THEATER: Lion Feuchtwanger – Wartesaal

Was Theater kann? Beispielsweise das kann man sagen:
„Wie alt ein Stück auch sein mag, wie futuristisch oder naturalistisch das Bühnenbild, wie realistisch oder theatralisch der Spielstil: Schauspieler und Zuschauer sind Zeitgenossen. Dies bietet dem Theater enormes Potenzial, nämlich, mit jeder Vorstellung von neuem mit dem Zuschauer das Gespräch zu suchen über die Zeit, in der wir leben. Es gibt keine Kunstform, die diesen „Bewusstseinsbonus“ mehr in sich trägt als das Theater. Es gibt für mich nichts schöneres als Zeuge zu sein, wie Schauspieler und Zuschauer zusammen aus toter Materie ein lebendes Gespräch entstehen lassen.“

(Brief an das Publikum, Kammerspiele Spielzeit 2010/2011)

Und  wie siehts mit „Wartesaal“ von Lion Feuchtwanger aus? Ich habe es jetzt gesehen.

„Wartesaal“ ist inszeniert von Stefan Pucher, wird derzeit an den Münchner Kammerspielen gezeigt. Die Trilogie (Erfolg – Geschwister Oppermann – Exil) über die Zeit des Aufkommens der Nazis vor dem II. Weltkrieg. Tote Materie. Gut, man könnte sagen, auch heute kommt irgendetwas auf uns zu, die Dinge ändern sich, wir schauen nur zu. Aber die Inszenierung (es geht um den Teil „Exil“) gehört m. E. wahrlich nicht zu den Stücken, die den obigen engagierten Sätzen über Theater gerecht werden.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Wartesaal“ ist eine durchaus beeindruckende Nacherzählung des umfangreichen Romans „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Ich hatte ihn davor gelesen. Manche finden die Inszenierung gar fulminant, man liest etwa:
Es war endlich wieder einmal einer dieser unvergesslichen Abende, die unauslöschlich im Bewusstsein bleiben, nicht nur, weil eine große und großartige Botschaft in die Welt gebracht wurde, sondern weil erlebbar war, welche bewegende Kraft gutes Schauspiel haben kann (Wolf Bernatzki, www.theaterkritiken.com).
Oder die Münchner Abendzeitung: Sie hat die Inszenierung zum Theaterstück des Jahres gekürt – der kulturelle Münchner Höhepunkt des Jahres 2017 im Bereich Theater!
Andere sind nicht so überzeugt, etwa die Süddeutsche Zeitung, etwa die neue Zürcher Zeitung (siehe die Kritikenrundschau auf www.nachtkritik.de).
Ich sage nicht: „Fulminant!“ Ich würde sagen: „Eine schöne Inszenierung“, mehr nicht. Die Inszenierung wird m. E. aber einem irgendwie gearteten progressiven Charakter – dem Charakter der Kammerspiele – nicht gerecht. Das ist nicht harte Kritik, es ist meine Erfahrung nur. Progressiv im Sinne von: Man wird angeregt, man denkt nach, man sieht Dinge neu, anders, sieht Dinge aus anderer Perspektive, erhält neue Perspektiven, es kann unbequem sein, kann stören, man wird manchmal leicht oder stark gerüttelt und so weiter. Aber was derart Progressives angeht, hatte ich nach diesem Abend sogar gedacht: Diese Inszenierung ist der Kammerspiele nicht würdig! Das spricht nicht gegen die Inszenierung! Wer den Roman nicht kennt, wird wunderbar durchgeführt. Es kann auch beeindruckende Inszenierungen dieser nur „darstellenden“ Art geben, keine Frage. Es geht nicht immer um „politisches Theater“. Ich meine nur, dass man sich hier leider als Zuschauer nicht mit progressiver Darstellung irgendeiner Art oder aufrüttelnden Gedanken oder ähnlichen Anreizen auseinandersetzen musste/konnte. Es ist brav. Brav auf sehr hohem Niveau!
Und wenn ich etwas zur Inszenierung sagen kann: Sie ist in jedem Detail schön gemacht. Das Bühnenbild etwa: Dieser gekachelte Wartesaal, diese mehrfachen Ebenen. Aber auch dort, finde ich, wären deutlichere Wege möglich gewesen. Zu brav. Gut, ich war vorbelastet durch das Lesen des Romans. Liest sich ja nicht an einem Tag! (Schöner und meine Erachtens eindringlicher geschrieben ist übrigens der Roman „Erfolg“!). Ich hatte auch eine deutlichere Orientierung in der damaligen Zeit erwartet. Erst der vorletzte Teil, in dem Annette Paulmann vor geschlossener Bühnenwand (auf die Bilder der damaligen Zeit projiziert werden) über die Exilanten der damaligen Zeit liest/spricht, holt den Zuschauer deutlich in die damalige Zeit. Schön, wie die Schauspieler des Ensembles in die Bilder integriert werden.
Oder die schauspielerischen Leistungen: Gut und brav zum Großteil! Samouil Stoyanov und Maja Beckmann haben mich am meisten beeindruckt. Ich finde, Sepp Trautwein (Samouil Stoyanov), um den sich letztlich alles dreht, hätte – so habe ich den Roman vor Augen – mehr Raum in der Inszenierung verdient gehabt. Zumal dann die wunderbare Leistung von Samouil Stoyanov verdientermaßen hervorstechen hätte können. Schade. Julia Riedler hatte es dagegen schwer: Drei Rollen, aber die unterschiedlichen Charaktere wurden bei ihr m. E. nicht richtig deutlich. Auch schade! Ich war vorbelastet!
Auch die Videotechnik war interessant eingesetzt. Immer zugunsten der Schauspieler!
Ich werde es noch einmal ansehen, wie so oft! Schön und auf seine Art sehr gelungen ist es allemal!
Copyright des Beitragsfotos: Arno Declair, Kammerspiele
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THEATER: Milo Rau – Die 120 Tage von Sodom

Ich schreibe an sich nicht über Ereignisse, die man sich gar nicht mehr ansehen kann. Das nützt ja niemandem.

Aber man kann Milo Rau’s Inszenierung von „Die 120 Tage von Sodom“ nach Motiven aus dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini und dem Buch von Donatien Alphonse François de Sade noch sehen. Auch wenn es an den Münchner Kammerspielen nur zweimal – jeweils ausverkauft – zu sehen war, es ist noch im Repertoire des Schauspielhaus Zürich zu sehen. UND: Ich gehe davon aus, dass es auch an anderen deutschsprachigen Bühnen noch Gastspielauftritte geben wird. Es ist ja ein sehr bemerkenswertes Stück. Siehe meinen kürzlich geposteten Blogbeitrag zu den aktuellen Aktivitäten von Milo Rau HIER.

Einen Trailer zum Stück „Die 120 Tage von Sodom“ findet man HIER und die Seite zum Stück im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich findet sich HIER.

Zum Inhalt des Stückes: In der Alpenrepublik „Saló“ – dem letzten Refugium einer faschistischen Regierung – werden junge Männer und Frauen entführt und von vier Vertretern eines untergehenden Regimes in einem Schloss gefangen gehalten. In einer Reihe von sadistischen Ritualen werden die Jugendlichen missbraucht und erniedrigt und schliesslich in einer Gewaltorgie zu Tode gequält.

Mein Eindruck:  „REIBUNGSFLÄCHE“ steht ja auf dem Streichholzmäppchen, das das Schauspielhaus Zürich den Zuschauern im Foyer als kleines Geschenk anbot. Das kann man wohl sagen! Milo Rau setzt mit „Die 120 Tage von Sodom“ seine Arbeit an unglaublich extremen, herausfordernden Themen fort! Eine „Untersuchung nach den Grenzen des auf der Bühne Ertrag- und Darstellbaren“ heißt es im Internetauftritt des Schauspielhauses Zürich. Begonnen hatte es mit Five Easy Pieces, dem Stück über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux, das von Kindern (!) gespielt wurde (HIER mein damaliger Blogbeitrag dazu). Und jetzt: „Die 120 Tage von Sodom“, gespielt von geistig behinderten Kindern!

Es sollte damals eine „Gesellschaftsdiagnose“ sein und das kann es auch heute noch sein. Wobei sich natürlich alles grundlegend geändert hat! Dennoch! An welche Grenzen gehen wir heute? Wie empfinden wir diese Grenzen heute? Wie empfinden wir den extremen Grat zwischen Leben einerseits und Brutalität und Tod andererseits? Alle Grenzen werden ja gesprengt! Sadistische Szenen, sexuelle Szenen, nackte Behinderte auf der Bühne etc., mit persönlicher Vorstellung einiger der Personen auf der Bühne, mit einem Abspann wie im Kino. Gerahmt von biblischen Szenen, unterlegt zum Teil mit klassischer Musik.

Milo Rau hat bei allem eine besondere Handschrift, die auch das Stück Five Easy Pieces prägte. Er ummäntelt das schwer Zumutbare mit einer ganz besonderen Sensibilität, die alles erträglich macht, ohne es auch nur irgendwie zu verharmlosen. Das Verharmlosen ist übrigens gerade durch das Spiel der Truppe der behinderten Schauspieler aus der Schweiz ausgeschlossen. Die Sensibilität betrifft die gesamte Inszenierung, von der Musik bis zu jeder Geste fast. Eine gewisse durchaus passende Ästhetik schwingt leise mit. Man hat nicht ein einziges mal  das Gefühl, hier werde ein Thema ausgeschlachtet, es werde etwas produziert. Man wird eher auf extreme Art und Weise angeregt, man kann sich, ohne überlastet zu sein, überlegen: Wie stehe ich zu alledem? Es ist zweifellos eine Kunst, derartiges so – also ohne jede übertriebene Theatralik – auf die Bühne zu bringen. Man erkennt, dass das Leben immer auch Brutalität und Tod bedeutet. Ästhetik und Rausch. Auch und gerade in der heutigen Zeit. „Genusssucht und Untergangsangst, Normalisierungswahn und kleinbürgerlicher Skandallust“ sind nur zwei Begriffspaare, die die Kammerspiele im Internetauftritt zum Stück (HIER) bringen. Ich könnte mehr dazu schreiben, ergänze es wohl in Kürze.

Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ein Stück von Milo Rau ansehen. Es ist kein Genuss, sondern eine Herausforderung!

THEATER: Eugene Labiche – Trüffel Trüffel Trüffel

Ich hätte auch den Fernseher anmachen können. Aber nein, wie immer bin ich – wie schon lange geplant und gebucht – ins Theater rübergegangen. Die Theatersaison 2017/2018 hat begonnen. Über die an den Münchner Kammerspielen zur Spielzeiteröffnung gebotene „große“ Premiere der Inszenierung zum Buch „On the Road“ von Jack Kerouac, die ich am vergangenen Freitag gesehen habe, berichte ich in ein paar Tagen. Es gab vorgestern und gestern an den Kammerspielen zwei weitere – ich würde sagen: „kleine“ – Premieren. Inszenierungen, die an den Bühnen der Kammer 2 und der Kammer 3 geboten wurden.
Vorgestern etwa war die erste Aufführung von „Trüffel Trüffel Trüffel“ von Regisseur Felix Rothenhäusler. Ein Lustspiel von Eugène Labiche (eigtl. „La poudre aux yeux“,  „Sand in den Augen“). Zwei Familien, deren Kinder heiraten möchten und die in ihren Gesprächen und „Verhandlungen“ dazu sich gegenseitig Großbürgerlichkeit vorspielen, sich Sand in die Augen streuen. Sie reden geschwollen daher, laden zum Essen ein, ordern beim besten Restaurant des Ortes eine Unzahl von Trüffelspeisen und abonnieren eine Loge in der Oper, wo leider nichts anderes läuft als immer wieder „Rigoletto“. Er, ein kaum beschäftigter Arzt, erzählt von seinen vielen Patienten, etc. Zugegeben, die Szene – Gespräche und Verhandlungen der Eltern über eine Heirat der Kinder – gibt es heute kaum mehr. Eugene Labiche lebte zwischen 1815 und 1888. Man erwischt sich aber dabei, das alles garnicht schlimm zu finden. Und keineswegs veraltet. So ist das doch in vielen Bereichen. Man findet die Personen ja fast symphatisch in ihrer Übertreibung. Sie werden fast interessanter, nicht unsymphatisch. Es darf nur nicht anstrengend werden, aber darum kämpfen sie mit sich selbst. Es ist eine harmlose, lustige Inszenierung, alle Schauspieler stehen das ganze Stück über vor dem Publikum gegenüber. Ein Textstück. Der Text und die Überzeugungskraft vor allem der Ensemblemitglieder Anette Paulmann, Samouil Stojanov und auch Wiebke Puls schaffen – auch durch kleine Gesten – die Atmosphäre. Aktuell ist das Thema immer wieder. Der Mensch will eben belogen werden! Das macht einfach interessant. Hier nur sehen wir, dass gelogen wird. Und die fake news der Neuzeit sprengen natürlich mehr und mehr die Grenzen, scheinen doch gefährlicher. Wir können garnicht mehr zwischen wahr und fake unterscheiden. Oder nehmen wir das auch irgendwann hin?
Blogfoto: Copyright Julian Baumann

THEATER: Ersan Mondtag und Christoph Marthaler an den Münchner Kammerspielen

Zwei weitere Ereignisse bringe ich in den kommenden Tagen ausführlicher. Beides Fälle, in denen Theaterfreunde sagen können: Klasse, dass sie in München etwas auf die Bühne bringen!

  • Am Donnerstag, den 22.06.2017 war an den Kammerspielen die Premiere des Stückes DAS ERBE unter der Regie von Ersan Mondtag (Text Olga Bach).
  • Und heute, Samstag, den  24.06.2017,ist an den Kammerspielen dann die Premiere des Stückes TIEFER SCHWEB von Christoph Marthaler.

Beide Regisseure sind in der Theaterwelt renommiert für ihre Arbeiten. Der junge Regisseur Ersan Mondtag (Jahrgang 1987) war mit den Inszenierungen „Tyrannis“ und „Die Vernichtung“ (ebenfalls ein Text von Olga Bach, mit der er schon mehrfach zusammen arbeitete) zuletzt zweimal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen (vgl. meine Blogbeiträge aus Berlin 2017). Der ältere schweizerische Regisseur Christoph Marthaler (Jahrgang 1951) ist bekannt für seine eigenwilligen und poetischen Musiktheaterabende. Er kehrt (wieder mit seinem Dramaturgen Malte Ubenauf) mit der Inszenierung Tiefer Schweb (so heißt eine der tiefsten Stellen im Bodensee) nach vielen Jahren zurück nach München an die Kammerspiele.

Ausstellung: Karel Appel, CoBrA

Ich war schon wieder aktiv: Ein grauer Sonntag – München (ich wohne zentral) – die Pinakothek der Moderne – Karel Appel. Es ist eine von mehreren Ausstellungen in der Pinakothek der Moderne, vergangenen Donnerstag eröffnet. Er war bekannt als Mitglied der Künstlergruppe CoBrA (Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam), lebte 1921 – 2006 und hat sogar noch 2005 gemalt. Künstler der Gruppe CoBrA waren etwa: Pierre Alechinsky, Constant, Corneille, Asger Jorn, Eugéne Brands, Henry Heerup. Karel Appel erlebte auch Folgeeinflüsse des Dadaismus (1916 ff), dachte ich gestern. Man sieht etwa zwei schöne Collagen. Der „Dadaismus“ (oder: das Dada) hatte ja u.a. das Prinzip, alles Bestehende – Verfahren, Formen, Handlungsweisen, die Kunst selbst, das Gewohnte, das Politische etc. – aufzulösen, in Schnipsel zu zerreißen, um es dann erst wieder unbefangen, ungeschönt neu betrachten, erfahren zu können. Wie das Hörspiel (vgl. Blogeintrag), bezogen auf das aktuelle Leben. So erfährt man auch bei Karel Appel durch fast alle Bilder – man sieht Zeichnungen und Gemälde) alles anders. Unglaublich auch, welche Schaffenskraft (über 10.000 Skulpturen, Plastiken, Zeichnungen, Gemälde!) er hatte. Wunderbar! Nicht realistisch, expressionistisch, manchmal rein abstrakt, nicht surrealistisch (ich bin allerdings nicht Fachmann dieser Begriffe). Man steht vor wunderbaren Bildern und sieht, dass man die teils zu erahnenden Dinge (oftmals Frauen oder Tiere) auch völlig anders sehen kann. Lohnt sich! Sehr vielfältig, die nachfolgenden Bilder sind nicht im Geringsten allein typisch!

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