THEATER: Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

Es klingt im ersten Moment aggressiv und arrogant: „Erschlagt die Armen!“ So heißt das Stück, das derzeit auf der Bühne im Werkraum des Residenztheaters gezeigt wird. Es ist eine Inszenierung nach dem Buch „Assomons les pauvres“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha. Das Buch hatte, liest man, bei seinem Erscheinen in Frankreich 2011 viel Aufsehen erregt. Es geht um das Asylsystem. Sinha hatte einige Jahre in Frankreich alles miterlebt, als Dolmetscherin in Asylverfahren gearbeitet. Nach dem Erscheinen des Buches hat sie ihren Job verloren.

Das Buch ist eine Art Rundumschlag gegen das letztlich verlogene Asylsystem. Aus der Sicht einer Dolmetscherin, die sich zwischen den Welten unwohl fühlt. Wut und Angst verspürt.

Warum der Titel? Er geht zurück auf ein gleichnamiges Prosagedicht von Charles Baudelaire, erschienen 1865. In dem Prosagedicht schlägt ein wohlsituierter Mann auf einen Bettler ein, der dann aber heftig zurückschlägt. Er zeigt sich ebenbürtig, was dem Mann wiederrum offenbar gefällt. Entweder deswegen oder um sich selber zu schützen, gibt er dem Bettler dann doch die Hälfte seines Geldes, er habe seine Würde bewiesen.

Zur Inszenierung: Ich mag Theaterabende, an denen wenige Schauspieler teilnehmen. Dieses Stück ist sogar ein Solostück. Noch dazu spielt Anna Drexler. Anna Drexler war längere Zeit an den Kammerspielen. Ich kenne und schätze sie aus einigen Auftritten. Ich muss sagen, ich wunderte mich etwas: Ich finde, sie kann noch mehr! Sie hat sehr viel Text, so ging vielleicht freie und deutlichere Spielweise flöten. Sehr schade, neue Facetten habe ich an ihr nicht gesehen. Irgendwie etwas zu einstudiert. Es war aber eben verdammt viel Text! Vielleicht passten auch das Bühnenbild und die Kostüme herum nicht zu ihr. Beides war sehr nüchtern. Auch das fand ich schade. Viele Neonröhren standen senkrecht um die schiefe Bühnenfläche herum. Grelles weißes Licht. Hautfarbener langweiliger Anzug. Viele Kopfhörer hängen von der Decke. Mehr war nicht. Nun ja. Wobei ich wahrlich nicht meine, das Bühnenbild müsse unbedingt viel aussagen!

Und zum Inhalt: Es war auch für den Zuschauer viel Text. Viele Aspekte, die man in dieser einstündigen Aufführung verarbeiten soll, was sicherlich an einem kurzen Abend schwerer fällt, als wenn man das Buch liest. Ich habe es nicht geschafft, allem zu folgen. Vielleicht lag es an mir. Zu Beginn zieht Anna Drexler – in ihrer Rolle als die Übersetzerin – eine Plastikfolie vom Theaterboden. Sie enthüllt damit die Doppelbödigkeit des Asylystems. Recht aussagekräftig ist folgende Textstelle (ich habe sie im Nachgang dem Sprechtext des Stückes entnommen):

„Ich hatte Lust, ihm (Anm: Herrn K., der die festgenommene Übersetzerin vernimmt, nachdem sie aus „Wut und Angst“ einem Asylsuchemden in der U-Bahn mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen hatte) zu erzählen, wie ich gelernt hatte, das Elend zu meiden, mich auf dem Absatz umzudrehen, die Brücken hinter mir einzureißen. Ich hatte Lust, ihm zu sagen, dass diese Leute ihr Land verlassen wie Ratten ein untergehendes Schiff und dass ich sie insgeheim verstehen konnte.“

Hintergrund: Sie sieht in ihren Verfahren immer wieder, dass die Asylsuchenden Asylgründe nennen, aber eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge sind. Lügensystem nennt sie das Asylsystem. Und die Härte der Beamten oder Richter – die die Wahrheit hören wollen – zerreißt die Dolmetscherin persönlich. Sie hat es geschafft. Sie hat Asyl bekommen. Ist damit aber getrennt von ihrer Heimat. Sie „hat die Tür zugeschlagen“. Sie ist nur andererseits auch nicht zu Hause dort, wo sie lebt. Und sie sieht und kennt die wirtschaftlichen oder ökologischen Notlagen der Asylsuchenden. Das ganze Asylsystem gehe an diesen Problemen vorbei, könnte es heißen. Damit hat die Übersetzerin ihr großes Problem.

Aber warum der Titel? Es bleibt – vor allem mit solchen Vorüberlegungen – ein sehenswertes Stück. Vielleicht spielt Anna Drexler im Laufe der Zeit auch noch intensiver. Sie neigt ja zu Zurückhaltung, was manchmal wunderbar ist.

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THEATER: Milo Rau – LENIN

Ich habe Wattestäbchen gekauft! Auf der Packung steht: „It’s the little things in life“. Andererseits habe ich das Stück LENIN von Milo Rau an der Berliner Schaubühne gesehen. Und Lenin und seine Idee waren alles andere als „little“. Die Revolution musste für ihn weltweit sein, erst dann wäre sie gelungen. Etwas größeres gab es eigentlich in den letzten 100 Jahren nicht. Größer als jedes Wattestäbchen.

100 Jahre nach der Oktoberrevolution 1917 in der Sowjetunion hat Milo Rau „LENIN“ inszeniert. Im Programmheft (eher ein Programmbuch mit interessanten Einblicken zu Lenin und Trotzki, auch mit dem gesamten Text der Inszenierung!) sagt Milo Rau: „Ich warte schon seit meiner Jugend auf dieses Jubiläumsjahr.“ Und: „Über die Jahrzehnte habe ich Dutzende, vielleicht hunderte von Büchern gelesen über die russische Revolution, ihre Folgen, ihre Gründe.

Wie will man die komplexe Geschichte Lenins und damit Russlands und des Kommunismus einfangen? Milo Rau stellt  einen der im Grunde letzten Lebenstage Lenins auf einer Datscha dar. Eine sich durchgehend ganz langsam drehende Bühne, düstere Stimmung, vier Räume, die einzeln immer wieder zum Vorschein kommen. Gleichzeitig sieht man das Geschehen auf einer großen Leinwand über der Bühne. Wunderbare Nahaufnahmen, Lenin, Trotzki, Stalin, Lenins Frau, ein Arzt, ein Leibwächter etc. Man spürt vor allem geradezu: Die Zeit war stehen geblieben. So wird es gespielt, ein beeindruckendes Gefühl. Die Zeit war stehen geblieben, weil sich plötzlich Wissenschaft (Lenin hatte in der Schweiz Hegel gelesen), Idee, Politik, persönliche Schicksal, die Kleinheit des Lebens, Brutalität, Liebe, alles vor dem völlig hilflosen Lenin auftürmte. Er wurde mehr und mehr vom ZK abgeschnitten, Stalin bereitete sich bereits vor. Das Menschenleben Lenins und damit die Idee Lenins wurden immer unbedeutender. Er wollte Stalin noch verhindern.

Verbunden war es mit typischen Elementen von Milo Rau: Lenin wird gespielt von einer Frau, von Ursina Lardi. Denn es wird gefragt: Muss Lenin überhaupt aussehen wie Lenin? Es gebe sowieso nichts Gleiches im Leben. Eine der Theaterfragen Rau’s. Derartige Fragen schwingen ja oft bei ihm mit (Was kann Theater, was können Schauspieler, wie ist das Verhältnis Schauspieler – Theater – Publikum? Vgl. Five Easy Pieces, vgl. Die 100 Tage von Sodom): Und neben der Tribüne ein Schminktisch, an dem der ein oder andere Schauspieler zwischenzeitlich sitzt. Und als Schauspieler aus einer realen Erinnerung erzählt. Bis hin zur RAF. Einmal erzählt Trotzki von einer Aufführung im Burgtheater („Frühlings Erwachen“), eigentlich redet aber der Schauspieler persönlich.

Wie gesagt: Man merkt, die Zeit war für einen Tag stehen geblieben. Und genau das kommt wunderbar rüber. Ich fand vor allem Ursina Lardi super. Kurz dachte ich nur: Sie ist ja fast zu perfekt, die Inszenierung! Es driftet ja fast in Kitsch ab! Aber nur fast.

Also der Tenor: Was waren Lenin und seine Idee schon wert nach seinem Tod? Obwohl die Idee der Gleichheit ja irgendwie viel Berechtigung hat. Es war ein Wahnsinnsidealismus, von dem Russland getroffen wurde. Es ist und bleibt ein besonderes Schicksal Russlands. Andererseits: Wo ist Idealismus heute?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

THEATER: Didier Eribon – Rückkehr nach Reims

Das Buch: Rückkehr nach Reims. Der Autor: Didier Eribon. An der Berliner Schaubühne gibt es derzeit das Theaterstück dazu. Gleicher Titel. Das Theaterstück ist zum Berliner Theatertreffen 2018 im Mai eingeladen. Die zehn bemerkenswertesten Stücke deutschsprachige Bühnen werden ja jedes Jahr dorthin eingeladen. Highlights des Jahres!

„Das Erstarken der rechten Politik ist ein Versagen der linken Politik“, ist die Kernaussage des Buches von Didier Eribon. Eribon schildert die Entwicklung aus der Beobachterperspektive am Beispiel Frankreichs, am Beispiel seiner Familie, am Beispiel des Aufkommens von Le Pen. Aber auch in Deutschland ist es – AfD – wohl ähnlich. Ein sehr aktuelles Thema: Mit was identifizieren sich diejenigen, die sich abgehängt fühlen? Warum mit den Rechten, den Nationalisten? Warum so nationalistisch?

Didier Eribon war schon Monate zuvor zu einem Gespräch über sein Buch an den Münchner Kammerspielen. Zusammen mit Edouard Louis, der – mindestens eine Generation jünger – aktuell ein sehr ähnliches Buch geschrieben hatte („Das Ende von Eddy“). Zum selben Thema.

Zum Buch: Es erregte in Frankreich großes Aufsehen und wurde vor wenigen Jahren ins Deutsche übersetzt. Eribon war in ärmlichen Verhältnissen in Reims aufgewachsen. Er – auch seine Homosexualität spricht er an – hat sich nach der schwierigen Kindheits- und Jugendzeit vom sozialen Status seiner Wohngegend und seiner Familie distanziert – vielleicht auch wegen seiner Homosexualität – und kam erst viel später nach Reims zurück. Vielleicht war es schlechtes Gewissen. Er sagt jedenfalls in der Inszenierung – die keine wortidentische Lesung aus dem Buch war -, dass sein kulturelles Leben natürlich auch elitär sei.

Zur Inszenierung: Eine sehr gelungene Mischung aus Dokumentation und Theater. Man sieht komplett durchgehend auf großer Leinwand über der Bühne einen Film zum Buch. Man erlebt damit – wohl wie im Buch – sehr Persönliches, sehr Konkretes von Didier Eribon über seine Jugend, seine Mutter, aeine Wohngegend und daneben insgesamt über die Arbeiterbewegung der vergangenen 50 Jahre, die Zeit der linken Regierungen in Europa (Mitterand, Schmidt, Schröder, Italien, Spanien etc). Gezeigt wird, dass die ursprünglich so systemkritischen Intentionen der „Arbeiterklasse“ – 68er Generation etc. – gerade dadurch vom System aufgesaugt und zerstört wurden, dass sie, die Linken, an die Regierung kamen und dann nur noch an „Schräubchen drehten“, über „Gerechtigkeit“ redeten etc. Ihr Vorgehen war nicht mehr systemkritisch.

Nina Hoss spielt weitgehend sich selbst. Sie erzählt am Ende auch von ihrem wahren Vater. Die Einfachheit der Inszenierung ist verblüffend, in einem Aufnahmestudio soll sie den Text zu einem Film über das Buch von Eribon sprechen, den man auf der Leinwand sieht. Von Zeit zu Zeit kommt der Aufnahmeleiter ins Studio – auf die offene Bühne – und beide reden über Aspekte des Buches. Als würden sie fast ohne „Vorgaben“ diskutieren, sehr gelungen.

Mein Eindruck nur: Ich war nach der Aufführung verunsichert. Sehr viel wird berichtet über die Generation der Eltern von Didier Eribon, ebenso über die Eltern von Nina Hoss – genauer: Über den Vater, der in der DDR eine kommunistische Ausbildung absolvierte. Doch meine Erachtens bleibt zu unberücksichtigt, dass es diese Arbeiterschicht der früheren Generationen so heute nicht mehr gibt. Die Themen der damaligen Arbeitermilieus haben sich doch leicht verändert. Es sind nicht mehr diese alten Arbeitermilieus, die jetzt Le Pen oder AfD wählen. Das ist ja das Problem der Linken! Die Probleme haben sich verlagert, weg vom Thema „Ausbeutung“. Es ist doch heute ein Gefühl des Abgehängtseins in vielen Situationen. Mehr „arm und reich“ statt „Arbeiter und Arbeitgeber“. Das mag Eribon auch so sehen, in der Inszenierung ist genau hier aber eine Lücke in der Diskussion. Insoweit kommt Eribon vielleicht doch etwas zu einfach von den damaligen Arbeiterschichten auf Le Pen und AfD. 

Insgesamt aber eine absolut lohnenswerte Inszenierung, das Thema brennt ja.

Copyright des Beitragsbildes: Arno Declair

 

POLITIK: mut

Wie oft hört man Sätze wie: „Es muss sich einiges ändern!“ Gut, die CSU möchte in Bayern offenbar lieber Ruhe haben und lehnt es beispielsweise ab, einem diskursiven Kopf wie Matthias Lilienthal den Intendantenvertrag bei den Münchner Kammerspielen zu verlängern (HIER die Meldung mit Kommentar).

Man will keinen Diskurs? Ich meine: Es gibt viele Themen, die nicht unbedingt wortlos der CSU überlassen werden müssen. Diskurs ist immer gut! Einiges sollte deutlicher zur Sprache kommen. Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Es geht darum, die Spaltung der Gesellschaft zwischen „arm“ und „reich“ aufzuhalten. Es darf keine „Verlierer“ geben. Und es geht darum, sich diesem europaweiten Rechtsruck in Politik und Gesellschaft  entgegenzustellen. Einiges ließe sich ja schwer zurückdrehen.

Also: Es hat sich kürzlich in Bayern die Partei mut gegründet – ich hatte schon einmal darüber geschrieben. Zur Partei mut wurde die ursprüngliche Bewegung „ZEIT ZU HANDELN“ durch Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete der GRÜNEN, und Stephan Lessenich, Professor für Soziologie. Sein interessantes und schonungsloses Buch „Neben uns die Sintflut“ stellte er vor einiger Zeit in den Kammerspielen vor.

In vielen Bereichen drohen soziale und menschenwürdige Gesichtspunkte „unter den Tisch zu fallen“ – auch angesichts des in manchen Bereichen schon sehr deutlich festzustellenden Rechtsrucks in Bayern! Wohnen, Altersarmut, Pflegesituation, Flüchtlinge, Arbeit, die Liste der Themen, in denen die politische Herangehensweise nicht mehr schön ist, ist lang. Viel lässt sich schlicht daran festmachen, dass wir uns vielleicht abgewöhnen, jedem Menschen in jeder Hinsicht sein großes Maß an Menschenwürde zuzugestehen. Daran gilt es zu arbeiten! Und man muss keine besondere politisch gefärbte Einstellung vor sich hertragen, um diese Themen beachten zu wollen.

Besucht einen der Stammtische oder der anderen Aktionen, die derzeit in Bayern von der Partei mut organisiert werden. HIER ein Überblick über alle aktuellen Termine. Etwa gibt es den Termin in München am 10. April 2018, 20.00 Uhr, (HIER der link): Ein Benefizabend mit Musik, Kabarett, Diskussion etc. im Fraunhofer – Theater. Politik und Kultur.

Claudia Stamm sagt:

mut hat sich gegründet, um Politik zu machen, die wirklich Wert auf Menschenwürde und Demokratie legt. Dem auch in Bayern festzustellenden Rechtsruck sollte man nicht tatenlos zusehen!Unser Ziel ist es dabei auch, diese Kraft in den bayerischen Landtag zu bringen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, gerade in Bayern wieder eine politische Kraft zu haben, die sich klar und deutlich der teils menschenverachtenden Politik der Mehrheitspartei entgegenstellt.“

HIER DIE WEBSITE der Partei. Einfach ansehen und teilen – Facebook etc. Die Landtagswahl in Bayern rückt ja näher (Oktober).

THEATER: News – Matthias Lilienthal

Im Sinne meines Theaterblogs ist natürlich sofort zu melden:

Das hätten die Münchner geschafft! Nachdem sich die Münchner CSU – Stadtratsfraktion kürzlich gegen die Verlängerung des Vertrages des Kammerspiele – Intendanten Matthias Lilienthal ausgesprochen haben, erklärt Lilienthal heute, dass er den Vertrag 2020 auch seinerseits nicht verlängern wolle. Er habe keinen Rückhalt mehr. Recht hat er! Es ist ein Armutszeugnis für die CSU, meine ich. Was ist schon eine fünfjährige Intendanz. Wenn man sich einem Stadttheater hingibt, muss man Zeit bekommen!

Aber in der Tat mögen die Münchner – unabhängig von der CSU – brave und gediegene, bloß nicht aufwühlende Produktionen. Etwa Tiefer Schweb und Wartesaal. Oder Gerhard Polt. Die Münchner wollen lachen oder verwöhnt werden und nicht viel nachdenken. Und das ist nicht Matthias Lilienthal – der zusammen mit Frank Castorf das Berliner Volkstheater am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut hatte!

Tja, die CSU muss jetzt mit ihrer Argumentation  (für die Zeit ab der Spielzeit 2020/2021) einen Nachfolger finden, der für mehr „Auslastung“ der Kammerspiele sorgt. Also wohl für mehr Mainstream! Als wäre die Auslastung – 5 % hin oder her – ein Kriterium in der Kultur!

Copyright des Beitragsbildes: Lukas Barth

THEATER: Obergrenze für Unzufriedene

Aus Anlass der Situation „50 Jahre nach 1968“ gibt es zurzeit – die Premiere war am Donnerstag, den 08.02.2018 – in den Münchner Kammerspielen die Inszenierung „1968„. Man kann sagen „politisches Theater“. Ein Transparent „KEINE ANGST“ hängt über den Theatereingängen in der Maximilianstraße (siehe Blogbild). Er nimmt offenbar Bezug auf das Manifest der französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“, das 2016 in der Zeitschrift „Liberation“ veröffentlicht wurde. Darin geht es (frei formuliert) um das Thema „Was sollen wir eigentlich noch machen, es ist doch alles schon „post-“ (postmodern etc.), wir sind zu spät!“. Sie plädieren für eine hierarchiefreie Zusammenarbeit und enden im Manifest mit dem Satz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns. Habt keine Angst, es gibt nichts mehr zu verlieren.“

Die französischen Künstlergruppe „Collectif Catastrophe“ ist eine der von den Münchner Kammerspielen für diese Inszenierung eingeladenen Künstlergruppen. Künstlergruppen, die sich aus gegenwärtiger Perspektive mit Themen und Fragestellungen der bewegten Zeit um 1968 auseinandersetzen. Das Architektenbüro RAUMLABOR BERLIN (vor zwei Jahren bereits einmal mit den „Shabbyshabby Apartments“ in München in Erscheinung getreten) hat die Kammer 1 in einen offenen Raum verwandelt, den die eingeladenen Gruppen und RegisseurInnen mit je ca. 20-minütigen Kurzinszenierungen „besetzten“. Die Regisseurin LEONIE BÖHM, das Künstler*innenkollektiv HENRIKE IGLESIAS, der Regisseur ALBERTO VILLARREAL, die deutsch-ivorische Gruppe GINTERSDORFER / KLASSEN, die Regisseurin ANNA-SOPHIE MAHLER, die Schriftstellerin ELFRIEDE JELINEK, der polnische Regisseur WOJTEK KLEMM und das französische COLLECTIF CATASTROPHE – sie alle brachten etwa 20-minütige Beiträge.

Zweierlei wird versucht:

Zum Einen wird das Szenario der 68er in verschiedensten Formen um die Inszenierung herum und in ihr aufgegriffen: „Teach-In’s“ vor den Vorstellungen mit Zeitzeugen, eine „Speakers Corner“ vor dem Theater und in München, der „begehbare Tempel“ T1 mit exklusivem Bild- und Tonmaterial von Uschi Obermaier im Innenhof der Kammerspiele, der umgestaltete Zuschauerraum des Theaters, freie Platzwahl, Bier in einer Pause, ein umfangreicher „Reader“ mit Begleitmaterial zum Abend, das Transparent und vor allem die jeweiligen  Ausgangspunkte der verschiedenen Darbietungen.

Zum Anderen geht es nicht nur um das DAMALIGE. Es geht um HEUTIGE Blicke auf die damalige Zeit. Es geht NICHT darum, nachzuforschen, wo heutzutage Felder der Revolution liegen. Das wäre ein anderes Thema. Es geht um damalige Vorgänge und die Überlegung, was davon heute noch verblieben ist oder auch in die heutige Zeit noch hineinwirkt. Die Überlegung: „Wo stehen wir heute?“, ausgehend von den DAMALIGEN Vorgängen.

Da passte erst einmal mein kleines Gespräch vor Beginn des Abends:

Früher sei es recht einfach gewesen, hatte ich den Herrn, der neben mir saß, angesprochen. Man habe in den 68ern konkret gegen die Notstandsgesetze protestiert. Es würden sich auch heute viele Menschen sagen: So geht es nicht weiter, es muss sich Einiges ändern! Aber man könne heute irgendwie nicht einfach definieren, was sich ändern müsse. Das sei das Problem. Hatte ich ihn weiter „belästigt“.

Er antwortete gelangweilt: Es ändert sich doch sowieso nichts!

Ja, sagte ich, besonders hier in Bayern!

Naja – jetzt wurde er wach – wenn es mir in Bayern nicht gefalle, könne ich ja woanders hinziehen. Er könne mir aber nichts empfehlen!

Das Gespräch war beendet. Was für eine Antwort! So ist das heute: „Uns geht es gut, so soll es bleiben und wem es nicht gefällt, der kann ja woanders hin! Der werde schon sehen, was er davon habe! Also her mit einer OBERGRENZE FÜR UNZUFRIEDENE!

Dann begann der Abend: In den Kammerspielen gab es ja im Juli 1968 berüchtigte Entlassungen, nachdem die Schauspieler – damals vorgelesen vom Kabarettisten Wolfgang Neuss – auf der Bühne nach der Premiere des Stückes „Vietnam-Diskurs“ zu Spenden für den Vietcong aufgerufen hatten.

Nun, es war nicht etwa nur ein „ästhetischer Approach“ an die damaligen Themen, nach dem Motto „Wir stellen das alles nochmal schön dar!“. Nein, es war inhaltlich getrieben, politisch. Die Themen etwa waren: Damalige und heutige Selbstverbrennungen aus Protest, Politik und Psychologie, Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute, der damals viel zitierte Schriftsteller Franz Fanon, die  Studentenunruhen und Massaker in Mexiko vor Olympia 1968, Feminismus, etc.

Es war ein starker, vielfältiger Abend, der nur wenige Momente hat, die ihn schwächten. Verschiedenste Beiträge, die m. E. ohne Brüche zu einer wirklich gelungenen Inszenierung zusammengewoben werden. Als Gesamzinszenierung und im Einzelnen inhaltlich dicht (mit kleinen Hängern, etwa Elfriede Jelinek und der Feminismusbeitrag). Bis Mitte März kann man ihn sehen.

Es begann schon treffend: Eine schauspielerisch wunderbare Einführung in die Zeit von Thomas Hauser und Lukas Vögler. Beide in esoterischem, liebevollem Gebrabbel mit einem Zuschauer (Beitrag LEONIE BÖHM zur Person Wolfgang Neuss).

Dann wurde es bitterernst. Europas moralisches Versagen in der Zeit des Kolonialismus und die Fehler Afrikas (Beitrag GINTERSDORFER / KLASSEN). Es folgte der Beitrag von ANNA-SOPHIE MAHLER, die eine musikalische Collage zur damaligen Verfassung der Studenten bringt. Wieder einmal auch mit sehr prägendem Gesang von Jelena Kuljic. Dieser Beitrag war m. E. ästhetisch am beeindruckendsten inszeniert, wenn auch am unpolitischsten. WOJTEK KLEMM greift – beeindruckend v. a. durch Stefan Merki –  Selbstverbrennungen in Polen und der Tschechoslowakei auf. ALBERTO VILLARREAL erinnert an die brutale Niederschlagung von Studentenprotesten in Mexiko 1968, wenige Tage vor der dortigen Olympiade. Das junge Frauen-Performancekollektiv HENRIKE IGLESIAS greift eher humoristisch das Thema der Frauenbewegungen und ihren heutigen Standort auf. Der Reigen endet mit dem eher musikalischen (Pop-)Beitrag des COLLECTIF CATASTROPHE. Hier – wie in deren Manifest – wird alles Revoltenmäßige aufgegeben. Sie folgen, wie gesagt, dem Ansatz: „Eine bunte Zukunft wartet auf uns“. Das mag irgendwie stimmen, alles wird global und selbstbestimmt. Aber es verharmlost den Abend etwas und lässt außen vor, dass es auch heute Zustände und Entwicklungen gibt, die zu beandstanden wären. Die Position des COLLECTIF CATASTROPHE gehört sicher auch zum Stimmungsbild heutiger Zeit, ich fand aber ihren Beitrag etwas schade für den engagierten Abend. Ebenso den Beitrag des Frauen-Performancekollektivs HENRIKE IGLESIAS.

Man merkte im Übrigen, dass die damaligen Themen, auch wenn sie sich heute noch auswirken, nicht die drängendsten Probleme unserer Zeit sind.

SCHNELL GEDACHTES: Politik

Ein paar aktuelle schnelle Gedanken: Die so genannten Sondierungsbemühungen in Berlin sind beendet.

Meine unmaßgebliche Meinung: Es ist Horst Seehofer, der letztlich Frau Merkel in den vergangenen Jahren Stück für Stück zerstört hat! Bis hin zur Regierungsunfähigkeit! Wenn der Knackpunkt – wie man hört – die Migrationspolitik war, dann, denke ich, war es doch wohl die CSU, die wahrscheinlich ganz strikt ihre Obergrenze brauchte. Wegen Seehofer!

Er musste stur bleiben. Weil er immer gesagt hat, eine Regierung ohne Obergrenze werde es nicht geben. Da wollte er jetzt besonders hart bleiben, vermute ich. Ich glaube, die FDP dagegen hätte es – da sie nicht einen solchen „Heimatdruck“ (Bayerns CSU) hat –  durchaus zu einer Lösung kommen lassen. Auch die CDU aus sich heraus! Horst Seehofer musste aber wohl den Familiennachzug für die CSU verhindern. Trotz des C im Namen CSU! Und obwohl die CSU die kleinste der Koalitionspartner gewesen wäre! Bei mageren 6 Prozent bundesweit, also knapp über der 5-Prozent-Hürde! Und obwohl es eine humanitäre Aufgabe wäre! Und obwohl man über die paar Nachzügler garnicht reden müsste! Anstatt die Integration zu fördern, DARÜBER hätten sie reden sollen! Aber Herr Seehofeer kann ja jetzt wieder zu seiner Frau fahren!

Horst Seehofer macht m. E. keine Politik, sondern Politikzerstörung. In Bayern und bundesweit! Purer Egoismus und die völlig festgefahrene Ansicht, dass seine Partei mit einer Obergrenze für die Landtagswahlen in Bayern besser gerüstet wäre. So ein verantwortungsloser Quatsch!

Gut, auch Frau Merkel muss jetzt erkennen, dass der Wähler ihr bei der Bundestagswahl zu wenige Stimmen gegeben hat! Sie steht ohne Mehrheit da! Es ist auch ihre Niederlage! Also vielleicht Neuwahlen, ok!

Auch Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der bekanntermaßen konservativen BILD, schreibt in einem ERSTEN KOMMENTAR:

„Das große, christliche Herz vor allem der CSU, es ist klein und hart geworden.

Auch wenn die knappe Million Flüchtlinge im Jahr 2015 zu viel auf einmal waren – die 50 000 bis 60 000 überwiegend Frauen und Kinder, um die es am Ende noch ging, sind zu wenig. Zu wenig, um das wichtigste Land Europas ohne Regierung zu lassen.“

 

 

SCHNELL GEDACHTES: mut in Bayern

Ich hatte es schon einmal erwähnt: Es gibt eine neue Partei in Bayern: mut. Finde ich interessant! „Es ist Zeit zu handeln“ war zu Beginn vor vier Monaten Slogan der Initiative. Mittlerweile gibt es den Parteinamen „mut“. Gut, wir leben im wunderbaren Bayern oder wunderbaren Deutschland. Aber viele Menschen sehen, dass es „so nicht weitergeht“. Der Wohnungsmarkt, Fragen zur Flüchtlingssituation, die soziale Schere, Sozialberufe, Pflegedienst, Klimaschutz, Kohleausstieg, Tierhaltung, Umweltschutz etc. Die Liste ist lang. Es gibt viele Punkte, die einmal neu gedacht und bearbeitet werden könnten. Mich interessiert vor allem, ob und wie es gelingen kann, Themen wirklich mit neuen Ansätzen anzugehen. Ich verfolge die Aktivitäten der neuen Partei mut und bin Mitglied geworden. Es geht darum, bestimmte Werte nicht mehr und mehr verkommen zu lassen. Die WERTE der Partei sind Schutz der Bürgerrechte/Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Vielfalt, ökologische Transformation und nachhaltige Friedenssicherung/Asyl und Migration. Wen es auch interessiert, der findet hier die Kopie des letzten Mitgliederschreibens und oben den Link auf die Website der Partei. Es sind sicherlich Themen, die nicht nur Bayern betreffen.

Die Sondierungsgespräche in Berlin steuern ja auch nicht gerade auf klare Ergebnisse zu. Mal sehen.

 

Liebe Mitglieder,

neben unseren vielfältigen Aktivitäten, zuletzt z.B. der mut-Regionalkonferenz in Bamberg am 22. Oktober und der Mahnwache vor dem dortigen Aufnahme- und Abschiebelager für Geflüchtete am selben Tag, haben wir uns am letzten Oktober-Wochenende ein wenig Zeit genommen, um uns über Inhalte und Strategien mit Blick auf die bayerische Landtagswahl 2018 auszutauschen.

Im Zentrum der Diskussionen stand dabei neben organisatorischen Fragen insbesondere die Auswahl inhaltlicher Schwerpunktthemen für das kommende Jahr. Wichtig erschien uns dabei, dass wir uns im Wahljahr auf einige wenige inhaltliche Schwerpunkte konzentrieren. Auf der Klausur haben wir uns darauf geeinigt, dass wir neben einer menschenwürdigen Politik von A bis Z (Asyl bis Zuwanderung) vor allen Dingen auch die Problematik des Wohnens und der Wohnungspolitik in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken wollen, die nicht nur in den bayerischen Städten, sondern auch im ländlichen Raum immer drängender wird. Zudem wollen wir Fragen der Kinderarmut thematisieren sowie, als einen konkreten Reformbaustein, die Diskussion um die Gemeinschaftsschule konsequent vorantreiben. Natürlich gibt es Querschnittsthemen, die immer eine Rolle spielen werden – schon aus dem Selbstverständnis von mut, wie etwa das der fraglosen Anerkennung der vielfältigen Lebensentwürfe in unserer Gesellschaft. Und es gibt selbstverständlich weitere Fragen, auf die wir eine Antwort haben müssen, wie die der Energieversorgung in Bayern, die wir neben unseren aktiven Schwerpunkten systematisch weiterverfolgen werden.

All diese Fragen wollen wir immer vor dem Hintergrund unserer programmatischen Eckpunkte thematisieren und ausbuchstabieren: Die unbedingte, unteilbare und gleiche Achtung der Würde und der Rechte aller Menschen ist unsere oberste Leitlinie, ganz gleich ob es um Wohnungs- oder Schulpolitik oder jede andere Frage gesellschaftlicher Gestaltung geht.

Nach wie vor suchen wir dabei engagierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die mit mut nach Veränderung streben. Um bei den Landtagswahlen mit Erfolgsaussichten antreten zu können, brauchen wir Aktive, Mitglieder und Organisationsstrukturen in ganz Bayern – noch aber gibt es einige mutlose Flecken auf der bayerischen Landkarte. Wir möchten Euch daher ermutigen, Euch nach wie vor oder auch noch mehr als bislang bei uns einzubringen. Anbei findet Ihr eine Liste mit Themen – wir bitten Euch anzukreuzen, wo Ihr Euch gern einbringen würdet. Und überlegt doch bitte ganz konkret, wo Ihr Menschen kennt, die Ihr für die Ideen von mut gewinnen könnt. Für die Wahl werden wir nicht nur in allen Regierungsbezirken des Freistaats, sondern auch möglichst in allen Stimmkreisen Präsenz zeigen müssen – nicht zuletzt mit Menschen, die für mut kandidieren wollen. Also macht mit, sprecht andere an, meldet Euch bei uns, bringt Euch ein! Gemeinsam können wir es schaffen, im nächsten Landtag eine lautstarke Stimme für Menschenwürde zu sein.

Herzliche Grüße

       Stephan für den Vorstand

THEATER: Milo Rau

Milo Rau (*1977 in Bern, gerade mal 40 Jahre alt!) ist momentan DIE Figur der deutschsprachigen Theaterszene. Es geht bei ihm mit irrer Schaffenskraft um POLITISCHES THEATER. Auch an den Münchner Kammerspielen steht eine Premiere an: Das Stück Die 120 Tage von Sodom gibt es an den MÜNCHNER KAMMERSPIELEN im Rahmen des Spielart Festivals nur kurz, und zwar am 29. und 30.10.2017, zu sehen.
Ich lese: Er studierte Soziologie, Romanistik und Germanistik in Paris, Berlin und Zürich. Seit 2002 veröffentlichte er über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen, die an allen großen internationalen Festivals zu sehen waren, u. a. am Theatertreffen Berlin, Festival d’Avignon, Biennale Teatro die Venezia, Wiener Festwochen und Kunstenfestival Brüssel und durch über 30 Länder weltweit tourten. Zuletzt wurde er mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik 2017 und dem ITI-Preis zum Welttheatertag 2016 geehrt. Nach Theaterkünstlern wie Frank Castorf, Pina Bausch, George Tabori, Heiner Goebbels oder Christoph Marthaler ist er der bisher jüngste Träger des renommierten Theaterpreises.

»Five Easy Pieces« wurde 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ich habe das beeindruckende Stück gesehen und HIER darüber berichtet. Ab der Saison 2018/19 übernimmt Er die Direktion des Nationaltheaters in Gent.

Allein zurzeit bzw. in Kürze laufen – soweit mir bekannt – an den deutschsprachigen Bühnen folgende Stücke/Aktionen von ihm:
Five Easy Pieces in den Sophiensaelen, Berlin
Die 120 Tage von Sodom eben in Kürze an den Münchner Kammerspielen/lief bereits im Schauspielhaus Zürich
Lenin (HIER) ganz aktuell an der Berliner Schaubühne
General Assembly in Kürze an der Berliner Schaubühne mit Übertragung an das Thalia Theater in Hamburg
Start des Films Das Kongo Tribunal am 16.11.2017
Diskussion zum Film Das Kongo Tribunal im Münchner Residenztheater am 19.11.2017

 

Angekündigt ist außerdem am Residenztheater München für den 1. Februar 2018 die Uraufführung von Jeanne d’Arc.

Alles kreist bei Milo Rau um das von ihm im Jahre 2007 gegründete IIPM, das International Institute of Political Murder, mit Sitz in der Schweiz und in Deutschland. Es ist seine „Produktionsgesellschaft für Theater, Film und Soziale Plastik“ und kümmert sich um die Produktionen und internationalen Verwertungen seiner Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme. Man liest auf der Website des IIPM:

Die bisherigen Produktionen des IIPM stießen international auf große Resonanz und stehen für eine neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst – „Real-Theater“, wie Alexander Kluge Milo Raus Ästhetik einmal nannte. Seit 2007 hat das IIPM mehr als 50 Theaterinszenierungen, Filme, Bücher, Ausstellungen und Aktionen realisiert. 

Die Stücke des IIPM tourten durch bisher über 30 Länder und wurden an alle bedeutenden internationalen Festivals eingeladen.  Bisherige Projekt- und Essaybände des IIPM wurden mehrfach aufgelegt („Die letzten Tage der Ceausescus“, 2010), von der Bundeszentrale für Politische Bildung als Schulbücher nachgedruckt („Hate Radio“, 2014) und von der taz zum „Buch des Jahres“ gewählt („Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“, 2013). Für 2017 entstehen der ästhetiktheoretische Band „Wiederholung und Ekstase“ (Diaphanes Verlag, Abschlussband zu einem Forschungsprojekt, das das IIPM an der Zürcher Hochschule der Künste zum Realismus in den Künsten durchführte), die beiden Projektbände „Das Kongo Tribunal“ und „1917“ (beide Verbrecher Verlag) sowie das Manifest „Die Rückeroberung der Zukunft“ (Rowohlt Verlag).“

Beispielsweise zum GENERAL ASSEMBLY, das vom 3. bis 5. November in Berlin stattfinden wird, heißt es:

Im Juli diesen Jahres hat sich der G20-Gipfel in Hamburg mit wichtigen internationalen Fragen auseinandergesetzt. Diesen Fragen stellt sich, heißt es, das Weltparlament von Milo Rau. Dabei sprechen diejenigen, die in der globalen Realität von Politik und Ökonomie nicht repräsentiert werden, die keine Stimme haben: Arbeitsmigranten, deren Kinder und Nachgeborene, Kriegsopfer, Textil- und Minenarbeiter, Kleinbauern, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, Opfer des sich anbahnenden Ökozids. Vom 3. bis 5. November versammeln sich 60 Abgeordnete aus der ganzen Welt in der Schaubühne Berlin, begleitet von einer Gruppe internationaler politischer Beobachter: Achille Mbembe, Can Dündar, Chantal Mouffe, Ulrike Guérot, Jean Ziegler, Armen Avanessian, Wolfgang Kaleck, Harald Welzer,(u.a) zu Plenarsitzungen mit folgendem Programm:

3. November 2017: Konstituierende Sitzung

4. November 2017: 1. Plenarsitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege; 2. Plenarsitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft; 3. Plenarsitzung: Migration und Grenzregime

5. November 2017: 4. Plenarsitzung: Cultural Global Commons; 5. Plenarsitzung: Natural Global Commons; Schlusssitzung

 

Also: Wer in Berlin oder Hamburg ist …

(Copyright des Blogbildes: re alliance/ZB)

SCHNELL GEDACHTES

Schnelle Blogbeiträge, spontane Gedanken, aktuell, generell, nicht aktuell, speziell, mal sehen. Kommentare sind willkommen, ich antworte auch nicht, versprochen! Vielleicht mache ich es künftig öfters so.

Wir haben die Bundestagswahl überstanden. Eine meiner Überlegungen:

Die Medien (vor allem das Fernsehen):

Haben nicht auch die Medien eine Mitschuld an Politikverdrossenheit? Ich sehe das Aufkommen der AfD auch als Folge einer Verdrossenheit. 2/3 Protestwähler! Aber es gibt ja unabhängig davon einige, die sagen, es müsse sich ohnehin Einiges ändern. Man sollte z. B. durchaus kritisch mit den Medien umgehen. Viele Medienvertreter, auch oder gerade in den Talkshows, die uns Tag für Tag durch die politischen Themen führen, werden erstaunlicherweise nie kritisiert. Von wem auch? Von sich selbst?

Sie haben irre Einfluss auf die öffentliche Diskussion. So auch etwa jetzt nach der Bundestagswahl. Ich finde, einige der Journalisten sind offenbar zunehmend eingebildet. Sie lenken die Politiker, die sie befragen, letztlich in eine bestimmte Richtung. Und gute Diskussionskultur? Naja! Mich wundert es, dass kein Parteivertreter einmal gegen diese teilweise wundersamen Fragen der Journalisten angeht, d.h. eine Antwort verweigert, kontert o.ä. Beispielsweise das Thema der Koalitionsverhandlungen: Es werden uns jetzt automatisch die schwierigen Kontroversen zwischen den Grünen, der FDP und der Union aufgezeigt. Das ist schön und gut, aber es wird m. E. vergessen und einfach überspielt, dass die Politiker Respekt haben können und müssen vor der getroffenen Wahl der Bürger. Dass sie sich bemühen müssen, einen Kompromiss für eine Mehrheit zu finden. Dass sie das vielleicht auch sehen, aber einfach nicht ausdrücken können. Genau das müsste aber auch einmal zum Ausdruck gebracht werden. Die Politiker werden sofort in die Befragung zu den so gravierenden Unterschieden der Parteien getrieben! Und im übrigen heißt es: Kampf gegen die AfD, obwohl man sieht, dass fast Zweidrittel der AfD-Wähler Protestwähler waren. Auch das kann zu Politikverdrossenheit führen. Mit Verschulden der fragenden Journalisten! Es wird nur vermittelt, dass schwere und kompromisslose Koalitionsverhandlungen zu führen sind. „Wie soll das denn gutgehen„, heißt es! Vor der Wahl hieß es eher noch: „Naja, groß sind die Unterschiede der (großen) Parteien garnicht! So ein langweiliger Wahlkampf

Politikverdrossenheit wird auch durch die Medien gefördert, ist mein Eindruck! Ich kann diese Talkshows und Interviews manchmal kaum ertragen!

Das tolle Foto für den Blogbeitrag ist übrigens von Gregor Kuhlmann, mehr dazu HIER.