LITERATUR: Teju Cole – Blinder Fleck

Im Grunde geht es um ein Buch: „Blinder Fleck“ von Teju Cole.

Also: Da saß ich im Zug von Berlin nach München und wir redeten darüber, was „Kunst“ ist. Es war ein anstrengendes Wochenende in Berlin. Sie studiert Kunstwissenschaften in Berlin, spezialisiert auf Fotografiekunst. Fotografiekunst. Was ist denn erst mal „Kunst“? Das sei doch sicher eine Grundfrage ihres Studiums. Zum Beispiel Fotokunst: Heutzutage macht doch jeder mit seinem Handy ständig Fotos. Ist das immer Kunst? Oder besser: Wann ist ein Foto Kunst? Sie meinte, Kunst sei es immer dann, wenn es ein Ausdruck ist, über den sich der Betrachter Gedanken machen kann. Also ein Verkehrsschild nicht, sagte ich. Nein, sagte sie, da sei ja vorbestimmt, was man sich denken und was es bedeuten soll. Aber zum Beispiel ein schwarzer Strich auf weißer Leinwand, das könne durchaus Kunst sein! 

Ich erzählte ihr nicht vom gestrigen Besuch im Pergamonmuseum. Daran dachte ich auch erst im Nachhinein. Das große Ishtartor: Ishtar war die Stadtgöttin von Babylon, 600 Jahre vor Christi Geburt. Dargestellt wurde sie als Löwin. Das riesige Vortor des noch viel größeren richtigen Ishtartores steht im Pergamonmuseum, Vorderasiatischer Teil. Kräftig blaue Kacheln, auf denen – fast dreidimensional – in beige Tiergestalten, unter anderem Löwen, dargestellt sind. Zur Abschreckung von Feinden. War das Kunst? Ich finde zum Beispiel die Art, wie man damals schon etwas darstellte, war unfassbar stilvoll und kunstfertig! Steht heute einfach so in Museen. Es sollte jedenfalls Furcht und Respekt einflössen, also den Betrachter anregen. Also Kunst? Kunst für den Herrscher? Hat Kunst auch Funktionen? Funktionen gehabt? Verloren? Heute? Ein weites Feld!

Ich erzählte ihr – zum Thema Fotokunst – von einem Buch, das ich seit Wochen immer wieder in der Hand habe. „Blinder Fleck“ eben, von Teju Cole. Über Teju Cole hatte ich kürzlich schon im Blog geschrieben, über sein gutes Buch Open City. HIER der damalige Beitrag. Er schreibt dort über seine Streifzüge durch New York und seine Überlegungen dazu, seine Erinnerungen. Das Buch „Blinder Fleck“ wiederum ist ein viel weiterer Streifzug. Ein Streifzug über die ganze Welt. Teju Cole reist offenbar sehr sehr viel. Eine Übersicht über alle Orte, an denen Texte oder Fotos entstanden sind, sind am Ende als Anhang aufgelistet. Er erzählt (auch) in diesem Buch nicht etwas, der Band enthält einfach immer wieder Paare: Ein Foto (meist rechts) und ein meist kurzer Text dazu (meist links).

Anfangs kann man sich bei den Bildern denken: Naja, nichts sagende Banalitäten. Ich sagte meiner Zugbegleiterin: Hier im Zug hätte er den Mitteltisch mit einer Coladose darauf fotografiert. Mehr nicht. Man kann sich dazu auch denken, Teju Cole muss einsam sein. Man sieht auf den Fotos extrem selten eine menschliche Person, und wenn, dann von hinten, weggehend. Eine Ausnahme gibt es, einen afrikanischen Jungen, dessen Foto er zweimal bringt, mittendrin und ganz am Ende.

Mehr und mehr merke ich aber, dass die Bilder große, teilweise sehr große POWER haben. Meine Zugbegleiterin meinte, dann werde es zur Kunst! Ein ganz bestimmtes Feeling entsteht auch durch die Texte im Buch, die jeweils ein Foto begleiten. Als würde man merken, dass Teju Cole dem Leben näher kommen wollte. Indem er einerseits durchgehend banalste Blicke fotografiert, die wir ständig unbeachtet lassen, die aber genauso etwas aussagen, wie das, was wir zu beachten glauben. Die ansich genauso viel Wert sind und ihm Anlass gegeben haben, etwas zu schreiben. Und wenn es nur ein Gedanke war. Die Fotos verlieren dadurch mehr und mehr ihre Banalität. Und andererseits zeigt er etwas vom Leben eben durch diese Texte. Die Texte sind oft völlig weit hergeholte Gedanken zu einem Foto. Aber auch kleine Situationsachilderungen, abstrakte Überlegungen, historische Rückblicke, Erinnerungen, Grundsätzliches, Kleines, alles. Mal kurz, mal etwas länger. Wie im richtigen Leben. Und das macht diese Kombination der Texte mit den Fotos aus! Vielfalt und Banalität. Unbeachtetes und weit Zurückliegendes, Fernliegendes, Dinge, die wir sehen und wissen. Es sind Gedanken über Dinge, die er weiß. Und er weiß viel! So ist nichts banal.  Oder alles banal! Ich nehme dieses Buch seit Wochen in die Hand und werde immer wieder überrascht. Man kann es garnicht in einem Schwung durchlesen oder durchblättern. Mehr und mehr verstehe ich die banalen Fotografien und die Texte dazu. Dieses Buch kann ein sehr anspruchsvolles Geschenk für einen guten Freund, eine gute Freundin, sein.

HIER die Seite des Hanser Verlags zum Buch mit einer Leseprobe.

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LITERATUR: Daniel Galera – So enden wir

Daniel Galera, 39 Jahre alt, lebt in Porto Alegre (link HIER). Auch die Erzählung spielt in Porto Alegre. Ich habe sie gerne und gebannt gelesen, wollte gar nicht aufhören. Es ist nicht die Spannung der Story, es ist ein Blick auf eine verrückte Crew recht junger Leute, die viel davon erleben und machen und denken, was wir alle erleben, machen, denken. Stimmung unserer Zeit. Gut geschrieben – oder übersetzt. Es ist nicht ein durchgehender stringenter Handlungsfaden, es sind verschiedene realistische Szenarien, die zusammen die Story ergeben.

Es ist eine Ich-Erzählung aus DREI verschiedenen Perspektiven. Ist schonmal recht selten! Man folgt einer Gruppe von drei noch recht jungen BrasilianerInnen (zwei Männer, eine Frau), die sich nach Jahren am Grab des gemeinsamen Freundes treffen, Andrei (genannt Duke), der am genialsten war. Ein bisschen erwachsener sind sie geworden, aber gleichzeitig auch überhaupt nicht! Gibt uns das heutige zügellose Leben überhaupt die Chance, erwachsen zu werden?

Sie waren allesamt etwa 15 Jahre zuvor schon eine wilde, intellektuelle und exzessive Truppe mit junger Anhängerschaft, die sie durch eine Flut von Emails, die sie in die Welt gesetzt hatten, und später durch einen Blog gewonnen hatten. Andrei, der Gestorbene, ein Autor, Schriftsteller, war in bestimmten Kreisen eine Kultfigur.

Auffallend ist die schöne Direktheit der Schilderungen. So ist das Leben. Sie reden nach der Beerdigung über vergangene Zeiten, man liest über das Schicksal jedes einzelnen, man folgt ihnen zu einfachen und verrückten Situationen. Viele große Themen werden dabei immer wieder zwischendrin angepackt und gesehen: Die Zerstörung der Natur, der Kapitalismus, die Werbewelt (die uns alles vorgaukelt), die Änderungen unserer Beziehungswelten, Sex, Internet, Porno, die schwelende Angst vor der Zerstörung bzw. dem aufkommenden Ende der Welt, Hoffnungslosigkeit, Glaube an die Wissenschaft, an den Menschen. Und alles immer so nebenbei. Neben dem allgemeinen Leben, das so locker und direkt und frech und schonungslos offen geschildert wird. Schwerpunkt ist am ehesten: Die Internetwelt und damit die Veränderung unserer Gefühlswelt, unserer Beziehungsfähigkeit. Antero etwa hält einen Vortrag auf einer TED-Konferenz über sadomasochistische Ansätze (Marquis de Sade) in den Ideen der Werbebranche und schaut sich danach selber Sexvideos auf einem Pornopotal an. Und so weiter.

Ich finde: Das Buch ist wild und gut, ein Treffer! Man kann es natürlich auch anders sehen, etwa HIER die Besprechung im Deutschlandradio Kultur.

HIER der link zur Suhrkamp-Seite des Buches mit Leseprobe.