BALLETT: Anna Karenina von Christian Spuck

Zugegeben, Ballett ist nicht Schwerpunkt dieses Blogs. Aber über den Tellerrand hinaus blicken, ist doch immer interessant. Und in Kürze folgt viel THEATER. Das Theatertreffen 2018 steht bevor! Und Tanz findet sich ja in heutiger Zeit auch immer wieder einmal in Theatern. Wenn auch nicht in derartiger Perfektion wie im Ballett. Anna Karenina von Lew Tolstoi wurde als Ballett im Bayerischen Nationaltheater in München auf die Bühne gebracht. Choreographie Christian Spuck. Was für ein anderes Erlebnis! Es wird in dieser Spielzeit noch einmal und dann in der kommenden Spielzeit das ein oder andere Mal zu sehen sein! Also, wer Interesse hat:

Den Roman Anna Karenina von Lew Tolstoi (man betont Karenina ja auf dem „e“) kann ich ja unbedingt empfehlen. Er gibt einen unglaublich detaillierten, vor allem nicht schwülstigen Einblick in das russische Leben zur damaligen Zeit. Und aus russischer Sicht den Blick auf das damals weltweit noch große Problem des Ehebruchs. Der Eifersucht, der Liebe, des Hasses, der Verzweiflung, der Konkurrenz, des Abgrundes, der gesellschaftlichen Erwartungen. Es endet ja tragisch.

Im Bayerischen Nationaltheater in München hat jetzt also – ich hatte die Chance, hinzugehen – Christian Spuck den 1000-Seiten-Roman als Ballett auf die Bühne gebracht. HIER ein Trailer. Und HIER (das kleinere Video rechts anklicken) ein Video mit Erläuterungen von Christian Spuck und den beiden „Protagonisten“ sowie weiteren Ausschnitten der Inszenierung. Ansehen! In den Videos sieht es fast kitschig aus, ich finde aber, Christian Spuck hat das Gespür, Kitsch zu vermeiden. Es wird Eleganz.

Ballett kann man „mögen oder nicht mögen“, finde ich, es ist nicht so diskursiv wie Theaterabende sein können. Ich hatte mich aber dennoch sehr darauf gefreut, denn:

Ich erinnerte mich: Als junger Student hatte ich tatsächlich (!) längere Zeit den Gedanken, das Gefühl, dass ich am liebsten Balletttänzer wäre! Nicht viele Worte, sondern Tanz, das hatte mir gefallen! Ich hatte ein Jahr in Lausanne studiert, dort erschien beim jährlichen Prix de Lausanne irgendwie auch der Ballettstar John Neumeier, ich glaube als Mitglied der Jury. Oder es gab einen John-Neumeier-Preis für den Nachwuchs. Aber für Ballett muss man ja schon als Kind mit Tanz beginnen. Tja, daraus ist leider nichts geworden. Knapp daneben, ich wurde Rechtsanwalt. Naja, das ist doch ähnlich, es ist eben Ballett mit Worten? Nein, es ist eher Fechten mit Worten, würde ich sagen!

Und es gab noch einen besonderen Grund, hinzugehen: Ich hatte im Blog zu Ostern über Christian Spuck geschrieben. Er hatte mit dem Staatsballett und dem Staatsorchester Zürich das Verdi-Requiem („Messa da Requiem“) als Ballett mit Chor inszeniert. Es wurde zusammen mit einer Dokumentation über Spucks Arbeit auf 3sat gesendet. Ich war damals wahrlich begeistert! Jetzt war er zur Münchner Ballettwoche 2018 eingeladen.

Also bin ich hin. Und, was soll ich sagen: Ich war baff! Es wäre anmaßend, wenn ich jetzt hier eine detaillierte Kritik mit Pros und Contras bringen würde! Aber: Erster Gedanke mit Blick durch das Nationaltheater: Es ist schon ein Privileg, ich möchte sagen: elitär, es zu erleben. Man sollte einmal pro Monat einen Abend für Harz IVler geben! Kunst sollte nicht elitär sein! Allein das extreme Erlebnis, danach aus dem Nationaltheater in einen lauen Frühlingsabend zu treten, Blick auf die Frauenkirche und die Maximilianstraße … . Das sollte eigentlich nicht immer nur Wohlhabenden vorbehalten sein.

Während der Aufführung – und danach – dann der Gedanke: Diese unglaubliche Eleganz des Balletts, diese unglaubliche Schönheit des Bühnenbildes, der gesamten Choreographie, der Kostümierung, der Farben, diese unglaublichen Leistungen der TänzerInnen, die so treffende russische Musik, all das erleben zu können. Alles hatte eine irre Leichtigkeit trotz des so schweren Lebens von Anna Karenina. Gut, sie lebte in feinen Kreisen. Die Musik brachte dabei generell russische Schwere hinein, fand ich. Aber genau das war passend! Allein das Zusammenspiel von Musik (Auswahl Christian Spuck) mit dem Tanz, der Choreographie, dem Russischen. Leichtigkeit und Schwere mischtern sich so den Abend hindurch. Beides in Formvollendung. Die Trailer oben lassen es erahnen.

Und dann noch die Überlegung: Man sitzt da und betrachtet einfach mal so Menschen, die allein mit phantastischen körperlichen Bewegungen, mit Tanz, etwas zum Ausdruck bringen. Das allein macht doch etwas mit einem! Man rutscht komplett weg vom banalen Alltag! Etwa der – für mich – beeindruckendste Tanz von Jonah Cook und Lauretta Summerscales als Kostja (Lewin) und Kitty, dem zweiten verliebten Paar, dem der Roman folgt. Es war der erste Tanz nach der Pause.

Es waren also völlig andere Eindrücke als bei einem Theaterbesuch, zwei Welten. Auch wenn es um die Geschichte eines Romans ging, was ja in beiden Vorführungsformen vorkommt. Beeindruckend allemal!

 

 

 

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THEATER: Claus Peymann

Ein Tipp: SWR Mediathek und ARD Mediathek. Wenn man an die deutsche/deutschsprachige Theaterszene der letzten 50 Jahre denkt, muss man an den großen Theatermacher Klaus Peymann denken. Er wird im Juni  81 Jahre alt. Erst war er Theaterdirektor in Stuttgart, dann Intendant in Bochum, danach viele Jahre Intendant des Wiener Burgtheaters und dann bis Juli 2017 Intendant, künstlerischer Leiter, Geschäftsführer und Alleingesellschafter des BERLINER ENSEMBLES. Er galt ja jahrelang als der umstrittenste Theatermacher.

Die spektakulärste Begegnung seines Lebens sei, sagt er, diejenige mit Thomas Bernhard gewesen. Viele Stücke von Thomas Bernhard hatte er in den vergangenen Jahren uraufgeführt.

Auf SWR war letztens ein eineinhalbstündiges Porträt von Klaus Peymann zu sehen. Man kann es derzeit noch auf der Mediathek ansehen. Sein Lebensweg. Theater ist und war sein Leben. HIER der Link. Noch wenige Tage zu sehen!

Übrigens: Klaus Peymann kommt am 24.April 2018 in die Münchner Kammerspiele! Eine Lesung aus dem in Österreich damals verbotenen Buch „Holzfällen – Eine Erregung“ von Thomas Bernhard!

Copyright des Beitragsbildes: free use

THEATER: Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

Es klingt im ersten Moment aggressiv und arrogant: „Erschlagt die Armen!“ So heißt das Stück, das derzeit auf der Bühne im Werkraum des Residenztheaters gezeigt wird. Es ist eine Inszenierung nach dem Buch „Assomons les pauvres“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha. Das Buch hatte, liest man, bei seinem Erscheinen in Frankreich 2011 viel Aufsehen erregt. Es geht um das Asylsystem. Sinha hatte einige Jahre in Frankreich alles miterlebt, als Dolmetscherin in Asylverfahren gearbeitet. Nach dem Erscheinen des Buches hat sie ihren Job verloren.

Das Buch ist eine Art Rundumschlag gegen das letztlich verlogene Asylsystem. Aus der Sicht einer Dolmetscherin, die sich zwischen den Welten unwohl fühlt. Wut und Angst verspürt.

Warum der Titel? Er geht zurück auf ein gleichnamiges Prosagedicht von Charles Baudelaire, erschienen 1865. In dem Prosagedicht schlägt ein wohlsituierter Mann auf einen Bettler ein, der dann aber heftig zurückschlägt. Er zeigt sich ebenbürtig, was dem Mann wiederrum offenbar gefällt. Entweder deswegen oder um sich selber zu schützen, gibt er dem Bettler dann doch die Hälfte seines Geldes, er habe seine Würde bewiesen.

Zur Inszenierung: Ich mag Theaterabende, an denen wenige Schauspieler teilnehmen. Dieses Stück ist sogar ein Solostück. Noch dazu spielt Anna Drexler. Anna Drexler war längere Zeit an den Kammerspielen. Ich kenne und schätze sie aus einigen Auftritten. Ich muss sagen, ich wunderte mich etwas: Ich finde, sie kann noch mehr! Sie hat sehr viel Text, so ging vielleicht freie und deutlichere Spielweise flöten. Sehr schade, neue Facetten habe ich an ihr nicht gesehen. Irgendwie etwas zu einstudiert. Es war aber eben verdammt viel Text! Vielleicht passten auch das Bühnenbild und die Kostüme herum nicht zu ihr. Beides war sehr nüchtern. Auch das fand ich schade. Viele Neonröhren standen senkrecht um die schiefe Bühnenfläche herum. Grelles weißes Licht. Hautfarbener langweiliger Anzug. Viele Kopfhörer hängen von der Decke. Mehr war nicht. Nun ja. Wobei ich wahrlich nicht meine, das Bühnenbild müsse unbedingt viel aussagen!

Und zum Inhalt: Es war auch für den Zuschauer viel Text. Viele Aspekte, die man in dieser einstündigen Aufführung verarbeiten soll, was sicherlich an einem kurzen Abend schwerer fällt, als wenn man das Buch liest. Ich habe es nicht geschafft, allem zu folgen. Vielleicht lag es an mir. Zu Beginn zieht Anna Drexler – in ihrer Rolle als die Übersetzerin – eine Plastikfolie vom Theaterboden. Sie enthüllt damit die Doppelbödigkeit des Asylystems. Recht aussagekräftig ist folgende Textstelle (ich habe sie im Nachgang dem Sprechtext des Stückes entnommen):

„Ich hatte Lust, ihm (Anm: Herrn K., der die festgenommene Übersetzerin vernimmt, nachdem sie aus „Wut und Angst“ einem Asylsuchemden in der U-Bahn mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen hatte) zu erzählen, wie ich gelernt hatte, das Elend zu meiden, mich auf dem Absatz umzudrehen, die Brücken hinter mir einzureißen. Ich hatte Lust, ihm zu sagen, dass diese Leute ihr Land verlassen wie Ratten ein untergehendes Schiff und dass ich sie insgeheim verstehen konnte.“

Hintergrund: Sie sieht in ihren Verfahren immer wieder, dass die Asylsuchenden Asylgründe nennen, aber eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge sind. Lügensystem nennt sie das Asylsystem. Und die Härte der Beamten oder Richter – die die Wahrheit hören wollen – zerreißt die Dolmetscherin persönlich. Sie hat es geschafft. Sie hat Asyl bekommen. Ist damit aber getrennt von ihrer Heimat. Sie „hat die Tür zugeschlagen“. Sie ist nur andererseits auch nicht zu Hause dort, wo sie lebt. Und sie sieht und kennt die wirtschaftlichen oder ökologischen Notlagen der Asylsuchenden. Das ganze Asylsystem gehe an diesen Problemen vorbei, könnte es heißen. Damit hat die Übersetzerin ihr großes Problem.

Aber warum der Titel? Es bleibt – vor allem mit solchen Vorüberlegungen – ein sehenswertes Stück. Vielleicht spielt Anna Drexler im Laufe der Zeit auch noch intensiver. Sie neigt ja zu Zurückhaltung, was manchmal wunderbar ist.

THEATER: News – Matthias Lilienthal

Im Sinne meines Theaterblogs ist natürlich sofort zu melden:

Das hätten die Münchner geschafft! Nachdem sich die Münchner CSU – Stadtratsfraktion kürzlich gegen die Verlängerung des Vertrages des Kammerspiele – Intendanten Matthias Lilienthal ausgesprochen haben, erklärt Lilienthal heute, dass er den Vertrag 2020 auch seinerseits nicht verlängern wolle. Er habe keinen Rückhalt mehr. Recht hat er! Es ist ein Armutszeugnis für die CSU, meine ich. Was ist schon eine fünfjährige Intendanz. Wenn man sich einem Stadttheater hingibt, muss man Zeit bekommen!

Aber in der Tat mögen die Münchner – unabhängig von der CSU – brave und gediegene, bloß nicht aufwühlende Produktionen. Etwa Tiefer Schweb und Wartesaal. Oder Gerhard Polt. Die Münchner wollen lachen oder verwöhnt werden und nicht viel nachdenken. Und das ist nicht Matthias Lilienthal – der zusammen mit Frank Castorf das Berliner Volkstheater am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut hatte!

Tja, die CSU muss jetzt mit ihrer Argumentation  (für die Zeit ab der Spielzeit 2020/2021) einen Nachfolger finden, der für mehr „Auslastung“ der Kammerspiele sorgt. Also wohl für mehr Mainstream! Als wäre die Auslastung – 5 % hin oder her – ein Kriterium in der Kultur!

Copyright des Beitragsbildes: Lukas Barth

THEATER: Amir Reza Koohestani – Die Attentäterin

Warum macht eine Frau das? Sich selbst in die Luft sprengen und weit mehr als zehn Kinder mit in den Tod reißen! Sie waren gerade auf einer Geburtstagsfeier. Sie war Palästinenserin und hat sich in Tel Aviv in die Luft gejagt.

Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Attentäterin“ des Algeriers Jasmina Khadra (sein Künstlername). Der Ehemann der Attentäterin kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau das getan hat. Er bezweifelt sogar lange, dass sie es überhaupt getan haben könnte. Warum auch? Er möchte dann den Gründen näher kommen. Einer der bedeutenden iranischen Theatermacher, Amir Reza Koohestani, hat aus dem Roman eine Theaterfassung entwickelt, die am vergangenen Freitag Premiere an den Münchner Kammerspielen hatte. Es war ein anderer Theaterabend, als meine vorherigen, die viel mehr auch  „Blicke in die Vergangenheit“ waren (Lion Feuchtwanger – „Wartesaal“, Bertolt Brecht – „Trommeln in der Nacht“, Der Abend „1968“ über die Studentenunruhen 1968, Maxim Gorki – „Kinder der Sonne“ am Residenztheater, „Oradour“ im HochX, „Les Miserables“, die Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble etc., ). „Die Attentäterin“ ist leider immer wieder aktuell. Hier mit der Besonderheit, dass es eine Frau ist, die den Selbstmord begeht.

Zum Stück: Es war eine zurückhaltende, textlastige Inszenierung. Politisches Theater. Eine derart zurückhaltende Inszenierung zeigt Koohestani ja auch im Stück „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ nach dem gleichnamigen Roman von Kamel Daoud. Auch diese Inszenierung läuft noch in den Kammerspielen (Freitag, 6. April).

Der Zuschauer verfolgt die Suche des Ehemanns nach einer Erklärung. Man folgt ihm auch nach Palästina zu ihrer Familie. In der Inszenierung sieht der Zuschauer immer wieder auf der Rückwand der Bühne schwarz-weiß und übergroß ein, zwei oder mehrere Gesichter der sprechenden Personen. Nur die Gesichter. Die Personen sitzen meist an einem lang gezogenen Tisch. Es geht um die Gespräche und um die Reaktionen der Personen. Und um „die Situation“ zwischen Israel und Palästina. Sehr intensiv. Wir in Deutschland sind sicherlich nicht in der Lage zu sagen, warum eine Frau so etwas tut. Sicherlich sind Jasmina Khadra und Amir Reza Koohestani um einiges näher dran. Die Attentäterin habe doch jeden Luxus gehabt, sagte einmal etwa der israelische Kommissar. Eine vordergründige Überlegung. Stand eine Terrororganisation dahinter? Auch eine Überlegung. Gespielt wird der Kommissar übrigens von Samouil Stojanov, der wie immer eine fantastische Bühnenpräsenz hat. Ihm müsste man mal einen ganzen Abend geben, auf dem er solo spielen, „brüllen“ und tanzen kann. Beide letztgenannten Dinge sind bei ihm sehr beeindruckend. Auch in „Die Attentäterin“ brüllt er den Ehemann am Tisch an, insgesamt seien bis heute 2300 palästinensische Minderjährige durch Selbstmordattentate umgekommen, während es 145 Minderjährige aus Israel seien. Und alles geht immer weiter. Der Abend endet auch damit, (ACHTUNG: Nicht weiterlesen, wer das Stück sehen will!) dass eine israelische Bombe die palästinensische Familie auslöscht. So verlängert sich ganz einfach die Kette der sinnlosen Massaker. Man bekommt auch keine fertige Lösung dafür, warum die Attentäterin sich und – angeblich – viele Kinder in die Luft gesprengt hat. Sie sagt – nach ihrem Tod – etwa einmal: „Was nützt unser Glück, wenn wir es nicht teilen können?“ Teilen mit wem? Mit allen, die dort unten leiden? Und dann selbst Leid zufügen? Ich verstehe es nicht ganz. Aber der psychische Druck auf bestimmte Menschen – wie die Attentäterin – muss extrem sein! Andererseits erlebt man die Attentäterin – in der Inszenierung taucht sie nach ihrem Tod mehrfach auf und spricht zu ihrem Ehemann – nicht als mit Druck oder gar Hass belastete Person. Ganz und gar nicht. Sie wird fast als die „gute Seele“ des Stückes gezeigt … was ich irgendwie auch nicht verstanden habe. Es bleiben viele Ansätze. Auch generell die Rolle arabischen Frauen in der Gesellschaft mag ein Aspekt sein. Ob die Frauenrolle gar Motiv für den Suizid und Mord sein kann, bleibt offen, das zu beantworten war nicht Intention des Abends. Man muss jedenfalls als Zuschauer dem Text genau folgen, um die verschiedenen Überlegungen und Nuancen gut zu erkennen. Aber das macht den Abend wertvoll. So kommt die „Situation“, die wir nur von Schlagzeilen kennen (Israel/Palästina und die Selbstmordanschläge), hier auf die Bühne! „In „Die Attentäterin“ versuchen wir, eine Schlagzeile in ein Drama zu verwandeln„, sagt Koohestani im Programmheft. Ohne Partei zu ergreifen übrigens. Sonst wäre so ein Abend auch sinnlos.

HIER die Besprechung des Deutschlandfunks (als Audio abhörbar).

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

INSTALLATION: Sarah Sze

Eine kleine Anregung:

Die amerikanische Künstlerin Sarah Sze hat für das HAUS DER KUNST die Installation Centrifuge gemacht. Sie steht in der Mittelhalle des Museums. Kleinste Objekte werden filigran zu einem Mosaik organisiert, das „alle gängigen Kategorien durchkreuzt“. Von überall werden Einzelteile beleuchtet. Feinarbeit. Minilichtquellen, Miniteilchen, Minifilmchen, alle Farben. Szes Konstellationen von Objekten, Bildern und Skizzen „sträuben sich gegen definitive Interpretationen“ heißt es so schön. Man steht davor und denkt an alles. Von fern ist es ein Verhau, je näher man aber kommt, umso interessanter wird es. Man sieht etwa irgendwelche bewegte Bilder auf Papierfetzen … wie das Gehirn kommt es einem vor.

Es war bedeutungsschwanger zu lesen: Die Installation … bringt das Wahrnehmungsfeld der Mittelhalle zum Explodieren … verformt sich dynamisch nach außen in den umliegenden Raum (bewegte Bilder oder Schemen werden in der Tat von der Installation ausgehend an alle Wände der riesigen Halle projeziert. Man fragt sich: Wo kommen die denn her?) … schafft ein intimes, fesselndes Feld, worin sich Schwerkraft, Maßstab und Zeit zu verwandeln scheinen …. erinnert an subatomare Teilchen, die sich in einem Quantenfeld verwandeln und entwickeln … deuten auf eine Unbestimmtheit hin.

Und schöne Worte der Künstlerin:

„Die innere Skulptur von Centrifuge scheint in einem unbestimmbaren Zustand zwischen Wachstum und Zerfall gefangen. Wenn sich der Betrachter nähert, fühlt er sich im Inneren in eine Mikrodimension versetzt, während die Skulptur, die sich in den größeren Raum der Halle ausdehnt, gleichzeitig eine Makrodimension eröffnet. Sie fungiert als Schauplatz von Aktivität und ist zugleich ein Projektor, der die Decke beleuchtet und dem Raum die Offenheit eines Palazzos oder städtischen Platzes verleiht.“

Tja, die Kunst. Was soll man da sagen.

 

THEATER: Karen Breece – Oradour

Es gab verschiedene „schnelle“ Gründe, Oradour von Karen Breece im HochX anzusehen. Ein heikles Thema ist es ohnehin, siehe weiter unten. Es geht ja wieder einmal um das Erinnern an Gräueltaten der Nazis. Das HochX ist eine Spielstätte für Theater und Live Art im Münchner Stadtteil Au, die nach Renovierungsarbeiten im Herbst 2016 wiedereröffnet wurde. Gezeigt werden Arbeiten aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Performance und Medienkunst mit Gastspielen der nationalen und internationalen Szene, u.a. im Rahmen verschiedener Festivals der Landeshauptstadt München wie etwa DANCE, SPIELART oder RODEO. Das Stück Oradour ist (vorerst) noch zweimal zu sehen, am 23. und am 24. Februar

Ein Grund, es anzusehen, war: Oradour ist ein Stück, das von der Amerikanerin Karen Breece geschrieben wurde. Sie arbeitet fast dokumentarisch und übersetzt es in Theaterproduktionen. Karen Breece bringt demnächst an den Kammerspielen das Stück Don’t Forget To Die. Es wird um das Altern gehen.

Nächster Grund: Oradour wird gespielt von Benny Claessens und Katja Bürkle, zwei sehr unterschiedlichen Vollblutschauspielern, die mich schon oft überzeugt haben. Gerade diese Kombination machte es interessant.

Weiter: Benny Claessens war einige Jahre lang teils umstrittenes, teils gefeiertes Ensemblemitglied bei den Kammerspielen. Er bringt in Kürze an den Kammerspielen die wohl sehr persönliche Performance Hello Useless – for W and Friends.

Und: Auch Katja Bürkle war einige Jahre lang in den Kammerspielen. Sie ist seit kurzem am Residenztheater in München. Dort ist sie bisher im furiosen Stück „Die Räuber“ von Friedrich Schiller und im Stück „Jagdszenen aus Niederbayern von Martin Sperr zu sehen. Jeweils in Hauptrollen. Beides sehenswert. Die Inszenierung „Jagdszenen aus Niederbayern“ wiederum lief auch an den Münchner Kammerspielen.

Noch ein Grund: Das Stück Oradour im HochX wird in Kooperation mit den Kammerspielen gezeigt, von denen ich ja oft berichte.

Noch einer: Im weit bekannten Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink geht es – wie im Stück „Oradour“ – um ein Kriegsverbrechen, das (im Roman) demjenigen von Oradour zumindest sehr ähnelt. 642 Einwohner des Dorfes Oradour sur Glane wurden ermordet. Die Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder in einer Kirche zusammen getrieben, die von deutschen Soldaten beschossen und in Brand gesetzt wurde. Bis heute wurde keiner der Täter vor einem bundesdeutschen Gericht angeklagt.

Also wahrlich viele schnelle Gründe, das Stück anzusehen. Oradour sur Glane, der französische Ort, an dem die Deutschen am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, dieses zahlenmäßig größte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieg in West Europa verübt hatten.

Gleichzeitig fand in München die Sicherheitskonferenz statt, auf der es wieder einmal um weltweite Konflikte geht. Man lernt nicht aus der Vergangenheit!

Es lässt sich viel sagen zu dem Stück. Dementsprechend weit gefächert sind auch die Kritiken. Das Thema ist ja: Wie erinnert man sich an diese Gräueltaten? Man hat ja nichts anderes mehr, als die Erinnerung. Man hat ja nur noch die Nachfahren. Wie soll man damit umgehen? Es ist noch nicht lange her! Vergessen wäre wahnsinnig! Benny Claessens stellt es einmal mit dem Wort „Schlussstrich“ in den Raum.

Mein Eindruck: Die Inszenierung bringt als solche eine durchaus beeindruckende Annäherung an das Thema. Man muss schlichtes, konzentrierts Theater mögen. Kein Brimborium, zwei wunderbare Schauspieler, schlichte Bühne, konzentrierte Texte. Ein grüner Rasen, Mikrofone und Kopfhörer. Interessant etwa, dass Katja Bürkle hier im Gegensatz zu ihren aktuellen sonstigen Stücken (auch Hamlet in den Kammerspielen) m. E. nachdenklicher, nicht so intensiv spielt. Benny Claessens dagegen zeigt viel von der Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und dem Abstand dessen, der mit diesem  Erinnern konfrontiert ist. Andererseits aber frage ich mich, warum es Karen Breece um das Thema der Erinnerung geht. Die Erinnerung muss sein, aber sie bleibt natürlich hilflos! Die hohe Politik, die für derartige Gräuel verantwortlich ist, erinnert sich nicht! Siehe Syrien. Aber sie muss bleiben, die Erinnerung! Die Erinnerung, die beide Schauspieler teils durch Kopfhörer an den Bühnenwänden aufnehmen und in einzelnen Szenen zeigen. Eine Gedenkfeier alter Nazis, ein kleines Mädchen, das dem Grauen entkam, ein Veteran etc.

Copyright des Beitragsbildes: Lothar Reichel

THEATER: Maxim Gorki – Kinder der Sonne

„Uns geht es doch gut!“. Und diejenigen, denen es gut geht, sitzen gerne unter ihrer Käseglocke. Es war schon immer so und wird so bleiben. Man kennt es auch aus aktuellen Zeiten, Nationalismus etc. Es war auch um 1900 in Russland der Anlass für Maxim Gorki, das Stück „Kinder der Sonne“ zu schreiben. Das Stück wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Ich habe es am Wochenende gesehen.
Außerhalb der Käseglocke, unter der die „Kinder der Sonne“ lebten, wütete damals – als Maxim Gorki das Stück geschrieben hatte – Armut und Wut, soziale Unruhen kamen auf, Revolutionsgedanken. Eine große Cholerepidemie lag damals gerade ein paar Jahre zurück. (Gorkis Vater war Opfer einer noch früheren Choleraepidemie gewesen, war daran gestorben.) Die Cholera hatte natürlich vor allem die armen Schichten ergriffen. Die Epidemie um 1900 war also auch ein soziales Thema. Es kam im Anschluss zum  „blutigen Sonntag“ in Petersburg, der brutalen Niederschlagung einer Demonstration. Maxim Gorki kam ins Gefängnis.

Aber unterhalb der Käseglocke ging alles schön weiter. Beziehungen, Wissenschaft, Kunst etc.  Klamauk. Die sozialen Unruhen „draußen“ werden in der Inszenierung des Stückes „Kinder der Sonne“ vielleicht fünfmal kurz erwähnt,  Lisa, die Schwester des Wissenschaftlers Protassow, spricht es (siehe das Beitragsbild, Mathilde Bundschuh) in zwei kurzen Monologen deutlich an und vier/fünf Rabauken stürmen am Ende des Stückes die Bühne. Davor konnte man über mehr als zwei Stunden lang dem Klamauk einer Beziehungsgeschichte unter der Käseglocke folgen. Es wird leider auch durchgängig gespielt wie ein Boulevardstück. Vor allem Norman Hacker als Wissenschaftler Protassow wirkt manches Mal zu boulevardmäßig in seiner hilflosen Art. Ob Maxim Gorki das Stück, das er immerhin nachts mit Sondererlaubnis im Gefangnis geschrieben hatte, so klamaukhaft verstanden hat, bezweifele ich. Aber das Münchner Publikum scheint zufrieden. Die Käseglocke wird nur kurz gelüftet. Dann wird es doch ein „schöner Theaterabend“. „Wir haben Maxim Gorki gesehen!“.

Wir haben die Käseglocke, gerade in Bayern und in München! Nur spielt sich außerhalb der Käseglocke heute anderes ab. Aber damit wird das Münchner Publikum durch diese Inszenierung nicht belästigt. Erstaunlich, dass im Programmheft des Residenztheaters auf Cholerafälle in Jordanien verwiesen wird. Schrecklich genug, aber es wäre fast verlogen, das als Anlass für die Inszenierung zu nennen. Als haben wir nicht ganz andere Themen! Es geht nicht mehr um soziale Unruhen in Russland! Aufkommender Nationalismus, Umweltzerstörung weltweit, vieles im Bereich „Produktionsweise für unseren Konsum“, Armut, etc. Das als Beispiele! Davon will der Münchner Theatergänger aber nichts wissen. Obwohl die Inszenierung durchaus in der heutigen Zeit ansetzt. So das Bühnenbild, so die Kostümierung. So auch etwa Einzelheiten wie das Staubsaugen mit Handstaubsauger durch Fima (das Dienstmädchen). Ich hätte mir z. B. gewünscht (ein Milo Rau hätte es wahrscheinlich gemacht), dass in dem Moment, wo die Rabauken die Bühne einnehmen, im Hintergrund auf Leinwand wirklich aktuelle Bilder des Weltgeschehens gezeigt werden. Bilder von „Außerhalb der Käseglocke“. Es hätte dem Stück schlagartig Brisanz gegeben. Dann hätte man Angst bekommen können. Im Programmheft heißt es ja, den Personen unter der Käseglocke stecke die Angst in den Knochen. Aber offenbar soll in dieser Inszenierung quasipolitisch nichts ausgesagt werden. Es wird nur etwas angedeutet. Und das, obwohl die Inszenierung, wie gesagt, bewusst in die heutige Zeit geholt wird.  Es war insoweit harmlos, der Blutdruck solle geschont werden.

Man kann sogar weiter gehen: Die Inszenierung führt den Zuschauer in die Irre. Und es zeigt sich noch etwas:  Das Residenztheater zeichnet sich großteils (mein Eindruck) dadurch aus, dass die fast immer sehr gut besuchten Stücke im wesentlichen von älteren Menschen besucht werden. Das ist ncht negativ gemeint. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Der gediegene Münchner geht aber gerne für einen schönen Theaterabend ins Residenztheater! Von daher ist der Charakter der dortigen Inszenierungen nicht unbedingt progressiv. Aber mit „Kinder der Sonne“ wird es schon fast auf die Spitze getrieben.
Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich persönlich gerne Theaterabende erlebe, die aufrütteln, beunruhigen, Neues zeigen, irritieren etc.

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Dashuber

THEATER: Lion Feuchtwanger – Wartesaal

Was Theater kann? Beispielsweise das kann man sagen:
„Wie alt ein Stück auch sein mag, wie futuristisch oder naturalistisch das Bühnenbild, wie realistisch oder theatralisch der Spielstil: Schauspieler und Zuschauer sind Zeitgenossen. Dies bietet dem Theater enormes Potenzial, nämlich, mit jeder Vorstellung von neuem mit dem Zuschauer das Gespräch zu suchen über die Zeit, in der wir leben. Es gibt keine Kunstform, die diesen „Bewusstseinsbonus“ mehr in sich trägt als das Theater. Es gibt für mich nichts schöneres als Zeuge zu sein, wie Schauspieler und Zuschauer zusammen aus toter Materie ein lebendes Gespräch entstehen lassen.“

(Brief an das Publikum, Kammerspiele Spielzeit 2010/2011)

Und  wie siehts mit „Wartesaal“ von Lion Feuchtwanger aus? Ich habe es jetzt gesehen.

„Wartesaal“ ist inszeniert von Stefan Pucher, wird derzeit an den Münchner Kammerspielen gezeigt. Die Trilogie (Erfolg – Geschwister Oppermann – Exil) über die Zeit des Aufkommens der Nazis vor dem II. Weltkrieg. Tote Materie. Gut, man könnte sagen, auch heute kommt irgendetwas auf uns zu, die Dinge ändern sich, wir schauen nur zu. Aber die Inszenierung (es geht um den Teil „Exil“) gehört m. E. wahrlich nicht zu den Stücken, die den obigen engagierten Sätzen über Theater gerecht werden.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Wartesaal“ ist eine durchaus beeindruckende Nacherzählung des umfangreichen Romans „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Ich hatte ihn davor gelesen. Manche finden die Inszenierung gar fulminant, man liest etwa:
Es war endlich wieder einmal einer dieser unvergesslichen Abende, die unauslöschlich im Bewusstsein bleiben, nicht nur, weil eine große und großartige Botschaft in die Welt gebracht wurde, sondern weil erlebbar war, welche bewegende Kraft gutes Schauspiel haben kann (Wolf Bernatzki, www.theaterkritiken.com).
Oder die Münchner Abendzeitung: Sie hat die Inszenierung zum Theaterstück des Jahres gekürt – der kulturelle Münchner Höhepunkt des Jahres 2017 im Bereich Theater!
Andere sind nicht so überzeugt, etwa die Süddeutsche Zeitung, etwa die neue Zürcher Zeitung (siehe die Kritikenrundschau auf www.nachtkritik.de).
Ich sage nicht: „Fulminant!“ Ich würde sagen: „Eine schöne Inszenierung“, mehr nicht. Die Inszenierung wird m. E. aber einem irgendwie gearteten progressiven Charakter – dem Charakter der Kammerspiele – nicht gerecht. Das ist nicht harte Kritik, es ist meine Erfahrung nur. Progressiv im Sinne von: Man wird angeregt, man denkt nach, man sieht Dinge neu, anders, sieht Dinge aus anderer Perspektive, erhält neue Perspektiven, es kann unbequem sein, kann stören, man wird manchmal leicht oder stark gerüttelt und so weiter. Aber was derart Progressives angeht, hatte ich nach diesem Abend sogar gedacht: Diese Inszenierung ist der Kammerspiele nicht würdig! Das spricht nicht gegen die Inszenierung! Wer den Roman nicht kennt, wird wunderbar durchgeführt. Es kann auch beeindruckende Inszenierungen dieser nur „darstellenden“ Art geben, keine Frage. Es geht nicht immer um „politisches Theater“. Ich meine nur, dass man sich hier leider als Zuschauer nicht mit progressiver Darstellung irgendeiner Art oder aufrüttelnden Gedanken oder ähnlichen Anreizen auseinandersetzen musste/konnte. Es ist brav. Brav auf sehr hohem Niveau!
Und wenn ich etwas zur Inszenierung sagen kann: Sie ist in jedem Detail schön gemacht. Das Bühnenbild etwa: Dieser gekachelte Wartesaal, diese mehrfachen Ebenen. Aber auch dort, finde ich, wären deutlichere Wege möglich gewesen. Zu brav. Gut, ich war vorbelastet durch das Lesen des Romans. Liest sich ja nicht an einem Tag! (Schöner und meine Erachtens eindringlicher geschrieben ist übrigens der Roman „Erfolg“!). Ich hatte auch eine deutlichere Orientierung in der damaligen Zeit erwartet. Erst der vorletzte Teil, in dem Annette Paulmann vor geschlossener Bühnenwand (auf die Bilder der damaligen Zeit projiziert werden) über die Exilanten der damaligen Zeit liest/spricht, holt den Zuschauer deutlich in die damalige Zeit. Schön, wie die Schauspieler des Ensembles in die Bilder integriert werden.
Oder die schauspielerischen Leistungen: Gut und brav zum Großteil! Samouil Stoyanov und Maja Beckmann haben mich am meisten beeindruckt. Ich finde, Sepp Trautwein (Samouil Stoyanov), um den sich letztlich alles dreht, hätte – so habe ich den Roman vor Augen – mehr Raum in der Inszenierung verdient gehabt. Zumal dann die wunderbare Leistung von Samouil Stoyanov verdientermaßen hervorstechen hätte können. Schade. Julia Riedler hatte es dagegen schwer: Drei Rollen, aber die unterschiedlichen Charaktere wurden bei ihr m. E. nicht richtig deutlich. Auch schade! Ich war vorbelastet!
Auch die Videotechnik war interessant eingesetzt. Immer zugunsten der Schauspieler!
Ich werde es noch einmal ansehen, wie so oft! Schön und auf seine Art sehr gelungen ist es allemal!
Copyright des Beitragsfotos: Arno Declair, Kammerspiele

THEATER: Milo Rau – Die 120 Tage von Sodom

Ich schreibe an sich nicht über Ereignisse, die man sich gar nicht mehr ansehen kann. Das nützt ja niemandem.

Aber man kann Milo Rau’s Inszenierung von „Die 120 Tage von Sodom“ nach Motiven aus dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini und dem Buch von Donatien Alphonse François de Sade noch sehen. Auch wenn es an den Münchner Kammerspielen nur zweimal – jeweils ausverkauft – zu sehen war, es ist noch im Repertoire des Schauspielhaus Zürich zu sehen. UND: Ich gehe davon aus, dass es auch an anderen deutschsprachigen Bühnen noch Gastspielauftritte geben wird. Es ist ja ein sehr bemerkenswertes Stück. Siehe meinen kürzlich geposteten Blogbeitrag zu den aktuellen Aktivitäten von Milo Rau HIER.

Einen Trailer zum Stück „Die 120 Tage von Sodom“ findet man HIER und die Seite zum Stück im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich findet sich HIER.

Zum Inhalt des Stückes: In der Alpenrepublik „Saló“ – dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung – werden junge Männer und Frauen entführt und von vier Vertretern eines untergehenden Regimes in einem Schloss gefangen gehalten. In einer Reihe von sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht und erniedrigt und schliesslich in einer Gewaltorgie zu Tode gequält.

Mein Eindruck:  „REIBUNGSFLÄCHE“ steht ja auf dem Streichholzmäppchen, das das Schauspielhaus Zürich den Zuschauern im Foyer als kleines Geschenk anbot. Das kann man wohl sagen! Milo Rau setzt mit „Die 120 Tage von Sodom“ seine Arbeit an unglaublich extremen, herausfordernden Themen fort! Eine „Untersuchung nach den Grenzen des auf der Bühne Ertrag- und Darstellbaren“ heißt es im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich. Begonnen hatte es mit Five Easy Pieces, dem Stück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, das von Kindern (!) gespielt wurde (HIER mein damaliger Blogbeitrag dazu). Und jetzt: „Die 120 Tage von Sodom“, gespielt von geistig behinderten Kindern!

Es sollte damals eine „Gesellschaftsdiagnose“ sein und das kann es auch heute noch sein. Wobei sich natürlich alles grundlegend geändert hat! Dennoch! An welche Grenzen gehen wir heute? Wie empfinden wir diese Grenzen heute? Wie empfinden wir den extremen Grat zwischen Leben einerseits und Brutalität und Tod andererseits? Alle Grenzen werden ja gesprengt! Sadistische Szenen, sexuelle Szenen, nackte Behinderte auf der Bühne etc., mit persönlicher Vorstellung einiger der Personen auf der Bühne, mit einem Abspann wie im Kino. Gerahmt von biblischen Szenen, unterlegt zum Teil mit klassischer Musik.

Milo Rau hat bei allem eine besondere Handschrift, die auch das Stück Five Easy Pieces prägte. Er ummäntelt das schwer Zumutbare mit einer ganz besonderen Sensibilität, die alles erträglich macht, ohne es auch nur irgendwie zu verharmlosen. Das Verharmlosen ist übrigens gerade durch das Spiel der Truppe der behinderten Schauspieler aus der Schweiz ausgeschlossen. Die Sensibilität betrifft die gesamte Inszenierung, von der Musik bis zu jeder Geste fast. Eine gewisse durchaus passende Ästhetik schwingt leise mit. Man hat nicht ein einziges mal  das Gefühl, hier werde ein Thema ausgeschlachtet, es werde etwas produziert. Man wird eher auf extreme Art und Weise angeregt, man kann sich, ohne überlastet zu sein, überlegen: Wie stehe ich zu alledem? Es ist zweifellos eine Kunst, derartiges so – also ohne jede übertriebene Theatralik – auf die Bühne zu bringen. Man erkennt, dass das Leben immer auch Brutalität und Tod bedeutet. Ästhetik und Rausch. Auch und gerade in der heutigen Zeit. „Genusssucht und Untergangsangst, Normalisierungswahn und kleinbürgerlicher Skandallust“ sind nur zwei Begriffspaare, die die Kammerspiele im Internetauftritt zum Stück (HIER) bringen. Ich könnte mehr dazu schreiben, ergänze es wohl in Kürze.

Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ein Stück von Milo Rau ansehen. Es ist kein Genuss, sondern eine Herausforderung!