen sie als pure Materie – als Schwärze. „In „minor matter“ bewegen sich Klänge durch musikalische Epochen, um schließlich eine Poetik intimer Gegenwärtigkeit zu erreichen“, heißt es so schön in der Ankündigung des HAU in Berlin, wo es auch kam und – glaube ich – nochmal kommt (Tanz im August)..

Ich mag es ja, wenn körperlich überraschende Ausdrücke geschaffen werden. Wenn Körper anderes zeigen, als wir es gewohnt sind. Wir erleben Körper ja eher als langweilig, monoton, gebräuchlich, ungelenk, schwerfällig. In der kommenden Woche bin ich auch wieder in einer wunderbaren Ballettvorführung im Nationaltheater.

Etwas wie innere Befreiung, Abhängigkeit, Eingrenzung, Gefühle zwischen Liebe und Wut, Hässlichkeit und Optimismus, alte Musik und exzessive neue Klänge, heftiger Sound. So etwa, ich weiß es nicht besser. Morgen gibt es im Anschluss ein Publikumsgespräch. Gemeinsamkeit, Schwere, man kann viel entdecken. Exzessiv, einfallsreich. Sie haben unter anderem 2017 als „outstanding production“ den New York Dance & Performance Award „Bessie“ erhalten.

HIER die Website von Ligia Lewis. HIER der link zur Seite der Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Martha Glenn