THEATER: Victor Hugo – Les Miserables, Inszenierung von Frank Castorf

Heute bringe ich allgemeiner gehaltene Betrachtungen zu einem der ganz großen Köpfe der deutschen Theaterszene der letzten 25 Jahre: Frank Castorf. Ich bringe keine reine „Theaterkritik“: Zum Einen: Ich schreibe den Blog ja nicht für wahre Theaterprofis. Zum Anderen geht es um eine Castorf – Stück und ich habe bisher erstaunlicherweise keinen Vergleich mit anderen Castorf – Aufführungen. Es war ein besonderer Castorf – Tag und es wäre in diesem Fall etwas anmaßend, zu „kritisieren“.
Frank Castorf! Viele Theaterfans haben natürlich schon längst eine oder mehrere der wahrlich berüchtigten Inszenierungen von Frank Castorf gesehen. Ich noch nicht. Obwohl er schon vor der Wende 1989 sogar einmal in München (im Residenztheater) eine Inszenierung bringen konnte. Aber das war noch nicht meine Theaterzeit. Jetzt gab es eine Inszenierung von Frank Castorf am Berliner Ensemble. Victor Hugos Roman Les Miserables. Ich bin nach Berlin gefahren.
Nach der Wende, von 1992 bis 2017, war Frank Castorf ja Intendant der Berliner “Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“. Ich hatte im Blog (weiter unten) kürzlich darauf hingewiesen, dass es auf der Berlinale 2018 einen Film über „25 Jahre Frank Castorf“ gab. Ich hoffe, man kann den Film („Partisan„) noch öfter sehen. Frank Castorf arbeitet jetzt weiter als Regisseur am “Berliner Ensemble“, wo er pro Jahr eine Inszenierung bringt. Dieses Jahr ist es der große Roman von Victor Hugo, Les Miserables. Es gab am 3. März eine „Extended Version“ seiner Inszenierung mit Rahmenprogramm.
Das Rahmenprogramm dieser Extended Version bestand aus – erstens – einem selten gezeigten alten, jetzt restaurierten Film über die Anfänge der Revolution auf Kuba 1959 und – zweitens – einer Podiumsdiskussion des Dramaturgen Frank Raddatz mit dem Soziologen Wolfgang Engler (der Schriftsteller Ulrich Pelzer war leider krank). Titel der Podiumsdiskussion: „Die montierte Zeit“. Beide Veranstaltungen passten wunderbar zu der dann folgenden achtstündigen verlängerten Version der „Aufführung“ von Les Miserables von Victor Hugo. Irgendwelche Verbindungen?
Frank Raddatz etwa, Leiter der „Podiumsdiskussion“, hat das Buch „Republik Castorf“ herausgebracht, in dem Auszüge seiner Gespräche mit zahlreichen Personen aufgeführt sind, die mit Frank Castorf teils von Beginn an zusammengearbeitet hatten.
Matthias Lilienthal wurde auch von ihm interviewt. Lilienthal führt ja  derzeit die Münchner Kammerspiele als Intendant und hat immer noch Schwierigkeiten mit dem sturen Geschmack des Münchner Publikums. Matthias Lilienthal arbeitete nach der Wende eng mit Frank Castorf zusammen am Aufbau der Volksbühne.
Weitere Verbindung: Frank Castorfs Inszenierung  Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht wurde zu DDR-Zeiten nach zwei Aufführungen verboten (damals in Castorfs DDR-Zeit in Anklam). „Trommeln in der Nacht“ läuft derzeit an den Kammerspielen (siehe Blogbeitrag) und wurde zum Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen.
Noch eine kleine Verbindung: Die berüchtigte vorletzte Inszenierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne (Faust I und Faust II), eine siebenstündige Inszenierung, wurde zur Freude aller großen Theaterfans ebenfalls zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen. Und siehe da, es wird von dieser Inszenierung im Mai sogar fünf Aufführungen mitgeben. Ich hoffe, ich bekomme eine Karte.
Zurück zu Frank Castorf: Seine Inszenierungen sind international bekannt, es gab viele Aufführungen außerhalb der “Volksbühne“. Seine Inszenierungen sind in der internationalen Theaterlandschaft eine Ausnahmeerscheinung. Wenn sich Frank Castorf eines Stückes oder eines Romans annimmt, geht es in jedem Fall nicht um eine lineare Erzählung. Ein Stück oder ein Roman sind Ansatz für Themen, die in einer Inszenierung angepackt werden. Unabhängig von Zeitebenen.
Der Zuschauer wird oft genug hingerissen zu verschiedensten Assoziationen, meist vor dem Hintergrund, dass irgendwie Alles in Allem oder jedenfalls Vieles in Vielem steckt. Insoweit wäre jede lineare Erzählung viel zu wenig.
Auch die Rolle der Schauspieler ist bei Frank Castorf sicher eine andere. Man kann sie kaum „Schauspieler“ nennen. Es ist – scheint mir – eine sehr besondere Mischung von Person, Rolle und Thema, von Spiel und Realität. Eher ein Kampf der „Schauspieler“ mit den Themen. (Eine Kleinigkeit etwa: Auf der Website des Berliner Ensembles wird im Gegensatz zu den anderen Inszenierungen bei Les Miserable nicht angegeben, Schauspieler … spielt „als ….“). Es muss herrlich und sicher hoch intensiv  sein für Schauspieler.
Les Miserables von Victor Hugo. Ausgangspunkt der Inszenierung im Berliner Ensemble ist nicht nur der Roman „Les Miserables“ von Victor Hugo, sondern auch der Roman „Drei traurige Tiger“ von Guillermo Cabrera Infante, ein Buch über das Jahr 1958, das Jahr vor der Revolution in Kuba. In beiden Werken wird anhand einzelner Schicksale die Zeitströmung erfasst. Die Revolution steht 1958 in Kuba bevor, Revolution ist aber auch Thema im Roman „Les Miserables“ von Victor Hugo. Die französische Revolution. Beide Ebenen werden verbunden. Dementsprechend wurde im Rahmenprogramm des Tages der von Frank Castorf schon mehrfach verwendete Film „Soy Cuba“ gezeigt, in dem es um die Momente vor der kubanischen Revolution geht. Ausschnitte aus diesem Schwarzweißfilm werden auch dieses Mal in der Inszenierung von Frank Castorf auf Leinwand eingespielt.
Im Anschluss an die Filmvorführung von fand die Podiumsdiskussion statt. Auch diese traf „ins Schwarze“. Es wurde darüber geredet, dass Zeit nicht nur linear zu erfassen ist. Das große Thema bei Frank Castorf. Geredet wurde darüber, dass wir in der Gegenwart am liebsten nur noch linear und gegenwärtig denken und Geschichte und Zukunft ausblenden wollen. Das Ausblenden der Zukunft ist durchaus interessant. Zur Zeit der Revolutionen stand die Zukunft geradezu im Mittelpunkt des Denkens. Es sollte ja anders werden, es gab Zukunftsvisionen. Dann. Schon bei der deutschen Wiedervereinigung ist eigentlich die Frage, ob es überhaupt noch derartige Visionen gab. Es scheint heute geradezu eine Angst gegenüber der Zukunft zu herrschen. Wir beherrschen die Zukunftsthemen auch in Visionen nicht mehr! Daher blendet man die Zukunft lieber aus. Und die Vergangenheit auch. Aber wann lernt man schon aus der Vergangenheit? Schlimm, aber wohl wahr. Siehe Nationalismus, Syrien etc. Heute reden wir eben von „Postmoderne“ und könnten auch von „posthistorischen“ Zeiten reden. Eine wirklich lehrreiche Vergangenheit gab es ja auch kaum. Da ist die Gegenwart ziemlich resistent. Aber da kommt das Theater ins Spiel und die Literatur und und und.
Frank Raddatz schreibt dagegen im Programmheft zu Frank Castorfs Ansatz:
In den sich überlappenden Realitäten blitzen nahezu unkalkulierbare Zusammenhänge auf, verdichten sich unvermutet Verbindungen zu instabilen Assoziationsbrücken, die abenteuerliche Routen durch kaum kartographiertes Gelände bahnen.
(Seite 11)
Es geht um mehr als die linearen sichtbaren Realitäten. Es geht um die „Offenlegung des geheimen Bandes zwischen zwei (Anm: oder mehreren) scheinbar fremden Welten“ (Frank Raddatz), wenn das Thema Revolution in Kuba und „Die Elenden“ in Paris zusammentreffen.
Und Frank Castorf geht sogar weiter. Man findet als Zuschauer auch Assoziationen zur heutigen Zeit. Ein Beispiel: Andreas Döhler, der in Les Miserables die Hauptrolle innehat, erscheint während der Vorführung etwa plötzlich als “einfacher“ Zuschauer am Rande der Bühne und hockt sich am Bühnenrand in die Ecke. Die Inszenierung wird fast angehalten und Andreas Döhler spricht zu Valery Tscheplanova, die unterbricht und ihn verstört beobachtet: „Ich störe doch nicht, mach doch weiter! Du hast doch so viel Platz auf der Bühne“, sagt er zu ihr. Und schon ist man beim Flüchtlingsthema. Vielleicht war dieser Einschub Bestandteil der „Extension“. Mehr und mehr schlüpft Andreas Döhler dann wieder in seine Rolle.

Da wäre man allerdings bei einem meiner Eindrücke: Notwendig ist in heutiger Zeit vielleicht sogar ein noch gegenwärtigeres, noch politischeres Theater. Aber ich kenne ja nicht viele Castorf-Inszenierungen. Viele Jahre lang war ja die „Volksbühne“ sehr politisch und hat die Fahne des Ostens gegen die alles erdrückende Welle der westlichen Welt hochgehalten. Dafür stand ja auch der Schriftzug OST auf dem Dach der Volksbühne, der während der vorletzten Aufführung unter Frank Castorf – kurz vor dem Beginn der Intendanz von Chris Dercon – vom Dach abmontiert wurde.

Die volle Dröhnung habe ich mir jedenfalls gegeben. Es hat sich gelohnt.

Copyright des Beitragsfotos: Matthias Horn

 

 

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THEATER: Eugene Labiche – Trüffel Trüffel Trüffel

Ich hätte auch den Fernseher anmachen können. Aber nein, wie immer bin ich – wie schon lange geplant und gebucht – ins Theater rübergegangen. Die Theatersaison 2017/2018 hat begonnen. Über die an den Münchner Kammerspielen zur Spielzeiteröffnung gebotene „große“ Premiere der Inszenierung zum Buch „On the Road“ von Jack Kerouac, die ich am vergangenen Freitag gesehen habe, berichte ich in ein paar Tagen. Es gab vorgestern und gestern an den Kammerspielen zwei weitere – ich würde sagen: „kleine“ – Premieren. Inszenierungen, die an den Bühnen der Kammer 2 und der Kammer 3 geboten wurden.
Vorgestern etwa war die erste Aufführung von „Trüffel Trüffel Trüffel“ von Regisseur Felix Rothenhäusler. Ein Lustspiel von Eugène Labiche (eigtl. „La poudre aux yeux“,  „Sand in den Augen“). Zwei Familien, deren Kinder heiraten möchten und die in ihren Gesprächen und „Verhandlungen“ dazu sich gegenseitig Großbürgerlichkeit vorspielen, sich Sand in die Augen streuen. Sie reden geschwollen daher, laden zum Essen ein, ordern beim besten Restaurant des Ortes eine Unzahl von Trüffelspeisen und abonnieren eine Loge in der Oper, wo leider nichts anderes läuft als immer wieder „Rigoletto“. Er, ein kaum beschäftigter Arzt, erzählt von seinen vielen Patienten, etc. Zugegeben, die Szene – Gespräche und Verhandlungen der Eltern über eine Heirat der Kinder – gibt es heute kaum mehr. Eugene Labiche lebte zwischen 1815 und 1888. Man erwischt sich aber dabei, das alles garnicht schlimm zu finden. Und keineswegs veraltet. So ist das doch in vielen Bereichen. Man findet die Personen ja fast symphatisch in ihrer Übertreibung. Sie werden fast interessanter, nicht unsymphatisch. Es darf nur nicht anstrengend werden, aber darum kämpfen sie mit sich selbst. Es ist eine harmlose, lustige Inszenierung, alle Schauspieler stehen das ganze Stück über vor dem Publikum gegenüber. Ein Textstück. Der Text und die Überzeugungskraft vor allem der Ensemblemitglieder Anette Paulmann, Samouil Stojanov und auch Wiebke Puls schaffen – auch durch kleine Gesten – die Atmosphäre. Aktuell ist das Thema immer wieder. Der Mensch will eben belogen werden! Das macht einfach interessant. Hier nur sehen wir, dass gelogen wird. Und die fake news der Neuzeit sprengen natürlich mehr und mehr die Grenzen, scheinen doch gefährlicher. Wir können garnicht mehr zwischen wahr und fake unterscheiden. Oder nehmen wir das auch irgendwann hin?
Blogfoto: Copyright Julian Baumann

Toni Erdmann

Unter „Noch nicht Gesehenes“ müsste dieser Beitrag eingeordnet werden. Der Kinofilm Toni Erdmann von Maren Ade. Viele werden schon davon gehört haben, der Film macht Furore, wird oft besprochen derzeit. Er hatte in Cannes keinen Preis gewonnen, kam aber unglaublich gut an. Schon der Trailer ist köstlich. Der Vater, der seine Tochter kennen lernen will. Sie aber ist nur genervt. Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht einmal. Hier:

Film Reel stock photo

Theaterwelten

Nach hinten schauen und zurückblicken ist immer mal angebracht und hilfreich. Aber auch nach vorne sehen, auf Neues zugehen, Entwicklungen aufgreifen, dazu Stellung beziehen, das ist mindestens genauso wichtig. Und dazu hilft das ein oder andere Theater auch. Manche  Theater verändern sich derzeit. Wie so vieles momentan. Extreme Veränderungen erlebt derzeit das Publikum der Münchner Kammerspiele. Was hier – an den Kammerspielen – passiere, sei „ein Stück Theatergeschichte“, sagte kürzlich Phillipp Ruch, Gründer des Berliner Zentrums für politische Schönheit. Die letzten beiden Aufführungen der Kammerspiele zeigten wieder einmal den Gegensatz: Am Sonntag  war die absolut klassischer Aufführung der Maria Stewart von Friedrich Schiller. Die Geschichte der zaudernden englischen Königin Elisabeth und der gefangenen schottischen Königin Maria Stewart. Es wirkte schon fast unzeitgemäß. Macht und Recht, ein Dauerthema. Man konnte sich aber fast verhohnepiepelt vorkommen. Alte Sprache, karge Bühne, starr stehende Schauspieler, kein Gegenwartsbezug etc.  Hat auch was, aber trotzdem! Warum? Am Montag war dann eine Aufführung nach dem Roman  America von T. C. Boyle. Die tragische Geschichte von mexikanischen Einwanderern und amerikanischer Abschottung. Es war die sehr aufwühlende umfangreiche Erzählung des Romans von T. C. Boyle in vielen wunderbaren Bildern, wunderbaren Szenen, mit guten schauspielerischen Leistungen, mit Film, Bildern, Monologen, Dialogen, Aktualität (Ausschnitte von Reden von Donald Trump wurden eingespielt), wechselnder Bühne etc. Wer hingehen kann: Ich empfehle beides, besonders Amerika von T. C. Boyle.

Gesehenes

 

Namen, die genannt werden können

Zwei Erwähnungen, beide sind nicht Mainstream, sie passen aber in den Blog: Wolfgang Koeppen beschrieb intensiv die Wirklichkeit nach dem II. Weltkrieg, Henri Michaux lebte auch in der Zeit, strebte aber gegen die Wirklichkeit als der „Niederlage des Menschen“.

Innen und Aussen, könnte man sagen. Henri Michaux suchte immer das, was in ihm drin ist – auch unter Drogen (Mescalin), während Wolfgang Koeppen den äußeren Zustand der Nachkriegszeit beschreibt, um davon ausgehend Befindlichkeiten darzustellen.

Wolfgang Koeppen: Wer sehr gute Literatur lesen möchte, die unglaublich facettenreich die Stimmungslage der Nachkriegszeit in Deutschland darstellt, dem muss der kaum mehr bekannte Autor Wolfgang Koeppen empfohlen werden. Wolfgang Koeppen wurde durch seine „Trilogie des Scheiterns“ bekannt, durch die er sich den Ruf eines bedeutenden Autors der Nachkriegsliteratur erwarb. Wolfgang Koeppen wurde am 23. Juni 1906 in Greifswald geboren und starb am 15. März 1996 in München. Die Trilogie entstand Anfang der 1950er Jahre und setzt sich aus den Romanen Tauben im Gras (Ort: München), Das Treibhaus (Ort: Bonn) und Der Tod in Rom (Ort: Rom) zusammen. Es ist schwer, Literatur zu finden, in der Personen und ihre alltäglichen Situation in langen Sätzen umfassender und assioziativer dargestellt werden. Viele Personen, die Werke erfordern Konzentration, sind aber besonders.

Man swimming in sea with scuba mask stock photo

    

 

Henri Michaux: Kürzlich in einer Münchner Galerie (Galerie van de Loo): Ausstellung von Bildern und Lesung von Texten von Henri Michaux. Der interessante Münchner Verleger Michael Krüger hielt einen Vortrag. Michaux wurde am 24. Mai 1899 in Namur (Belgien) geboren und starb am 19. Oktober 1984 in Paris. Er war Dichter und Maler und gilt als einer der großen Einzelgänger in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Er sah die Systeme der Wirklichkeit, sah Kunst aber als Möglichkeit, über das Wirkliche hinauszudenken. ZEIT – Online schrieb einmal: Die Dichtungen Henri Michaux’ sind Ausdruck einer tiefgründigen Revolte gegen unsere alltägliche Welt, die zwar von Menschen für Menschen gemacht wurde, aber, wie Michaux meint, mehr von der Niederlage des Menschen als von seinem Sieg zeugt.

Kinofilm: Mein ein, mein alles

Selten genug, ein Kinobesuch. Es ist ein französischer Film (Mon roi). Es geht, sagt man, um eine „amour fou“, eine zerstörerische Liebe, über die die Frau in einer Rehaklinik nach einem Skiunfall nachdenkt. Beide haben sogar ein Kind (vielleicht ca. 13 Jahre alt, als der Unfall passierte), sind mittlerweile aber geschieden. Er das (narzisstische) Arschloch und sie fällt immer wieder drauf hinein. Sogar nach der Scheidung. Man kann den Film auch folgendermaßen interpretieren: Er verkörperte alles, was die reiche westliche Welt ausmacht, kommt aber eigentlich nicht damit zurecht: Geld, schlechten Witz, ein schönes Auto, eine teure und große Wohnung, teures Essen (Kaviar), Feiern, Drogen, extremes Verhalten, Schulden, Frauen (Models),  etc. Er scheint nicht sehr liebesfähig. Sie fällt aber auf all das rein, auf den Schein der schönen Welt, obwohl sie etwas anderes sucht. Sie ist Teil des Ganzen (Anwältin), will aber doch eine richtige Liebe. Sie ist sehr verliebt, sie heiraten, er will das Kind, sagt er jedenfalls. Eigentlich träumt sie aber von etwas, was sie bei ihm nicht findet. Irgendwann sagt sie ihm auch: „Ich glaube, ich kenne Dich garnicht!“. Seine Scheinwelt.

Und andererseits sie (Mitte 40?) in der Rehaklinik: Dort hat sie mehr und mehr Zugang und Nähe zu jungen Mitpatienten, die zum Teil arabischer Herkunft zu sein scheinen (sie reden über ihre Namen und ihr Aussehen). Jedenfalls sind es – um nicht zu sehr auf religiöse Unterschiede abzustellen, das will der Film sicher nicht – junge Menschen, die nicht gerade durch Reichtum auffallen. Sie freundet sich, obwohl sie etwas älter ist, mit ihnen an, hat Spaß mit ihnen. So, wie sie es wohl gerne hätte. Das Nicht-Reiche – vorsichtig auch: das Arabische – wird somit als das für sie Angenehmere dargestellt. Also ein gesellschafskritischer Aspekt! Und am Schluss sieht sie ihn nur noch distanziert an. Hat sie etwas gelernt? Das bleibt leider doch offen.

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THEATER: Gesehenes

Hier ein Blogbeitrag eher für Münchner. Als Anregung für Erlebnisse in München. Gerne werden ähnliche Gastbeiträge aus anderen Städten aufgenommen. Kurze Berichte von Erlebtem:

Mittelreich von Josef Bierbichler in den Kammerspielen/Schauspielhaus: Ein Dorf am Starnberger See im Spiegel der Generationen, Erinnerungsfragmente. Der Seewirt, dem Zweiten Weltkrieg entronnen, übernimmt das Erbe des Vaters. Die Welt verändert sich zu dem, was man modernes Leben nennen wird, und doch bleibt alles überschattet von den Erfahrungen, die sich dem Leben eingeprägt haben. Eine neue Generation wächst heran, die aus der Vergangenheit ausbrechen will und doch verstrickt bleibt. Am Grab des Seewirts erklingt Brahms´ „Ein deutsches Requiem“, das die Lebenden trösten soll. Ausgehend von der Aufführung dieses Requiems inszeniert die Regisseurin Anna-Sophie Mahler Bierbichlers Roman, ein Musiktheater. Sehr, sehr gute schauspielerische Leistung!

La Sonnambula von Vincenzo Bellini in den Kammerspielen/“Opernhaus“: Ständig ausverkauft, Restkarten! Ein wunderbare Inszenierung des Opernstoffes. Die Geschichte der Schlafwandlerin Amina wird unpompös und immer wieder mit der schönen Belcanto-Musik näher gebracht. Eine besonders gut zusammen passende Besetzung! Lohnt sich auf jeden Fall!

Gurnemaz Schlaflos nach Richard Wagners Parsifal in den … Kammerspielen/“Opernhaus“; Als Gegenüber eines großen Opernsängers (Viktor van Halem) und eines Schauspielers (Gundars Abonis) inszeniert, ebenfalls eine besonders unpompöse Szene (Hotelszene) und Einblicke in die Oper. Gurnemaz kann man nicht mehr sehen, es lief nur zwei Mal.

War an Peace nach Krieg und Frieden von Leo Tolstoi in den … Kammerspielen/ Schauspielhaus; Ein Zusammentreffen von Schauspiel und Performance 8siehe Blogbeitrag). Meines Erachtens noch nicht vollends gelungen. Es ist eine klasse Annäherung an das Mammutwerk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, aber welche Ausssage hat die Performance? Es ist m. E. noch zu wenig diskursfordernd, obwohl gerade das der Ansatz ist! Die Gedanken zu Krieg und Frieden. Mehrere Zuschauer werden mit einbezogen.

Reihe „Episode“ in den … Kammerspielen: Die Folge Sportpalastwalzer der TV-Serie Der Alte wurde angesehen und besprochen mit Dominik Graf und dem Filmkritiker Bert Rebhandl. Interessant, Der Alte löste den Fall NICHT! Nächstes Mal House of Cards am 25. April.

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THEATER: Rimini Protokoll, Gob Squad, SheShePop

In München leuchtet derzeit die Performancewelt. Zur Irritation der Münchner holt der neue Intendant Matthias Lilienthal einige der besten deutschsprachigen Performancekollektive, Rimini Protokoll, Gob Squad oder SheShePop  an die Kammerspiele. Gestern war wieder eine Premiere: Eine Annäherung an das Mammutwerk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Es hieß War an Peace. Keine Frage: Das geht zu Lasten des guten Ensembles der Kammerspiele, denn eine Performance lebt nicht von Schauspiel! Aber es bleibt eine jedenfalls für diese Spielzeit interessante Erfahrung! Man mag hoffen, dass Matthias Lilienthal in den kommenden Spielzeiten das wertvolle Ensemble der Kammerspiele wieder mehr schätzt. Auch um es nicht zu vergraulen. Man sieht sie fast garnicht mehr! Aber für diese Spielzeit kann man sich sagen: Theater mit Performances zu kombinieren ist ein für München auf jeden Fall interessanter Versuch, der einige aus dämmerigen Schlummerschlaf aufrütteln kann. Frage: Wo liegt der Unterschied zwischen Theaterschauspiel und Performance?

Performance als Kunstrichtung gibt es seit den 60er-Jahren, beeinflusst u. a. durch den Dadaismus (siehe Blogbeitrag). Performance ist häufig ortsgebunden, kann jedoch überall, zu jeder Zeit und ohne zeitliche Begrenzung stattfinden. Dabei kommen vier Grundelemente ins Spiel: Zeit, Raum, der Körper des Künstlers und eine Beziehung zwischen dem Künstler und dem Zuschauer. Es wird nicht „ein Stück aufgeführt“, sondern die Entwicklung im Ablauf einer Performance ist ein wesentliches Element. Nicht selten sind Performances offene künstlerische Versuchsanordnungen ohne Ablaufkonzept.

Rimini Protokoll (zeigte kürzlich Qualitätskontrolle, das Leben einer Querschnittsgelähmten) schreibt: Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Weiterentwicklung der Mittel des Theaters, um ungewöhnliche Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit zu ermöglichen.

Für Gob Squad (zeigt derzeit War and Peace von Leo Tolstoi) wird eine Grenze überschritten, wenn sie mit Schauspielern zusammenarbeiten, wie jetzt bei War and Peace. Sie arbeiten nicht mit einem Regisseur.  Jeder auf der Bühne ist Miturheber der Performance. Es geht um Selbstreflexion der Akteure zu einem bestimmten Thema, evtl. unter Einbezug des Publikums, der Passanten etc.

SheShePop (zeigt derzeit 50 Grades of Shame) schreibt: Wir sind keine Darstellerinnen. Vielmehr stellen wir uns selbst und gegenseitig Aufgaben und lösen sie auf offener Bühne. Aus dem eigenen Erfahrungshorizont entwickeln sich unterschiedliche Perspektiven auf eine Frage. Das wird mitunter als autobiografisches Theater gedeutet. Tatsächlich ist der Bezug zum eigenen Leben eine Methode, nicht das Thema. Durch Verdichtung entsteht aus dem persönlichen Material eine erkennbare künstlerische Strategie und eine ins Beispielhafte stilisierte Position. Das Eigene ist dabei das Fremde, Monströse. Das gilt neuerdings auch umgekehrt: In einigen unserer neueren Shows bearbeiten wir bekannte monströse Texte aus dem literarischen Kanon mit eben dieser autobiografischen Methode.

So näherte sich auch das Konzeptkollektiv Gob Squad dem Thema Krieg und Frieden und dem Buch Krieg und Frieden von Leo Tolstoi. Es bleibt spannend und mag jedem ein Anreiz sein, sich einmal über den Tellerrand hinaus mit Performances und damit der sehr subjektiven, fast autobiografischen Befassung von Performern mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen.

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Ausstellung: Karel Appel, CoBrA

Ich war schon wieder aktiv: Ein grauer Sonntag – München (ich wohne zentral) – die Pinakothek der Moderne – Karel Appel. Es ist eine von mehreren Ausstellungen in der Pinakothek der Moderne, vergangenen Donnerstag eröffnet. Er war bekannt als Mitglied der Künstlergruppe CoBrA (Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam), lebte 1921 – 2006 und hat sogar noch 2005 gemalt. Künstler der Gruppe CoBrA waren etwa: Pierre Alechinsky, Constant, Corneille, Asger Jorn, Eugéne Brands, Henry Heerup. Karel Appel erlebte auch Folgeeinflüsse des Dadaismus (1916 ff), dachte ich gestern. Man sieht etwa zwei schöne Collagen. Der „Dadaismus“ (oder: das Dada) hatte ja u.a. das Prinzip, alles Bestehende – Verfahren, Formen, Handlungsweisen, die Kunst selbst, das Gewohnte, das Politische etc. – aufzulösen, in Schnipsel zu zerreißen, um es dann erst wieder unbefangen, ungeschönt neu betrachten, erfahren zu können. Wie das Hörspiel (vgl. Blogeintrag), bezogen auf das aktuelle Leben. So erfährt man auch bei Karel Appel durch fast alle Bilder – man sieht Zeichnungen und Gemälde) alles anders. Unglaublich auch, welche Schaffenskraft (über 10.000 Skulpturen, Plastiken, Zeichnungen, Gemälde!) er hatte. Wunderbar! Nicht realistisch, expressionistisch, manchmal rein abstrakt, nicht surrealistisch (ich bin allerdings nicht Fachmann dieser Begriffe). Man steht vor wunderbaren Bildern und sieht, dass man die teils zu erahnenden Dinge (oftmals Frauen oder Tiere) auch völlig anders sehen kann. Lohnt sich! Sehr vielfältig, die nachfolgenden Bilder sind nicht im Geringsten allein typisch!

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Theater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Ein Kontrastprogramm zum „wortlosen“ Stück Caspar Western Friedrich von Philippe Quesne in den Kammerspielen: Das bekannte Beziehungsdrama Wer hat Angst vor Virginia Woolf von Edward Albee im Residenztheater. Es läuft dort seit Herbst 2014, wurde 1962 in New York uraufgeführt. Zwei Ehepaare, die an einem Abend unter Alkohol gnadenlos ihre extremen Scheinwelten aufdecken. Und ebenso extrem wird es gespielt – vor einem übrigens langweiligen Bühnenbild. Man liest im Spielplan: Bereits in seinen Inszenierungen Die bitteren Tränen der Petra von Kant (Fassbinder) und Hedda Gabler (Henrik Ibsen) widmet sich Martin Kušej den düsteren Beziehungsspielen des gehobenen Bürgertums. Sein Interesse gilt den Schaukämpfen der modernen Gefühlswelt, deren Verletzungen sich tief in die Seelen und Herzen seiner Protagonisten wühlen, bis ins Mark. Mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf wird dem Zuschauer allerdings eine zugespitzte Szene vorgehalten, die sich in der Realität niemals so drastisch abspielen wird. Bei Caspar Western Friedrich dagegen sitzt man vor einem Thema, das jeden betrifft – Mensch und Natur. Und gerade durch die „Wortlosigkeit“ hat jeder Gelegenheit, auf sich selber zu schauen. Auch wenn die Schauspieler weit mehr können, ich finde den Ansatz von Quesne gut. Neuartiger, modern und schon deswegen gut! Meine schlaue Überlegung: Gibt es nicht eigentlich zwei unterschiedliche „Ebenen“ auf der Welt, auf denen wir alle jonglieren? Eine „Scheinebene“ unserer Beziehung zu anderen Menschen und allen Dingen – immer mit Lüge und Selbstbetrug verbunden – und eine andere Ebene der wahrhaftigen Wahrnehmung unserer Stellung zu allem in der jeweiligen Zeit, vor allem in der aktuellen Zeit? Dann war Wer hat Angst vor Virginia Woolf der ersten Ebene zuzuordnen und Caspar Western Friedrich der zweiten Ebene. Die Welt ändert sich momentan rapide und ich denke, die „zweite Ebene“ ist es wert, eine überwiegende Berücksichtigung zu finden. Genau das tun die Kammerspiele derzeit!

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