LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

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LITERATUR: Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens.

Es war ein Weihnachtsgeschenk. „Die Gleichung des Lebens“ von Norman Ohler. Auch wenn man Weihnachtsgeschenke oftmals doch nicht liest, ich habs getan! Ein historischer Roman, der – wie es tatsächlich geschah – im Jahr 1747 spielt. Friedrich II. wollte die Sumpfgebiete östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt a. d. Oder, den „Oderbruch“, trockenlegen, wollte (den damals aufkommenden) Kartoffelanbau fördern und aus anderen Regionen willfährige Untertanen holen und dort ansiedeln.

Der Oderbruch. Eine Landschaft, die durch den ungezähmt und wild mäandernden Fluss beherrscht wurde und ständige Gefahren durch Hochwasser barg. Eine Landschaft, die eine unglaubliche Artenvielfalt, unfassbar riesiges Fischaufkommen, Schildkröten, Wasservögeln etc. aufzuweisen hatte. Es wimmelte von Mücken und Ungeziefer.

Wir wissen alle: Der Strom kann mächtig mit den Ketten rasseln. Ein Deich kann immer brechen und der teuer erkaufte Schutz uns schlagartig verlassen … Dann kommt die Flut und wir sind nicht vorbereitet. Lasst uns auch weiterhin die Berge nie aus den Augen verlieren, sondern immer wissen, ob’s viel Schnee gegeben hat und wann der schmilzt und zu uns herunterkommt„, sagt einer der Fischer, der wie seine Kollegen seinen Reichtum durch Fischfang erwirtschaftete. Tausende Tonnen Fisch wurden in alle Windrichtungen verkauft. Als die Fischer Wind bekamen von des Königs Plänen, brach Panik aus, Angst vor der Zukunft.

Über zehn Jahre lang hat Norman Ohler diesen Roman vorbereitet und geschrieben. Man merkt es auch. Er ist durchzogen von der zeitgemäßen Beschreibung der Gegend, den Menschen, damaligen Kleinigkeiten und vielen Schilderungen, zu denen man manches Wort garnicht kennt! Etwa: „… Oda in die Küche, um einen Kumm mit Schildkrötensuppe zu holen. Kurz verharrte sie unter dem schwarzen Mantelschornstein, der …„, oder „Die Gäste ließen sich ablenken von den Barbenstreifen mit Gurken in Senf, von Odas berühmten Hechtklößen auf Dillschmand, roten Zibola und Radieschentatar, den Muscheln in Sanddornsaft, der quadratisch geschnittenen Sülze aus schwarzen, blauen und gelben Krebsen in Wirsinghülle.“ Also, da muss man sich als Autor schon verdammt gut in der damaligen Zeit auskennen! Es sind ja wohl keine Erfindungen. Ohler hat sich offenbar extrem in die damalige Zeit hineingefuchst! Für mich war es manchmal fast verwirrend.

Der Inhalt: Während der Protest gegen das Siedlungsprojekt des Königs brodelte, schickte seine Majestät einen Mathematiker los, das Mathematikgenie Leonhard Euler. Euler arbeitete sich in die schwierige Aufgabe ein, den Tod des Dammkonstrukteurs Mahistre aufzuklären, aber auch die Kosten und Rentabilität des Projektes zu bewerten. Er wird dem König abraten. Er fürchtete um den immateriellen Schaden, der angerichtet werde durch Zerstörung einer ganzen Landschaft. Euler drohte an einem rätselhaften Fieber zu sterben, wie vor ihm schon – wie er herausbekommt – der französische Ingenieur Mahistre. Die Frage, wer oder was hinter dem Tod Mahistres (und einem weiteren Mordversuch) steckt, verdichtet sich zu einem historischen Kriminalroman.

LITERATUR: Teju Cole – Open City

Durchaus ein Tipp: Man liest Bücher, in denen irgendwelche Handlungen oder Verstrickungen dargestellt werden. Das Buch von Teju Cole, Open City, ist anders: Es passiert nichts! Aber es fesselt einen. Das macht das Buch aus, es ist zu empfehlen! Ich habe es in Englisch gelesen, es gibt auch die deutsche Übersetzung.
Julius geht durch New Yorks Straßen. Und – kürzer – durch Brüssels Straßen. Er will seine dort vielleicht noch lebende Großmutter aufsuchen. Streifzüge durch das fremdenfeindliche Brüssel und das fremdenfreundliche New York (allerdings 2011, also deutlich vor Donald Trump geschrieben!). Wer New York kennt, wird allein schon vieles wieder erkennen. Er geht und beobachtet. Es sieht Menschen, er spricht mit Menschen, er beschreibt Szenen, ihm fallen Dinge auf. Mit wenigen Worten kann er die Dinge wunderbar ausdrücken. Immer mit dem Wechsel zwischen dem, was er sieht, und dem, was er damit assoziiert oder für was es steht. Immer wieder kommen Gedanken – eigene Gedanken und die Gedanken derer, mit denen er spricht – an große und kleine Zusammenhänge zum Vorschein. An Aktuelles und an Vergangenes. Und er erinnert sich. Er ist ein junger Psychiater mit afrikanischen Wurzeln (Nigeria). Das Buch wird nicht nur von Beobachtungen getragen, auch von seinen persönlichen Erinnerungen. Seine Kindheit, seine Familie, seine Ausbildung, sein Job. Alles ganz normal, aber eben doch mit Besonderheiten, die in jedem Leben geschehen. Jeder trägt und trug so etwas mit sich herum. Es ist überall anders, aber jeder hat seine Dinge um sich und mit Recht. Es geht um Tod, Vergänglichkeit, Erinnerungen, das vergangene Leben, das aktuelle Leben. Auffallend ist die gelassene große Distanz, mit der er alles beobachtet, anhört, durchdenkt. In Amerika war das Buch es ein großer Erfolg! Sein zweites Buch beschäftigt sich dann mit Nigeria.
Der Klappentext der deutschen Ausgabe (Suhrkamp);
Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.

THEATER: Lion Feuchtwanger – Wartesaal

Was Theater kann? Beispielsweise das kann man sagen:
„Wie alt ein Stück auch sein mag, wie futuristisch oder naturalistisch das Bühnenbild, wie realistisch oder theatralisch der Spielstil: Schauspieler und Zuschauer sind Zeitgenossen. Dies bietet dem Theater enormes Potenzial, nämlich, mit jeder Vorstellung von neuem mit dem Zuschauer das Gespräch zu suchen über die Zeit, in der wir leben. Es gibt keine Kunstform, die diesen „Bewusstseinsbonus“ mehr in sich trägt als das Theater. Es gibt für mich nichts schöneres als Zeuge zu sein, wie Schauspieler und Zuschauer zusammen aus toter Materie ein lebendes Gespräch entstehen lassen.“

(Brief an das Publikum, Kammerspiele Spielzeit 2010/2011)

Und  wie siehts mit „Wartesaal“ von Lion Feuchtwanger aus? Ich habe es jetzt gesehen.

„Wartesaal“ ist inszeniert von Stefan Pucher, wird derzeit an den Münchner Kammerspielen gezeigt. Die Trilogie (Erfolg – Geschwister Oppermann – Exil) über die Zeit des Aufkommens der Nazis vor dem II. Weltkrieg. Tote Materie. Gut, man könnte sagen, auch heute kommt irgendetwas auf uns zu, die Dinge ändern sich, wir schauen nur zu. Aber die Inszenierung (es geht um den Teil „Exil“) gehört m. E. wahrlich nicht zu den Stücken, die den obigen engagierten Sätzen über Theater gerecht werden.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Wartesaal“ ist eine durchaus beeindruckende Nacherzählung des umfangreichen Romans „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Ich hatte ihn davor gelesen. Manche finden die Inszenierung gar fulminant, man liest etwa:
Es war endlich wieder einmal einer dieser unvergesslichen Abende, die unauslöschlich im Bewusstsein bleiben, nicht nur, weil eine große und großartige Botschaft in die Welt gebracht wurde, sondern weil erlebbar war, welche bewegende Kraft gutes Schauspiel haben kann (Wolf Bernatzki, www.theaterkritiken.com).
Oder die Münchner Abendzeitung: Sie hat die Inszenierung zum Theaterstück des Jahres gekürt – der kulturelle Münchner Höhepunkt des Jahres 2017 im Bereich Theater!
Andere sind nicht so überzeugt, etwa die Süddeutsche Zeitung, etwa die neue Zürcher Zeitung (siehe die Kritikenrundschau auf www.nachtkritik.de).
Ich sage nicht: „Fulminant!“ Ich würde sagen: „Eine schöne Inszenierung“, mehr nicht. Die Inszenierung wird m. E. aber einem irgendwie gearteten progressiven Charakter – dem Charakter der Kammerspiele – nicht gerecht. Das ist nicht harte Kritik, es ist meine Erfahrung nur. Progressiv im Sinne von: Man wird angeregt, man denkt nach, man sieht Dinge neu, anders, sieht Dinge aus anderer Perspektive, erhält neue Perspektiven, es kann unbequem sein, kann stören, man wird manchmal leicht oder stark gerüttelt und so weiter. Aber was derart Progressives angeht, hatte ich nach diesem Abend sogar gedacht: Diese Inszenierung ist der Kammerspiele nicht würdig! Das spricht nicht gegen die Inszenierung! Wer den Roman nicht kennt, wird wunderbar durchgeführt. Es kann auch beeindruckende Inszenierungen dieser nur „darstellenden“ Art geben, keine Frage. Es geht nicht immer um „politisches Theater“. Ich meine nur, dass man sich hier leider als Zuschauer nicht mit progressiver Darstellung irgendeiner Art oder aufrüttelnden Gedanken oder ähnlichen Anreizen auseinandersetzen musste/konnte. Es ist brav. Brav auf sehr hohem Niveau!
Und wenn ich etwas zur Inszenierung sagen kann: Sie ist in jedem Detail schön gemacht. Das Bühnenbild etwa: Dieser gekachelte Wartesaal, diese mehrfachen Ebenen. Aber auch dort, finde ich, wären deutlichere Wege möglich gewesen. Zu brav. Gut, ich war vorbelastet durch das Lesen des Romans. Liest sich ja nicht an einem Tag! (Schöner und meine Erachtens eindringlicher geschrieben ist übrigens der Roman „Erfolg“!). Ich hatte auch eine deutlichere Orientierung in der damaligen Zeit erwartet. Erst der vorletzte Teil, in dem Annette Paulmann vor geschlossener Bühnenwand (auf die Bilder der damaligen Zeit projiziert werden) über die Exilanten der damaligen Zeit liest/spricht, holt den Zuschauer deutlich in die damalige Zeit. Schön, wie die Schauspieler des Ensembles in die Bilder integriert werden.
Oder die schauspielerischen Leistungen: Gut und brav zum Großteil! Samouil Stoyanov und Maja Beckmann haben mich am meisten beeindruckt. Ich finde, Sepp Trautwein (Samouil Stoyanov), um den sich letztlich alles dreht, hätte – so habe ich den Roman vor Augen – mehr Raum in der Inszenierung verdient gehabt. Zumal dann die wunderbare Leistung von Samouil Stoyanov verdientermaßen hervorstechen hätte können. Schade. Julia Riedler hatte es dagegen schwer: Drei Rollen, aber die unterschiedlichen Charaktere wurden bei ihr m. E. nicht richtig deutlich. Auch schade! Ich war vorbelastet!
Auch die Videotechnik war interessant eingesetzt. Immer zugunsten der Schauspieler!
Ich werde es noch einmal ansehen, wie so oft! Schön und auf seine Art sehr gelungen ist es allemal!
Copyright des Beitragsfotos: Arno Declair, Kammerspiele

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger – „Erfolg“: Dieses kleine, unscheinbare Heftchen, dieser bescheidene Band, kränkliches Kloblättchen, dürftige Broschüre, unscheinbares Taschenbüchlein, windiges Ding … neinnein, genau das Gegenteil ist der Fall: Dieser Brocken! Ihn hatte ich zuletzt gelesen. Weil in den Kammerspielen ja am vergangenen Wochenende die Premiere von WARTESAAL von Lion Feuchtwanger war (ich sehe es am Sonntag). Und Wartesaal heißt die Trilogie von Lion Feuchtwanger, zu der auch „Erfolg“ gehört. „Erfolg“ – „Die Geschwister Oppenheim“ – „Exil“. Aber ich war auf dem Holzweg. Der Regisseur Stefan Pucher konzentriert seine Inszenierung an den Kammerspielen auf den Roman „Exil“!  Trotzdem, es war eine gute Wahl. Jetzt kommt eben noch „Exil“ dran. Auch so ein windiges Ding, läppische fast 900 Seiten!

München in der Zeit nach dem I. Weltkrieg, erste Hälfte der Zwanziger Jahre. Lion Feuchtwanger schildert in dem Buch, wie man damals in Teilen der Münchner Gesellschaft dachte und handelte. „Erfolg“ ist ein grandioses Panorama der Zeit, in der Hitlers erster Anlauf zur Machtergreifung scheiterte. Lion Feuchtwanger war wohl der erste Schriftsteller, der das Aufkommen des Nationalsozialismus thematisierte. „Kein literarisches Werk vorher und nachher hat die Mentalität der Stadt und ihrer Bewohner so gut erfasst wie der „Erfolg“, trotz oder gerade wegen der begründeten Hassliebe, die daraus spricht“ (Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2008). Was den Blick auf das Bayerische, Voralpenländische angeht, haben Feuchtwangers Beobachtungen vor allem heute noch volle Berechtigung! Sie sind zeitlos. Die Bayern bleiben die Bayern. Es ist sehr bedrückend, wie hilf- und wehrlos alle die damals aufkommenden Veränderungen gesehen und hingenommen haben. Erst kleine Veränderungen, Lappalien, Stimmungsänderungen, dann auch deutliche Veränderungen. Es wurde immer bedrückender. Aber jeder schaute auf sein eigenes Thema, sein Fortkommen. Durch das Buch zieht sich etwa die tragische Geschichte des progressiven Kunsthistorikers Dr. Martin Krüger, der wegen einer völligen Lappalie – im Grunde aber wegen mißliebiger Kunstwerke, die Krüger erwirbt und ausstellt –  ins Gefängnis kam.

Dieses Kunstskandälchen bildet […] nur den Ausgangspunkt, sozusagen den Schmetterlingsflügelschlag, aus dem sich ein Orkan von einem Roman entwickelt: ein Zeit- und Sittenbild epochalen Ausmaßes, in dem die bayerische Mentalität, die politisch-ökonomische Großwetterlage und die deutschen Zustände am Vorabend des Dritten Reichs spürbar, greifbar und schmeckbar werden. Dieser große politische Roman bleibt bei aller analytischen Schärfe stets das Werk eines Bestsellerautors. (Wilhelm Trapp, Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008)

Erstaunlich wie immer ist die Zusammenfassung des Romans auf der WEBSITE von Dieter Wunderlich.

THEATER: Münchner Kammerspiele und BUCH: Miranda July, Der erste fiese Typ

Aus dem Roman „Der erste fiese Typ“ von Miranda July ein Theaterstück zu machen, ist ein großer Schritt. Der nicht sehr bekannte Roman wurde in Deutschland im letzten Jahr oft besprochen, siehe etwa die Besprechungen auf ZEIT – online, SPIEGEL – online oder in der FAZ.  Originaltitel „The First Bad Man“. Ein großer Schritt ist es, denn die geschilderte Story ist schrill, modernes Leben, Welten krachen aufeinander. Aber der Hintergrund, um den es geht, ist nicht schrill, er versteckt sich, muss aber unbedingt mit rüberkommen. Denn es geht – was die Story angeht – nicht nur ganz schön zur Sache, es geht sehr entscheidend um diese Gesamtstimmung. Und viele Details machen diesen sehr schnellen, lässigen, modernen Roman aus. Das Entscheidende des Romans ist, wie gesagt, zwischen oder hinter den Zeilen zu finden, in der Entwicklung des Geschehens aus Sicht der Protagonistin Cheryl Glicksmann. (Der Roman wird sogar gegen Ende immer besser). Am Ende des Romans ist man irgendwie trotz des Chaos‘, das um Cheryl herum herrscht,  zufrieden. Gerade das Chaos hat Cheryl schließlich doch Einiges gebracht.

Ich hatte den Roman vor der Premiere am Freitag in der Originalfassung gelesen und mir danach gesagt: „Wenn es gelingt, aus DIESEM Roman ein passendes Theaterstück zu machen, dann Hut ab!“ Das muss man erst einmal rüber bekommen in einer Inszenierung. Aber genau so war nach der Premiere mein Eindruck: Hut ab! Gelungen!

Miranda July hatte es bisher ja abgelehnt gehabt, das Buch als Theaterstück zu bringen. Es war insoweit eine Weltpremiere! Man kann das Theater nach diesem Stück als „etwas glücklicherer Mensch“ verlassen, sagt Willibald Spatz zurecht auf www.nachtkritik.de.

Christopher Rüping, dem jungen Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, ist der Schritt vom Buch zum Theaterstück mit der Premiere am Freitag gelungen! Viele, die auf so etwas warteten, könnten eigentlich, finde ich, sagen: „Da ist er! Der erste große Wurf unter Mathias Lilienthal“ – der sich ja der in der Tat der schweren Aufgabe hingibt, München „aufzubrechen“, wirklich aufzubrechen, aus einem wohlhabenden Dornröschenschlaf der Gewohnheiten zu holen. Nicht halb aufbrechen, sondern ganz aufbrechen! Die Müncner sind eben Sturköpfe! (Meines Erachtens gab es aber duchaus schon mehrere „große Würfe“, absolut besondere Stücke: „Caspar Western Friedrich“ etwa, „Krieg und Frieden“ etwa, „Die Selbstmord-Schwestern“ etwa. Aber das sehen nicht sehr viele so.) Gestern ist jedenfalls meines Erachtens einer dieser Würfe gelungen. Würfe, die sich ja auch durch ihre durchgehende absolute Stimmigkeit der gesamten Darbietung und hier der Umsetzung des Buches auszeichnen und einen besonderen Theaterabend schaffen.

Worum es geht? Die Stimmungslage von Cheryl und ihr Gefühlsleben in der modernen Welt. Man durchlebt im Buch verschiedenste Phasen von Cheryls Leben. Phasen, die ihr anscheinend in großer Ordnung eingeschlafenes Verhältnis zur Liebe, zu ihrer Liebesfähgkeit, zur Erotik, zum Verhalten anderer Personen (vor allem bezüglich Liebe, Erotik etc.), ja zum Leben insgesamt zeigen. In einem sehr modern und lässig geschriebenen Roman. Anders etwa als bei „America“ von T. C. Boyle, von dem eine Umsetzung derzeit auch noch in den Münchner Kammerspielen gebracht wird (siehe den Blogbeitrag vom 6. Juni 2016): Dort gibt vor allem die Handlung schon viel her. Er ist allein dadurch auch schwerfälliger. Cheryl Glicksman, etwas über 40 Jahre alt, lebt alleine. Sie kennt nur ihre Ordnung. Ihr heiß geliebter „Freund in Gedanken“, Phillip, um die 60 Jahre alt, hat eine Beziehung zu einem 16-jährigen Mädchen. Sie ist recht besessen von ihm, kommt aber nicht an ihn heran. Sie steht zwar in Kontakt zu ihm, es geht Phillip aber immer nur um seine erotischen Schritte in Beziehung zum 16 -jährigen Mädchen. Immer wieder kommen bei Cheryl drängende SMS von ihm an – groß an eine der Leinwände geworfen -, in denen es um ihn, Phillip, und seine erotischen Aktionen gegenüber seiner jungen Freundin geht. Bei Cheryl, die sich ein geordnetes Single-Leben eingerichtet hat, zieht dann auch noch Clee ein, die etwa 20-jährige völlig konträre Tochter ihres Chefs. Junk food, TV, Microwelle etc., das ist Clees Leben. Das bringt bei Cheryl alles durcheinander. Sofort sieht sie, dass sie mit ihrer Ordnungsliebe nicht ankommt. Dann kommt Streit, dann kommen intensive körperlich harte Kämpfe mit Clee auf. Wunderbar passend wird alles von Anna Drexler als Clee (und kurze Männerrollen) und Maja Beckmann als Cheryl gespielt. Cheryl und Clee kämpfen dann mehr und mehr nach genau dargestellten Situationen der Selbstverteidigung, minutenlang auch ohne Worte auf der Bühne. Cheryl arbeitet in einer Organisation, die Selbstverteidigungs-DVD’s herausgibt. Durch die geordneten Kämpfe nähern sich beide aber sogar eher einander. Es kommt Bewegung in ihr Verhältnis. Sie mögen sich immer mehr. Es wird Liebe. Cheryl lernt Liebe wieder kennen. Dann bekommt Clee auch noch ein Kind. Cheryl findet dabei große staunende Liebe zu Jack -, so nennt Clee ihr Kind. Sie verliert Clee aber letztlich an eine Freundin von Clee, Rachel. Clee ist ausgezogen. Kurze Enttäuschung. Cheryl behält allerdings das Kind von Clee. Und macht sich im Angesicht des Kindes Gedanken über das Leben! Cheryl kommt so schließlich wieder selber zu Facetten des Lebens, die sie gar nicht mehr oder noch nicht kannte. Das pralle Leben kommt über Cheryl. Sie hat es wieder an der Backe.

Schön und zum ganzen Bild (und zur Inszenierung) wunderbar passend  ist dann etwa der Schluss des Stückes: Cheryl und Clee schweben über der Bühne, es winkt ein „Astronaut“ ins Publikum, irgendwie ein Sinnbild für den erwachsenen Jack – der auch am Ende des Buches erscheint – und uns alle. Die Umsetzung des Buches wird ebenso passend durch die Musik von Brandy Butler und den Einsatz von Videoaufnahmen durch Rebecca Meining ergänzt.

Mein einziger Punkt: Cheryls viele wechselnden Stationen durch all das könnten für den Zuschauer m. E. sogar irgendwie noch etwas deutlicher werden. Schade, dass etwa der durchaus wichtige Moment, in dem Clee und Cheryl sich küssen, ganz hinten auf der tiefen Bühne stattfindet. Fast versteckt. Aber da gibt es nichts zu verstecken.

BUCH: Joseph Roth, Radetzkymarsch

Wieder etwas gelesen. Nachts oft. Joseph Roth’s Roman Radetzkymarsch, den ich meinem Sohn Carlos zu Weihnachten geschenkt hatte. Die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, also eigentlich gar nicht so lange her. Das kann doch nicht schaden, denke ich, wenn man als junger Mann auch etwas aus dieser Zeit erfährt. Ich habe natürlich wieder nachgesehen, was Dieter Wunderlich in seiner Besprechung unter http://www.dieterwunderlich.de dazu schreibt: „Ein trauriger, hoffnungsloser Abgesang, ein kunstvoll formuliertes Requiem auf den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und dessen Gesellschaft„. Was hat Dieter Wunderlich nicht alles gelesen und treffend dargestellt und beurteilt!

Sprachlich und von den einzelnen Schilderungen her gesehen ist der Roman schon recht antiquiert, aber historisch interessant. Joseph Roth hatte den Roman ab Herbst 1930 bei Freunden (u. a. Stefan Zweig) und in Hotels in Frankfurt a.M., Berlin, Paris, Baden-Baden und Antibes geschrieben. Die Arbeit konnte 1932 abgeschlossen werden.

In einer drei Generationen umspannenden Familiengeschichte veranschaulicht Joseph Roth, wie die k-und-k-Monarchie mit ihren Traditionen langsam zerfällt. Bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges. Joseph Trotta Freiherr von Sipolje symbolisiert die eine tragende Säule der überkommenen Gesellschaft: das Militär. Sein Sohn Franz als Bezirkshauptmann die andere Säule: das kaiserliche Beamtentum. Der Enkel des „Helden von Solferino“ wiederum profitiert zwar noch vom Schutz des alten Systems, aber er ist nicht mehr in der Lage, sich damit zu identifizieren. Er will das Militär verlassen, steckt aber fest. Zwar merkt er, dass die Zukunft neuen Kräften gehört, aber er ist durch seine Erziehung noch sehr der Vergangenheit verhaftet.

Unter dem Titel „Die Kapuzinergruft“ veröffentlichte Joseph Roth übrigens 1938 eine Fortsetzung seines Romans „Radetzkymarsch“.

BUCH: Zeruya Shalev – Schmerz

Ein kürzlich gelesenes Buch sei erwähnt: Von Zeruya Shalev der Roman Schmerz. Bekannt geworden ist Zeruya Shalev davor durch den Roman „Liebesleben“, den ersten Teil einer Trilogie über das moderne Liebesleben. Shalev ist eine israelitische Schriftstellerin, geboren im Kibbuz am See Genezareth in Galiläa. Shalevs durchaus intensive Erzählungen spielen auch in Israel.

Ich würde das Buch „Schmerz“ mit der Note 2-3 unter „gute Bücher“ einordnen. Ein interessanter Schreibstil. Thematisch geht es darum, dass eine Frau nach vielen Jahren der Ehe ihre große Jugendliebe wiedertrifft und merkt, dass sie zu ihm muss. Es ist eine Familiengeschichte, in der Ordnung und Chaos nebeneinanderstehen, alles gerät ja aus den Fugen. Sie verheimlicht ihre Treffen mit der großen Liebe, macht sich aber natürlich Gedanken. Dass Iris – die Protagonistin – vor langer Zeit nicht nur physisch bei einem Attentat,  sondern auch psychisch durch das unverständliche Scheitern dieser Jugendliebe verletzt wurde, wirkt bei ihr noch immer nach. Sowohl in der Familie, als auch in Bezug auf die Jugendliebe. Es kommt dann hinzu, dass sie ihre Tochter in Gefahr wähnt und sich darauf konzentriert, ihr zu helfen. In diesem Kontext geht es in „Schmerz“ um ihre Befürchtungen, Fürsorge, Kontrolle und eben um die große Liebe, die alles verändern würde.

 

THEATER: Jeffrey Eugenides, Die Selbstmord-Schwestern

Gestern in den Münchner Kammerspielen die Premiere der „Selbstmord-Schwestern“, ein Stück nach Jeffrey Eugenides‘ gleichnamigen Buch. Das Stück ist inszeniert von Susanne Kennedy.

Susanne Kennedy:
An den Münchner Kammerspielen inszenierte Susanne Kennedy  2011 zunächst „They don’t shoot horses, don’t  they?“ und dann 2013 Marieluise Fleißers Erstlingsstück „Fegefeuer in Ingolstadt“, für das sie von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur „Nachwuchsregisseurin des Jahres“ gewählt wurde. Das Stück wurde zum Theatertreffen 2014 in Berlin eingeladen und Susanne Kennedy erhielt dafür den 3sat-Preis. Mit ihrer Fassbinder-Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok?“ wurde sie 2015 erneut zum Theatertreffen eingeladen. Sie wird ab der kommenden Spielzeit in Berlin im „Künstlerischen Beirat“ am Berliner Volkstheater unter Chris Dercon arbeiten. Ich denke, man wird sie weiterhin an beiden Orten sehen.

Meine Eindrücke (mehr geht nicht):

  • Man muss den Abend sehr vorsichtig angehen. Man sieht kein Theaterstück, obwohl man in den Kammerspielen sitzt. Man sieht eine „lebende Installation“. Eine Installation einer Art, wie man sie – wenn überhaupt – selten sieht. Wie wenn man lange Zeit einem Kunstwerk gegenübersitzt. (Das Bühnenbild von Lena Newton und die Kostüme von Teresa Vergho vor allem sind wahre Kunstwerke!) Es ist wirklich alles eliminiert, was man im Theater erwartet oder irgendwie gewohnt ist: Man folgt keinem konkreten Geschehen, man folgt keiner Entwicklung von Dingen, man sieht keine Erzählung, man ist in keiner Zeit, man ist an keinem Ort (die Bühne ist allenfalls weit entfremdet ein „Ort“, ein Altarraum), man kann die „Schauspieler“ nicht charakterlich erkennen, man erkennt keine Mimik, sie sprechen nicht real, sie spielen in Masken, die „Musik“ ist nicht Musik – es sind Töne, es wird aus dem Nichts gesprochen, es geht nicht einmal um Gefühle. So, wie das Alltagsleben den 5 Mädchen im Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ rigoros vorenthalten wird, wird hier dem Zuschauer in jeder denkbaren herkömmlichen Form das Theater vorenthalten. Es wird dem Zuschauer also irgendwie auch das Leben, das im Theater so oft gezeigt wird, vorenthalten. Eine irre Situation. Man sieht etwas völlig anderes.
  • Und doch oder gerade dadurch ist man als Zuschauer mitgenommen. Mitgenommen auf eine Reise in eine andere Dimension. Irgendwie wird fast das (banale) Leben zu Grabe getragen. Da müssen wir ja alle durch. Man kann aber nicht einmal sagen, der Abend wäre dadurch negativ angehaucht oder ähnlich. Soviel Farbe, soviel Buntes, soviel Leben, und doch das Thema „Tod“. Fast widersprüchlich. Das kann aber nicht negativ sein! Im Gegenteil! Bei diesen Kostümen, dieser Bühne. Es geht nur nicht um die Fragen, die sich so ständig aus dem Leben heraus stellen, es geht um etwas darüber hinaus gehendes.
  • Man reist durch ein Puzzle aus Bildern, Videos, Youtubefilmen, Stimmen, Musik, den entpersonalisierten Schauspielern, ihren Bewegungen, Fragmenten aus dem Roman „Die Selbstmord-Schwestern“, Opferhandlungen der ehemaligen Beobachter der 5 Mädchen und psychedelischen Eindrücken vom Nachtod. Aber es ist vielleicht auch einer der Antriebe von Susanne Kennedy, uns Dimensionen zu zeigen, die wir nicht sehen. Die aber von Timothy Leary – mit seinen Beschreibungen des LSD-Trips – und vom Tibetanischen Totenbuch – mit seiner Beschreibung von 7 mal 7 Tagen, die es braucht nach dem Tod bis zur Wiederauferstehung – angesprochen werden. Damit nähert sich Susanne Kennedy (anhand der grundlegenden Motive des Buches) riesigen Fragen, die immer über uns stehen werden.
  • Man muss sich diesem Abend hingeben, darf nichts erwarten, muss sich mitziehen lassen. Dazu fordert auch anfangs der Avatar auf, der immer wieder von einem der Bildschirme Texte von Timothy Leary spricht. Timothy Leary, der LSD-Guru. Es eröffnen sich Dimensionen, die wir in unserem Leben eigentlich immer wegsperren, verdrängen oder garnicht sehen – wenn wir nicht in einem solchen Abend sitzen. Die nicht unserem Alltag entsprechen. Insoweit ist dieser Abend ein Abend, der über das Theater hinausgeht. Wir Menschen kennen so wenige Dimensionen.
  • Man bekommt ein sehr spezielles Verhältnis zu „Leben und Tod“ geboten: Während der Theaterzuschauer sich seit hunderten von Jahren mit dem gespielten Tod auf der Bühne auseinandersetzt, also den Tod als Weiterlebender anschaut, scheint es hier ernst zu werden. Der Zuschauer sieht eben nicht irgendein Geschehen, das letztlich wieder einmal in den Tod führt, er sieht eher eine Dimension, die der Tod selbst sein könnte. Eine Lehrstunde, eine „Ideenstunde“, der man sich hingeben kann (auch im Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ gibt es kein Geschehen, das zum Tod führt. Nur „Beweismittel“). Es geht in der Tat um den Weg in den Tod und den Weg in 49 Tagen zurück zur Wiederauferstehung. Tibetanisches Tagebuch. Und LSD. Was ist dann das Leben? Auch auf diese Frage wird man damit zwangsläufig zurückgeworfen und erkennt Dinge in anderer Art und Weise. So bunt und vielfältig, aber auch so künstlich ist das Bühnenbild. Wie die Coca Cola, die die Schauspieler trinken. Wie die in den Vitrinen wachsenden Donuts. Wie die Youtube-Tutorials über Schminktipps.  Und gerade dadurch kommen andere Dinge zum Vorschein. Wesentlichere Dinge? Was kann schon wesentlich sein! Wir wissen es ja nicht. Wollten die 5 Mädchen das alles nicht erleben oder durften sie nicht?
  • Man kann diesen Abend in keine Kategorie des Theaterwesens einordnen. Auch eigentlich keine „Kritik“ schreiben. Im Bayerischen Rundfunk heißt es zur gestrigen Premiere (Autor Herr Rickleffs): „Susanne Kennedy erzählt keine Geschichte, wärmt keinen Roman noch einmal auf, nein, sie versucht mit ihrer ebenso irritierenden wie betörenden Version der „Selbstmord-Schwestern“ dem Tod selbst eine Bühne zu bieten. Was sie dem Zuschauer damit bietet, ist die Möglichkeit sich diesem und damit auch seinem eigenen Tod nah zu fühlen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Wer dazu bereit ist, dem kann dieses Theater zur Offenbarung werden.
  • Es ist also ein lohnender, auch sehr schöner, wenn auch verstörender Abend, WENN man sich all diesen Aspekten hingibt, vorsichtig hingibt. Und: VORSICHT; THEATER KANN NICHT NUR BELLEN, ES KANN AUCH BEISSEN!