THEATER und LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

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MUSIK: Jorja Smith – Teenage Fantasy

Ich habe in der taz über sie gelesen:

Das Pop-Jahr 2018 … schüttelt nun das nächste Ass aus dem Ärmel: Das am stärksten erwartete R&B-Album stammt von Jorja Smith.“

Und

„Hochgradig eigenständig, dennoch angeschlossen an die Tradition von R&B-Sängerinnen wie Erykah Badu oder Amy Winehouse: „Lost & Found“, das Debütalbum von Jorja Smith

heißt es zu Beginn des Artikels. Sie ist Britin, liest man. Viel mehr weiß ich noch nicht über sie. Es lohnt sich aber wirklich, reinzuhören:

BALLETT: Portrait Wayne McGregor

(Copyright des Beitragsfotos: Wilfried Hösl, Bay. Staatsballett München)

Ich hatte kürzlich das Privileg, im Nationaltheater das Bayerische Staatsballett mit dem Stück „Portrait Wayne McGregor“ sehen zu können. HIER ein interessanter Einblick, ein „video magazine“ des Bayerischen Staatsballetts.  Ich weiß, das hat mit der harten Welt nichts zu tun! Aber das kann ja auch mal sein! Schön war, dass ich inmitten einer Schulklasse (8. Klasse?) saß, die ein Tanzprojekt vorbereitete. Hehre Ziele und höchstes Anschauungsmaterial!

Ein Tipp übrigens: Auf http://www.staatsoper.tv wird dieses Stück am Samstag, den 23.6.2018 live um 19:30 Uhr übertragen. Ich finde es irre, Körper sprechen zu lassen, Gefühle, Interaktionen, … Und als Video on Demand ist es am Sonntag und Montag vormittag noch zu sehen.

HIER der Weg zu Trailern und zu einer Fotogalerie.

Drei verschiedene Stücke werden gezeigt: „Kairos“, „Sunyata“ und „Borderlands“. Während das erste Stück noch etwas klassischer Natur ist, sind das zweite und das dritte Stück kaum mehr klassisch zu nennen. Umso interessanter. Wayne McGregor scheint bekannt dafür zu sein, dass er vom klassischen Ballett ausgehend Grenzen überschreitet. Auch in alle neuen Medien hinein. Auch in Technologie und Wissenschaft hinein. Er gilt als einer der großen Choreographen dieser Zeit.

Natürlich kenne ich mich mit Ballett viel zu wenig aus. Allein die drei folgenden Textauszüge aus dem Programmbuch zeigen, worum es gehen kann. Das Programmbuch mit einigen schönen lyrischen Texten ist im Shop des Bayerischen Staatsballetts erhältlich. Hier Stichworte und sich dann die Übertragung (oder erst die Trailer) ansehen:

Kairos:

… 2014 für das Ballett Zürich entstanden … Kairos, der richtige Augenblick … es geht um den günstigsten Zeitpunkt für eine Entscheidung, den rechten Augenblick sozusagen … Max Richter Bearbeitung von Antonio Vivaldis die vier Jahreszeiten … Recomposed … endlos aneinandergewebte rhythmisierte Strukturen, die sich harmonisch nicht mehr auflösen wollen … McGregor entwickelt Motive, die aus dem Unisono in Chaos verbreitende Vereinzelungen driften … scharfe Ausführung der Bewegungen… Emotionalität der Musik…

Sunyata:

Kreation für das bayerische Staatsballett… begann er quasi im nichts… buddhistisches Konzept… einen Raum, in dem sich alles gegenseitig bedingt, in dem alles aber auch nichts ist – ein Nichts, in dem das Potenzial zur Kreation steckt… Fixpunkt Musik… Zeitgenössische finnische Komponistin Kaija Saariaho… Orchester und Elektronik…

Borderlands:

2013 kreiert für das San Francisco Ballet … als Medium der Farben bekommt das Licht in Borderlands besonderes Gewicht … die Arbeit ist inspiriert von den Bildern des deutsch-amerikanischen Bauhauskünstlers Josef Albers … Optische Täuschung, das Wundern und Staunen über die Gliedmaßen, die man nicht mehr zuordnen kann … Suche nach dem Gegenüber … dröhnende Synthesizer- Wolken

 

FILM: Esbjörn Svensson

Ein Hinweis:

Kürzlich hatte ich im Blog Musik des Esbjörn Svensson Trio eingestellt. Der Jazzpianist Esbjörn Svensson ist ja vor genau zehn Jahren (unglaublich!) bei einem seiner ersten Tauchgänge vor Stockholm in jungen Jahren, im Alter von 44 Jahren, ums Leben gekommen. Für viele Jazzfanatiker bis heute tragisch! Heute, am Donnerstag, den 14. Juni 2018, bringt der bayerische Rundfunk auf BR-Klassik um 23:05 Uhr eine Hommage zum zehnten Todestag von Esbjörn Svensson. Auch online zu hören.

HIER der link zum Podcast der Sendung auf der BR – Homepage!

Das Esbjörn Svensson Trio galt ja schon als ganz große Jazzgruppe der damaligen Zeit. Sie hätten einen „herausragenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Jazz“ geleistet. Kann ich nicht beurteilen, aber es gefällt mir.

Ebenfalls hörenswert: Vor kurzem kam tatsächlich noch eine CD von e.s.t. heraus, rechtzeitig vor dem 10. Todestag: e.s.t. Live in London, eine Aufnahme aus dem Mai 2005. HIER hier eine Besprechung der CD auf BR-Klassik.

Das Hamburg-Konzert des Esbjörn-Svensson-Trios „e.s.t. live in Hamburg“ wiederum ist ja 2010 von der britischen Zeitung „The Times“ zum Jazz-Album des Jahrzehnts gekürt worden.

Hier ein Ausschnitt aus der CD „e.s.t. live in Hamburg“:

 

FILM und MUSIK: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Frances McDormand hat den Oscar 2018 für die beste Hauptdarstellerin bekommen. Sam Rockwell hat den Oscar 2018 für die beste Nebenrolle bekommen. Ich gehe nicht häufig ins Kino, fand beide aber grandios. Ich und mein elitäres Leben mit solchen Dingen! (Ich glaube aber, dass ich kein elitäres Gehabe an den Tag lege!) Beide Schauspieler haben den Oscar für ihre Rollen im Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ bekommen, der derzeit läuft. Ich würde nicht schreiben, wenn ich ihn nicht empfehlen könnte. Es ist ein Film, der vielen gefallen wird, die nicht unbedingt Klamauk sehen wollen.

Es geht im Prinzip, denke ich,  darum: Wie geht man miteinander um? Rücksichtslos? Brutal? Verständnisvoll? Man sieht viele krasse Verhaltensweisen, rüden, selbstherrlichen Umgang miteinander, und nichts kommt voran. Dann am Ende aber zeigt einer der Polizisten Verständnis für die Frau, deren Tochter brutal vergewaltigt und getötet wurde. Es gibt auf Youtube auch Clips, in denen ein Film genauer erklärt wird, muss ich mir mal ansehen, sollte man öfters machen. Etwa DEN HIER, der nach dem Sinn des Endes des Films fragt.

Der Soundtrack des Films war auch für den Oscar 2018 nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Mir hat er sehr gefallen. Verantwortlich für die Musik: Carter Burwell, einige Stücke hat er selbst komponiert.  Er arbeitet viel mit den Coen – Brüdern zusammen, wobei übrigens Joel Coen mit Frances McDormand verheiratet ist!

Also hingehen, ist mein Tip!

Hier ein kurzes, aber schönes Stück des Soundtracks. „Billboards on Fire“ von Carter Burwell:

MUSIK: Esbjörn Svensson Trio – Viaticum

Heute einmal wieder Musik. Sie gehören auf jeden Fall dazu: Die drei vom schwedischen Esbjörn Svensson Trio. Das Trio wurde weltweit von Jazzkennern gefeiert. Wikipedia schreibt, sie hätten einen „Jazztrio-Klang geschaffen, der mit seinen Anleihen beim Sound der Pop- und Rockmusik dem Jazz neue Hörer erschloss„. Es ist tragisch, Esbjörn Svensson starb 2008 im Alter von gerade einmal 44 Jahren bei einem seiner ersten Tauchgänge bei Stockholm!

Hier das schöne Lied Viaticum:

Ein Tipp vor Ostern

Ich sage ja immer wieder: Wenn wir die Kunst nicht hätten! Und wenn wir nicht Menschen hätten, die außergewöhnliches leisten können! Da gebe ich gerne einen Tipp. Wer vor Ostern etwas Zeit hat, könnte sich dies hier ansehen. Es ist meines Erachtens absolut außergewöhnlich schön! Und es passt zu Ostern: Giuseppe Verdi, Messa da Requiem.
Es ist eine Inszenierung des Opernhauses Zürich aus dem Jahre 2016,  Verdis Oper für Orchester, Chor und Ballett. Es wurde gestern, Samstag, 24. März 2018, auf 3sat gesendet. Es ist jetzt noch wenige Tage auf der Mediathek von 3sat zu finden. Ein außergewöhnliches Erlebnis!! Eindrucksvoll ist auch die gestern im Anschluss gesendete Dokumentation über die Entstehung der Inszenierung. Muss man sich auch ansehen! Es ist eine Choreografie und Inszenierung von Christian Spuck.
Unglaublich schön etwa sind die Sequenzen bei Minute 1:03:40 bis 1:09:00 und 1:20:50 bis 1:23:45.
Man spürt in jeder Bewegung fast den Konflikt von Leben und Tod. Diesen Konflikt, der das Requiem ausmacht. Es geht ja auch nicht um die Höchstleistung an sich, es geht darum, wie sie es schaffen, uns all das nahezubringen!
Hier der Link auf die Mediathek: AUFFÜHRUNG
Hier der Link zur Dokumentation: DOKUMENTATION
Hier der Link zu Wikipedias Beitrag zu Verdis Messa da Requiem: WIKIPEDIA

MUSIK: Matija

Matija. Matija Kovac. Ich hatte ihn mal vor zwei Jahren etwa auf einer kleinen Session erlebt. In einem kleinen Popup-Store in der Hildegardstraße in München, M+. Er hatte was, fand ich! Er hatte damals gerade sein Abitur auf dem Maxgymnasium gemacht. Matija nannte damals seine Band noch „The Capitols“. Jetzt hatte ich irgendetwas von ihm gelesen. Im März hat er einen Auftritt in München. Und es gibt eine CD: 5th Avenue. Mir gefällt nicht alles von ihm, ich bin ja oft eher für recht bedächtige Musik. Daher hier der Song Justify Your Love.

THEATER: Obergrenze für Unzufriedene

Aus Anlass der Situation „50 Jahre nach 1968“ gibt es zurzeit – die Premiere war am Donnerstag, den 08.02.2018 – in den Münchner Kammerspielen die Inszenierung „1968„. Man kann sagen „politisches Theater“. Ein Transparent „KEINE ANGST“ hängt über den Theatereingängen in der Maximilianstraße (siehe Blogbild). Er nimmt offenbar Bezug auf das Manifest der französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“, das 2016 in der Zeitschrift „Liberation“ veröffentlicht wurde. Darin geht es (frei formuliert) um das Thema „Was sollen wir eigentlich noch machen, es ist doch alles schon „post-“ (postmodern etc.), wir sind zu spät!“. Sie plädieren für eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und enden im Manifest mit dem Satz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns. Habt keine Angst, es gibt nichts mehr zu verlieren.“

Die französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“ ist eine der von den Münchner Kammerspielen für diese Inszenierung eingeladenen Künstlergruppen. Künstlergruppen, die sich aus gegenwärtiger Perspektive mit Themen und Fragestellungen der bewegten Zeit um 1968 auseinandersetzen. Das Architektenbüro RAUMLABOR BERLIN (vor zwei Jahren bereits einmal mit den „Shabbyshabby Apartments“ in München in Erscheinung getreten) hat die Kammer 1 in einen offenen Raum verwandelt, den die eingeladenen Gruppen und RegisseurInnen mit je ca. 20-minütigen Kurzinszenierungen „besetzten“. Die Regisseurin LEONIE BÖHM, das Künstler*innenkollektiv HENRIKE IGLESIAS, der Regisseur ALBERTO VILLARREAL, die deutsch-ivorische Gruppe GINTERSDORFER / KLASSEN, die Regisseurin ANNA-SOPHIE MAHLER, die Schriftstellerin ELFRIEDE JELINEK, der polnische Regisseur WOJTEK KLEMM und das französische COLLECTIF CATASTROPHE – sie alle brachten etwa 20-minütige Beiträge.

Zweierlei wird versucht:

Zum Einen wird das Szenario der 68er in verschiedensten Formen um die Inszenierung herum und in ihr aufgegriffen: „Teach-In’s“ vor den Vorstellungen mit Zeitzeugen, eine „Speakers Corner“ vor dem Theater und in München, der „begehbare Tempel“ T1 mit exklusivem Bild- und Tonmaterial von Uschi Obermaier im Innenhof der Kammerspiele, der umgestaltete Zuschauerraum des Theaters, freie Platzwahl, Bier in einer Pause, ein umfangreicher „Reader“ mit Begleitmaterial zum Abend, das Transparent und vor allem die jeweiligen  Ausgangspunkte der verschiedenen Darbietungen.

Zum Anderen geht es nicht nur um das DAMALIGE. Es geht um HEUTIGE Blicke auf die damalige Zeit. Es geht NICHT darum, nachzuforschen, wo heutzutage Felder der Revolution liegen. Das wäre ein anderes Thema. Es geht um damalige Vorgänge und die Überlegung, was davon heute noch verblieben ist oder auch in die heutige Zeit noch hineinwirkt. Die Überlegung: „Wo stehen wir heute?“, ausgehend von den DAMALIGEN Vorgängen.

Da passte erst einmal mein kleines Gespräch vor Beginn des Abends:

Früher sei es recht einfach gewesen, hatte ich den Herrn, der neben mir saß, angesprochen. Man habe in den 68ern konkret gegen die Notstandsgesetze protestiert. Es würden sich auch heute viele Menschen sagen: So geht es nicht weiter, es muss sich Einiges ändern! Aber man könne heute irgendwie nicht einfach definieren, was sich ändern müsse. Das sei das Problem. Hatte ich ihn weiter „belästigt“.

Er antwortete gelangweilt: Es ändert sich doch sowieso nichts!

Ja, sagte ich, besonders hier in Bayern!

Naja – jetzt wurde er wach – wenn es mir in Bayern nicht gefalle, könne ich ja woanders hinziehen. Er könne mir aber nichts empfehlen!

Das Gespräch war beendet. Was für eine Antwort! So ist das heute: „Uns geht es gut, so soll es bleiben und wem es nicht gefällt, der kann ja woanders hin! Der werde schon sehen, was er davon habe! Also her mit einer OBERGRENZE FÜR UNZUFRIEDENE!

Dann begann der Abend: In den Kammerspielen gab es ja im Juli 1968 berüchtigte Entlassungen, nachdem die Schauspieler – damals vorgelesen vom Kabarettisten Wolfgang Neuss – auf der Bühne nach der Premiere des Stückes „Vietnam-Diskurs“ zu Spenden für den Vietcong aufgerufen hatten.

Nun, es war nicht etwa nur ein „ästhetischer Approach“ an die damaligen Themen, nach dem Motto „Wir stellen das alles nochmal schön dar!“. Nein, es war inhaltlich getrieben, politisch. Die Themen etwa waren: Damalige und heutige Selbstverbrennungen aus Protest, Politik und Psychologie, Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute, der damals viel zitierte Schriftsteller Franz Fanon, die  Studentenunruhen und Massaker in Mexiko vor Olympia 1968, Feminismus, etc.

Es war ein starker, vielfältiger Abend, der nur wenige Momente hat, die ihn schwächten. Verschiedenste Beiträge, die m. E. ohne Brüche zu einer wirklich gelungenen Inszenierung zusammengewoben werden. Als Gesamzinszenierung und im Einzelnen inhaltlich dicht (mit kleinen Hängern, etwa Elfriede Jelinek und der Feminismusbeitrag). Bis Mitte März kann man ihn sehen.

Es begann schon treffend: Eine schauspielerisch wunderbare Einführung in die Zeit von Thomas Hauser und Lukas Vögler. Beide in esoterischem, liebevollem Gebrabbel mit einem Zuschauer (Beitrag LEONIE BÖHM zur Person Wolfgang Neuss).

Dann wurde es bitterernst. Europas moralisches Versagen in der Zeit des Kolonialismus und die Fehler Afrikas (Beitrag GINTERSDORFER / KLASSEN). Es folgte der Beitrag von ANNA-SOPHIE MAHLER, die eine musikalische Collage zur damaligen Verfassung der Studenten bringt. Wieder einmal auch mit sehr prägendem Gesang von Jelena Kuljic. Dieser Beitrag war m. E. ästhetisch am beeindruckendsten inszeniert, wenn auch am unpolitischsten. WOJTEK KLEMM greift – beeindruckend v. a. durch Stefan Merki –  Selbstverbrennungen in Polen und der Tschechoslowakei auf. ALBERTO VILLARREAL erinnert an die brutale Niederschlagung von Studentenprotesten in Mexiko 1968, wenige Tage vor der dortigen Olympiade. Das junge Frauen-Performancekollektiv HENRIKE IGLESIAS greift eher humoristisch das Thema der Frauenbewegungen und ihren heutigen Standort auf. Der Reigen endet mit dem eher musikalischen (Pop-)Beitrag des COLLECTIF CATASTROPHE. Hier – wie in deren Manifest – wird alles Revoltenmäßige aufgegeben. Sie folgen, wie gesagt, dem Ansatz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns“. Das mag irgendwie stimmen, alles wird global und selbstbestimmt. Aber es verharmlost den Abend etwas und lässt außen vor, dass es auch heute Zustände und Entwicklungen gibt, die zu beandstanden wären. Die Position des COLLECTIF CATASTROPHE gehört sicher auch zum Stimmungsbild heutiger Zeit, ich fand aber ihren Beitrag etwas schade für den engagierten Abend. Ebenso den Beitrag des Frauen-Performancekollektivs HENRIKE IGLESIAS.

Man merkte im Übrigen, dass die damaligen Themen, auch wenn sie sich heute noch auswirken, nicht die drängendsten Probleme unserer Zeit sind.

MUSIK: Noga Erez – Black Friday

Eine israelische Sängerin – Noga Erez – jung – 2017 ihr Debutalbum – ich weiß nicht viel über sie. Sie mag Israel, aber nicht die Politik Israels. Am 08. und 09. Juni ist sie in München! Ihre Website ist HIER.

Israelische Medien feiern sie als Stimme einer Generation junger Israelis, die sich nicht mit Premier Benjamin Netanyahu und seiner konservativ-orthodoxen Sicherheits- und Siedlungspolitik identifizieren können. Einer Generation junger Israelis, die von Gewalt und Terrorangst genug haben und sich nach Frieden in ihrem geteilten Land sehnen. Frustrationen und Ängste kann man auch in ihrer Musik hören. Hier der Song Black Friday, mit fast vorwurfsvoller junger Power, aber nicht nur Protest! Es hat durch den Hintergrundsound und auch durch die Bühnenbeleuchtung etwas von einem U-Boot. „Schiffe versenken“.

 

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