THEATERTREFFEN EXTRA: Die Odyssee – nach Homer (Thalia Theater Hamburg)

Noch ein paar Tage lang kann man auf 3sat Die Odyssee – Eine Irrfahrt nach Homer, Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg von Antu Romero Nunes, sehen. In der Mediathek kann man sie abrufen. Wer einen feinen, lustigen Theaterabend haben möchte, sollte es sich ansehen.

In der Ankündigung auf 3sat heißt es zurecht: „Einer der lustigsten Theaterabende seit langem, da sind sich Publikum und Kritiker einig.“

Die Söhne von Odysseus, Telegonos und Telemachos, treffen sich zur Beerdigung des Vaters. Es geht nur wenig um die Irrfahrten des Vaters. Es sind eher die Dialoge der Brüder, die sich nicht kannten. Sporadisch tauchen aber immer wieder Anspielungen an die Odyssee auf. Auch wenn nur der Name Achill fällt. Oder wenn sie den Kriegerhelm von Odysseus aus dem Sarg holen. Oder wenn die Söhne das heldenhafte Kriegsgeschrei des Vaters nachahmen. Sie sprechen übrigens in einer Kunstsprache!

Die beiden Söhne gehen unterschiedlich mit ihrer Situation um. Jeder staunt immer wieder über den anderen. Jeder lässt sich vom anderen mitreißen. Telegonos, mit Zauberfähigkeiten ausgestattet, sieht alles etwas unbedarft. Telemachos dagegen sieht alles um Einiges ernster. Es geht irgendwie darum: Die Odyssee könnte im Rückblick Quatsch sein – es wird aus damaliger Sicht aber alles auch unglaublich heroisch gewesen sein. Im Hintergrund der Bühne hängt auch ein großes Bild des grimmig dreinblickenden Kirk Douglas, Darsteller von Odysseus. Und genauso das Leben: Es könnte alles Quatsch sein – es ist aber nun einmal da.

Dieses Hin und Her der Gefühle zwischen Ernst und Quatsch spielt sich zwischen Telegonos und Telemachos am Sarg von Odysseus ab. Es ist eigenartig kindlich humorvoll und andererseits erwachsen ernst und demütig. Zeitlos ist es und verglichen wird es ansatzweise mit „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Nur im Kern einfach humorvoller. Ich habe auch lange nicht mehr an einem Theaterabend trotz des schweren Titels „Die Odyssee“ so oft schmunzeln oder auflachen können.

Copyright des Blogbildes: Armin Smailovic, Thalia Theater

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BALLETT: Anna Karenina von Christian Spuck

Zugegeben, Ballett ist nicht Schwerpunkt dieses Blogs. Aber über den Tellerrand hinaus blicken, ist doch immer interessant. Und in Kürze folgt viel THEATER. Das Theatertreffen 2018 steht bevor! Und Tanz findet sich ja in heutiger Zeit auch immer wieder einmal in Theatern. Wenn auch nicht in derartiger Perfektion wie im Ballett. Anna Karenina von Lew Tolstoi wurde als Ballett im Bayerischen Nationaltheater in München auf die Bühne gebracht. Choreographie Christian Spuck. Was für ein anderes Erlebnis! Es wird in dieser Spielzeit noch einmal und dann in der kommenden Spielzeit das ein oder andere Mal zu sehen sein! Also, wer Interesse hat:

Den Roman Anna Karenina von Lew Tolstoi (man betont Karenina ja auf dem „e“) kann ich ja unbedingt empfehlen. Er gibt einen unglaublich detaillierten, vor allem nicht schwülstigen Einblick in das russische Leben zur damaligen Zeit. Und aus russischer Sicht den Blick auf das damals weltweit noch große Problem des Ehebruchs. Der Eifersucht, der Liebe, des Hasses, der Verzweiflung, der Konkurrenz, des Abgrundes, der gesellschaftlichen Erwartungen. Es endet ja tragisch.

Im Bayerischen Nationaltheater in München hat jetzt also – ich hatte die Chance, hinzugehen – Christian Spuck den 1000-Seiten-Roman als Ballett auf die Bühne gebracht. HIER ein Trailer. Und HIER (das kleinere Video rechts anklicken) ein Video mit Erläuterungen von Christian Spuck und den beiden „Protagonisten“ sowie weiteren Ausschnitten der Inszenierung. Ansehen! In den Videos sieht es fast kitschig aus, ich finde aber, Christian Spuck hat das Gespür, Kitsch zu vermeiden. Es wird Eleganz.

Ballett kann man „mögen oder nicht mögen“, finde ich, es ist nicht so diskursiv wie Theaterabende sein können. Ich hatte mich aber dennoch sehr darauf gefreut, denn:

Ich erinnerte mich: Als junger Student hatte ich tatsächlich (!) längere Zeit den Gedanken, das Gefühl, dass ich am liebsten Balletttänzer wäre! Nicht viele Worte, sondern Tanz, das hatte mir gefallen! Ich hatte ein Jahr in Lausanne studiert, dort erschien beim jährlichen Prix de Lausanne irgendwie auch der Ballettstar John Neumeier, ich glaube als Mitglied der Jury. Oder es gab einen John-Neumeier-Preis für den Nachwuchs. Aber für Ballett muss man ja schon als Kind mit Tanz beginnen. Tja, daraus ist leider nichts geworden. Knapp daneben, ich wurde Rechtsanwalt. Naja, das ist doch ähnlich, es ist eben Ballett mit Worten? Nein, es ist eher Fechten mit Worten, würde ich sagen!

Und es gab noch einen besonderen Grund, hinzugehen: Ich hatte im Blog zu Ostern über Christian Spuck geschrieben. Er hatte mit dem Staatsballett und dem Staatsorchester Zürich das Verdi-Requiem („Messa da Requiem“) als Ballett mit Chor inszeniert. Es wurde zusammen mit einer Dokumentation über Spucks Arbeit auf 3sat gesendet. Ich war damals wahrlich begeistert! Jetzt war er zur Münchner Ballettwoche 2018 eingeladen.

Also bin ich hin. Und, was soll ich sagen: Ich war baff! Es wäre anmaßend, wenn ich jetzt hier eine detaillierte Kritik mit Pros und Contras bringen würde! Aber: Erster Gedanke mit Blick durch das Nationaltheater: Es ist schon ein Privileg, ich möchte sagen: elitär, es zu erleben. Man sollte einmal pro Monat einen Abend für Harz IVler geben! Kunst sollte nicht elitär sein! Allein das extreme Erlebnis, danach aus dem Nationaltheater in einen lauen Frühlingsabend zu treten, Blick auf die Frauenkirche und die Maximilianstraße … . Das sollte eigentlich nicht immer nur Wohlhabenden vorbehalten sein.

Während der Aufführung – und danach – dann der Gedanke: Diese unglaubliche Eleganz des Balletts, diese unglaubliche Schönheit des Bühnenbildes, der gesamten Choreographie, der Kostümierung, der Farben, diese unglaublichen Leistungen der TänzerInnen, die so treffende russische Musik, all das erleben zu können. Alles hatte eine irre Leichtigkeit trotz des so schweren Lebens von Anna Karenina. Gut, sie lebte in feinen Kreisen. Die Musik brachte dabei generell russische Schwere hinein, fand ich. Aber genau das war passend! Allein das Zusammenspiel von Musik (Auswahl Christian Spuck) mit dem Tanz, der Choreographie, dem Russischen. Leichtigkeit und Schwere mischtern sich so den Abend hindurch. Beides in Formvollendung. Die Trailer oben lassen es erahnen.

Und dann noch die Überlegung: Man sitzt da und betrachtet einfach mal so Menschen, die allein mit phantastischen körperlichen Bewegungen, mit Tanz, etwas zum Ausdruck bringen. Das allein macht doch etwas mit einem! Man rutscht komplett weg vom banalen Alltag! Etwa der – für mich – beeindruckendste Tanz von Jonah Cook und Lauretta Summerscales als Kostja (Lewin) und Kitty, dem zweiten verliebten Paar, dem der Roman folgt. Es war der erste Tanz nach der Pause.

Es waren also völlig andere Eindrücke als bei einem Theaterbesuch, zwei Welten. Auch wenn es um die Geschichte eines Romans ging, was ja in beiden Vorführungsformen vorkommt. Beeindruckend allemal!

 

 

 

LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

THEATER: Maxim Gorki – Kinder der Sonne

„Uns geht es doch gut!“. Und diejenigen, denen es gut geht, sitzen gerne unter ihrer Käseglocke. Es war schon immer so und wird so bleiben. Man kennt es auch aus aktuellen Zeiten, Nationalismus etc. Es war auch um 1900 in Russland der Anlass für Maxim Gorki, das Stück „Kinder der Sonne“ zu schreiben. Das Stück wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Ich habe es am Wochenende gesehen.
Außerhalb der Käseglocke, unter der die „Kinder der Sonne“ lebten, wütete damals – als Maxim Gorki das Stück geschrieben hatte – Armut und Wut, soziale Unruhen kamen auf, Revolutionsgedanken. Eine große Cholerepidemie lag damals gerade ein paar Jahre zurück. (Gorkis Vater war Opfer einer noch früheren Choleraepidemie gewesen, war daran gestorben.) Die Cholera hatte natürlich vor allem die armen Schichten ergriffen. Die Epidemie um 1900 war also auch ein soziales Thema. Es kam im Anschluss zum  „blutigen Sonntag“ in Petersburg, der brutalen Niederschlagung einer Demonstration. Maxim Gorki kam ins Gefängnis.

Aber unterhalb der Käseglocke ging alles schön weiter. Beziehungen, Wissenschaft, Kunst etc.  Klamauk. Die sozialen Unruhen „draußen“ werden in der Inszenierung des Stückes „Kinder der Sonne“ vielleicht fünfmal kurz erwähnt,  Lisa, die Schwester des Wissenschaftlers Protassow, spricht es (siehe das Beitragsbild, Mathilde Bundschuh) in zwei kurzen Monologen deutlich an und vier/fünf Rabauken stürmen am Ende des Stückes die Bühne. Davor konnte man über mehr als zwei Stunden lang dem Klamauk einer Beziehungsgeschichte unter der Käseglocke folgen. Es wird leider auch durchgängig gespielt wie ein Boulevardstück. Vor allem Norman Hacker als Wissenschaftler Protassow wirkt manches Mal zu boulevardmäßig in seiner hilflosen Art. Ob Maxim Gorki das Stück, das er immerhin nachts mit Sondererlaubnis im Gefangnis geschrieben hatte, so klamaukhaft verstanden hat, bezweifele ich. Aber das Münchner Publikum scheint zufrieden. Die Käseglocke wird nur kurz gelüftet. Dann wird es doch ein „schöner Theaterabend“. „Wir haben Maxim Gorki gesehen!“.

Wir haben die Käseglocke, gerade in Bayern und in München! Nur spielt sich außerhalb der Käseglocke heute anderes ab. Aber damit wird das Münchner Publikum durch diese Inszenierung nicht belästigt. Erstaunlich, dass im Programmheft des Residenztheaters auf Cholerafälle in Jordanien verwiesen wird. Schrecklich genug, aber es wäre fast verlogen, das als Anlass für die Inszenierung zu nennen. Als haben wir nicht ganz andere Themen! Es geht nicht mehr um soziale Unruhen in Russland! Aufkommender Nationalismus, Umweltzerstörung weltweit, vieles im Bereich „Produktionsweise für unseren Konsum“, Armut, etc. Das als Beispiele! Davon will der Münchner Theatergänger aber nichts wissen. Obwohl die Inszenierung durchaus in der heutigen Zeit ansetzt. So das Bühnenbild, so die Kostümierung. So auch etwa Einzelheiten wie das Staubsaugen mit Handstaubsauger durch Fima (das Dienstmädchen). Ich hätte mir z. B. gewünscht (ein Milo Rau hätte es wahrscheinlich gemacht), dass in dem Moment, wo die Rabauken die Bühne einnehmen, im Hintergrund auf Leinwand wirklich aktuelle Bilder des Weltgeschehens gezeigt werden. Bilder von „Außerhalb der Käseglocke“. Es hätte dem Stück schlagartig Brisanz gegeben. Dann hätte man Angst bekommen können. Im Programmheft heißt es ja, den Personen unter der Käseglocke stecke die Angst in den Knochen. Aber offenbar soll in dieser Inszenierung quasipolitisch nichts ausgesagt werden. Es wird nur etwas angedeutet. Und das, obwohl die Inszenierung, wie gesagt, bewusst in die heutige Zeit geholt wird.  Es war insoweit harmlos, der Blutdruck solle geschont werden.

Man kann sogar weiter gehen: Die Inszenierung führt den Zuschauer in die Irre. Und es zeigt sich noch etwas:  Das Residenztheater zeichnet sich großteils (mein Eindruck) dadurch aus, dass die fast immer sehr gut besuchten Stücke im wesentlichen von älteren Menschen besucht werden. Das ist ncht negativ gemeint. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Der gediegene Münchner geht aber gerne für einen schönen Theaterabend ins Residenztheater! Von daher ist der Charakter der dortigen Inszenierungen nicht unbedingt progressiv. Aber mit „Kinder der Sonne“ wird es schon fast auf die Spitze getrieben.
Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich persönlich gerne Theaterabende erlebe, die aufrütteln, beunruhigen, Neues zeigen, irritieren etc.

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Dashuber

THEATER: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht VON Bertold Brecht

Jeder kann doch nur das machen, was er braucht und was er überhaupt kann. Mehr geht nicht. Wir sind keine Übermenschen! So hat es vielleicht auch Bertolt Brecht gesehen, als er für das Stück „Trommeln in der Nacht“ ein Ende gesucht hatte. Es war das zweite Werk des damals 24-Jährigen. Gestern war Premiere in den Kammerspielen,Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht. Inszeniert von Christopher Rüping.

Ja, wir können nur das machen, was wir brauchen und können, also schaffen. Wir sind keine Übermenschen! Vielleicht hat Brecht gesehen, dass ein Mann, der nach dem I. Weltkrieg und vier Jahren Kriegsaufenthalt in Afrika nach Hause kommt, nicht gleich an einer Revolution teilnehmen kann. Auch nicht aus Frust. Irgendwo hört es doch auf! Der tot geglaubte Kriegsheimkehrer Andreas Kragler – gespielt von Christian Löber – sucht Halt in seinem Leben. Es hat sich in seiner Abwesenheit alles weiterentwickelt. Er gehört da kaum mehr hin. Er sucht und braucht Vertrautes! Seine Verlobte Anna sollte schon einen Anderen heiraten, sie ist sogar schon schwanger von ihm, er selber galt als tot, erscheint wie eine Leiche auf der Bühne, die Fabrik des Schwiegervaters in spe stellte um auf Kinderwägen. Und er: Vier Jahre Afrika, völlig fertig, zurück in der alten Heimat. Wenn das nicht zu Orientierungslosigkeit führt! So kann es übrigens auch Flüchtlingen gehen, die derzeit hier in Deutschland sind. Andreas Kragler entscheidet sich im Stück „Trommeln in der Nacht“ VON Brecht originalgetreu aber dennoch – Anna kehrt zu ihm zurück – für seine damalige Liebe, für Anna. Ich verstehe diese Variante sehr gut, die Revolution war doch wohl eher etwas für daheim Gebliebene.

Es gibt zwei Versionen der Inszenierung, die künftig abwechselnd gezeigt werden: Einmal „Trommeln in der Nacht“ VON Bertolt Brecht und einmal „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht. Die Version Trommeln der Nacht VON Bertolt Brecht ist die von Brecht geschriebene Version. Bertolt Brecht hatte dann jahrelang mit diesem Ende gehadert, mit der Entscheidung für die Liebe und gegen die Revolution.

In der zweiten Version der Inszenierung, „Trommeln in der Nacht“ NACH Bertolt Brecht, wird sich Andreas Kragler anders entscheiden. Was ja zumindest „auch“ im Sinne von Bertolt Brecht sein kann! Er wird sich für die Revolution entscheiden. Ich bin gespannt, am Sonntag Abend ist die Premiere dieser zweiten Inszenierung. Ich werde auch über die zweite Fassung berichten. Brechts Stück sollte ursprünglich „Spartacus“ heißen, da es in der Zeit des Spartacus – Aufstandes nach dem I. Weltkrieg geschrieben war. Das deutet in der Tat auf das Interesse Brechts an der Revolution hin. Obwohl er eben letztlich ein Ende gegen die Revolution gewählt hatte.

Zur Inszenierung: Es ist eine sehr gelungene Inszenierung. Getragen von einem überzeugenden Ensemble. Starke und sehr glaubhaft prägende Bühnenpräsenz haben vor allem Damian Rebgetz (als Journalist Barbusch) und Christian Löber (als Andreas Kragler), auch Wiebke Mollenhauer (als Anna). Es ließe sich so viel dazu sagen. Es gibt so viele Aspekte! Was da alles aus dem Text herausgeholt wird! Allein die Vielschichtigkeit der Inszenierung. Die immer wunderbar zur Brechtschen Zeit passenden Elemente, auch wenn stückchenweise Andeutungen zu modernerer Zeit gebracht werden, wenn etwa Damian Rebgetz „I shot the sheriff“ singt. Oder wenn die Modernität in der späteren Kostümierung und im Bühnenbild (etwa die herabgelassenen Neonröhrenkonstrukte) Einzug erhalten. Bertolt Brecht wurde damit aber, war mein Eindruck, in keiner Weise ausgehebelt. Es bleibt ein Brechtabend.

Zuerst wird man zurückgeführt in den ersten Akt der Inszenierung von 1922. Deutlich ironisch wird im alten Stil gespielt. Die Zeiten im Theater haben sich geändert! Die Uraufführung 1922 fand damals in den Münchner Kammerspielen statt (an anderem Ort). Das gleiche Bühnenbild wurde jetzt rekonstruiert. Dann rutscht man langsam in modernere Zeiten. Dennoch bleibt man voll und ganz im Thema von Bertolt Brecht. Es zerfaselt nicht! Weitere „Schicht“: Der Journalist Barbusch begleitet das Bühnengeschehen in immer wieder anderer Form auf süffisante Art und Weise. Er singt, er beobachtet, er erklärt einer fiktiven Person neben der Bühne den Inhalt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Inszenierung: Die Einbeziehung des Publikums. Es gelingt, das Publikum nicht beim bloßen Glotzen zu belassen. „Glotzt nicht so romantisch“ hatte Bertolt Brecht schon in seiner Uraufführung 1922 im Foyer der Kammerspiele plakatiert. Auch er richtete sich damit schon an das Publikum. Das Publikum, das auf der Bühne so gerne mit Dramatik, mit Mord und Totschlag amüsiert werden will, wird wachgerüttelt. Christian Löber – unterstützt von weiteren Schauspielern – wendet sich gegen Ende kämpferisch an das Publikum: Sinngemäß: „Nein, wir bieten Euch kein Drama, da müsst ihr schon selber dafür sorgen, wenn sich was ändern soll!“

Die Inszenierung bleibt insgesamt irgendwie nah dran an Bertold Brecht, der vor fast 120 Jahren in Augsburg geboren wurde. Allenfalls etwas ratlos hatte ich die Kammerspiele verlassen. Ich musste die Vielzahl der Aspekte erst einmal verdauen. Aber dafür habe ich ja auch noch die Aufführung der zweiten Versionam Sonntag, die sich nur am Ende von der gestrigen Inszenierung unterscheiden wird.

Wieder einmal sage ich: Hingehen!

Copyright des Blogbildes: Julian Baumann

THEATER: Mittelreich – Inszenierung mit schwarzen Schauspielern

Ein Stück tief bayerischer und deutscher Geschichte. Blick auf drei Generationen der bayerischen Wirtsfamilie des „Seewirt in Seedorf“ (eigentlich das Gasthaus Zum Fischmeister in Ambach am Starnberger See). Das ist Inhalt des sehr persönlichen Romans Mittelreich von Josef Bierbichler und der Musiktheater-Inszenierung dazu von Anna Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen. Die Weltkriege, die Nachkriegsjahre, Flüchtlinge, persönliche Schicksale.
Und jetzt dieselbe Inszenierung, gespielt von schwarzen Schauspielern (und Musikern). Dunkelhäutige Schauspieler und Musiker zu dieser bayerischen Erzählung! Zu sehen ist diese Kopie noch einmal am Samstag, den 21.10.2017. Das Original von Mittelreich in der Inszenierung von Anna Sophie Mahler ist dann am 03.11.2017 wieder zu sehen.
Interessant, wie kontrovers und engagiert sofort über die „Kopie“ – Inszenierung von Mittelreich von Anta Helena Recke geschrieben und gesprochen wird. Etwa zu lesen bei www.nachtkritik.de. Es war eine hoch detailgetreue Kopie der Inszenierung des Bierbichler-Romans, die 2016 sogar zum Berliner Theaterftreffen eingeladen war. Nur eine einzige Änderung: Anta Helena Recke, selber dunkelhäutig, besetzte die Rollen durchgehend mit dunkelhäutigen Schauspielern. Appropriation Art. Schon das Erstellen der Kopie wird demnach als ein neues Kunstwerk gesehen. Im Theaterbetrieb ein fast unbekannter Ansatz. Es geht der Appropriation Art allerdings nicht nur um das Erstellen der Kopie, sondern um einen Effekt, der dadurch zusätzlich eintritt. Hier durch die Art der Besetzung der Rollen für diese Kopie. Ziel einer Appropriation ist es, durch das Erstellen der Kopie einen anderen, sonst nicht auffallenden Aspekt sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mein Erlebnis: Es hat sich gelohnt! Irgendwie war es befreiend, erleichternd, zu sehen, dass es in dieser Inszenierung mehr um das Erlebte geht, nicht um das Deutsche daran. Das Deutsche daran verschwindet, verlässt jedenfalls das Zentrum der Erzählung! Man wurde sich im übrigen der Tatsache bewusst, dass man als Zuschauer solch ein Stück – oder jedes Stück? – gleich in einem (unsichtbaren) Kontext sieht. Und genau der wurde hier aufgehoben! Genau das war – für mich – der Aspekt, der sichtbar wurde. Der reine Vorgang der Appropriation – der Aneignung – wiederum ist dabei m. E. gut gelungen, man sah die so guten Schauspieler der Originalinszenierung vor sich: Annette Paulmann, Steven Scharf, Jochen Noch, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Thomas Hauser. Besonders gelungen waren dabei die Kopien von Steven Scharf, Jochen Noch und Damian Rebgetz! Hinzu kam dieser besondere Effekt, das Stück anders zu sehen. Den sofort vorhandenen Kontext abzugeben, den man hereininterpretriert. Die eigene, mitschwingende Prägung der eigenen Sichtweise aufzugeben. Es fehlte einem ja die Möglichkeit, sich durchgehend am Deutschen und Bayerischen zu orientieren. Man konnte sich aber selber überprüfen: Was fehlte einem, was kam zum Vorschein? Natürlich schwang auch mit, dass man  dunkelhäutige Menschen – die Schauspieler – hier etwas anders als üblich erlebte. Ob man sie zu selten so erlebt, wird diskutiert, siehe oben. Aber das war, denke ich, nicht der Hauptzweck.
Man kann natürlich viel zerlegen in der Diskussion zu dieser Inszenierung. Ist es schon Rassismus, wenn man über Rassismus redet? Ist es Rassismus, wenn man andeutet, dass es Rassismus gibt? Ist es schon eine Vertiefung der Unterscheidung von Schwarz und Weiß, wenn man diesen Unterschied auch nur irgendwie hervorhebt? Geht es überhaupt um schwarz und weiß? Ich glaube nicht! Es hätten ja auch Japaner sein können! Sie würde sich tatsächlich wünschen, so Anta Helena Recke in einem Interview, „dass die Intendanten dieses Landes mich jetzt mindestens zwei, drei Jahre lang an ihre Theater einladen und Stücke kopieren lassen. Nicht unbedingt immer nur mit Schwarzen, sondern auch mit extrem dicken Frauen oder asiatischen Deutschen, es gibt viele Möglichkeiten der Sichtbarmachung.“ Abschließen würde sie den Arbeitszyklus am liebsten mit einem Tatort„Der Tatort ist für Deutschland, was ‚Mittelreich‘ für Theater-München ist. Wenn Sonntag um 20.15 Uhr eine Schwarzkopie von mir von einem Tatort läuft, dann kann ich damit aufhören.“
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SOMMER: Toskana

So ein schöner Flecken Erde! Die Toskana. Gut, wenn man länger hier ist, wird deutlich, wie verheerend die Lage ist. Es gibt etwa keine Hochhäuser! Ich gehe manchmal einfach ganz nah an irgendein Haus ran und blicke nach oben. Dann wirkt es schon ganz anders.

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Oder: Seit mehr als zwei Wochen bin ich hier: Ich habe ehrlich gesagt noch nicht eine einzige Ampel gesehen! Und das nicht etwa, weil ich mit dem Traktor auf dem Feld umhertuckern würde. Aber auch da gibt es eine Lösung: Ich halte ab und zu an Kreuzungen an und denke mir: Hier könnte man auch mal die grüne Welle einführen. Und bin ziemlich sauer.

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Dafür sind die Italiener Meister im Bau von heftigen Bodenwellen auf den Straßen! Es schüttelt einen hin und her. Das können Sie perfekt! Ist sicher nicht leicht! Verlegen sie Baumstämme unter dem  Teer? Sie sind aber sehr fair. Je nach Stärke der eingerichteten Bodenwelle – vielleicht auch je nach Dauer der Baumaßnahmen – warnen sie mit Verkehrsschildern. Wenn es sich um nichts besonders raffinierte Wellen handelt, dann warnen sie so:

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Und wenn es heftiger wird, was sie so gebaut haben, wird es so:

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Dann gibt es noch dieses manchmal schön versteckte Schild, wobei mir nicht ganz klar ist, worin der Unterschied zu den anderen beiden liegt. Die Spezialisten werden es wissen.

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Und es gibt keine Staus! Manchmal stelle ich mich hinter parkende Autos und tue so, als wäre es ein Stau! Eine gute halbe Stunde stehe ich dann, bis ich mich schwarzärgere, dass es nicht vorangeht.

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Ich fahre manchmal durch die Gegend und begegne in 10 Minuten vielleicht zehn Autos! Ist das nicht trostlos? Ich fahre dann manchmal an Tankstellen, an denen Autos stehen, auch wenn ich garnicht tanken muss. Auch weil es dann so schön nach Abgasen riecht. Diesel am besten. Und weil dort sicher in irgendeiner Ecke der Fernseher läuft.

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Sie schütten einen Marktplatz mit Sand zu, weil in einer Woche ein Pferderennen stattfinden wird! Das wäre bei uns doch garnicht genehmigungsfähig! Aber da drücke ich gerne ein Auge zu!

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Man muss sich nur zu helfen wissen. Dann kann man es hier sehr sehr gut aushalten in einer der schönsten Ecken der Toskana. Und überhaupt: Diese nach allen Richtungen ausbalancierten, völlig wellenlosen Straßen in unseren Gefilden sind langweiliger!

SOMMER

Hier ein kurzes Sommerpausenvideo der Münchener Kammerspiele, das erstaunlich viel sagt:

  • Das herabstürzende Wasser: Das ist das Leben. Das Leben und der Strudel, der daraus entsteht. Ohne den Strudel würde es gar nicht gehen, das Leben. Das Leben erzeugt immer Strudel (nicht Apfelstrudel).
  • Oder: Die Luftballons: Das sind wir alle. Wir setzen uns dem permanenten Strudel aus. Manche (Ballons) versuchen zu entkommen, aber es gelingt nicht. Unser Leben lang der Strudel. Wir wollen ihm im Grunde auch nahekommen. Immer nahe dran sein.
  • Oder: Die Luftballons: Wir werden wie die Ballons vom Strudel des Lebens magisch angezogen, ob wir wollen oder nicht. Wir MÜSSEN uns dem Leben aussetzen.
  • Oder: Die Luftballons: Wir nähern uns dem Strudel willens oder widerwillig, taumeln aber nur herum im Strudel.
  • Oder: Die Luftballons: Das ist die Theaterwelt (es sind ja Luftballons der Kammerspiele): Gerade sie sind es, die sich dem herabstürzenden Leben nähern. Und wir beobachten es, wenn wir Interesse haben.
  • Oder: Das Wasser hinter dem Strudel: Das Wasser – das Leben – beruhigt sich hinter dem Strudel. Jeder Strudel ist vorübergehend.
  • Oder: Das Wasser hinter dem Strudel: Wir fließen nicht einfach im ruhigen Wasser. Wir müssen uns den Kräften des Wassers/des Lebens stellen.
  • Oder: Die Luftballons: Manche berühren das herabstürzende Wasser mehr, manche weniger. Eine Frage des Mutes?
  • Oder, oder, oder. Ist doch schön, das Video (Copyright: Münchner Kammerspiele).

 

MUSIK: Procol Harum – A Whiter Shade of Pale

Ich hatte ja vor Kurzem über meinen Besuch der Premiere von Tiefer Schweb von Christoph Marthaler in den Münchner Kammerspielen geschrieben. Wieder einmal die Kammerspiele. In dem Stück singt einer der Schauspieler – zur Begeisterung des Publikums! – das ehrwürdige Lied A Whiter Shade of Pale von Procol Harum. Es geht in dem Theaterabend ja um das Althergebrachte und die drohende Veränderungen, für die eine unterirdische Kommission nach Lösungen sucht. Grund genug, das Lied auch im Blog, der mich immer weiter durch kleine Kulturstories treibt, wieder einmal aus der Versenkung zu holen. Ist ja auch ein herrlich veraltetes Video. Und sie tragen Hemden, die man heute wahrscheinlich als Tapete cool fände:

THEATER: Friedrich Schiller – Die Räuber

Mein letzter Teil des Berliner Theatertreffens 2017: Eingeladen waren in Berlin bekanntlich (siehe meine Blogberichte) die zehn „bemerkenswertesten“ deutschsprachigen Stücke des Jahres. Die 10er-Auswahl.  Aus München war dieses Jahr ein Theaterstück eingeladen: Die Räuber von Friedrich Schiller. Es wird derzeit noch am Residenztheater gezeigt. Aus „dispositorischen“ Gründen konnte es im Mai nicht in Berlin aufgeführt werden, die Bühnenkonstruktion mit den sich kippenden und drehenden und hochfahrenden und absenkenden riesigen Laufbändern war zu aufwändig. Ich habe es jetzt in München gesehen. In der Tat das derzeit bemerkenswerteste Theaterstück in München. Mein Tipp: Rechtzeitig Karten sichern.
Es ist aus einem Grund bemerkenswert: Die bombastische, außergewöhnliche Umsetzung. Regie und Bühne von Ulrich Rasche. Musik von Ari Ben Meyers. Beides zusammen macht das Stück aus. Im Onlinetext zum Stück heißt es auf der Website des Residenztheaters dementsprechend:  „… gewaltiges Mensch-Maschinen-Musik-Theater“. Im Herbst wird es im Fernsehen auf 3sat zu sehen sein, auch das wird sich lohnen. Noch beeindruckender ist natürlich der Besuch der Vorstellung.
Geprägt ist das Stück von einigen Elementen: Den riesigen Walzen, der unglaublich hohen, dunklen Bühne, dem hochästhetischen Licht- und Eisraucheinsatz, dem durchgehend – über drei Stunden langen – fast schreienden Stimmen der ebenfalls fast durchgehend schwarz gekleideten Schauspieler und von der eindringlichen Musik: Eine Trommel, eine E-Gitarre, zwei Violinistinnen und drei Chorsänger (die sich auf der Bühne/auf den Laufbändern aufhalten). Monoton, laut, so wird das ohnehin schon Bedrängende und Rhythmische der Inszenierung „musikalisch“ auf die Spitze getrieben, durch einen Tonteppich getragen. Auch das hochästhetisch. Die Musik ist ein sehr wesentliches Element dieser Inszenierung. Ari Ben Meyers verfolgt eine besondere Philosophie zu seiner Musik: Er bespielte z. B. Ende Juni im Münchner Lenbachhaus das ganze Museum mit einer eigens geschriebenen Komposition. In jedem Raum spielten einzelne Orchestermitglieder. Man soll sich die Musik, jedes Mitglied des Orchesters, durch das Museum „ergehen“ können. Musik ist – auch hier, bei den Räubern – aus Sicht von Ari Ben Meyers eine Art Performance jedes einzelnen Musikers.  Nicht nur ein Gesamtkunstwerk.
Die Schauspieler gehen in verschiedensten Konstellationen permanent auf den Rollbändern auf die Zuschauer zu. Es wird keine Handlung geboten, es wird Text geboten. Ulrich Rasche will auch mit seinen Inszenierungen gerne besonders auf den Text abstellen. In der Tat wird der Text von allen fast verzweifelt dargeboten. Manchmal nur versteht man ihn wegen der laut „mitarbeitenden“ Musik nicht.  Das Leben nimmt jedenfalls hier für die gehenden, meistens durch Verankerungen im Boden der sich bewegenden Laufbänder gesicherten Beteiligten seinen Lauf.
Ästhetisch ist es wie die Inszenierung einer Wagner – Oper: Einerseits ergreifend, in einer Dimension, die selten im Theater zu sehen ist. Andererseits geht fast der Inhalt etwas verloren. Obwohl doch der Text mit höchsten Mitteln und vollem Einsatz der Schauspieler vom Papier auf die Bühne geholt wird! Er hallt eher nach, der Inhalt, wenn man sich damit beschäftigt. Aber auch im Nachhall verblieb mir ein ungutes Gefühl: Denn wenn man nur den alten Klassiker „Die Räuber“ einmal wieder sehen wollte, dann sah man eine hochgelungene Inszenierung. Okay, es hat ja Berechtigung, wenn man einfach einmal einen der großen Klassiker sehen will. Wenn man sich dagegen fragt, warum man sich aktuell – in unserer Zeit – „Die Räuber“ ansieht, muss man länger überlegen. Mit welchen inhaltlichen Gedanken hat man das Residenztheater verlassen? Ein aktueller Bezug wird von Ulrich Rasche absichtlich nicht geboten.
Man muss sich selber seine Gedanken machen. Die Räuber, Geschichte zweier ungleicher Brüder. Zwei Geschichten sind es eigentlich. Der eine Bruder – Karl – wird aus emotionalen Gründen – er scheint vom Vater verstoßen – Hauptmann einer Räuberbande, will die Welt verändern. „‚Die Räuber‘ erzählt die Genese einer Bewegung, die jeglicher konkreten politischen Grundlage entbehrt“, sagt Rasche im Programmheft. Karl kommt aber, als er emotional vorankommt, letztlich nicht mehr von der Bande los. Der andere – Franz – ist machtbesessen, setzt den Vater durch List außer Gefecht. Er begeht am Ende Selbstmord. Aussage? Ich könnte nicht sagen, warum Die Räuber inhaltlich gesehen aktuell aufgeführt werden.  Dennoch sehr bemerkenswert!