THEATER: Rimini Protokoll und Thomas Melle – Unheimliches Tal/Uncanny Valley

Heute Abend gibt es vielleicht noch ein paar Restkarten. Es wird die letzte Vorstellung im November sein. Im Dezember kommt es dann zweimal. Mehr weiß ich nicht. Ich habe es leider erst gestern gesehen, konnte also nicht früher darüber schreiben.

Davor wurde gerade noch – in anderer Runde – über „politisches Theater“ gesprochen und dann sieht man es in der Vorstellung „Unheimliches Tal“ (Es ist eine Produktion von Rimini Protokoll und  dem Autor Thomas Melle. Letzterer ist ja sehr bekannt geworden durch sein Buch „Die Welt im Rücken“.  Und das Theaterstück „Die Welt im Rücken“ am Wiener Burgtheater hat Furore gemacht): Die Zeit überrennt uns! Da hilft kein politisches Hin oder Her. Gut, umso mehr müssen wir aufpassen, wie wir die Veränderungen politisch steuern. Aber aufhalten können wir sie nicht. Einige jedenfalls nicht. Es geht in der Politik eben immer um das „Wie“. Das „Was“ kommt ohnehin. So erlebt man auch „Unheimliches Tal“ (HIER der Link zur Seite des Abends bei den Kammerspielen). Man sitzt einer Person gegenüber, die kein Mensch ist, sondern ein Roboter. Ein sogenannter humanoider Roboter. Eine Stunde lang redet er mit dem Publikum. Und als Zuschauer hat man bisher sicher zumeist ungekannte Eindrücke.

– Er bewegt sich genau so, wie wir es kennen oder erwarten, wenn geredet wird. Man merkt fast, was man für Erwartungen hat. Oder Gewöhnungen. Gut, an seinen Bewegungen erkennt man schon noch, dass es ein Roboter ist. Aber das ist ja vielleicht gerade gewollt! Man fühlt sich vielleicht umso mehr in einer eigenartigen Position! Und weit ist es wahrscheinlich nicht mehr bis dahin, dass man es nicht mehr erkennt, kann man sich vorstellen.

– Er sieht menschlich aus. Wie Thomas Melle.

– Er erzählt von sich als Thomas Melle, den er ja verkörpert.  Und er erzählt von sich als Roboter. Er erzählt, wie unangenehm es ihm war, nachgebaut zu werden.

– Er bezieht das Publikum in seine Überlegungen mit ein. Schon dadurch gibt man ihm irgendwie menschliche Qualitäten.  Man fühlt sich ja plötzlich betroffen. Man weiß: Man sitzt einem Roboter gegenüber, aber dieses Gefühl verwischt immer wieder.

– Er stellt Fragen in des Publikum. Er schaut einen an.

– Entwickelt man Empathie für ihn? Findet man es nicht sogar gut, dass er so  verständlich und unaufgeregt redet?

–  Man hat ja fast weniger Zweifel dem Roboter gegenüber. Er wird ja wohl keine Fehler machen. Nicht irgendwie emotional reagieren.

– Wie ist das Verhältnis von Thomas Melle zu seinem Nachbau? Und man fragt sich fast: Wie ist andersherum das Verhältnis des Nachbaus zu Thomas Melle? Obwohl das ja gar nicht geht. Oder doch irgendwann?

– Es geht hin und her. Dann erzählt er etwa, dass er ein Interview geführt hatte. Und auf der hinter ihm stehenden Leinwand sieht man Thomas Melle als menschliche Person, wie er dem Interviewpartner zuhört.

– Und dahinter steht ja noch eine Thematik: Thomas Melle leidet ja an bipolarer Störung, also der Entfernung von sich selbst (oder Persönlichkeitsspaltung oder ähnlich, ich bin kein Mediziner). Und genau das geschieht ja auch wieder mit Thomas Melle, wenn er auf eine gleich aussehende Roboteranimation blickt.

Lauter solche Eindrücke schwirren geradezu um einen herum, wenn man diese Stunde verfolgt. Und dann kann man sich denken: Naja, in Altersheimen etwa, für die Seniorenpflege, wird so ein Roboter vielleicht bald schon einmal eingesetzt werden! Ob das aufgehalten werden kann oder ob es dann wieder nur um das „Wie“ geht?

 

 

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ZWISCHENDURCH

ACHTUNG!  Über den Abend, zu dem ich hier schreibe, ist eine Diskussionen entstanden. Dem einladenden Moderator Kasper König wird vorgeworfen, sich gegenüber den Gästen, vor allem gegenüber Cana Bilir-Meier, herabwürdigend geäußert zu haben. Die Kammerspiele haben daher den Mitschnitt der ganzen Veranstaltung online gestellt. Jeder kann sich ein Bild machen. HIER  der Link. Akustisch schwer verständlich, aber es geht.

Was ich kurz nach der Veranstaltung geschrieben hatte:

Ich war wieder auf einem dieser Abende, die man kaum versteht. (Ich gebe mir zwanzig Minuten Zeit, um kurz dazu zu schreiben.)

Interessant, was andere, sehr engagierte, schlaue Menschen so drauf haben! Es war ein Abend in der Gesprächsreihe mit Kasper König, einer der „herausragenden Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt und langjähriger Direktor renommierter Ausstellungsorte wie Portikus in Frankfurt a. M. oder Museum Ludwig in Köln“. Alle zwei Monate findet in den Kammerspielen ein solcher Abend statt. „Kasper König &“ heißt die Serie. Kasper König trifft sich in „Kammer 3“ in der Regel mit ausgewählten KünstlerInnen und KuratorInnen zu einem Podiumsgespräch. Auch manchmal unter Teilnahme der ZuschauerInnen (ZuhörerInnen). Dieses Mal ging es sehr lange, war sehr engagiert, kontrovers – unter reger und interessanter Teilnahme von ZuschauerInnen.

Zu Gast waren dieses Mal die jungen KünstlerInnen Cana Bilir-Meier, Henrike Naumann, Wilhelm Klotzek. Es sollte darum gehen, was man in der Kunst mit dem Begriff „Heimat“ anfangen kann. Zu Gast am 17. Dezember ist Michaela Meise. HIER die Ankündigung und Infos zu Michaela Meise. Bereits zu Gast waren Alexandra Pirici, Frances Morris, Thomas Bayrle, Helga Fanderl, Okwui Enwezor, Jeremy Deller, Lisa Endriss, Joanna Warsza.

Ich wusste schon, was mich erwartet: Kasper König redet oft in schier unaufhörlich langen Sätzen und man wird in seinen schön unkonventionellen Sätzen innerhalb weniger Sekunden auf verschiedenste Aspekte zu einem Gesichtspunkt geschleudert. Immer aber mit sehr großem und offenem Weitblick! Im Grunde kann man seine Aussagen garnicht so verstehen, wie er sie meint. Soviel ist in jedem verworrenen Satz drin. Diesmal hatten die drei Gäste ihre Arbeiten zum „Rechtsruck“ der Gesellschaft vorgestellt, bevor Kasper König eigentlich versteckt vor allem die Arbeit von Cana Bilir-Meier kritisierte. Cana Bilir-Meier hatte ihre sehr dokumentarische Arbeit über die islamische Moschee in Freimann und deren Gründung 1969 erklärt. Es ergab sich im Laufe des Abends dann vor allem ein Thema:

Was ist denn überhaupt Kunst?

Kasper Königs Ansicht (glaube ich): Kunst besteht am besten außerhalb der Gesellschaft. Nicht innerhalb der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft herrscht ja eine gewisse ständige Selbstbestätigung und ein gewisses Phlegma (meine Worte). Und Kunst könnte ja nur etwas bewirken, wenn es nicht an dieser Selbstbestätigung teilnimmt!  Und „etwas bewirken“ heißt ja, dass die Gesellschaft auch durch Kunst weiterkommt! Kunst schleicht sich gewissermaßen in die Gesellschaft ein und verkauft sich allenfalls als Kunst! Aber der Kunst geht es eigentlich gar nicht darum, Kunst in der Gesellschaft zu sein! Sie will nicht der Bestandteil „Kunst“ in der Gesellschaft sein! Das kann ich gut nachvollziehen!  Soweit ich es verstehe! Ich bin ja kein Philosoph. Kasper König sagte auch, da sei es in München schwer: In München habe man alles, die Berge, die Seen, eine wunderschöne Stadt, etc. Kunst und Kultur solle in München das Schöne am besten nur ergänzen. Das sei dann aber eben eher „Kunst zur Verschönerung des Lebens“ (meine Worte), könnte man sagen. Fand ich interessant. Ich finde, es lohnt sich in der Tat, künftig einmal darauf zu achten, in wieweit das, was ich mir so ansehe, innerhalb oder außerhalb der Gesellschaft steht! Wie weit ist es weg vom  gesellschaftlich Gewohnten! Nun, das nur kurz in meinen Worten. Kasper König wird den Kopf schütteln bei diesen amateurhaften Betrachtungen.

Ein weiterer Aspekt jedenfalls, der auch kurz angesprochen wurde: Wir leben aktuell in Zeiten, in denen wir wieder über alles reden müssen! Reden, diskutieren, hören, überdenken etc. Auch interessant!

 

©️ des Beitragsbildes: Arne Wesenberg

ANKÜNDIGUNG: Politik im freien Theater – School of Disobedience

Im Rahmen des Festivals Politik im freien Theater findet heute Abend folgende Veranstaltung statt:

SCHOOL OF DISOBEDIENCE: EIGENTUM

09. NOVEMBER, 19 – 20.30 UHR,
MÜNCHNER KAMMERSPIELE, KAMMER 3

Die Frage nach Eigentum und Umverteilung, schon im 19. Jahrhundert zentraler Konfliktpunkt, ist bis heute ungelöst. Wie können wir Eigentum neu denken und moderne Technologien einsetzen, um zu neuer Umverteilung zu kommen? Wie entsteht Wert, und wer entzieht der Gesellschaft Wert? In kleinen Gruppen werden Expert/innen unterschiedlicher Disziplinen diese und andere Fragen im Rahmen eines politisch-partizipatorischen Workshops mit den Teilnehmenden diskutieren. Die School of Disobedience ist eine hybride Wissensorganisation, ein Netzwerk von Menschen auf der Suche nach Ideen für ein gerechtes Leben für alle.

Ich finde, das sind interessante Fragen, deswegen bringe ich hier die Ankündigung der Veranstaltung.

Über die School of Disobedience liest man auf der Website der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin:

Die School of Disobedience ist ein experimentelles Format, das neue Wege der unabhängigen Wissensproduktion im 21. Jahrhundert testet. Sie ist aus dem Geist der Stadt Berlin geboren, die ein Bild für diese Zeit und diese Welt ist, heterogen, international, politisiert. Ziel der School of Disobedience ist es, dieses Potential der Stadt zu bündeln und für die Arbeit an einer gemeinsamen Zukunft fruchtbar zu machen. In der Verbindung von humanistischen und technologischen Perspektiven gilt es, konkrete Projekte anzustoßen, die einen progressiven Gesellschaftsbegriff verwirklichen und unseren Gerechtigkeitssinn schärfen.

In der Spielzeit 2018/19 wird die School of Disobedience im Grünen Salon in einer Reihe von Veranstaltungen Fragen von Form und Inhalt para-akademischen Arbeitens testen. Es wird Seminar-Formate geben, die sich an alle richten, die an der Verbindung von akademischem und aktivistischem Denken und Arbeiten interessiert sind, eine Werkstatt für Technologen wie Theoretiker, ein Makerspace für Menschen mit Erfahrungen in den verschiedensten Bereichen, von Jura zu Coding, von NGO zu Universität. Zusätzlich zu den wöchentlich stattfindenden Seminaren finden öffentliche Abendveranstaltungen und ein „Open Lunch“ statt.

Die School of Disobedience wird unterstützt von der Nemetschek-Stiftung.

THEATER: Politik im freien Theater – Who Moves?

Es geht noch bis Sonntag, das Festival „Politik im Freien Theater“. Es wird noch ein paar interessante Produktionen und ein interessantes Rahmenprogramm mit Diskussionen etc. geben. Ich habe gestern in der Muffathalle die Produktion „Who Moves“ von der Performancegruppe Swoosh Lieu gesehen.

HIER der Link zur Seite der Produktion.

Und HIER die Website von Swoosh Lieu. Als SWOOSH LIEU arbeiten aktuell Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke zusammen. Sie studierten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und realisieren seit 2009 gemeinsam mit anderen Künstlerinnen Projekte im Bereich Performance und Installation. Auf der Unterseite zu „Who Moves“ sieht man ein Video zur Produktion und weitere Fotos.

Irgendwie war ich überfordert. Die Gruppe Swoosh Lieu ist bekannt dafür, dass sie – mit feministischem Ansatz – sehr präzise arbeitet. Fast dokumentarisch, sachlich. So auch in „Who Moves“. In der völlig verdunkelten und leeren Muffathalle werden im Laufe des Abends ziemlich bald beleuchtete Plexiglastische aufgestellt. Davor gab es Texte von Frauen auf dem schwarzen Boden der Halle zu lesen. Die dann um die Tische herum sitzenden Zuschauer sehen dort – siehe das Video –, wie Fotografien von Frauen und bestimmten Eindrücken zum Thema „Flucht und Migration von Frauen“ über den Tisch verschoben werden. Wie in einer Redaktion. Die Zuschauer können die Bilder nur erkennen, indem sie leere weiße Blätter über den Tisch schieben und so die Bilder sichtbar machen, die von oben auf die Tische projeziert werden. Sehr fein und ausgeklügelt ausgedacht. Zusätzlich kann man an den Tischen Texte von Personen lesen und hören, die sich über diese Bilder unterhalten. Man muss sich konzentrieren, man hat ja Kopfhörer auf, auf denen man die Texte, die man sieht, auch noch hört.

Am Ende der Veranstaltung werden an den beiden Längsseiten der Hallen schwarze Vorhänge zur Seite geschoben, sodass man genau diese Fotoaufnahmen  – zunächst verkehrt herum an der Wand hängend – jetzt in Ruhe und wirklicher Schärfe und Genauigkeit ansehen kann. Die Zuschauer gehen hin und können jedes Foto umdrehen, richtig herum an die Wand kleben, und gleichzeitig Texte über einzelne der gezeigten Frauen lesen. Man merkt, wie sich individuelle, engagierte und sehr persönliche, unerwartete Lebensideen hinter den auf den Fotos gezeigten Frauen auftun. Es scheinen mir intellektuelle Frauen zu sein. Es scheint darum zu gehen, zu zeigen, dass auch in der Flüchtlingsbewegung eine Frauenbewegung versteckt ist.

Fazit: Eine präzise, einfallsreich und kompliziert ausgeklügelte Veranstaltung. Man war in einer sehr besonders gestalteten Situation. Nichts für einfache Geister. Inhaltlich ging es wohl auch – nicht nur – darum zu zeigen, dass all die immer gleichen Fluchtbilder, die wir ständig erleben oder erlebt haben, eigentlich oft einen falschen Eindruck von den gezeigten Menschen vermitteln. Vielleicht müssen wir mehr anerkennen, dass hinter den „MigrantInnen“ teils hochinteressante und komplexe Leben stecken, die sehr bereichernd sein können. Und Swoosh Lieu zeigt die feministische Kraft, die im „Migrantenstrom“ steckt.

 

THEATER: Politik im freien Theater – Creation (Pictures for Dorian) von Gob Squad

In jeder Sekunde unseres Lebens tragen wir doch unbewusst jedenfalls Überlegungen wie diese mit uns herum: Wie bin ich eigentlich? Wie sehe ich mich? Bin ich überhaupt so, wie ich mich sehe? Was bedeutet es: Sich selbst zu sehen? Denn wie sehen andere mich? Und wie sehe ich andere? Sehen Sie sich selbst auch so? Ständig geht es uns ganz unbewusst darum und um ähnliche Fragen. Schon wenn wir morgens aufstehen und in den Spiegel schauen: Was wollen wir an uns sehen? Was wollen wir nicht sehen? Können wir etwas verbergen? Oder etwas vortäuschen? Wie machen wir uns zurecht? Wofür? Und dann kommt hinzu, dass wir uns ständig verändern! Wir werden älter!

Die Performancetruppe Gob Squad hat diese Ansätze, mit denen wir alle durchs Leben gehen, mithilfe der Idee des Dorian Gray in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray„ aufgegriffen. Theaterfreunde kennen Sie natürlich: Die Performancetruppe Gob Squad.

In den Münchner Kammerspielen waren sie vor circa zwei Jahren mit einem, wie ich finde, schönen Abend zu Tolstois „Krieg und Frieden“. HIER die Seite der Münchner Kammerspiele zu „War and Peace“.  Das Münchner Publikum hatte diesen performativen Ansatz damals leider kaum verstanden oder verstehen wollen!

Jetzt war Gob Squad Teil des Festivals „Politik in Freien Theater“. Creation (Pictures for Dorian). Wobei: Ich fragte mich schon, was dieser Abend, an dem es um unsere Vergänglichkeit und den Wunsch nach Schönheit irgendeiner Art geht, mit „Politik“ und mit dem Motto „Reich“ zu tun hat? Nun, im Rahmen des Festivals gibt es eine Ringvorlesung (HIER der Link). Und dort gibt es am 09.11. im Pathos das Thema: „Schön und Reich“. Zu dieser Veranstaltung heißt es:

Woll(t)en wir das nicht alle werden: „schön, reich und berühmt“? Aber: Macht das glücklich? Wie sieht überhaupt so ein schönes, reiches, berühmtes Leben aus? Der Glaube an die wechselseitige Abbildung von reich und schön ist allgegenwärtig. Schönheit und Reichtum versprechen nicht nur die Erfüllung aller Wünsche und Sehnsüchte, sondern auch ein Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge und Grenzen. Oder: „Armut macht hässlich“? Unser Podium wird den Zusammenhang von reich und schön entlang von Impulsvorträgen befragen und mit dem Publikum diskutieren.

 

So gesehen steht der Abend von Gob Squad doch im Zusammenhang mit dem Thema „Reich“. Und im Onlineauftritt des Festivals heißt es zur Performance von Gob Squad:

The German-British collective helps itself to a number of themes from the work of Oscar Wilde. Above all, the narcissist’s split personality – the image onto which Dorian Gray delegates all his negative characteristics, so that he can maintain his ideal image of himself. From this starting point, Gob Squad unleash a myriad variety of ideas and brilliant associations to create what is perhaps their most personal and honest show to date. Together with locally recruited performers, they reflect on truth and illusion in art and on the role of the human body within the capitalist logic of exploitation.

Die Mitglieder von Gob Squad sehen sich ja selbst älter werden! Es gibt Gob Squad  jetzt seit 25 Jahren! Auch Sie sehen, dass sie älter geworden sind. Sie sehen sich selber, hört man zu Beginn, noch zwischen Jung und Alt! Sie fühlen sich jung aussehend – und geistig älter! Sie merken aber auch: Der Körper altert, nur der Körper!

Gob Squad bringt eine gelungene Performance zu diesen Gedanken, drei junge und drei alte Amateurschauspueler aus der Stadt, in der sie auftreten, sind eingebunden. Und in verschiedensten Szenen geht es um das Verhältnis zum Älteren in uns und zum Jüngeren in uns. Mit Gesprächen mit der Vergangenheit, Gesprächen mit der Zukunft, mit Gesprächen vor dem Spiegel, mit  persönlicher Selbstdarstellung und und und. Tja, und niemand kann die Zeit anhalten!

HIER  die Projektseite zu Creation im Onlineauftritt von Gob Squad mit einigen weiteren Fotos.

UND HIER ein  schönes kleines Video zu Creation, auch von der Website von Gob Squad.

Hier noch ein Foto:

Gob Squad zeigt: „ Creation (Pictures for Dorian) „ HAU Zwei, Urauffuehrung am 2. und 4. Mai 2018.
Titel: Creation (Pictures for Dorain). Nach Motiven von Oscar Wildes. Konzept und Regie: Gob Squad. Kostueme: Ingken Benesch. Buehne: Lena Mody. Video: Miles Chalcraft. Licht: Chris Umney. Ort: HAU Zwei Hebbel am Ufer. Urauffuehrung: 2. und 4. Mai 2018. No model release. copyright: david baltzer/bildbuehne.de. Spieler*Innen: Sharon Smith, Berit Stumpf und Simon Will; Gaeste: Parisa Madani, Naomi Odhiambo, Christopher Adams-Cohen, Susanne Scholl, Rita Dieter Scholl und Beatrice Cordua u.a.. “Engl.” theatre, actor, performer || 2 Premieren mit 2 Casts

 

©️ der Fotos: Davd Baltzer/bildbühne (?)

 

THEATER: Politik im freien Theater – Tender Provocations of Hope and Fear

Ich glaube, im Rahmen des Festivals „Politik im Freien Theater“ lässt es sich nicht vermeiden, dass ich auch über Dinge berichtet, die gar nicht mehr weiter gezeigt werden. Mache ich eigentlich nicht so gerne. Ich will ja nicht sagen: „Schaut mal, was ich alles mache!“ Ist ja alles schon egozentrisch genug heutzutage! Ich will ja eher kleine Anregungen geben!

Aber zum Beispiel gestern Abend: Tender Provokation of Hope and Fear. Es ist zwar ein „Langzeitprojekt“ von Jessica Huber und James Leadbitter, sie ziehen von Stadt zu Stadt! Aber auf dem Festival „Politik im Freien Theater“ kann man es nicht mehr sehen.

Anregung gab der Abend mit dem Holzhammer! „Ein Abend des Teilhabens“ heißt es im Programm. Aber fürchterliche Anregungen! Man wurde mehrfach konfrontiert mit ganz schlimmen Schicksalen! Etwa Menschen in Indonesien, die – weil sie für psychisch krank und von Dämonen besessen gehalten werden – jahrelang in engsten Käfigen festgekettet leben. Oder liegend und die Beine zwischen Holzstämmen fixiert! Oder wochenlang im Wasser stehend! Oder die Frau im Rollstuhl, Entschuldigung: Man könnte fast sagen äußerlich ein „Klumpen Mensch“, ohne Beine, glaube ich. Sie wird nicht viel eigenständig machen können in ihrem Leben! Das ist nicht abwertend oder böse gemeint! Vielleicht unterschätze ich es auch! Sie liest den Brief eines Menschen vor, zu dem sie engeren Kontakt hatte und der sich zurückzog. Das sind Schicksale! Was denken sich wohl solche Menschen! Und wie gut es einem selber geht! Und wie groß die Spanne der verschiedenen Leben auf der Welt ist! Gut, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber man kann manche Menschen ja nicht mit ihrer Hoffnung alleine lassen! Schwer, schwer! Politik ist jedenfalls immer auch Teilhabe!

Zwei andere Beiträge habe ich weniger verstanden! Eine behinderte Frau zerrt sich ohne ihren Rollstuhl am Boden schleifend durch Londons Innenstadt. Wo ist da die Hoffnung, wo ist da Angst, habe ich mich gefragt. Sie hat sich freiwillig dieser extremen Situation ausgesetzt.

Und heute Abend gibt es das krasseste Gegenteil! Eine Ballettaufführung im Bayerischen Staatstheater! Aber da kann ich mir natürlich auch nur sagen: Das kann ich nicht!

©️ des Fotos: the vacuum cleaner

THEATER: Politik im freien Theater – Paradise Now

Da ich in den nächsten zehn Tagen fast täglich im Theater sein werde, um die verschiedensten Veranstaltungen des Festivals „Politik im Freien Theater“ anzusehen, habe ich mir überlegt, dass ich zu dem, was ich sehe, immer kurz und spontan schreiben werde.

Los ging es heute mit Paradise Now von der Truppe FabuleuseHIER die Onlineseite von Paradise Now. Am Ende der Seite findet man übrigens einen Trailer!

Zunächst: Was ist das für ein Festival? Es wird von der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet, existiert seit 1988 und findet mittlerweile im Drei-Jahres-Rhythmus in wechselnden deutschen Städten statt. Bisher in Bremen, Dresden, Berlin, Hamburg, Stuttgart, Köln und Freiburg. Gezeigt werden Produktionen der Freien Theaterszene, die sich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen. Aber nicht nur ansehen, sondern selber auch etwas machen! sagte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, neben OB Dieter Reiter Redner bei der Eröffnung des Festivals. Irgendwo beitreten, soziales Engagement, NGO, eine Partei gründen etc. Es ist ja sonst die Gefahr, dass man ganz engagiert „entre soi mêmes“ bleibt.

Wer daran glaubt, dass gesellschaftspolitische Themen auch in das Theater gehören, sollte sich in der Tat unbedingt das Programm dieses Festivals ganz genau ansehen! Es gibt auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Diskussionen, Lesungen, Vorträgen, Film, Ausstellungen, Konzerten und jeden Abend Party.

Paradise Now: 13 Jugendliche – wirklich sehr junge Mädchen und Jungs – zeigen ihr Lebensgefühl auf der Bühne in einer wilden Show, in der sie sogar etwas weiter zurückgehen, als ihr Lebensalter ist. Sie zeigen in jeweils kurzen Standbildern „ikonische“ Ereignisse seit den 68ern auf. Meist Erinnerungen an grausame Eregnisse, Korea, Srebrenica, 9/11, Olympia 1972, Israel/Palestina, Abu Graib, Syrien, etc. Aber auch Titanic, Muhammad Ali, die Gründung von Microsoft, das erste Handy etc. Fast erschütternd ist es dann, wie sie gegen Ende der Show zig Minuten lang bei wildester „Musik“ die völlige Zerrissenheit jedes Einzelnen zeigen, wie jeder um sich selbst kreist, unfähig ist innezuhalten, völlig hemmungslos ist. Sie klettern in die Zuschauerränge und ziehen sich Hemd und Hose vom Leib. Die Jungs und Mädchen völlig zügellos. Das scheint das Lebensgefühl zu sein, so, wie Sie es jedenfalls sehen! Sie schreien ihre Unzufriedenheit mit den Entwicklungen in das Publikum. Da sitzt man also der wirklich jungen Generation 12- bis 15-jähriger gegenüber, der ja die Welt gehört, und muss sich alles anhören! Etwas später erklärt sich jeder am Mikrofon zu seinen Wünschen und Klagen. Ich habe es leider nur akustisch schlecht verstanden!! Danach kommt eine Phase, in der sie alle ruhig am Boden liegen. Vielleicht ein Wunsch.

Es heißt: Die Jury war beeindruckt von der Ehrlichkeit, mit der die Jugendlichen ihre Lebenssituation beschreiben und ihrer Verzweiflung, aber auch ihrer Hoffnung Ausdruck geben, fernab von Floskeln und Stereotypen. Als sehr grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob oder inwieweit politisches Handeln – und damit politisches Theater – heute (noch) möglich ist, steht „Paradise Now (1968 – 2018)“ deswegen am Beginn des Festivals.

So ging das Festival los! Es wird sicher äußerst kritisch! Und Kritik ist immer wichtig!

HIER der Link zu den einzelnen Produktionen des Festivals.

HIER der Link zur Startseite des Onlineauftritts des Festivals. Von dort aus kann man auch das Rahmenprogramm einsehen.

 

LITERATUR: Juli Zeh – Unter Leuten

Bekannt ist Juli Zeh seit Jahren, hier die Rezension eines ihrer aktuelleren Werke: „Unter Leuten“. Ich hatte bisher noch kein Buch von Ihr gelesen. Ich lese derzeit  noch einen zweiten Roman von ihr. Auch darüber werde ich in Kürze berichten.

Fazit vorweg:  

Es geht aktuell und politisch los (Windkraftanlagen sollen in schöner Landschaft in der Nähe des Dorfes „Unterleuten“ in Brandenburg gebaut werden), man bekommt interessant und spannend geschrieben die Befindlichkeiten der Bewohner des kleinen Dörfchens mit, die sich angesichts der Planung der Windkraftanlage in der näheren Umgebung auftun. Die Beziehungsgeflechte, die Zeiten der ehemaligen DDR, das aktuelle Leben, alles hängt mit allem zusammen.

Je mehr man aber liest, umso mehr geht es um die einzelnen Schicksale und die Verstrickungen der dort lebenden Menschen, nicht mehr um das politische Thema. Das ist etwas schade, zumal man den Roman letztlich mit dem Gedanken verlässt: „Viele der geschilderten privaten Schicksale gehen letztlich doch ausgelöst durch den Plan der Windkraftanlagen desaströs den Bach hinunter“. Sehr brisant, genau so mag es sein! Wer mag schon Windräder in seiner Nähe? Andererseits brauchen wir sie ja. Davon hätte ich gerne noch mehr gelesen, aber so, wie Juli Zeh es angeht, ist es eben auf der Ebene der persönlichen Schicksale zu Ende gedacht!

Zur Autorin:

Sie ist zweifelsohne eine der extrem erfolgreichen SchriftstellerInnen der letzten Jahre. Zwei Bücher werde ich dann also von ihr gelesen haben (Futur II!): Zum Einen den Roman „Unter Leuten“, erschienen 2016, und zum Anderen ihr aktuellstes Buch, „Neujahr“, erschienen 2018, ein deutlich kürzerer Roman. Bekannt sind von ihr ja auch vor allem die Romane „Schilf“, erschienen 2007, und „Nullzeit“, erschienen 2012. Irre, was sie schon alles geschrieben hat. Der Roman „Unter Leuten“ ist deutlich umfangreicher, als der aktuelle Roman „Neujahr“. Siehe schon die Blogfotos.

Sie ist promovierte Juristin. Man liest ja derzeit, dass sie auf Vorschlag der brandenburgischen SPD-Landtagsfraktion Richterin am Brandenburger Verfassungsgericht werden soll. Sie scheint also äußerst vielseitig zu sein. So schreibt sie auch. Sie scheint Praktikerin zu sein! Nicht vergeistigt! Völlig anders als etwa Andreas Maier (siehe meinen vorherigen Blogbeitrag zur Literatur). Sie kann Situationen gut beschreiben, sehr vielfältig, nicht wiederholend, nicht einseitig, interessant, immer wieder mit verstecktem Witz, überraschenden kleinen Wendungen. Das ist ihre Gäbe, finde ich: Plötzlich findet sie wunderbare Worte für irgendwelche Begebenheiten und dann geht es weiter. Man stößt immer wieder auch etwa auf schöne Gedanken zu unserem aktuellen Leben. Und immer wieder reißt sie mit den geschilderten Situationen aktuelle Themen an.

Zum Roman:

Der Roman „Unter Leuten“ hat meines Erachtens zwei sehr unterschiedliche Teile: Im “ersten Teil” – circa zwei Drittel des Buches – geht es fast „politisch“ zu. Aktuelles Thema eben: Die Errichtung einer Windkraftanlage auf dem Land. Keiner will sie haben, die Rotoren. Fast niemand, denn Investoren wären interessiert.  Fast parallel blickt man auf die Konstellation West/Ost! Auch das durch die genauen Schilderungen mit schöner Prägnanz! Sehr schön wird geschildert, wie der Plan, die Windkraftanlage in der Nähe des kleinen ostdeutschen Dorfes zu errichten, das ganze Dorf in Aufruhr bringt. Wie sich so etwas entwickelt, wer was dabei denkt, welche Allianzen sich auftun, welche Lebensmodelle bestehen, welche Vermutungen angestellt werden und und und .

Im zweiten Teil des Romanes merkt man aber, dass es Juli Zeh nicht mehr darum geht, diese politisch hochkontroverse Konstellation aufzuzeigen, zu entwickeln und zu vertiefen, sondern darum, persönliche Schicksale, die sich im ersten Teil des Romans auftaten, konsequent weiter zu schildern. Der Roman bekommt einen anderen Drall: Man hat es kaum mehr mit der Windkraftanlage zu tun. Auch hier gilt zwar: Sie schildert die weiteren Situationen und Entwicklungen und Beziehungsgeflechte immer sehr gut, nah am Leben, fand ich! Und immer wieder mit Witz und interessanten Darstellungen zu unserem aktuellen Leben. Ich will nicht zu viel verraten, es wird ziemlich krass, aber glaubhaft! Aber schade: Das Thema der Windkraftanlagen in schöner Landschaft verliert man aus dem Auge!

Also:

– Man braucht Zeit.

– Man wird aber letztlich durch den Roman getrieben, weil er die gesamte Situation und die Geschichte immer weiter gut schildert!

– Auch wenn er gegen Ende hin nicht mehr die politische Brisanz des großen Themas hat. Und auch, wenn er mir persönlich etwas zu „praktisch“, zu real wurde!

HIER die Website des Verlags zum Buch mit weiteren Rezensionen etc.

 

THEATER: Peter Weiß – Marat/Sade

Eine der ersten Premieren der neuen Spielzeit! Marat/Sade von Peter Weiß wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Was ist das denn? Hört man selten! Das Stück heißt eigentlich kurz und knackig: „Die Verfolgung und Ermordung von Jean Paul Marat, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes Charenton unter Anleitung des Herren de Sade“.

Und worum es geht? Es ist ein Drama, das zur Zeit der Französischen Revolution spielt. Es war sogar sehr schnell ein Welterfolg, in den Sechzigerjahren. Im Mittelpunkt stehen Jean Paul Marat und Marquis de Sade mit ihren damals konträren Weltanschauungen und Staatsentwürfen. Während Marat der Gesellschaft (zum Wohle aller, wie er glaubt) Moral und Tugend aufzwingen will, das (arme) Volk vertritt und die Revolution – blutig, wie sie geworden ist – rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der vorgeblichen Natur des Menschen, verlacht Marats sozialistische Ideen und sieht das Heil in der Loslösung des Einzelnen aus der Gesellschaft. Er vertritt den puren Individualismus. Könnte auch auf die heutige Zeit passen.

Der Autor Peter Weiß hat damals (1964) drei Zeitebenen gebaut:

  • Der Zeitpunkt des Todes von Jean Paul Marat (1793)
  • Der Zeitpunkt, zu dem Marquis de Sade sein Theaterstück über Marats Ermordung im Irrenhaus spielen lässt (wenige Jahre später)
  • Der Zeitpunkt, zu dem das Stück aktuell gezeigt wird.

Man erlebt hier alle drei Ebenen. 

  • Die Ermordung von Jean Paul Marat ist der Inhalt des Theaterstückes. Er wurde in einer Badewanne ermordet. Ständig sitzt oder liegt er in der blutgefüllten Wanne, schmerzerfüllt wegen seiner Hautkrankheit. Von der Attentäterin Charlotte Corday (Lilith Hässle) wird er – der Realität entsprechend – letztlich ermordet. Der Nationalismus unter Napoleon zieht damit auf! Auch Nationalismus und Abschottung sind ja fürchterlich aktuell!
  • Marquis de Sade (Charlotte Schwab) sitzt meistens seitlich an der Bühnenwand oder mischt sich ein. Zentral sind seine Diskussionen mit Jean Paul Marat (Nils Strunk) über die unterschiedlichen Weltanschauungen:  De Sade glaubt nur an sich, alles andere lohne sich nicht, und Marat glaubt an die Sache. De Sade sagt etwa:  „Ich pfeife auf diese Nation, so wie ich auf alle anderen Nationen pfeife, ich pfeife auf diese Bewegungen von Massen, die im Kreis laufen. Ich pfeife auf alle guten Absichten, die sich nur in Sackgassen verlieren. Ich pfeife auf alle Opfer, die für irgendeine Sache gebracht werden. Ich glaube nur an mich selbst.“ Das  ist doch heutzutage starker Tobak!  Dieser totaler Rückzug in den Individualismus geht doch heute nicht!
  • Nils Strunk als Jean Paul Marat wendet sich außerdem direkt an das Publikum und stellt aktuelle Bezüge her. Unterstützt durch ständige kleine Kommentare eines Ensemblemitglieds, das in den hinteren Reihen unter den Zuschauern sitzt.

Nun, ich würde selber gerne einmal Regisseur eines Theaterstücks sein. Aber wer lässt mich das schon machen? Oder wer lässt mich mitmachen! Ich würde mehr zuspitzen. Und ich würde das Publikum eher verstören wollen. Ich würde mich mehr in ein Thema hineinsteigern! Denn auch hier fand ich: Es war etwas gebremst. Was wird letztlich ausgesagt? Es ist ja politisches Theater! Und es werden ja sogar aktuelle Bezüge hergestellt! Söders Wahlplakate, das PAG etc. spricht Marat/Nils Strunk gegenüber dem Publikum an. Und genau dafür blieb es meines Erachtens etwas zu unklar. Gut, man kann über radikalen Individualismus nachdenken und über sozialistische Ideen. Letztere verlieren hier ja gnadenlos, sie werden „ermordet“, die sozialistischen Gedanken. Das halte ich schon für fragwürdig. Da hätte man den Konflikt zwischen Individualismus und sozialistischen Ideen doch mehr in den Brennpunkt holen können! Schauspielerisch von allen gut, aber eben „im Stück“ verhaftet. Aber da kommt meine Zuneigung der Performance gegenüber durch.

Was die Inszenierung angeht, muss ich sagen: Es war irgendwie ein bisschen ein Frank Castorf-Verschnitt. Ein halbherziger Castorf-Verschnitt. Es fanden sich einfach viele Elemente, die für eine Castorf-Inszenierung seit Jahren einfach typisch sind: Die Drehbühne, einige „schräge“ Gestalten, undefinierbare, durch dünne Wände getrennte Räume (fast in französischem blau-weiß-rot gehalten), ein Zauberer mit Zylinder, in Strapsen und mit kniehohen Lederstiefeln, der immer wieder zum Publikum spricht, Gittertüren, die die Durchgänge durch die sich drehenden Wände ergaben, all das (und mehr) sind zweifellos Castorf-ähnliche Elemente. Generell die Art der Inszenierung, fast die Spielweise der Schauspieler war in einer Linie mit Castorf. Jedenfalls waren es bühnentechnisch Denic-ähnliche Elemente. Denic ist es ja, der seit Jahren für die Castorfschen Inszenierungen die Bühnenbilder schafft. Es fehlte nur die bei Frank Castorf typische Videoleinwand! Und die fehlte vielleicht wirklich am ehesten. Die Regisseurin Tina Lanik (die das Residenztheater demnächst verlassen wird) hat hier meines Erachtens zu wenig auf Eigenes und Freches und wirklich Überraschendes zurückgegriffen. Das Stück hätte es hergegeben.

Ein anderer Eindruck übrigens: Die schöne Bühne des Residenztheaters wirkte durch die vielen sich bewegenden Wandkonstruktionen seltsam klein! Schade!

Ein weiterer Eindruck: Wieder einmal gibt das Programmheft eine fast radikalere Darstellung des Themas, als die Darstellung auf der Bühne.  Etwa Auszüge aus dem Buch von Micah White, „Die Zukunft der Rebellion. Eine Anleitung“, Berlin 2018. White schreibt im „The Guardian“ viel über Proteste, von Occupy (er ist Mitgründer gewesen) bis zu Trump. HIER der Link zu White im The Guardian.

So, jetzt habe ich einiges beschrieben, ohne besonders auf Inhaltliches einzugehen. Dazu kann man es sich ja ansehen, dann kann man sich Gedanken machen. Aktuell geht es ja in unseren Zeiten immer wieder um Individualismus/Sozialismus/Nationalismus/Abschottung/„irre Politiker“ etc.

HIER die Onlineseite des Residenztheaters zum Stück.

Oder man schaut sich einfach meine nächste (erste) Inszenierung an.

©️ des Beitragsfotos: Mathias Horn

THEATER: Elfriede Jelinek – Wut

Nachdem ich Elfriede Jelineks “Am Königsweg” auf dem Theatertreffen in Berlin gesehen hatte (HIER mein Blogbericht),  habe ich mir jetzt noch einmal ihr derzeitiges Stück an den Kammerspielen in München angesehen. “Wut” heißt es. Es ist in der kommenden Spielzeit noch zu sehen. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben:

Typisches Jelinekstück. Müssen Jelineks Stücke so inszeniert werden? München war ähnlich wie Berlin! Eine überbordende Jelinekshow! Mit wirklich guten Phasen aber! Es dauert über 4 Stunden. Der Regisseur Nicolas Stemann – er hat schon acht Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bühne gebracht – erklärt zu Beginn der Aufführung, dass dieses Stück ständig weiter entwickelt wird. “Work in Progress”. AfD, Trump, PAG … Anlass für Elfriede Jelinek, das Stück ganz schnell zu schreiben, waren damals die Anschläge in Paris, Charlie Hebdo.

Wie ist das Stück: Im Unterschied zum Stück “Am Königsweg” werden hier viele Passagen aus Jelineks Text wörtlich vorgelesen. Das erleichtert es, ihr ein wenig zu “folgen”. Aber “folgen” ist auch hier zu viel gesagt. Ich habe es nicht geschafft. Lag aber auch an der nur für mich schlechten Akustik des Abends. Man hätte alles verstehen müssen! Ich muss es eigentlich nachlesen. Mal sehen.

Es ist insoweit aber eine – etwas – stringentere Inszenierung, als es “Am Königsweg” war. Man sieht auf der Bühne die jungen Schauspieler des Ensembles der Münchner Kammerspiele – Julia Riedler, Thomas Hauser, Zeynep Bosbay, Jelena Kulijc etc. Ausnahme – sorry – Annette Paulmann, sie ist nicht mehr “Jugend”. Das passt aber sehr gut. Und Franz Rogowski (siehe Blogberichtsfoto), der – laut Programmheft 2018/19 – leider nicht mehr dem Ensemble angehören wird. Er ist im Film derzeit zu erfolgreich wahrscheinlich und wird keine Zeit haben.

Insgesamt sieht man nicht schauspielerische Leistungen, sondern “Aktionen” auf der Bühne, finde ich. So soll es wohl sein. Unterbrochen übrigens wird es von einem etwa halbstündigen Diskurs des Regisseurs Nicolas Stemann mit seinen beiden Musikern (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) zu aktuellen Nachrichten aus den Tageszeitungen. Überall wurde “Bernd Söder” entdeckt. Und das Kreuz.

Oder später der Aufruf, alle Zuschauer sollten auf die Bühne kommen. Viele kamen (Sicherheitsschleusen wurden aufgestellt), bis Stemann plötzlich sagte: “Aus Sicherheitsgründen müssen wir es abbrechen, bitte Ruhe bewahren!” Dann wurde der Vorhang – eine schwarze Blechwand – herabgefahren, hinter dem Vorhang ging es weiter! Auf die schwarze Wand wurde das Geschehen hinter der Bühne – auch das Blogbeitragsbild oben – projeziert. Für viele hieß es damit: Wir müssen draußen bleiben!  … Aktueller Bezug klar! Was noch aufgefallen ist: Das ganze wahnsinnige Bühnendrumherum hätte im Grunde weg bleiben können. Es hat nur abgelenkt. So sah das etwa aus, während Anette Paulmann hinten an einem Tisch vorlas:

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Teils gut gemacht, aber mein “aber”: Eine reine Lesung, das wäre gut gewesen! Inhaltlich mag jeder dann selbst ein wenig zurecht kommen, oder auch nicht.

HIER der link zur Onlineseite der Inszenierung “Wut” an den Kammerspielen, wieder mit Trailern.

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