THEATER und LITERATUR: Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit.“ Diesen schönen Spruch hat Udo Lindenberg einmal getan. „Breit“ kann man gerade bei Udo Lindenberg natürlich so oder so verstehen! Der Satz steht auf einem Siebdruck eines limitierten Aquarells von ihm.  Udo Lindenberg kennt ja jeder: Es ist doch dieser Mann, der sein Leben lang einen Mann spielt, der Udo Lindenberg ist ….

Der Satz über die Länge und Breite der Tage wird wiederum zitiert in der Inszenierung „Panikherz von Oliver Reese am Berliner Ensemble. Habe ich gesehen. Die Inszenierung geht wiederum zurück auf ein Buch. Das BuchPanikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre. Habe ich dann gelesen. Über beides schreibe ich hier.

Und was das jetzt noch mit Udo Lindenberg zu tun hat? Zum Einen hat Panik immer mit Udo Lindenberg zu tun. Ich glaube Udo Lindenberg hält sämtliche Markenrechte an dem Wort „Panik“. Zum Anderen erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre im Buch Panikherz wahnsinnig viel von seiner schon in Jugendjahren bestehenden Liebe zu eigentlich allen Udo Lindenberg Songs, er ist mit ihm befreundet.

„Panikherz“ nach Benjamin von Stuckrad-Barre wird als Theaterstück in der kommenden Spielzeit am Berliner Ensemble weiter gebracht werden.

Zum Buch: Mir hätte ein Lektor das Buch um die Ohren gehauen. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre hat ja einen Namen und schon einiges veröffentlicht. Das schlaue Wikipedia sagt:

Bekanntheit erreichte er vor allem mit seinem 1998 erschienenen Debütroman Soloalbum sowie dem 2003 entstandenen gleichnamigen Film. Durch den Erfolg dieses Romans und seiner folgenden Werke entwickelte sich Stuckrad-Barre zu einem der neuen deutschen Popliteraten der 1990er Jahre.

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung des bisherigen Lebens von Benjamin Stuckrad-Barre. Eine völlig lineare Erzählung, ohne Höhepunkte, ohne einen besonderen Stil (außer: locker dahingeschrieben), ohne Hervorhebung oder Darstellung bestimmter Personen oder Gegebenheiten oder eines Themas, absolut ichbezogen, stoned, literarisch nicht besonders, nur anfangs lustig, mit abnehmender Tendenz. Man kann es lesen, um den irren Lebensweg von Benjamin Stuckrad-Barre zu sehen. Sein Leben gibt viel her. Haben offenbar auch viele gemacht, sagt die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Auf den ersten Blick kann man sagen: „Naja, einer dieser Medienfuzzis, die es geschafft haben, ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und irgendwie nichts ernst nehmen. Einfach das Leben als irre Welle mitnehmen.“ Das sagt am Anfang der Inszenierung auch eine der vier SchauspielerInnen, Bettina Hoppe: Jede Welle schlägt gegen die Felsen nach dem Motto: „Ist mir egal – wumm – ist mir egal – wumm – egal –„. So mag er es. Naja! Talkshows, Bücher, Freundschaft mit Christoph Schlingensief, Freundschaft mit Udo Lindenberg, überall einen Fuß in der Tür der Medienwelt, journalistische Tätigkeiten bei der Zeitschrift Rolling Stones, der taz, beim NDR, Autor für die Harald Schmidt Show, alles Backstage, alle Exzesse der Welt, Alkohol, Drogen, Bulimie, mehrere Entzugstherapien und so weiter. Exzessiv, aber mehr nicht.

Das Buch zeigt, wie Benjamin von Stuckrad – Barre immer schön am Abgrund entlang lief. Er war eine Zeit lang ziemlich kaputt (das schreibt sich allerdings ziemlich undramatisch). Zeilen aus Liedern von Udo Lindenberg, aber auch von vielen anderen Musikern seiner Zeit, werden immer wieder gebracht. Vor allem die Musik von Udo Lindenberg scheint zu seinem Befinden gepasst zu haben.

Aber er hat es immerhin geschafft, nicht endgültig abzustürzen. Ich muss das umfangreiche Buch noch zu Ende lesen, es ist aber – finde ich – so schlechte Literatur, ich brauche eine Pause. So gesehen mein Fazit: Interessant, auch diesen Weg zu sehen, aber nicht unbedingt zu empfehlen! Strandlektüre vielleicht.

Zur Inszenierung: In der Inszenierung von Oliver Reese (auch Intendant des BE, Nachfolger von Claus Peymann) hört man immer wieder Ausschnitte aus Stücken von Udo Lindenberg. Ein schönes Potpourri, auch wenn es klanglich nicht immer überzeugt. Livemusik und die Schauspieler singen.

Alle vier Schauspieler stellen Benjamin von Stuckrad-Barre dar und erzählen aus dem Buch. Wie eine mitgespielte Lesung. Am überzeugendsten spielt – finde ich – Nico Holonics, der den Verfall von Stuckrad-Barre am exzessivsten darstellt. Und Carina Zichner, die eine erstaunliche Bühnenpräsenz hat. Sie stellt Benjamin Stuckrad-Barre vor allem in jungen Jahren dar. Die Inszenierung hat mir gefallen! Nicht gekünstelt, nicht überdrallert, nicht affektiert, nah am Buch. Klares Bühnenbild, vorne nichts und im Hintergrund eine Bar, Livemusiker. Aber das Buch selbst ist eher eine Zumutung..

UND ACHTUNG: Am 6. Oktober 2018 gibt es im BE (Berliner Ensemble) eine lange Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Nacht mit einer Sondervorstellung von „Panikherz“ um 17.00 Uhr und einer anschließenden Marathonlesung „20 Jahre Soloalbum“ ab 19.30 Uhr mit Benjamin von Stuckrad-Barre und zahlreichen Gästen. Amüsant allemal!

HIER der link zur schönen Seite des Berliner Ensembles online zum Stück „Panikherz“.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Röder, BE

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BALLETT: Portrait Wayne McGregor

(Copyright des Beitragsfotos: Wilfried Hösl, Bay. Staatsballett München)

Ich hatte kürzlich das Privileg, im Nationaltheater das Bayerische Staatsballett mit dem Stück „Portrait Wayne McGregor“ sehen zu können. HIER ein interessanter Einblick, ein „video magazine“ des Bayerischen Staatsballetts.  Ich weiß, das hat mit der harten Welt nichts zu tun! Aber das kann ja auch mal sein! Schön war, dass ich inmitten einer Schulklasse (8. Klasse?) saß, die ein Tanzprojekt vorbereitete. Hehre Ziele und höchstes Anschauungsmaterial!

Ein Tipp übrigens: Auf http://www.staatsoper.tv wird dieses Stück am Samstag, den 23.6.2018 live um 19:30 Uhr übertragen. Ich finde es irre, Körper sprechen zu lassen, Gefühle, Interaktionen, … Und als Video on Demand ist es am Sonntag und Montag vormittag noch zu sehen.

HIER der Weg zu Trailern und zu einer Fotogalerie.

Drei verschiedene Stücke werden gezeigt: „Kairos“, „Sunyata“ und „Borderlands“. Während das erste Stück noch etwas klassischer Natur ist, sind das zweite und das dritte Stück kaum mehr klassisch zu nennen. Umso interessanter. Wayne McGregor scheint bekannt dafür zu sein, dass er vom klassischen Ballett ausgehend Grenzen überschreitet. Auch in alle neuen Medien hinein. Auch in Technologie und Wissenschaft hinein. Er gilt als einer der großen Choreographen dieser Zeit.

Natürlich kenne ich mich mit Ballett viel zu wenig aus. Allein die drei folgenden Textauszüge aus dem Programmbuch zeigen, worum es gehen kann. Das Programmbuch mit einigen schönen lyrischen Texten ist im Shop des Bayerischen Staatsballetts erhältlich. Hier Stichworte und sich dann die Übertragung (oder erst die Trailer) ansehen:

Kairos:

… 2014 für das Ballett Zürich entstanden … Kairos, der richtige Augenblick … es geht um den günstigsten Zeitpunkt für eine Entscheidung, den rechten Augenblick sozusagen … Max Richter Bearbeitung von Antonio Vivaldis die vier Jahreszeiten … Recomposed … endlos aneinandergewebte rhythmisierte Strukturen, die sich harmonisch nicht mehr auflösen wollen … McGregor entwickelt Motive, die aus dem Unisono in Chaos verbreitende Vereinzelungen driften … scharfe Ausführung der Bewegungen… Emotionalität der Musik…

Sunyata:

Kreation für das bayerische Staatsballett… begann er quasi im nichts… buddhistisches Konzept… einen Raum, in dem sich alles gegenseitig bedingt, in dem alles aber auch nichts ist – ein Nichts, in dem das Potenzial zur Kreation steckt… Fixpunkt Musik… Zeitgenössische finnische Komponistin Kaija Saariaho… Orchester und Elektronik…

Borderlands:

2013 kreiert für das San Francisco Ballet … als Medium der Farben bekommt das Licht in Borderlands besonderes Gewicht … die Arbeit ist inspiriert von den Bildern des deutsch-amerikanischen Bauhauskünstlers Josef Albers … Optische Täuschung, das Wundern und Staunen über die Gliedmaßen, die man nicht mehr zuordnen kann … Suche nach dem Gegenüber … dröhnende Synthesizer- Wolken

 

THEATER: Martin Sperr – Jagdszenen aus (Nieder)Bayern

Diesmal kein „politischer“ Theaterabend. Jagdszenen in (Nieder)Bayern von Martin Sperr. Es war ein Theaterabend nach klassischem Modell. Aber – und ich bin ja sehr kritisch (fast negativ voreingenommen), was „klassische Theaterabende“ anbelangt – sehr gelungen! Ich finde, das Stück ist an sich in dieser Inszenierung ein Genuss. Auch wenn man das Theater nicht gerade mit einem aktuellen Thema im Gepäck verlässt. Eher mit einem Dauerbrenner: „Das Anderssein und die Reaktionen derer, die meinen, „normal“ und damit „besser“ zu sein. Die den „Anderen“ in die Ecke treiben. Gezeigt an einer (nieder)bayerischen Dorfgemeinschaft nach dem Krieg. Ein Bild, das heute noch – glaube ich – in gewisser Weise auf ganz Bayern zutrifft. Mia san mia! Deswegen ist auch im Titel der Wortteil „Nieder“ durchgestrichen bzw. – hier im Blog – in Klammern gesetzt.

Die Dorfgemeinschaft verfolgt den Heimkehrer Abram, der aus dem Gefängnis entlassen worden ist, immer mehr. Es staut sich auf. Erste Szene: Er wird erschossen, fast alle haben Gewehre, um ihn zu finden.  Noch dazu soll er schwul gewesen sein. Und: Die Prostituierte Tonka liebte ihn. Auch so ein Problem. Weiter: Sie war sogar schwanger von ihm! Noch weiter: Es gibt auch einen „Dorftrottel“, den Rovo, der auch alle stört. Dann noch: Der Knecht Volker verkehrte mit der Prostituierten Tonka – schuldet ihr dann auch das Geld – obwohl er doch die Bäuerin Maria heiraten „will“. Maria lebt mit Volker zusammen, da ihr Ehemann nicht aus dem Krieg zurück kam. Das wird auch nicht gerne gesehen. Also alles wie im richtigen Leben. Fast jeder hat seinen Teil zu tragen. Und wie es so ist: Einer soll der Schuldige sein! Abram, gegen den sie sich mehr und mehr verschwören.

Dargeboten wird das Stück, das 1965 das Erstlingsstück von Martin Sperr war, rückwärts, wie eine Familienaufstellung oder jedenfalls wie eine therapeutische Aufstellung zu der Situation im Dorf, zur besseren Sicht auf die Entwicklungen und die Personen. Man sieht in der ersten Szene also das Ende, und geht Tag für Tag zurück. Das Stück wurde so vor mehreren Jahren zuerst für die Kammerspiele inszeniert (Martin Kusej war damals der Regisseur) und wurde dann vom Residenztheater übernommen (Martin Kusej ist dort derzeit Intendant). Das Stück steht immer wieder einmal im Spielplan des Residenztheaters. Es ist fast schon ein Klassiker des Residenztheaters.

Drei Dinge kann ich dazu sagen:

– Es ist m. E. hochgelungen, diese Geschichte so auf die Bühne zu bringen. Wie gesagt: wie bei einer Familienaufstellung blickt man Szene für Szene – es werden 14 Szenen gezeigt, man geht eine Woche Tag für Tag zurück – auf die beteiligten Personen. Jeder hat zur Entwicklung der Dinge eine bestimmte Einstellung. Jeder hat seine Geschichte. Auch die Tatsache, wie schlicht die Szenen gehalten sind, ist sehr gelungen. Auch die Auswahl der Szenen und auch Zusammenstellung der Personen (eher das „Verdienst“ von Martin Sperr). Und die Geschichte an sich, eine beispielhafte – natürlich extreme – Entwicklung des Ausschlusses bestimmter Personen aus der Gemeinschaft, die aber eigentlich selber …. So gesehen ein wunderbarer Theaterabend!

– Zwei Darstellerinnen sind auf jeden Fall besonders hervorzuheben: Die beiden wahrscheinlich jüngsten. Katja Bürkle als Abram, der Heimkehrer, und Anna Drexler als Tonka, die Prostituierte. Während Anna Drexler im Stück „Erschlagt die Armen“ (HIER der Link zu meiner Besprechung) meines Erachtens ja zu zurückhaltend spielte oder vielleicht spielen sollte, zeigt sie hier in den „Jagdszenen“ als die Prostituierte Tonka Hochleistung. Die harmlose Tonka erhält trotz ihrer nicht wirklich im Zentrum stehenden Rolle große Präsenz. Genauso aber Katja Bürkle, die den gehetzten Abram wunderbar spielt. Sie spielt also wieder eine männliche Figur – wie den Franz in Die Räuber. Aber das Gehetztsein spielt sie äußerst glaubhaft und sensibel. Auch insoweit ein toller Theaterabend!

– Wie gesagt nur: Es bleibt ein eher „klassischer“ Theaterabend. Nichts von wegen „Immersion“ (also irgendwie „Einbeziehung“ des Zuschauers), von der man zurzeit so viel redet. Natürlich auch nichts von wegen „Performance“. Und auch nichts Auffallendes – abgesehen von guten Leistungen! – von wegen „der Schauspieler als selbständiger Künstler“, was Fabian Hinrichs auch immer damit letztens in seiner Rede zum Berliner Theatertreffen gemeint haben mag. Sympatisieren tut man wenigstens (vielleicht wollte Martin Sperr auch genau das), und zwar – so ging es mir jedenfalls – mit Abram und Tonka, die es beide am schwersten haben. Obwohl alle ihren Mist an der Backe haben. Das wäre dann doch ein „Verdienst“ des Abends. Ich nehme ja gerne etwas mit.

Copyright des Beitragsbildes: Andreas Pohlmann, Residenztheater

THEATER: Marta Gornicka – Jedem das Seine

Aufstehen und schreien. Sonst hilft ja kaum mehr was. Marta Gornickas Inszenierung „Jedem das Seine“ an den Münchner Kammerspielen ist so ein Aufschrei. Im Juni noch ein paar Mal zu sehen. Dauer ca. 40 intensive Minuten.

Marta Gornicka lässt in ihren Arbeiten meist einen vielstimmigen – „feministischen“ – Chor sprechen, den sie aus dem Publikum heraus dirigiert. „The Chorus of Women“ heißt es auf ihrer WEBSITE. Sie ist bekannt dafür. Ich kam fast ins Schwitzen. Das hatte ich so nicht erwartet. Ein choraler Protest. Sie nennt ihre Arbeit ja auch „Manifest“. Es geht nicht um schauspielerische Leistung, es geht allein um den Inhalt, die Aussage, die Frage, wie weit der Zuschauer davon in den Bann gezogen wird.

Es war fast die Frage: Ist da der begrenzte und irgendwie exklusive Raum des Theaters noch der richtige Ort? Es hätte auch öffentlich am Marienplatz stattfinden können. Man wäre stehen geblieben! Und es hätte als Protest fast noch besser gepasst! Aber auch Theater wird ja derzeit wieder aktivistischer, politischer, kritischer. Deswegen passt es auch sehr gut ins Theater. Ein Theater mit anderen Kriterien, als gewohnt. Theater müssten fast Begleitmaterial zu solch einer Performance anbieten.

Nur: Protest gegen was war es? Gezeigt wird das Bild von „Fleisch“ und „Sex“ und „Donald Trump“ und „Nationalismus“ und „Faschismus“. Protest gegen eine rücksichtslose und sich immer mehr abgrenzende männliche Welt irgendwie, würde ich sagen. Trends der Zeit, gegen die man aufschreien kann! Das weltweite Machogehabe und seine Auswüchse.

Der Chor rezitiert Auszüge aus verschiedenen feministischen Manifesten. Und er kommt auf die offenbar bekannte Verbindung von Antifeminismus und Faschismus zurück. Schon der Titel „Jedem das Seine“ wurde ja früher von den Nazis missbraucht. Gut und bezeichnend ist dann natürlich: Jede/r der Mitwirkenden ist wunderbar individuell gekleidet, nicht einheitlich wie in alten Nazizeiten. Und jede/r nicht schrill auffallend, sondern angenehm individuell. Und doch entsteht Einheitlichkeit. Aber eben eine Einheitlichkeit des Protestes.

In der Ankündigung der Inszenierung auf der Website der Kammerspiele (HIER der link) heißt es:

Nicht nur wird die existierende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern vielmehr eine patriarchale Weltordnung als strukturelles Problem thematisiert: Auch alle feministischen Manifeste, auf die sie sich teilweise in der Inszenierung beruft, haben daran bisher nichts ändern können, so ihre These.

Hier ein schönes Bild, das Jean Peters vor wenigen Tagen vom Zustand der Welt brachte. Seine Themen, die Themen des Kollektiv Peng!, stehen fast hinter Marta Gornickas Protestschrei. Jean Peters ist Mitglied des KOLLEKTIV PENG! und hielt – nicht als Preisträger! – gerade eine recht bittere Rede zum George Tabori Preis 2018. Er sagte etwa:

Uns ist da eine Ethik abhandengekommen. Oder, sie ist nicht abhandengekommen. Sie ist wie die Oma in der Familie, die wir ja noch pflegen und lieb haben und die immer einen weisen Rat parat hat, aber sie bestimmt nun mal den Alltag nicht.“

Eine Oma, die nicht mehr schreit. Die Rede endet wie folgt:

George Tabori hatte die Gabe, sehr verspielt, sehr liebevoll zu arbeiten, wie ich gehört habe. … Er hatte eine feine Gabe, mit einer einladenden, humorvollen und liebevollen Art Regeln zu brechen und uns dazu einzuladen mitzumachen. Davon brauchen wir mehr, und zusammen mit der Oma, die an soziale Gerechtigkeit erinnert, und dem kleinen forschenden Kind in uns können wir uns auch trauen, den Kulturraum für das völlig verrückte und verträumte, aber – und das ist mir wichtig – realpolitische Spiel zu öffnen.

Ja, Realpolitik, man kann nicht wegschauen. Schön, dass aufgeschrien wird. HIER die schriftliche Fassung der Rede von Jean Peters.

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Copyright des Beitragsbildes: David Baltzer, Münchner Kammerspiele

THEATERTREFFEN EXTRA: Rückkehr nach Reims (Schaubühne Berlin)

Ich hatte es schon gesehen und besprochen. Da es auch eines der zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Stücke war und – ich glaube – auch in der kommenden Spielzeit noch zu sehen sein wird, bringe ich HIER den link zu meinem wichtigen damaligen Beitrag. Es geht ja beim besten Willen nicht ohne den Beitrag. Die Inszenierung geht zurück auf das gleichnamige Buch von Didier Eribon. Der Vollständigkeit halber bringe ich es hier, als Anregung. Dann fehlen mir vom Theaterftreffen nur das „Nationaltheater Reinickendorf“ und „Die Welt im Rücken“ vom Wiener Burgtheater, was ja sehr sehr gelobt wird. Mal sehen.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair, Schaubühne

THEATER: Elfriede Jelinek – Wut

Nachdem ich Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ auf dem Theatertreffen in Berlin gesehen hatte (HIER mein Blogbericht),  habe ich mir jetzt noch einmal ihr derzeitiges Stück an den Kammerspielen in München angesehen. „Wut“ heißt es. Es ist in der kommenden Spielzeit noch zu sehen. Ich habe bisher nichts darüber geschrieben:

Typisches Jelinekstück. Müssen Jelineks Stücke so inszeniert werden? München war ähnlich wie Berlin! Eine überbordende Jelinekshow! Mit wirklich guten Phasen aber! Es dauert über 4 Stunden. Der Regisseur Nicolas Stemann – er hat schon acht Stücke von Elfriede Jelinek auf die Bühne gebracht – erklärt zu Beginn der Aufführung, dass dieses Stück ständig weiter entwickelt wird. „Work in Progress“. AfD, Trump, PAG … Anlass für Elfriede Jelinek, das Stück ganz schnell zu schreiben, waren damals die Anschläge in Paris, Charlie Hebdo.

Wie ist das Stück: Im Unterschied zum Stück „Am Königsweg“ werden hier viele Passagen aus Jelineks Text wörtlich vorgelesen. Das erleichtert es, ihr ein wenig zu „folgen“. Aber „folgen“ ist auch hier zu viel gesagt. Ich habe es nicht geschafft. Lag aber auch an der nur für mich schlechten Akustik des Abends. Man hätte alles verstehen müssen! Ich muss es eigentlich nachlesen. Mal sehen.

Es ist insoweit aber eine – etwas – stringentere Inszenierung, als es „Am Königsweg“ war. Man sieht auf der Bühne die jungen Schauspieler des Ensembles der Münchner Kammerspiele – Julia Riedler, Thomas Hauser, Zeynep Bosbay, Jelena Kulijc etc. Ausnahme – sorry – Annette Paulmann, sie ist nicht mehr „Jugend“. Das passt aber sehr gut. Und Franz Rogowski (siehe Blogberichtsfoto), der – laut Programmheft 2018/19 – leider nicht mehr dem Ensemble angehören wird. Er ist im Film derzeit zu erfolgreich wahrscheinlich und wird keine Zeit haben.

Insgesamt sieht man nicht schauspielerische Leistungen, sondern „Aktionen“ auf der Bühne, finde ich. So soll es wohl sein. Unterbrochen übrigens wird es von einem etwa halbstündigen Diskurs des Regisseurs Nicolas Stemann mit seinen beiden Musikern (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel) zu aktuellen Nachrichten aus den Tageszeitungen. Überall wurde „Bernd Söder“ entdeckt. Und das Kreuz.

Oder später der Aufruf, alle Zuschauer sollten auf die Bühne kommen. Viele kamen (Sicherheitsschleusen wurden aufgestellt), bis Stemann plötzlich sagte: „Aus Sicherheitsgründen müssen wir es abbrechen, bitte Ruhe bewahren!“ Dann wurde der Vorhang – eine schwarze Blechwand – herabgefahren, hinter dem Vorhang ging es weiter! Auf die schwarze Wand wurde das Geschehen hinter der Bühne – auch das Blogbeitragsbild oben – projeziert. Für viele hieß es damit: Wir müssen draußen bleiben!  … Aktueller Bezug klar! Was noch aufgefallen ist: Das ganze wahnsinnige Bühnendrumherum hätte im Grunde weg bleiben können. Es hat nur abgelenkt. So sah das etwa aus, während Anette Paulmann hinten an einem Tisch vorlas:

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Teils gut gemacht, aber mein „aber“: Eine reine Lesung, das wäre gut gewesen! Inhaltlich mag jeder dann selbst ein wenig zurecht kommen, oder auch nicht.

HIER der link zur Onlineseite der Inszenierung „Wut“ an den Kammerspielen, wieder mit Trailern.

THEATERTREFFEN EXTRA: Mittelreich nach Josef Bierbichler und nach Anna-Sophie Mahler (Münchner Kammerspiele)

Ich hatte es schon in München gesehen. Mittelreich. Die bayerische Familiensaga, die Erzählung von Josef Bierbichler, die jetzt auch im Kino läuft („Zwei Herren im Anzug“): Mit schwarzer Besetzung, komplett identisch inszeniert wie die im Jahr zuvor gebrachte Inszenierung mit der Ensemblebesetzung der Kammerspiele. Appropriation Art, Inszenierung von Anta-Helena Recke. Es sei die „wichtigste“ Einladung zum diesjährigen Theatertreffen, höre ich im Podcast des Theatertreffen-Blogs TT BLOG 18. Der übrigens zu jedem der gezeigten Stücke und zu allen möglichen Aspekten des Theatertreffens 2018 etwas bringt.

HIER mein damaliger wichtiger Blogbeitrag. Wie könnte man nur zurecht kommen, ohne ihn gelesen zu haben??

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss, Kammerspiele

THEATERTREFFEN EXTRA: Elfriede Jelinek – Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg)

Also Elfriede Jelinek, österreichische Trägerin des Literaturnobelpreises! Seit vielen Jahren werden ihre Bücher immer wieder auf die Bühnen gebracht. So in München derzeit (noch) „Wut“, zu sehen am DIENSTAG! 22. Mai, 19.00 Uhr. HIER die Website der Kammerspiele zum Stück, mit Trailern.

Oder auch in Hamburg „Am Königsweg„, die Inszenierung von Falk Richter. Es sind meist extrem wüste Inszenierungen. Reinsetzen, vorbeiziehen lassen und ein paar Ansätze mitnehmen. HIER der Trailer aus Hamburg. Es ist zu viel meist, denke ich. Hier ein paar Bilder:

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Dieses mal gibt es sogar – sieht gar nicht so aus! – ganz ruhige Momente, wenn Ilse Ritter vom Stuhl aus oder vom Balkon aus als Elfriede Jelinek selbst das Wort ergreift. Motto: „Ich werde alt, habe nichts mehr zu sagen, meine Worte werden verschwinden. Also: „Wir lernen ja eh nicht dazu„, siehe Donald Trump. Es ist zu einem großen Teil ein Anti-Trump- Text. (Manchmal liest man nicht „Text“, sondern „Textfläche“, passt besser). Trump wird aber nicht namentlich genannt, man redet abstrakt ständig vom „König“. Der macht, was er will. Obwohl er ja gewählt wurde. Er führt sich auf wie wildgeworden. Wahrheit ist nicht mehr relevant. Tenor der Inszenierung: „Wir sind alle blind„. Siehe das Bild oben.  Und: „Wir meinen dauernd, etwas Neues zu schaffen, aber es ist immer das Alte! Weil nur das kennen wir ja und wir können ja nur etwas schaffen, das wir kennen! Das führt nicht auf einen guten Weg! Und was wahr ist, erkennen wir auch nicht mehr.

Am beeindruckendsten fand ich – nicht nur ich – Benny Claessens. Er ist die zentrale Figur der Inszenierung! Kritikerstimmen sind hingerissen. Er teilt ja das Publikum seit Jahren in begeisterte Fans und angewiderte Lächler, weil er extrem ist. Ein Berserker, der irgendwie auch seinen Charme hat. Er schimpft – brüllt – etwa mit irrer Power auf das Publikum ein. „Grandios“, „versetzte in Verzückung“ etc. liest man. HIER ein Interview mit ihm.

Und wie er über die Bühne geht! Mit einer ganz bestimmten unauffälligen Geste! Eine kleine Bewegung! Arroganz? Wurstigkeit? „Ihr könnt mich mal“? Oder nur Teil seiner Rolle in Am Königsweg? Der undemokratische König sagt heute ja auch: „Ihr könnt mich mal!“ Die Bühne gehört bei diesem Stück jedenfalls – emotional – hauptsächlich ihm. Er verabschiedet sich mit dem T-Shirt-Aufdruck: „Stop being poor“. Passt irgendwie, Trump und Co. werden es immer als „selbstgemacht“ ansehen, wenn man arm ist. Also hör auf damit!“

 

 

THEATERTREFFEN EXTRA: Irgendwie „FAUST“ von Frank Castorf (Berliner Volksbühne)

Für den Zuschauer ein Erlebnis, aber auch eine Zumutung!

Ich war auf der allerletzten je gespielten Vorstellung von Frank Castorfs „Faust“ – Inszenierung. Es war eine der letzten Inszenierungen von Frank Castorf an der berüchtigten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Theaterwelt war begeistert, dass diese Faust-Inszenierung auf dem Theatertreffen 2018 gezeigt wurde.

HIER ein Trailer. Reinsehen!

Und HIER ein link zur interessanten Besprechung der Inszenierung im Deutschlandradio Kultur.

Und HIER der link zur Website der Volksbühne mit Erklärungen und weiteren Trailern!

Man sagt, diese siebenstündige Inszenierung sei ein „Kunstwerk“. Jetzt verstehe ich es ein wenig: Kunstwerke kapiert man nicht immer, man fühlt nur, dass es ein „Kunsterk“ ist, oder? So war es auch hier! Ich habe ähnliche Stimmen vernommen. Ich habe nach 3 Stunden nichts mehr kapiert! Vom „Faust“ habe ich nichts mehr mitbekommen. Es ist natürlich nicht exakt die Geschichte „Faust“, die in der Inszenierung erzählt wird. Auch, aber wirr und wahnsinnig!!

Frank Castorf spannt ja wieder einmal einen weiten Bogen über viele, viele Themen. Und all die Themen (von Bismarck bis Algerien) werden hoch wortgewandt verarbeitet. Für den Zuschauer eben ein Erlebnis, aber auch eine Zumutung! Ein Parforceritt! In der Ankündigung des Abends hieß es ja auch nicht (im Gegensatz zu den Ankündigungen der anderen Stücke des Theatertreffens) „Faust von Johann Wolfgang Goethe“, sondern nur „Faust“. Typisch Castorf.

(Motto des Blogs ist ja: Theater muss doch nicht gefräßiger Konsum sein. Rausgehen und sich nur sagen: „Ein schöner Abend!“, das wäre doch Theaterzerstörung, Kunstzerstörung, Zeitverschwendung. So viel Zeit haben wir ja nicht! Schön ist, finde ich jedenfalls, wenn Theater anregt. Theater zeigt doch etwas aus der Gesellschaft. Toll ist es natürlich, wenn dann wunderbare Inszenierungen zu sehen sind. Und da gibt es – besonders am Theatertreffen, wo sich die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen treffen – immer wieder Überraschendes, Vorstellungen sprengendes, wahrlich Großartiges!)

Ein „Kunstwerk“ ist der Faust von Castorf schon, kann man sagen! Allein die Schauspieler! Jeder verausgabt sich, wird auf der Bühne quasi wahnsinnig. Wer die Chance hat, künftig eine Inszenierung von Frank Castorf zu sehen, sollte sie nutzen! Frank Castorf bringt nach der Beendigung seiner 25-jährigen Intendanz an der Volksbühne jetzt pro Jahr noch eine Inszenierung am BE, dem Berliner Ensemble.

Jedes Bühnenbild bei Castorf ist ja ein toller Anblick – Drehbühne wieder – und es ist jedes Mal ein großes Werk, wie Castorf die Menschen auf der Bühne zu seinen Themen irgendwie kunstvoll in den Wahnsinn treibt! Wie immer übrigens bei Castorf war für den Zuschauer ein Großteil des Geschehens auf der Bühne wieder nur auf Videoleinwand zu sehen. Aber auch das war wieder fast durchgehend – besonders durch die schauspielerischen Leistungen, aber auch durch die Filmaufnahmen an sich – ein filmisches Erlebnis!

Andererseits: Frank Castorfs Art, Theater zu machen, ist fast veraltet! Warum? Man will, überlege ich, vielleicht nicht mehr unbedingt sehen, dass der Mensch im Prinzip wahnsinnig wird! Die Zeiten haben sich vielleicht wieder einmal geändert. Wir leben in Zeiten oder es kommen vielleicht Zeiten, in denen es darum geht, gerade nicht wahnsinnig zu werden! Daher: Man betreibt fast schon Theatergeschichte, wenn man Castorfs Inszenierungen anschaut. Er hat die deutsche Theaterlandschaft zwar über 25 Jahre lang geprägt, bald kommt aber Neues. Besser: Es kommt jetzt schon Neues, theatermäßig, wird auch dringend gebraucht!

Also: Diesmal habe ich keinerlei Erkenntnis mitgenommen, außer, dass sich die Zeiten ändern!

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THEATERTREFFEN EXTRA: Bertolt Brecht – Trommeln in der Nacht (Münchner Kammerspiele)

Samstag, 19. Mai, 20:15 Uhr: „Trommeln in der Nacht“ von und nach Bertolt Brecht. Wo? 3sat brachte eine Aufzeichnung des Stückes aus der 10er-Auswahl des diesjährigen Theatertreffens. Es ist ab Samstag dann für mehrere Tage in der 3sat – Mediathek zu finden.

UND: Da Bertolt Brecht angeblich im Nachhinein mit dem Ende des Stückes unzufrieden gewesen sein soll, hat der Regisseur Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen zwei Versionen auf die Bühne gebracht. „Von“ und „nach“ Bertolt Brecht. Beide Versionen unterscheiden sich im fünften und letzten Akt. Diese beiden letzten Akte können schon jetzt in der Mediathek von 3sat angesehen werden!

HIER das Ende der Version „von“ Bertolt Brecht. HIER  das Ende der Version „nach“ Bertolt Brecht.

Ich hatte schon nach der Premiere in München über die Version „von Bertolt Brecht“ geschrieben. HIER der damalige Blogbericht. Und auch über die Version „nach Bertolt Brecht“ hatte ich damals geschrieben. HIER auch dazu mein damaliger Blogbericht.

Copyright des Beitragsbildes: Julian Baumann, Kammerspiele