THEATER: Amir Reza Koohestani – Die Attentäterin

Warum macht eine Frau das? Sich selbst in die Luft sprengen und weit mehr als zehn Kinder mit in den Tod reißen! Sie waren gerade auf einer Geburtstagsfeier. Sie war Palästinenserin und hat sich in Tel Aviv in die Luft gejagt.

Das ist die Ausgangslage des Romans „Die Attentäterin“ des Algeriers Jasmina Khadra (sein Künstlername). Der Ehemann der Attentäterin kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau das getan hat. Er bezweifelt sogar lange, dass sie es überhaupt getan haben könnte. Warum auch? Er möchte dann den Gründen näher kommen. Einer der bedeutenden iranischen Theatermacher, Amir Reza Koohestani, hat aus dem Roman eine Theaterfassung entwickelt, die am vergangenen Freitag Premiere an den Münchner Kammerspielen hatte. Es war ein anderer Theaterabend, als meine vorherigen, die viel mehr auch  „Blicke in die Vergangenheit“ waren (Lion Feuchtwanger – „Wartesaal“, Bertolt Brecht – „Trommeln in der Nacht“, Der Abend „1968“ über die Studentenunruhen 1968, Maxim Gorki – „Kinder der Sonne“ am Residenztheater, „Oradour“ im HochX, „Les Miserables“, die Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble etc., ). „Die Attentäterin“ ist leider immer wieder aktuell. Hier mit der Besonderheit, dass es eine Frau ist, die den Selbstmord begeht.

Zum Stück: Es war eine zurückhaltende, textlastige Inszenierung. Politisches Theater. Eine derart zurückhaltende Inszenierung zeigt Koohestani ja auch im Stück „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ nach dem gleichnamigen Roman von Kamel Daoud. Auch diese Inszenierung läuft noch in den Kammerspielen (Freitag, 6. April).

Der Zuschauer verfolgt die Suche des Ehemanns nach einer Erklärung. Man folgt ihm auch nach Palästina zu ihrer Familie. In der Inszenierung sieht der Zuschauer immer wieder auf der Rückwand der Bühne schwarz-weiß und übergroß ein, zwei oder mehrere Gesichter der sprechenden Personen. Nur die Gesichter. Die Personen sitzen meist an einem lang gezogenen Tisch. Es geht um die Gespräche und um die Reaktionen der Personen. Und um „die Situation“ zwischen Israel und Palästina. Sehr intensiv. Wir in Deutschland sind sicherlich nicht in der Lage zu sagen, warum eine Frau so etwas tut. Sicherlich sind Jasmina Khadra und Amir Reza Koohestani um einiges näher dran. Die Attentäterin habe doch jeden Luxus gehabt, sagte einmal etwa der israelische Kommissar. Eine vordergründige Überlegung. Stand eine Terrororganisation dahinter? Auch eine Überlegung. Gespielt wird der Kommissar übrigens von Samouil Stojanov, der wie immer eine fantastische Bühnenpräsenz hat. Ihm müsste man mal einen ganzen Abend geben, auf dem er solo spielen, „brüllen“ und tanzen kann. Beide letztgenannten Dinge sind bei ihm sehr beeindruckend. Auch in „Die Attentäterin“ brüllt er den Ehemann am Tisch an, insgesamt seien bis heute 2300 palästinensische Minderjährige durch Selbstmordattentate umgekommen, während es 145 Minderjährige aus Israel seien. Und alles geht immer weiter. Der Abend endet auch damit, (ACHTUNG: Nicht weiterlesen, wer das Stück sehen will!) dass eine israelische Bombe die palästinensische Familie auslöscht. So verlängert sich ganz einfach die Kette der sinnlosen Massaker. Man bekommt auch keine fertige Lösung dafür, warum die Attentäterin sich und – angeblich – viele Kinder in die Luft gesprengt hat. Sie sagt – nach ihrem Tod – etwa einmal: „Was nützt unser Glück, wenn wir es nicht teilen können?“ Teilen mit wem? Mit allen, die dort unten leiden? Und dann selbst Leid zufügen? Ich verstehe es nicht ganz. Aber der psychische Druck auf bestimmte Menschen – wie die Attentäterin – muss extrem sein! Andererseits erlebt man die Attentäterin – in der Inszenierung taucht sie nach ihrem Tod mehrfach auf und spricht zu ihrem Ehemann – nicht als mit Druck oder gar Hass belastete Person. Ganz und gar nicht. Sie wird fast als die „gute Seele“ des Stückes gezeigt … was ich irgendwie auch nicht verstanden habe. Es bleiben viele Ansätze. Auch generell die Rolle arabischen Frauen in der Gesellschaft mag ein Aspekt sein. Ob die Frauenrolle gar Motiv für den Suizid und Mord sein kann, bleibt offen, das zu beantworten war nicht Intention des Abends. Man muss jedenfalls als Zuschauer dem Text genau folgen, um die verschiedenen Überlegungen und Nuancen gut zu erkennen. Aber das macht den Abend wertvoll. So kommt die „Situation“, die wir nur von Schlagzeilen kennen (Israel/Palästina und die Selbstmordanschläge), hier auf die Bühne! „In „Die Attentäterin“ versuchen wir, eine Schlagzeile in ein Drama zu verwandeln„, sagt Koohestani im Programmheft. Ohne Partei zu ergreifen übrigens. Sonst wäre so ein Abend auch sinnlos.

HIER die Besprechung des Deutschlandfunks (als Audio abhörbar).

Copyright des Beitragsbildes: Judith Buss

Advertisements