THEATER: Elfriede Jelinek – Wut

Nachdem ich Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ auf dem Theatertreffen in Berlin gesehen hatte (HIER mein Blogbericht),  habe ich mir jetzt noch einmal ihr derzeitiges Stück an den Kammerspielen in München angesehen. „Wut“ heißt es. Es ist in der kommenden Spielzeit noch zu sehen. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben:

Typisches Jelinekstück. Müssen Jelineks Stücke so inszeniert werden? München war ähnlich wie Berlin! Eine überbordende Jelinekshow! Mit wirklich guten Phasen aber! Es dauert über 4 Stunden. Der Regisseur Nicolas Stemann – er hat schon acht Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bühne gebracht – erklärt zu Beginn der Aufführung, dass dieses Stück ständig weiter entwickelt wird. „Work in Progress“. AfD, Trump, PAG … Anlass für Elfriede Jelinek, das Stück ganz schnell zu schreiben, waren damals die Anschläge in Paris, Charlie Hebdo.

Wie ist das Stück: Im Unterschied zum Stück „Am Königsweg“ werden hier viele Passagen aus Jelineks Text wörtlich vorgelesen. Das erleichtert es, ihr ein wenig zu „folgen“. Aber „folgen“ ist auch hier zu viel gesagt. Ich habe es nicht geschafft. Lag aber auch an der nur für mich schlechten Akustik des Abends. Man hätte alles verstehen müssen! Ich muss es eigentlich nachlesen. Mal sehen.

Es ist insoweit aber eine – etwas – stringentere Inszenierung, als es „Am Königsweg“ war. Man sieht auf der Bühne die jungen Schauspieler des Ensembles der Münchner Kammerspiele – Julia Riedler, Thomas Hauser, Zeynep Bosbay, Jelena Kulijc etc. Ausnahme – sorry – Annette Paulmann, sie ist nicht mehr „Jugend“. Das passt aber sehr gut. Und Franz Rogowski (siehe Blogberichtsfoto), der – laut Programmheft 2018/19 – leider nicht mehr dem Ensemble angehören wird. Er ist im Film derzeit zu erfolgreich wahrscheinlich und wird keine Zeit haben.

Insgesamt sieht man nicht schauspielerische Leistungen, sondern „Aktionen“ auf der Bühne, finde ich. So soll es wohl sein. Unterbrochen übrigens wird es von einem etwa halbstündigen Diskurs des Regisseurs Nicolas Stemann mit seinen beiden Musikern (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) zu aktuellen Nachrichten aus den Tageszeitungen. Überall wurde „Bernd Söder“ entdeckt. Und das Kreuz.

Oder später der Aufruf, alle Zuschauer sollten auf die Bühne kommen. Viele kamen (Sicherheitsschleusen wurden aufgestellt), bis Stemann plötzlich sagte: „Aus Sicherheitsgründen müssen wir es abbrechen, bitte Ruhe bewahren!“ Dann wurde der Vorhang – eine schwarze Blechwand – herabgefahren, hinter dem Vorhang ging es weiter! Auf die schwarze Wand wurde das Geschehen hinter der Bühne – auch das Blogbeitragsbild oben – projeziert. Für viele hieß es damit: Wir müssen draußen bleiben!  … Aktueller Bezug klar! Was noch aufgefallen ist: Das ganze wahnsinnige Bühnendrumherum hätte im Grunde weg bleiben können. Es hat nur abgelenkt. So sah das etwa aus, während Anette Paulmann hinten an einem Tisch vorlas:

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Teils gut gemacht, aber mein „aber“: Eine reine Lesung, das wäre gut gewesen! Inhaltlich mag jeder dann selbst ein wenig zurecht kommen, oder auch nicht.

HIER der link zur Onlineseite der Inszenierung „Wut“ an den Kammerspielen, wieder mit Trailern.

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THEATERTREFFEN EXTRA: Elfriede Jelinek – Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg)

Also Elfriede Jelinek, österreichische Trägerin des Literaturnobelpreises! Seit vielen Jahren werden ihre Bücher immer wieder auf die Bühnen gebracht. So in München derzeit (noch) „Wut“, zu sehen am DIENSTAG! 22. Mai, 19.00 Uhr. HIER die Website der Kammerspiele zum Stück, mit Trailern.

Oder auch in Hamburg „Am Königsweg„, die Inszenierung von Falk Richter. Es sind meist extrem wüste Inszenierungen. Reinsetzen, vorbeiziehen lassen und ein paar Ansätze mitnehmen. HIER der Trailer aus Hamburg. Es ist zu viel meist, denke ich. Hier ein paar Bilder:

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Dieses mal gibt es sogar – sieht gar nicht so aus! – ganz ruhige Momente, wenn Ilse Ritter vom Stuhl aus oder vom Balkon aus als Elfriede Jelinek selbst das Wort ergreift. Motto: „Ich werde alt, habe nichts mehr zu sagen, meine Worte werden verschwinden. Also: „Wir lernen ja eh nicht dazu„, siehe Donald Trump. Es ist zu einem großen Teil ein Anti-Trump- Text. (Manchmal liest man nicht „Text“, sondern „Textfläche“, passt besser). Trump wird aber nicht namentlich genannt, man redet abstrakt ständig vom „König“. Der macht, was er will. Obwohl er ja gewählt wurde. Er führt sich auf wie wildgeworden. Wahrheit ist nicht mehr relevant. Tenor der Inszenierung: „Wir sind alle blind„. Siehe das Bild oben.  Und: „Wir meinen dauernd, etwas Neues zu schaffen, aber es ist immer das Alte! Weil nur das kennen wir ja und wir können ja nur etwas schaffen, das wir kennen! Das führt nicht auf einen guten Weg! Und was wahr ist, erkennen wir auch nicht mehr.

Am beeindruckendsten fand ich – nicht nur ich – Benny Claessens. Er ist die zentrale Figur der Inszenierung! Kritikerstimmen sind hingerissen. Er teilt ja das Publikum seit Jahren in begeisterte Fans und angewiderte Lächler, weil er extrem ist. Ein Berserker, der irgendwie auch seinen Charme hat. Er schimpft – brüllt – etwa mit irrer Power auf das Publikum ein. „Grandios“, „versetzte in Verzückung“ etc. liest man. HIER ein Interview mit ihm.

Und wie er über die Bühne geht! Mit einer ganz bestimmten unauffälligen Geste! Eine kleine Bewegung! Arroganz? Wurstigkeit? „Ihr könnt mich mal“? Oder nur Teil seiner Rolle in Am Königsweg? Der undemokratische König sagt heute ja auch: „Ihr könnt mich mal!“ Die Bühne gehört bei diesem Stück jedenfalls – emotional – hauptsächlich ihm. Er verabschiedet sich mit dem T-Shirt-Aufdruck: „Stop being poor“. Passt irgendwie, Trump und Co. werden es immer als „selbstgemacht“ ansehen, wenn man arm ist. Also hör auf damit!“

 

 

POLITIK: Kulturelle Teilhabe

Im aktuellen Beitrag über den Ballettabend im Bayerischen Nationaltheater (Anna Karenina, HIER der link) hatte ich geschrieben, auch solche kulturellen Erlebnisse sollten eigentlich nicht nur Wohlhabenden offen stehen. Kunst sollte nicht elitär sein. Um diesen Ansatz nicht ganz verpuffen zu lassen, schlage ich heute noch einmal in diese Kerbe:  HIER der link zu einem engagierten Gespräch vom 27.06.2017 mit dem Intendanten des Schauspiels am Dortmunder Theater, Kay Voges, über kulturelle Teilhabe. Es gälte,

… Wege zu finden, Teilhabe an der Kultur für jedermann zu ermöglichen„,

sagte er in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Zu schade: Auf dem letztjährigen Theatertreffen war Borderline Prozession, ein sehr besonderes Stück des Theatermachers Kay Voges, neben Pfusch von Herbert Fritsch das einzige Stück der 10er-Auswahl, das ich nicht sehen konnte.

Kay Voges sagt auch:

Ich könnte mir vorstellen, dass alle Hartz-IV-Empfänger eigentlich eine Freikarte in der Tasche haben müssen und sagen, ich kann, so oft ich möchte ins Theater gehen, ins Konzert gehen, ins Ballett gehen, in die Oper gehen, in die Bücherei gehen, das ist mein Recht. Wenn ich nicht so viel habe, dass ich mir es leisten kann, dann darf ich da auch kostenlos herein.

Oder:

„.. ich glaube, Mündigkeit ist ja so eins der großen Ideale und etwas, was so notwendig ist in Zeiten von schnellen Antworten oder von Populismus, wo nicht mehr eine Differenzierung stattfindet. Und ich glaube, das Theater ist genau der Ort, an dem diese Mündigkeit gelernt werden kann, wo wir nicht ein Klischee oder eine Parole präsentiert bekommen, sondern wo auf einmal Debatten stattfinden, wo verschiedene Perspektiven aufgezählt werden können, wo ich als Zuschauer mich in verschiedene Rollen und in verschiedene Antworten hineinversetzen kann und dadurch Mündigkeit erlernen kann.

Ich finde, das hat Berechtigung. Kunst ist für alle wichtig! Zumindest ein nicht zu kleines Kontingent derartiger Freikarten sollte es geben. Ich muss mich allerdings erst einmal erkundigen, wie es derzeit gehandhabt wird. In München etwa gibt es so etwas wie den München-Pass, der in diese Richtung geht. Man weiß es nur kaum.

Wie läuft es in anderen Städten? Schreibt es mir bitte! Oben rechts auf die Sprechblase klicken.

 

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THEATER AKTUELL: Chris Dercon

EILMELDUNG: Chris Dercon tritt mit sofortiger Wirkung als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zurück!

Man hat ihn fertig gemacht! Mein kleiner Kommentar dazu:

– Eigentlich liegt die Verantwortung – mindestens auch – beim jetzigen Regierenden Bürgermeister Berlins, unter dessen Ägide der damalige Kultursenator Tim Renner damals Chris Dercon geholt hatte. Dann muss man ihn auch machen lassen, finde ich. Jetzt haben sie, lese ich, einen neuen Kultursenator, von der Linkspartei, der erst einmal Dercon abserviert. Was ist das denn für ein Stil, ihn so abzuservieren! Er hätte volle Rückendeckung benötigt! Gut, ich lebe nicht in Berlin, es mag einige Versuche der Rückendeckung gegeben haben. Der Senat hätte intensiv mit den Berliner Theaterfreunden diskutieren müssen. Schließlich hatte Dercon so gute Personen wie Susanne Kennedy und Alexander Kluge an Bord! Wir sehen es ja gerade in München, dass eine Intendanz Zeit braucht.

– Eines ist doch klar: Chris Dercon hat Fähigkeiten, die nicht jeder hat. Haus der Kunst in München, Tate Gallery in London etc. Er hat in seinem Leben große Erfolge gehabt! Wie kann man ihn jetzt so fertig machen! Auch für die Berliner Theaterfreunde kein Ruhmesblatt! Darüber muss noch geredet werden, denke ich. Ihre Art. Das ging ja hin bis zu Kot an der Intendantentür, lese ich!

– Ich meine generell: Die Zeiten haben sich auch für die Volksbühne in Berlin geändert. Das Theater Volksbühne war ein Ost-Theater. Das Emblem OST stand immer auf dem Dach des Theaterbaus. Nach der Grenzöffnung wurde die Volksbühne berüchtigt! Auch und vor allem dank Frank Castorf. Die Zeiten haben sich aber geändert. Das Zeichen OST auf dem Dach ist abmontiert. Ost-West ist nicht mehr das Thema. Jedenfalls nicht mehr das prägende Thema für die Volksbühne. Auch die Volksbühne hat das Recht und die Aufgabe, sich der Welt zu öffnen, oder? Und dazu war ein Mann wie Chris Dercon durchaus geeignet, denke ich. Auch wenn sich damit das Programm der Volksbühne ganz entscheidend änderte. Aber wahrscheinlich haben die Fans der Volksbühne eine ganz andere Sicht auf die Volksbühne. Die Volksbühne als Lebensentwurf oder Lebensantwort oder Hort der Andersdenkenden oder was weiß ich. Gerade nicht mit der Aufgabe, sich einfach mal zu öffnen. Clash der Kulturen ist dem Volksbühnenfan zu wenig. Verstehe ich auch. Das ist ja fast schon Mainstream.

Übrigens: Ich habe von der Produktionsfirma des Filmes „Partisan“ eine Mitteilung bekommen: der Film „Partisan“ (es geht um 25 Jahre Castorf an der Volksbühne) wird am 14. Juni 2018 in München im HochX gezeigt! Ein Muss für Theaterfreunde!

 

THEATER: Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

Es klingt im ersten Moment aggressiv und arrogant: „Erschlagt die Armen!“ So heißt das Stück, das derzeit auf der Bühne im Werkraum des Residenztheaters gezeigt wird. Es ist eine Inszenierung nach dem Buch „Assomons les pauvres“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha. Das Buch hatte, liest man, bei seinem Erscheinen in Frankreich 2011 viel Aufsehen erregt. Es geht um das Asylsystem. Sinha hatte einige Jahre in Frankreich alles miterlebt, als Dolmetscherin in Asylverfahren gearbeitet. Nach dem Erscheinen des Buches hat sie ihren Job verloren.

Das Buch ist eine Art Rundumschlag gegen das letztlich verlogene Asylsystem. Aus der Sicht einer Dolmetscherin, die sich zwischen den Welten unwohl fühlt. Wut und Angst verspürt.

Warum der Titel? Er geht zurück auf ein gleichnamiges Prosagedicht von Charles Baudelaire, erschienen 1865. In dem Prosagedicht schlägt ein wohlsituierter Mann auf einen Bettler ein, der dann aber heftig zurückschlägt. Er zeigt sich ebenbürtig, was dem Mann wiederrum offenbar gefällt. Entweder deswegen oder um sich selber zu schützen, gibt er dem Bettler dann doch die Hälfte seines Geldes, er habe seine Würde bewiesen.

Zur Inszenierung: Ich mag Theaterabende, an denen wenige Schauspieler teilnehmen. Dieses Stück ist sogar ein Solostück. Noch dazu spielt Anna Drexler. Anna Drexler war längere Zeit an den Kammerspielen. Ich kenne und schätze sie aus einigen Auftritten. Ich muss sagen, ich wunderte mich etwas: Ich finde, sie kann noch mehr! Sie hat sehr viel Text, so ging vielleicht freie und deutlichere Spielweise flöten. Sehr schade, neue Facetten habe ich an ihr nicht gesehen. Irgendwie etwas zu einstudiert. Es war aber eben verdammt viel Text! Vielleicht passten auch das Bühnenbild und die Kostüme herum nicht zu ihr. Beides war sehr nüchtern. Auch das fand ich schade. Viele Neonröhren standen senkrecht um die schiefe Bühnenfläche herum. Grelles weißes Licht. Hautfarbener langweiliger Anzug. Viele Kopfhörer hängen von der Decke. Mehr war nicht. Nun ja. Wobei ich wahrlich nicht meine, das Bühnenbild müsse unbedingt viel aussagen!

Und zum Inhalt: Es war auch für den Zuschauer viel Text. Viele Aspekte, die man in dieser einstündigen Aufführung verarbeiten soll, was sicherlich an einem kurzen Abend schwerer fällt, als wenn man das Buch liest. Ich habe es nicht geschafft, allem zu folgen. Vielleicht lag es an mir. Zu Beginn zieht Anna Drexler – in ihrer Rolle als die Übersetzerin – eine Plastikfolie vom Theaterboden. Sie enthüllt damit die Doppelbödigkeit des Asylystems. Recht aussagekräftig ist folgende Textstelle (ich habe sie im Nachgang dem Sprechtext des Stückes entnommen):

„Ich hatte Lust, ihm (Anm: Herrn K., der die festgenommene Übersetzerin vernimmt, nachdem sie aus „Wut und Angst“ einem Asylsuchemden in der U-Bahn mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen hatte) zu erzählen, wie ich gelernt hatte, das Elend zu meiden, mich auf dem Absatz umzudrehen, die Brücken hinter mir einzureißen. Ich hatte Lust, ihm zu sagen, dass diese Leute ihr Land verlassen wie Ratten ein untergehendes Schiff und dass ich sie insgeheim verstehen konnte.“

Hintergrund: Sie sieht in ihren Verfahren immer wieder, dass die Asylsuchenden Asylgründe nennen, aber eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge sind. Lügensystem nennt sie das Asylsystem. Und die Härte der Beamten oder Richter – die die Wahrheit hören wollen – zerreißt die Dolmetscherin persönlich. Sie hat es geschafft. Sie hat Asyl bekommen. Ist damit aber getrennt von ihrer Heimat. Sie „hat die Tür zugeschlagen“. Sie ist nur andererseits auch nicht zu Hause dort, wo sie lebt. Und sie sieht und kennt die wirtschaftlichen oder ökologischen Notlagen der Asylsuchenden. Das ganze Asylsystem gehe an diesen Problemen vorbei, könnte es heißen. Damit hat die Übersetzerin ihr großes Problem.

Aber warum der Titel? Es bleibt – vor allem mit solchen Vorüberlegungen – ein sehenswertes Stück. Vielleicht spielt Anna Drexler im Laufe der Zeit auch noch intensiver. Sie neigt ja zu Zurückhaltung, was manchmal wunderbar ist.

THEATER: Didier Eribon – Rückkehr nach Reims

Das Buch: Rückkehr nach Reims. Der Autor: Didier Eribon. An der Berliner Schaubühne gibt es derzeit das Theaterstück dazu. Gleicher Titel. Das Theaterstück ist zum Berliner Theatertreffen 2018 im Mai eingeladen. Die zehn bemerkenswertesten Stücke deutschsprachige Bühnen werden ja jedes Jahr dorthin eingeladen. Highlights des Jahres!

„Das Erstarken der rechten Politik ist ein Versagen der linken Politik“, ist die Kernaussage des Buches von Didier Eribon. Eribon schildert die Entwicklung aus der Beobachterperspektive am Beispiel Frankreichs, am Beispiel seiner Familie, am Beispiel des Aufkommens von Le Pen. Aber auch in Deutschland ist es – AfD – wohl ähnlich. Ein sehr aktuelles Thema: Mit was identifizieren sich diejenigen, die sich abgehängt fühlen? Warum mit den Rechten, den Nationalisten? Warum so nationalistisch?

Didier Eribon war schon Monate zuvor zu einem Gespräch über sein Buch an den Münchner Kammerspielen. Zusammen mit Edouard Louis, der – mindestens eine Generation jünger – aktuell ein sehr ähnliches Buch geschrieben hatte („Das Ende von Eddy“). Zum selben Thema.

Zum Buch: Es erregte in Frankreich großes Aufsehen und wurde vor wenigen Jahren ins Deutsche übersetzt. Eribon war in ärmlichen Verhältnissen in Reims aufgewachsen. Er – auch seine Homosexualität spricht er an – hat sich nach der schwierigen Kindheits- und Jugendzeit vom sozialen Status seiner Wohngegend und seiner Familie distanziert – vielleicht auch wegen seiner Homosexualität – und kam erst viel später nach Reims zurück. Vielleicht war es schlechtes Gewissen. Er sagt jedenfalls in der Inszenierung – die keine wortidentische Lesung aus dem Buch war -, dass sein kulturelles Leben natürlich auch elitär sei.

Zur Inszenierung: Eine sehr gelungene Mischung aus Dokumentation und Theater. Man sieht komplett durchgehend auf großer Leinwand über der Bühne einen Film zum Buch. Man erlebt damit – wohl wie im Buch – sehr Persönliches, sehr Konkretes von Didier Eribon über seine Jugend, seine Mutter, aeine Wohngegend und daneben insgesamt über die Arbeiterbewegung der vergangenen 50 Jahre, die Zeit der linken Regierungen in Europa (Mitterand, Schmidt, Schröder, Italien, Spanien etc). Gezeigt wird, dass die ursprünglich so systemkritischen Intentionen der „Arbeiterklasse“ – 68er Generation etc. – gerade dadurch vom System aufgesaugt und zerstört wurden, dass sie, die Linken, an die Regierung kamen und dann nur noch an „Schräubchen drehten“, über „Gerechtigkeit“ redeten etc. Ihr Vorgehen war nicht mehr systemkritisch.

Nina Hoss spielt weitgehend sich selbst. Sie erzählt am Ende auch von ihrem wahren Vater. Die Einfachheit der Inszenierung ist verblüffend, in einem Aufnahmestudio soll sie den Text zu einem Film über das Buch von Eribon sprechen, den man auf der Leinwand sieht. Von Zeit zu Zeit kommt der Aufnahmeleiter ins Studio – auf die offene Bühne – und beide reden über Aspekte des Buches. Als würden sie fast ohne „Vorgaben“ diskutieren, sehr gelungen.

Mein Eindruck nur: Ich war nach der Aufführung verunsichert. Sehr viel wird berichtet über die Generation der Eltern von Didier Eribon, ebenso über die Eltern von Nina Hoss – genauer: Über den Vater, der in der DDR eine kommunistische Ausbildung absolvierte. Doch meine Erachtens bleibt zu unberücksichtigt, dass es diese Arbeiterschicht der früheren Generationen so heute nicht mehr gibt. Die Themen der damaligen Arbeitermilieus haben sich doch leicht verändert. Es sind nicht mehr diese alten Arbeitermilieus, die jetzt Le Pen oder AfD wählen. Das ist ja das Problem der Linken! Die Probleme haben sich verlagert, weg vom Thema „Ausbeutung“. Es ist doch heute ein Gefühl des Abgehängtseins in vielen Situationen. Mehr „arm und reich“ statt „Arbeiter und Arbeitgeber“. Das mag Eribon auch so sehen, in der Inszenierung ist genau hier aber eine Lücke in der Diskussion. Insoweit kommt Eribon vielleicht doch etwas zu einfach von den damaligen Arbeiterschichten auf Le Pen und AfD. 

Insgesamt aber eine absolut lohnenswerte Inszenierung, das Thema brennt ja.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

 

POLITIK: mut

Wie oft hört man Sätze wie: „Es muss sich einiges ändern!“ Gut, die CSU möchte in Bayern offenbar lieber Ruhe haben und lehnt es beispielsweise ab, einem diskursiven Kopf wie Matthias Lilienthal den Intendantenvertrag bei den Münchner Kammerspielen zu verlängern (HIER die Meldung mit Kommentar).

Man will keinen Diskurs? Ich meine: Es gibt viele Themen, die nicht unbedingt wortlos der CSU überlassen werden müssen. Diskurs ist immer gut! Einiges sollte deutlicher zur Sprache kommen. Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Es geht darum, die Spaltung der Gesellschaft zwischen „arm“ und „reich“ aufzuhalten. Es darf keine „Verlierer“ geben. Und es geht darum, sich diesem europaweiten Rechtsruck in Politik und Gesellschaft  entgegenzustellen. Einiges ließe sich ja schwer zurückdrehen.

Also: Es hat sich kürzlich in Bayern die Partei mut gegründet – ich hatte schon einmal darüber geschrieben. Zur Partei mut wurde die ursprüngliche Bewegung „ZEIT ZU HANDELN“ durch Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, und Stephan Lessenich, Professor für Soziologie. Sein interessantes und schonungsloses Buch „Neben uns die Sintflut“ stellte er vor einiger Zeit in den Kammerspielen vor.

In vielen Bereichen drohen soziale und menschenwürdige Gesichtspunkte „unter den Tisch zu fallen“ – auch angesichts des in manchen Bereichen schon sehr deutlich festzustellenden Rechtsrucks in Bayern! Wohnen, Altersarmut, Pflegesituation, Flüchtlinge, Arbeit, die Liste der Themen, in denen die politische Herangehensweise nicht mehr schön ist, ist lang. Viel lässt sich schlicht daran festmachen, dass wir uns vielleicht abgewöhnen, jedem Menschen in jeder Hinsicht sein großes Maß an Menschenwürde zuzugestehen. Daran gilt es zu arbeiten! Und man muss keine besondere politisch gefärbte Einstellung vor sich hertragen, um diese Themen beachten zu wollen.

Besucht einen der Stammtische oder der anderen Aktionen, die derzeit in Bayern von der Partei mut organisiert werden. HIER ein Überblick über alle aktuellen Termine. Etwa gibt es den Termin in München am 10. April 2018, 20.00 Uhr, (HIER der link): Ein Benefizabend mit Musik, Kabarett, Diskussion etc. im Fraunhofer – Theater. Politik und Kultur.

Claudia Stamm sagt:

mut hat sich gegründet, um Politik zu machen, die wirklich Wert auf Menschenwürde und Demokratie legt. Dem auch in Bayern festzustellenden Rechtsruck sollte man nicht tatenlos zusehen!Unser Ziel ist es dabei auch, diese Kraft in den bayerischen Landtag zu bringen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, gerade in Bayern wieder eine politische Kraft zu haben, die sich klar und deutlich der teils menschenverachtenden Politik der Mehrheitspartei entgegenstellt.“

HIER DIE WEBSITE der Partei. Einfach ansehen und teilen – Facebook etc. Die Landtagswahl in Bayern rückt ja näher (Oktober).

THEATER: News – Matthias Lilienthal

Im Sinne meines Theaterblogs ist natürlich sofort zu melden:

Das hätten die Münchner geschafft! Nachdem sich die Münchner CSU – Stadtratsfraktion kürzlich gegen die Verlängerung des Vertrages des Kammerspiele – Intendanten Matthias Lilienthal ausgesprochen haben, erklärt Lilienthal heute, dass er den Vertrag 2020 auch seinerseits nicht verlängern wolle. Er habe keinen Rückhalt mehr. Recht hat er! Es ist ein Armutszeugnis für die CSU, meine ich. Was ist schon eine fünfjährige Intendanz. Wenn man sich einem Stadttheater hingibt, muss man Zeit bekommen!

Aber in der Tat mögen die Münchner – unabhängig von der CSU – brave und gediegene, bloß nicht aufwühlende Produktionen. Etwa Tiefer Schweb und Wartesaal. Oder Gerhard Polt. Die Münchner wollen lachen oder verwöhnt werden und nicht viel nachdenken. Und das ist nicht Matthias Lilienthal – der zusammen mit Frank Castorf das Berliner Volkstheater am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut hatte!

Tja, die CSU muss jetzt mit ihrer Argumentation  (für die Zeit ab der Spielzeit 2020/2021) einen Nachfolger finden, der für mehr „Auslastung“ der Kammerspiele sorgt. Also wohl für mehr Mainstream! Als wäre die Auslastung – 5 % hin oder her – ein Kriterium in der Kultur!

Copyright des Beitragsbildes: Lukas Barth

THEATER: Kevin Barz – Saal 600

Wenn sich junge Leute heute noch mit dem „alten“ Thema der Naziverbrechen beschäftigen und dies zu einem Theaterabend machen, bin ich natürlich dabei. Wie nähern sie sich heute dem Thema? Es könnte ja auch sein, dass sie sich sagen: „Ach nein, bitte nicht das schon wieder!“

Es gibt natürlich noch jede Menge Wahnsinnige, die die Nazis und die Naziverbrechen auch heute noch rechtfertigen oder gar verehren. Aber von denen möchte ich hier nicht schreiben. „Saal 600“ hieß die Inszenierung heute Abend in den Münchner Kammerspielen. Ob und wo sie noch einmal zu sehen sein wird, weiß ich gar nicht. Ich schreibe eigentlich nur über Aufführungen, die man noch sehen kann, aber hier einmal eine Ausnahme. Es war ein „dokumentarischer“ Theaterabend, habe ich im Programmfolder gelesen. Im Schwurgerichtssaal 600 wurde in den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptangeklagten verhandelt. Die Abschlussinszenierung eines Regieschülers der Falkenbergschule, der Schauspielschule der Kammerspiele. Kevin Barz.

Auf die Geschichte der Nürnberger Prozesse und die unsäglichen Verbrechen, die zum Thema werden, kommt man in dieser Inszenierung dadurch, dass sich drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler – junge Schauspielschüler der Falkenbergschule – in die Position der damaligen DolmetscherInnen begeben, die das Unsägliche übersetzen mussten. Man saß vier Dolmetscherkabinen gegenüber.

Als Zuschauer wurde man dann hauptsächlich mit diesem Unsäglichen konfrontiert – nur zaghaft mit schauspielerischen Leistungen. Es beginnt mit Worten aus der grundlegenden Rede des amerikanischen Hauptanklägers Jackson. Langsam merkte man dann (sehr zaghaft allerdings), wie das Gesagte und Übersetzte die DolmetscherInnen belastete. Manchmal war es auch akustisch schwer verständlich, weil die Musik die Sprache überlagerte. Aber die Musik spielte auch eine wichtige Rolle in der Inszenierung, da Paul Brody die Musik anhand der Sprachmelodie von Angeklagten wie Hermann Göring oder Albert Speer komponiert hat. Ich fand es Alles in Allem aber eine gelungene Inszenierung. Es war durchaus sensibel, nicht platt, gemacht. Man war zurecht immer noch betroffen. Vielleicht war es dann gerade gut, dass man nicht von schauspielerischen Leistungen abgelenkt wurde. So kam einfach die Stimmung der Nürnberger Prozesse durch.

Und ich weiß nicht warum: Ich hatte die Überlegung, warum man nicht heute wieder wegen der grauenhaften Gräueltaten gegen Unschuldige (Syrien etc.) einen ähnlichen Prozess anstrengt. Aber Gründe gibt es leider: Alle großen Mächte sind heute in die Kriege involviert, es gibt keinen „besiegten Staat“, es gibt keine „Siegermächte“, die die „Kompetenz“, die (moralische) „Berechtigung“ hätten, die heutigen Gräueltaten anzuklagen usw. Jackson hatte in der Inszenierung in seinen original zu hörenden Worten sinngemäß gesagt: Wenn die Gräueltaten der Nazis nicht bestraft werden, können die Menschen nicht weiter leben. Aber so sehr unterscheiden sich die heutigen Gräuel von den damaligen gar nicht mehr! Wir sind vielleicht abgestumpft. Vielleicht aber gibt es auch einfach niemanden mehr, der nach Strafe rufen dürfte.

Copyright des Beitragsbildes: Milena Wojhan

 

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THEATER: Obergrenze für Unzufriedene

Aus Anlass der Situation „50 Jahre nach 1968“ gibt es zurzeit – die Premiere war am Donnerstag, den 08.02.2018 – in den Münchner Kammerspielen die Inszenierung „1968„. Man kann sagen „politisches Theater“. Ein Transparent „KEINE ANGST“ hängt über den Theatereingängen in der Maximilianstraße (siehe Blogbild). Er nimmt offenbar Bezug auf das Manifest der französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“, das 2016 in der Zeitschrift „Liberation“ veröffentlicht wurde. Darin geht es (frei formuliert) um das Thema „Was sollen wir eigentlich noch machen, es ist doch alles schon „post-“ (postmodern etc.), wir sind zu spät!“. Sie plädieren für eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und enden im Manifest mit dem Satz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns. Habt keine Angst, es gibt nichts mehr zu verlieren.“

Die französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“ ist eine der von den Münchner Kammerspielen für diese Inszenierung eingeladenen Künstlergruppen. Künstlergruppen, die sich aus gegenwärtiger Perspektive mit Themen und Fragestellungen der bewegten Zeit um 1968 auseinandersetzen. Das Architektenbüro RAUMLABOR BERLIN (vor zwei Jahren bereits einmal mit den „Shabbyshabby Apartments“ in München in Erscheinung getreten) hat die Kammer 1 in einen offenen Raum verwandelt, den die eingeladenen Gruppen und RegisseurInnen mit je ca. 20-minütigen Kurzinszenierungen „besetzten“. Die Regisseurin LEONIE BÖHM, das Künstler*innenkollektiv HENRIKE IGLESIAS, der Regisseur ALBERTO VILLARREAL, die deutsch-ivorische Gruppe GINTERSDORFER / KLASSEN, die Regisseurin ANNA-SOPHIE MAHLER, die Schriftstellerin ELFRIEDE JELINEK, der polnische Regisseur WOJTEK KLEMM und das französische COLLECTIF CATASTROPHE – sie alle brachten etwa 20-minütige Beiträge.

Zweierlei wird versucht:

Zum Einen wird das Szenario der 68er in verschiedensten Formen um die Inszenierung herum und in ihr aufgegriffen: „Teach-In’s“ vor den Vorstellungen mit Zeitzeugen, eine „Speakers Corner“ vor dem Theater und in München, der „begehbare Tempel“ T1 mit exklusivem Bild- und Tonmaterial von Uschi Obermaier im Innenhof der Kammerspiele, der umgestaltete Zuschauerraum des Theaters, freie Platzwahl, Bier in einer Pause, ein umfangreicher „Reader“ mit Begleitmaterial zum Abend, das Transparent und vor allem die jeweiligen  Ausgangspunkte der verschiedenen Darbietungen.

Zum Anderen geht es nicht nur um das DAMALIGE. Es geht um HEUTIGE Blicke auf die damalige Zeit. Es geht NICHT darum, nachzuforschen, wo heutzutage Felder der Revolution liegen. Das wäre ein anderes Thema. Es geht um damalige Vorgänge und die Überlegung, was davon heute noch verblieben ist oder auch in die heutige Zeit noch hineinwirkt. Die Überlegung: „Wo stehen wir heute?“, ausgehend von den DAMALIGEN Vorgängen.

Da passte erst einmal mein kleines Gespräch vor Beginn des Abends:

Früher sei es recht einfach gewesen, hatte ich den Herrn, der neben mir saß, angesprochen. Man habe in den 68ern konkret gegen die Notstandsgesetze protestiert. Es würden sich auch heute viele Menschen sagen: So geht es nicht weiter, es muss sich Einiges ändern! Aber man könne heute irgendwie nicht einfach definieren, was sich ändern müsse. Das sei das Problem. Hatte ich ihn weiter „belästigt“.

Er antwortete gelangweilt: Es ändert sich doch sowieso nichts!

Ja, sagte ich, besonders hier in Bayern!

Naja – jetzt wurde er wach – wenn es mir in Bayern nicht gefalle, könne ich ja woanders hinziehen. Er könne mir aber nichts empfehlen!

Das Gespräch war beendet. Was für eine Antwort! So ist das heute: „Uns geht es gut, so soll es bleiben und wem es nicht gefällt, der kann ja woanders hin! Der werde schon sehen, was er davon habe! Also her mit einer OBERGRENZE FÜR UNZUFRIEDENE!

Dann begann der Abend: In den Kammerspielen gab es ja im Juli 1968 berüchtigte Entlassungen, nachdem die Schauspieler – damals vorgelesen vom Kabarettisten Wolfgang Neuss – auf der Bühne nach der Premiere des Stückes „Vietnam-Diskurs“ zu Spenden für den Vietcong aufgerufen hatten.

Nun, es war nicht etwa nur ein „ästhetischer Approach“ an die damaligen Themen, nach dem Motto „Wir stellen das alles nochmal schön dar!“. Nein, es war inhaltlich getrieben, politisch. Die Themen etwa waren: Damalige und heutige Selbstverbrennungen aus Protest, Politik und Psychologie, Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute, der damals viel zitierte Schriftsteller Franz Fanon, die  Studentenunruhen und Massaker in Mexiko vor Olympia 1968, Feminismus, etc.

Es war ein starker, vielfältiger Abend, der nur wenige Momente hat, die ihn schwächten. Verschiedenste Beiträge, die m. E. ohne Brüche zu einer wirklich gelungenen Inszenierung zusammengewoben werden. Als Gesamzinszenierung und im Einzelnen inhaltlich dicht (mit kleinen Hängern, etwa Elfriede Jelinek und der Feminismusbeitrag). Bis Mitte März kann man ihn sehen.

Es begann schon treffend: Eine schauspielerisch wunderbare Einführung in die Zeit von Thomas Hauser und Lukas Vögler. Beide in esoterischem, liebevollem Gebrabbel mit einem Zuschauer (Beitrag LEONIE BÖHM zur Person Wolfgang Neuss).

Dann wurde es bitterernst. Europas moralisches Versagen in der Zeit des Kolonialismus und die Fehler Afrikas (Beitrag GINTERSDORFER / KLASSEN). Es folgte der Beitrag von ANNA-SOPHIE MAHLER, die eine musikalische Collage zur damaligen Verfassung der Studenten bringt. Wieder einmal auch mit sehr prägendem Gesang von Jelena Kuljic. Dieser Beitrag war m. E. ästhetisch am beeindruckendsten inszeniert, wenn auch am unpolitischsten. WOJTEK KLEMM greift – beeindruckend v. a. durch Stefan Merki –  Selbstverbrennungen in Polen und der Tschechoslowakei auf. ALBERTO VILLARREAL erinnert an die brutale Niederschlagung von Studentenprotesten in Mexiko 1968, wenige Tage vor der dortigen Olympiade. Das junge Frauen-Performancekollektiv HENRIKE IGLESIAS greift eher humoristisch das Thema der Frauenbewegungen und ihren heutigen Standort auf. Der Reigen endet mit dem eher musikalischen (Pop-)Beitrag des COLLECTIF CATASTROPHE. Hier – wie in deren Manifest – wird alles Revoltenmäßige aufgegeben. Sie folgen, wie gesagt, dem Ansatz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns“. Das mag irgendwie stimmen, alles wird global und selbstbestimmt. Aber es verharmlost den Abend etwas und lässt außen vor, dass es auch heute Zustände und Entwicklungen gibt, die zu beandstanden wären. Die Position des COLLECTIF CATASTROPHE gehört sicher auch zum Stimmungsbild heutiger Zeit, ich fand aber ihren Beitrag etwas schade für den engagierten Abend. Ebenso den Beitrag des Frauen-Performancekollektivs HENRIKE IGLESIAS.

Man merkte im Übrigen, dass die damaligen Themen, auch wenn sie sich heute noch auswirken, nicht die drängendsten Probleme unserer Zeit sind.