THEATER und LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

Advertisements

LITERATUR: Teju Cole – Blinder Fleck

Im Grunde geht es um ein Buch: „Blinder Fleck“ von Teju Cole.

Also: Da saß ich im Zug von Berlin nach München und wir redeten darüber, was „Kunst“ ist. Es war ein anstrengendes Wochenende in Berlin. Sie studiert Kunstwissenschaften in Berlin, spezialisiert auf Fotografiekunst. Fotografiekunst. Was ist denn erst mal „Kunst“? Das sei doch sicher eine Grundfrage ihres Studiums. Zum Beispiel Fotokunst: Heutzutage macht doch jeder mit seinem Handy ständig Fotos. Ist das immer Kunst? Oder besser: Wann ist ein Foto Kunst? Sie meinte, Kunst sei es immer dann, wenn es ein Ausdruck ist, über den sich der Betrachter Gedanken machen kann. Also ein Verkehrsschild nicht, sagte ich. Nein, sagte sie, da sei ja vorbestimmt, was man sich denken und was es bedeuten soll. Aber zum Beispiel ein schwarzer Strich auf weißer Leinwand, das könne durchaus Kunst sein! 

Ich erzählte ihr nicht vom gestrigen Besuch im Pergamonmuseum. Daran dachte ich auch erst im Nachhinein. Das große Ishtartor: Ishtar war die Stadtgöttin von Babylon, 600 Jahre vor Christi Geburt. Dargestellt wurde sie als Löwin. Das riesige Vortor des noch viel größeren richtigen Ishtartores steht im Pergamonmuseum, Vorderasiatischer Teil. Kräftig blaue Kacheln, auf denen – fast dreidimensional – in beige Tiergestalten, unter anderem Löwen, dargestellt sind. Zur Abschreckung von Feinden. War das Kunst? Ich finde zum Beispiel die Art, wie man damals schon etwas darstellte, war unfassbar stilvoll und kunstfertig! Steht heute einfach so in Museen. Es sollte jedenfalls Furcht und Respekt einflössen, also den Betrachter anregen. Also Kunst? Kunst für den Herrscher? Hat Kunst auch Funktionen? Funktionen gehabt? Verloren? Heute? Ein weites Feld!

Ich erzählte ihr – zum Thema Fotokunst – von einem Buch, das ich seit Wochen immer wieder in der Hand habe. „Blinder Fleck“ eben, von Teju Cole. Über Teju Cole hatte ich kürzlich schon im Blog geschrieben, über sein gutes Buch Open City. HIER der damalige Beitrag. Er schreibt dort über seine Streifzüge durch New York und seine Überlegungen dazu, seine Erinnerungen. Das Buch „Blinder Fleck“ wiederum ist ein viel weiterer Streifzug. Ein Streifzug über die ganze Welt. Teju Cole reist offenbar sehr sehr viel. Eine Übersicht über alle Orte, an denen Texte oder Fotos entstanden sind, sind am Ende als Anhang aufgelistet. Er erzählt (auch) in diesem Buch nicht etwas, der Band enthält einfach immer wieder Paare: Ein Foto (meist rechts) und ein meist kurzer Text dazu (meist links).

Anfangs kann man sich bei den Bildern denken: Naja, nichts sagende Banalitäten. Ich sagte meiner Zugbegleiterin: Hier im Zug hätte er den Mitteltisch mit einer Coladose darauf fotografiert. Mehr nicht. Man kann sich dazu auch denken, Teju Cole muss einsam sein. Man sieht auf den Fotos extrem selten eine menschliche Person, und wenn, dann von hinten, weggehend. Eine Ausnahme gibt es, einen afrikanischen Jungen, dessen Foto er zweimal bringt, mittendrin und ganz am Ende.

Mehr und mehr merke ich aber, dass die Bilder große, teilweise sehr große POWER haben. Meine Zugbegleiterin meinte, dann werde es zur Kunst! Ein ganz bestimmtes Feeling entsteht auch durch die Texte im Buch, die jeweils ein Foto begleiten. Als würde man merken, dass Teju Cole dem Leben näher kommen wollte. Indem er einerseits durchgehend banalste Blicke fotografiert, die wir ständig unbeachtet lassen, die aber genauso etwas aussagen, wie das, was wir zu beachten glauben. Die ansich genauso viel Wert sind und ihm Anlass gegeben haben, etwas zu schreiben. Und wenn es nur ein Gedanke war. Die Fotos verlieren dadurch mehr und mehr ihre Banalität. Und andererseits zeigt er etwas vom Leben eben durch diese Texte. Die Texte sind oft völlig weit hergeholte Gedanken zu einem Foto. Aber auch kleine Situationsachilderungen, abstrakte Überlegungen, historische Rückblicke, Erinnerungen, Grundsätzliches, Kleines, alles. Mal kurz, mal etwas länger. Wie im richtigen Leben. Und das macht diese Kombination der Texte mit den Fotos aus! Vielfalt und Banalität. Unbeachtetes und weit Zurückliegendes, Fernliegendes, Dinge, die wir sehen und wissen. Es sind Gedanken über Dinge, die er weiß. Und er weiß viel! So ist nichts banal.  Oder alles banal! Ich nehme dieses Buch seit Wochen in die Hand und werde immer wieder überrascht. Man kann es garnicht in einem Schwung durchlesen oder durchblättern. Mehr und mehr verstehe ich die banalen Fotografien und die Texte dazu. Dieses Buch kann ein sehr anspruchsvolles Geschenk für einen guten Freund, eine gute Freundin, sein.

HIER die Seite des Hanser Verlags zum Buch mit einer Leseprobe.

FILM: Esbjörn Svensson

Ein Hinweis:

Kürzlich hatte ich im Blog Musik des Esbjörn Svensson Trio eingestellt. Der Jazzpianist Esbjörn Svensson ist ja vor genau zehn Jahren (unglaublich!) bei einem seiner ersten Tauchgänge vor Stockholm in jungen Jahren, im Alter von 44 Jahren, ums Leben gekommen. Für viele Jazzfanatiker bis heute tragisch! Heute, am Donnerstag, den 14. Juni 2018, bringt der bayerische Rundfunk auf BR-Klassik um 23:05 Uhr eine Hommage zum zehnten Todestag von Esbjörn Svensson. Auch online zu hören.

HIER der link zum Podcast der Sendung auf der BR – Homepage!

Das Esbjörn Svensson Trio galt ja schon als ganz große Jazzgruppe der damaligen Zeit. Sie hätten einen „herausragenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Jazz“ geleistet. Kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir.

Ebenfalls hörenswert: Vor kurzem kam tatsächlich noch eine CD von e.s.t. heraus, rechtzeitig vor dem 10. Todestag: e.s.t. Live in London, eine Aufnahme aus dem Mai 2005. HIER hier eine Besprechung der CD auf BR-Klassik.

Das Hamburg-Konzert des Esbjörn-Svensson-Trios „e.s.t. live in Hamburg“ wiederum ist ja 2010 von der britischen Zeitung „The Times“ zum Jazz-Album des Jahrzehnts gekürt worden.

Hier ein Ausschnitt aus der CD „e.s.t. live in Hamburg“:

 

THEATER: Ligia Lewis – minor matter

Wer es noch sehen will: minor matter, choreographiert von der in Berlin lebenden Ligia Lewis. Heute Abend, Freitag, 08.06.2018, in München, an den Kammerspielen. Danach am 6./7. Juli. in der Nähe von Rimini, auf dem Santarcangelo Festival. Auch eine schöne Reise … wenn man Zeit hätte! HIER ein Video der Performance.

Was der Mensch so alles ausdrücken will! In totaler Freiheit! Aber er kommt nie ans Ziel! Dennoch drängt er ständig nach etwas! Auch das Zuschauen ist ja schon ein ähnlicher Akt. Man kann ja nicht alles selber machen! Wie offen wir doch sind. Ich dachte mir noch: In der strengen muslimischen Welt wäre so eine Performance undenkbar!

„minor matter“ ist der zweite Teil einer von drei Tänzer*innen performten Trilogie (BLUE, RED, WHITE), die mit „blackness“ und der „Blackbox“ – hier der Kammer 3 der Kammerspiele -spielt.

Im Stück minor matter nutzt Ligia Lewis die Farbe rot, um Gedanken, die sich zwischen Liebe und Wut bewegen, eine Gestalt zu geben. Ansätze barocker Musik wandeln sich zu exzessiven Beat-Rhythmen, harten Rhythmen, harten Bewegungen, modernen Rauschetönen. Die Tänzer*innen verausgaben sich dabei, ihre Körper entziehen der Bühne alles Geheimnisvolle und erforschen sie als pure Materie – als Schwärze. „In „minor matter“ bewegen sich Klänge durch musikalische Epochen, um schließlich eine Poetik intimer Gegenwärtigkeit zu erreichen“, heißt es so schön in der Ankündigung des HAU in Berlin, wo es auch kam und – glaube ich – nochmal kommt (Tanz im August)..

Ich mag es ja, wenn körperlich überraschende Ausdrücke geschaffen werden. Wenn Körper anderes zeigen, als wir es gewohnt sind. Wir erleben Körper ja eher als langweilig, monoton, gebräuchlich, ungelenk, schwerfällig. In der kommenden Woche bin ich auch wieder in einer wunderbaren Ballettvorführung im Nationaltheater.

Etwas wie innere Befreiung, Abhängigkeit, Eingrenzung, Gefühle zwischen Liebe und Wut, Hässlichkeit und Optimismus, alte Musik und exzessive neue Klänge, heftiger Sound. So etwa, ich weiß es nicht besser. Morgen gibt es im Anschluss ein Publikumsgespräch. Gemeinsamkeit, Schwere, man kann viel entdecken. Exzessiv, einfallsreich. Sie haben unter anderem 2017 als „outstanding production“ den New York Dance & Performance Award „Bessie“ erhalten.

HIER die Website von Ligia Lewis. HIER der link zur Seite der Kammerspiele.

Copyright des Beitragsbildes: Martha Glenn

THEATER: Martin Sperr – Jagdszenen aus (Nieder)Bayern

Diesmal kein „politischer“ Theaterabend. Jagdszenen in (Nieder)Bayern von Martin Sperr. Es war ein Theaterabend nach klassischem Modell. Aber – und ich bin ja sehr kritisch (fast negativ voreingenommen), was „klassische Theaterabende“ anbelangt – sehr gelungen! Ich finde, das Stück ist an sich in dieser Inszenierung ein Genuss. Auch wenn man das Theater nicht gerade mit einem aktuellen Thema im Gepäck verlässt. Eher mit einem Dauerbrenner: „Das Anderssein und die Reaktionen derer, die meinen, „normal“ und damit „besser“ zu sein. Die den „Anderen“ in die Ecke treiben. Gezeigt an einer (nieder)bayerischen Dorfgemeinschaft nach dem Krieg. Ein Bild, das heute noch – glaube ich – in gewisser Weise auf ganz Bayern zutrifft. Mia san mia! Deswegen ist auch im Titel der Wortteil „Nieder“ durchgestrichen bzw. – hier im Blog – in Klammern gesetzt.

Die Dorfgemeinschaft verfolgt den Heimkehrer Abram, der aus dem Gefängnis entlassen worden ist, immer mehr. Es staut sich auf. Erste Szene: Er wird erschossen, fast alle haben Gewehre, um ihn zu finden.  Noch dazu soll er schwul gewesen sein. Und: Die Prostituierte Tonka liebte ihn. Auch so ein Problem. Weiter: Sie war sogar schwanger von ihm! Noch weiter: Es gibt auch einen „Dorftrottel“, den Rovo, der auch alle stört. Dann noch: Der Knecht Volker verkehrte mit der Prostituierten Tonka – schuldet ihr dann auch das Geld – obwohl er doch die Bäuerin Maria heiraten „will“. Maria lebt mit Volker zusammen, da ihr Ehemann nicht aus dem Krieg zurück kam. Das wird auch nicht gerne gesehen. Also alles wie im richtigen Leben. Fast jeder hat seinen Teil zu tragen. Und wie es so ist: Einer soll der Schuldige sein! Abram, gegen den sie sich mehr und mehr verschwören.

Dargeboten wird das Stück, das 1965 das Erstlingsstück von Martin Sperr war, rückwärts, wie eine Familienaufstellung oder jedenfalls wie eine therapeutische Aufstellung zu der Situation im Dorf, zur besseren Sicht auf die Entwicklungen und die Personen. Man sieht in der ersten Szene also das Ende, und geht Tag für Tag zurück. Das Stück wurde so vor mehreren Jahren zuerst für die Kammerspiele inszeniert (Martin Kusej war damals der Regisseur) und wurde dann vom Residenztheater übernommen (Martin Kusej ist dort derzeit Intendant). Das Stück steht immer wieder einmal im Spielplan des Residenztheaters. Es ist fast schon ein Klassiker des Residenztheaters.

Drei Dinge kann ich dazu sagen:

– Es ist m. E. hochgelungen, diese Geschichte so auf die Bühne zu bringen. Wie gesagt: wie bei einer Familienaufstellung blickt man Szene für Szene – es werden 14 Szenen gezeigt, man geht eine Woche Tag für Tag zurück – auf die beteiligten Personen. Jeder hat zur Entwicklung der Dinge eine bestimmte Einstellung. Jeder hat seine Geschichte. Auch die Tatsache, wie schlicht die Szenen gehalten sind, ist sehr gelungen. Auch die Auswahl der Szenen und auch Zusammenstellung der Personen (eher das „Verdienst“ von Martin Sperr). Und die Geschichte an sich, eine beispielhafte – natürlich extreme – Entwicklung des Ausschlusses bestimmter Personen aus der Gemeinschaft, die aber eigentlich selber …. So gesehen ein wunderbarer Theaterabend!

– Zwei Darstellerinnen sind auf jeden Fall besonders hervorzuheben: Die beiden wahrscheinlich jüngsten. Katja Bürkle als Abram, der Heimkehrer, und Anna Drexler als Tonka, die Prostituierte. Während Anna Drexler im Stück „Erschlagt die Armen“ (HIER der Link zu meiner Besprechung) meines Erachtens ja zu zurückhaltend spielte oder vielleicht spielen sollte, zeigt sie hier in den „Jagdszenen“ als die Prostituierte Tonka Hochleistung. Die harmlose Tonka erhält trotz ihrer nicht wirklich im Zentrum stehenden Rolle große Präsenz. Genauso aber Katja Bürkle, die den gehetzten Abram wunderbar spielt. Sie spielt also wieder eine männliche Figur – wie den Franz in Die Räuber. Aber das Gehetztsein spielt sie äußerst glaubhaft und sensibel. Auch insoweit ein toller Theaterabend!

– Wie gesagt nur: Es bleibt ein eher „klassischer“ Theaterabend. Nichts von wegen „Immersion“ (also irgendwie „Einbeziehung“ des Zuschauers), von der man zurzeit so viel redet. Natürlich auch nichts von wegen „Performance“. Und auch nichts Auffallendes – abgesehen von guten Leistungen! – von wegen „der Schauspieler als selbständiger Künstler“, was Fabian Hinrichs auch immer damit letztens in seiner Rede zum Berliner Theatertreffen gemeint haben mag. Sympatisieren tut man wenigstens (vielleicht wollte Martin Sperr auch genau das), und zwar – so ging es mir jedenfalls – mit Abram und Tonka, die es beide am schwersten haben. Obwohl alle ihren Mist an der Backe haben. Das wäre dann doch ein „Verdienst“ des Abends. Ich nehme ja gerne etwas mit.

Copyright des Beitragsbildes: Andreas Pohlmann, Residenztheater

THEATER: Marta Gornicka – Jedem das Seine

Aufstehen und schreien. Sonst hilft ja kaum mehr was. Marta Gornickas Inszenierung „Jedem das Seine“ an den Münchner Kammerspielen ist so ein Aufschrei. Im Juni noch ein paar Mal zu sehen. Dauer ca. 40 intensive Minuten.

Marta Gornicka lässt in ihren Arbeiten meist einen vielstimmigen – „feministischen“ – Chor sprechen, den sie aus dem Publikum heraus dirigiert. „The Chorus of Women“ heißt es auf ihrer WEBSITE. Sie ist bekannt dafür. Ich kam fast ins Schwitzen. Das hatte ich so nicht erwartet. Ein choraler Protest. Sie nennt ihre Arbeit ja auch „Manifest“. Es geht nicht um schauspielerische Leistung, es geht allein um den Inhalt, die Aussage, die Frage, wie weit der Zuschauer davon in den Bann gezogen wird.

Es war fast die Frage: Ist da der begrenzte und irgendwie exklusive Raum des Theaters noch der richtige Ort? Es hätte auch öffentlich am Marienplatz stattfinden können. Man wäre stehen geblieben! Und es hätte als Protest fast noch besser gepasst! Aber auch Theater wird ja derzeit wieder aktivistischer, politischer, kritischer. Deswegen passt es auch sehr gut ins Theater. Ein Theater mit anderen Kriterien, als gewohnt. Theater müssten fast Begleitmaterial zu solch einer Performance anbieten.

Nur: Protest gegen was war es? Gezeigt wird das Bild von „Fleisch“ und „Sex“ und „Donald Trump“ und „Nationalismus“ und „Faschismus“. Protest gegen eine rücksichtslose und sich immer mehr abgrenzende männliche Welt irgendwie, würde ich sagen. Trends der Zeit, gegen die man aufschreien kann! Das weltweite Machogehabe und seine Auswüchse.

Der Chor rezitiert Auszüge aus verschiedenen feministischen Manifesten. Und er kommt auf die offenbar bekannte Verbindung von Antifeminismus und Faschismus zurück. Schon der Titel „Jedem das Seine“ wurde ja früher von den Nazis missbraucht. Gut und bezeichnend ist dann natürlich: Jede/r der Mitwirkenden ist wunderbar individuell gekleidet, nicht einheitlich wie in alten Nazizeiten. Und jede/r nicht schrill auffallend, sondern angenehm individuell. Und doch entsteht Einheitlichkeit. Aber eben eine Einheitlichkeit des Protestes.

In der Ankündigung der Inszenierung auf der Website der Kammerspiele (HIER der link) heißt es:

Nicht nur wird die existierende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern vielmehr eine patriarchale Weltordnung als strukturelles Problem thematisiert: Auch alle feministischen Manifeste, auf die sie sich teilweise in der Inszenierung beruft, haben daran bisher nichts ändern können, so ihre These.

Hier ein schönes Bild, das Jean Peters vor wenigen Tagen vom Zustand der Welt brachte. Seine Themen, die Themen des Kollektiv Peng!, stehen fast hinter Marta Gornickas Protestschrei. Jean Peters ist Mitglied des KOLLEKTIV PENG! und hielt – nicht als Preisträger! – gerade eine recht bittere Rede zum George Tabori Preis 2018. Er sagte etwa:

Uns ist da eine Ethik abhandengekommen. Oder, sie ist nicht abhandengekommen. Sie ist wie die Oma in der Familie, die wir ja noch pflegen und lieb haben und die immer einen weisen Rat parat hat, aber sie bestimmt nun mal den Alltag nicht.“

Eine Oma, die nicht mehr schreit. Die Rede endet wie folgt:

George Tabori hatte die Gabe, sehr verspielt, sehr liebevoll zu arbeiten, wie ich gehört habe. … Er hatte eine feine Gabe, mit einer einladenden, humorvollen und liebevollen Art Regeln zu brechen und uns dazu einzuladen mitzumachen. Davon brauchen wir mehr, und zusammen mit der Oma, die an soziale Gerechtigkeit erinnert, und dem kleinen forschenden Kind in uns können wir uns auch trauen, den Kulturraum für das völlig verrückte und verträumte, aber – und das ist mir wichtig – realpolitische Spiel zu öffnen.

Ja, Realpolitik, man kann nicht wegschauen. Schön, dass aufgeschrien wird. HIER die schriftliche Fassung der Rede von Jean Peters.

.

Copyright des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele

THEATERTREFFEN EXTRA: Rückkehr nach Reims (Schaubühne Berlin)

Ich hatte es schon gesehen und besprochen. Da es auch eines der zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Stücke war und – ich glaube – auch in der kommenden Spielzeit noch zu sehen sein wird, bringe ich HIER den link zu meinem wichtigen damaligen Beitrag. Es geht ja beim besten Willen nicht ohne den Beitrag. Die Inszenierung geht zurück auf das gleichnamige Buch von Didier Eribon. Der Vollständigkeit halber bringe ich es hier, als Anregung. Dann fehlen mir vom Theaterftreffen nur das „Nationaltheater Reinickendorf“ und „Die Welt im Rücken“ vom Wiener Burgtheater, was ja sehr sehr gelobt wird. Mal sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair, Schaubühne

THEATER: Elfriede Jelinek – Wut

Nachdem ich Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ auf dem Theatertreffen in Berlin gesehen hatte (HIER mein Blogbericht),  habe ich mir jetzt noch einmal ihr derzeitiges Stück an den Kammerspielen in München angesehen. „Wut“ heißt es. Es ist in der kommenden Spielzeit noch zu sehen. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben:

Typisches Jelinekstück. Müssen Jelineks Stücke so inszeniert werden? München war ähnlich wie Berlin! Eine überbordende Jelinekshow! Mit wirklich guten Phasen aber! Es dauert über 4 Stunden. Der Regisseur Nicolas Stemann – er hat schon acht Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bühne gebracht – erklärt zu Beginn der Aufführung, dass dieses Stück ständig weiter entwickelt wird. „Work in Progress“. AfD, Trump, PAG … Anlass für Elfriede Jelinek, das Stück ganz schnell zu schreiben, waren damals die Anschläge in Paris, Charlie Hebdo.

Wie ist das Stück: Im Unterschied zum Stück „Am Königsweg“ werden hier viele Passagen aus Jelineks Text wörtlich vorgelesen. Das erleichtert es, ihr ein wenig zu „folgen“. Aber „folgen“ ist auch hier zu viel gesagt. Ich habe es nicht geschafft. Lag aber auch an der nur für mich schlechten Akustik des Abends. Man hätte alles verstehen müssen! Ich muss es eigentlich nachlesen. Mal sehen.

Es ist insoweit aber eine – etwas – stringentere Inszenierung, als es „Am Königsweg“ war. Man sieht auf der Bühne die jungen Schauspieler des Ensembles der Münchner Kammerspiele – Julia Riedler, Thomas Hauser, Zeynep Bosbay, Jelena Kulijc etc. Ausnahme – sorry – Annette Paulmann, sie ist nicht mehr „Jugend“. Das passt aber sehr gut. Und Franz Rogowski (siehe Blogberichtsfoto), der – laut Programmheft 2018/19 – leider nicht mehr dem Ensemble angehören wird. Er ist im Film derzeit zu erfolgreich wahrscheinlich und wird keine Zeit haben.

Insgesamt sieht man nicht schauspielerische Leistungen, sondern „Aktionen“ auf der Bühne, finde ich. So soll es wohl sein. Unterbrochen übrigens wird es von einem etwa halbstündigen Diskurs des Regisseurs Nicolas Stemann mit seinen beiden Musikern (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) zu aktuellen Nachrichten aus den Tageszeitungen. Überall wurde „Bernd Söder“ entdeckt. Und das Kreuz.

Oder später der Aufruf, alle Zuschauer sollten auf die Bühne kommen. Viele kamen (Sicherheitsschleusen wurden aufgestellt), bis Stemann plötzlich sagte: „Aus Sicherheitsgründen müssen wir es abbrechen, bitte Ruhe bewahren!“ Dann wurde der Vorhang – eine schwarze Blechwand – herabgefahren, hinter dem Vorhang ging es weiter! Auf die schwarze Wand wurde das Geschehen hinter der Bühne – auch das Blogbeitragsbild oben – projeziert. Für viele hieß es damit: Wir müssen draußen bleiben!  … Aktueller Bezug klar! Was noch aufgefallen ist: Das ganze wahnsinnige Bühnendrumherum hätte im Grunde weg bleiben können. Es hat nur abgelenkt. So sah das etwa aus, während Anette Paulmann hinten an einem Tisch vorlas:

IMG_1135

Teils gut gemacht, aber mein „aber“: Eine reine Lesung, das wäre gut gewesen! Inhaltlich mag jeder dann selbst ein wenig zurecht kommen, oder auch nicht.

HIER der link zur Onlineseite der Inszenierung „Wut“ an den Kammerspielen, wieder mit Trailern.

THEATERTREFFEN EXTRA: Mittelreich nach Josef Bierbichler und nach Anna-Sophie Mahler (Münchner Kammerspiele)

Ich hatte es schon in München gesehen. Mittelreich. Die bayerische Familiensaga, die Erzählung von Josef Bierbichler, die jetzt auch im Kino läuft („Zwei Herren im Anzug“): Mit schwarzer Besetzung, komplett identisch inszeniert wie die im Jahr zuvor gebrachte Inszenierung mit der Ensemblebesetzung der Kammerspiele. Appropriation Art, Inszenierung von Anta-Helena Recke. Es sei die „wichtigste“ Einladung zum diesjährigen Theatertreffen, höre ich im Podcast des Theatertreffen-Blogs TT BLOG 18. Der übrigens zu jedem der gezeigten Stücke und zu allen möglichen Aspekten des Theatertreffens 2018 etwas bringt.

HIER mein damaliger wichtiger Blogbeitrag. Wie könnte man nur zurecht kommen, ohne ihn gelesen zu haben??

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss, Kammerspiele

THEATERTREFFEN EXTRA: Elfriede Jelinek – Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg)

Also Elfriede Jelinek, österreichische Trägerin des Literaturnobelpreises! Seit vielen Jahren werden ihre Bücher immer wieder auf die Bühnen gebracht. So in München derzeit (noch) „Wut“, zu sehen am DIENSTAG! 22. Mai, 19.00 Uhr. HIER die Website der Kammerspiele zum Stück, mit Trailern.

Oder auch in Hamburg „Am Königsweg„, die Inszenierung von Falk Richter. Es sind meist extrem wüste Inszenierungen. Reinsetzen, vorbeiziehen lassen und ein paar Ansätze mitnehmen. HIER der Trailer aus Hamburg. Es ist zu viel meist, denke ich. Hier ein paar Bilder:

tt18_p_am_koenigsweg_c_arno_declair_04

tt18_p_am_koenigsweg_c_arno_declair_01

tt18_p_am_koenigsweg_c_arno_declair_03

Dieses mal gibt es sogar – sieht gar nicht so aus! – ganz ruhige Momente, wenn Ilse Ritter vom Stuhl aus oder vom Balkon aus als Elfriede Jelinek selbst das Wort ergreift. Motto: „Ich werde alt, habe nichts mehr zu sagen, meine Worte werden verschwinden. Also: „Wir lernen ja eh nicht dazu„, siehe Donald Trump. Es ist zu einem großen Teil ein Anti-Trump- Text. (Manchmal liest man nicht „Text“, sondern „Textfläche“, passt besser). Trump wird aber nicht namentlich genannt, man redet abstrakt ständig vom „König“. Der macht, was er will. Obwohl er ja gewählt wurde. Er führt sich auf wie wildgeworden. Wahrheit ist nicht mehr relevant. Tenor der Inszenierung: „Wir sind alle blind„. Siehe das Bild oben.  Und: „Wir meinen dauernd, etwas Neues zu schaffen, aber es ist immer das Alte! Weil nur das kennen wir ja und wir können ja nur etwas schaffen, das wir kennen! Das führt nicht auf einen guten Weg! Und was wahr ist, erkennen wir auch nicht mehr.

Am beeindruckendsten fand ich – nicht nur ich – Benny Claessens. Er ist die zentrale Figur der Inszenierung! Kritikerstimmen sind hingerissen. Er teilt ja das Publikum seit Jahren in begeisterte Fans und angewiderte Lächler, weil er extrem ist. Ein Berserker, der irgendwie auch seinen Charme hat. Er schimpft – brüllt – etwa mit irrer Power auf das Publikum ein. „Grandios“, „versetzte in Verzückung“ etc. liest man. HIER ein Interview mit ihm.

Und wie er über die Bühne geht! Mit einer ganz bestimmten unauffälligen Geste! Eine kleine Bewegung! Arroganz? Wurstigkeit? „Ihr könnt mich mal“? Oder nur Teil seiner Rolle in Am Königsweg? Der undemokratische König sagt heute ja auch: „Ihr könnt mich mal!“ Die Bühne gehört bei diesem Stück jedenfalls – emotional – hauptsächlich ihm. Er verabschiedet sich mit dem T-Shirt-Aufdruck: „Stop being poor“. Passt irgendwie, Trump und Co. werden es immer als „selbstgemacht“ ansehen, wenn man arm ist. Also hör auf damit!“