THEATER: Peter Weiß – Marat/Sade

Eine der ersten Premieren der neuen Spielzeit! Marat/Sade von Peter Weiß wird in dieser Spielzeit am Münchner Residenztheater gebracht. Was ist das denn? Hört man selten! Das Stück heißt eigentlich kurz und knackig: „Die Verfolgung und Ermordung von Jean Paul Marat, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes Charenton unter Anleitung des Herren de Sade“.

Und worum es geht? Es ist ein Drama, das zur Zeit der Französischen Revolution spielt. Es war sogar sehr schnell ein Welterfolg, in den Sechzigerjahren. Im Mittelpunkt stehen Jean Paul Marat und Marquis de Sade mit ihren damals konträren Weltanschauungen und Staatsentwürfen. Während Marat der Gesellschaft (zum Wohle aller, wie er glaubt) Moral und Tugend aufzwingen will, das (arme) Volk vertritt und die Revolution – blutig, wie sie geworden ist – rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der vorgeblichen Natur des Menschen, verlacht Marats sozialistische Ideen und sieht das Heil in der Loslösung des Einzelnen aus der Gesellschaft. Er vertritt den puren Individualismus. Könnte auch auf die heutige Zeit passen.

Der Autor Peter Weiß hat damals (1964) drei Zeitebenen gebaut:

  • Der Zeitpunkt des Todes von Jean Paul Marat (1793)
  • Der Zeitpunkt, zu dem Marquis de Sade sein Theaterstück über Marats Ermordung im Irrenhaus spielen lässt (wenige Jahre später)
  • Der Zeitpunkt, zu dem das Stück aktuell gezeigt wird.

Man erlebt hier alle drei Ebenen. 

  • Die Ermordung von Jean Paul Marat ist der Inhalt des Theaterstückes. Er wurde in einer Badewanne ermordet. Ständig sitzt oder liegt er in der blutgefüllten Wanne, schmerzerfüllt wegen seiner Hautkrankheit. Von der Attentäterin Charlotte Corday (Lilith Hässle) wird er – der Realität entsprechend – letztlich ermordet. Der Nationalismus unter Napoleon zieht damit auf! Auch Nationalismus und Abschottung sind ja fürchterlich aktuell!
  • Marquis de Sade (Charlotte Schwab) sitzt meistens seitlich an der Bühnenwand oder mischt sich ein. Zentral sind seine Diskussionen mit Jean Paul Marat (Nils Strunk) über die unterschiedlichen Weltanschauungen:  De Sade glaubt nur an sich, alles andere lohne sich nicht, und Marat glaubt an die Sache. De Sade sagt etwa:  „Ich pfeife auf diese Nation, so wie ich auf alle anderen Nationen pfeife, ich pfeife auf diese Bewegungen von Massen, die im Kreis laufen. Ich pfeife auf alle guten Absichten, die sich nur in Sackgassen verlieren. Ich pfeife auf alle Opfer, die für irgendeine Sache gebracht werden. Ich glaube nur an mich selbst.“ Das  ist doch heutzutage starker Tobak!  Dieser totaler Rückzug in den Individualismus geht doch heute nicht!
  • Nils Strunk als Jean Paul Marat wendet sich außerdem direkt an das Publikum und stellt aktuelle Bezüge her. Unterstützt durch ständige kleine Kommentare eines Ensemblemitglieds, das in den hinteren Reihen unter den Zuschauern sitzt.

Nun, ich würde selber gerne einmal Regisseur eines Theaterstücks sein. Aber wer lässt mich das schon machen? Oder wer lässt mich mitmachen! Ich würde mehr zuspitzen. Und ich würde das Publikum eher verstören wollen. Ich würde mich mehr in ein Thema hineinsteigern! Denn auch hier fand ich: Es war etwas gebremst. Was wird letztlich ausgesagt? Es ist ja politisches Theater! Und es werden ja sogar aktuelle Bezüge hergestellt! Söders Wahlplakate, das PAG etc. spricht Marat/Nils Strunk gegenüber dem Publikum an. Und genau dafür blieb es meines Erachtens etwas zu unklar. Gut, man kann über radikalen Individualismus nachdenken und über sozialistische Ideen. Letztere verlieren hier ja gnadenlos, sie werden „ermordet“, die sozialistischen Gedanken. Das halte ich schon für fragwürdig. Da hätte man den Konflikt zwischen Individualismus und sozialistischen Ideen doch mehr in den Brennpunkt holen können! Schauspielerisch von allen gut, aber eben „im Stück“ verhaftet. Aber da kommt meine Zuneigung der Performance gegenüber durch.

Was die Inszenierung angeht, muss ich sagen: Es war irgendwie ein bisschen ein Frank Castorf-Verschnitt. Ein halbherziger Castorf-Verschnitt. Es fanden sich einfach viele Elemente, die für eine Castorf-Inszenierung seit Jahren einfach typisch sind: Die Drehbühne, einige „schräge“ Gestalten, undefinierbare, durch dünne Wände getrennte Räume (fast in französischem blau-weiß-rot gehalten), ein Zauberer mit Zylinder, in Strapsen und mit kniehohen Lederstiefeln, der immer wieder zum Publikum spricht, Gittertüren, die die Durchgänge durch die sich drehenden Wände ergaben, all das (und mehr) sind zweifellos Castorf-ähnliche Elemente. Generell die Art der Inszenierung, fast die Spielweise der Schauspieler war in einer Linie mit Castorf. Jedenfalls waren es bühnentechnisch Denic-ähnliche Elemente. Denic ist es ja, der seit Jahren für die Castorfschen Inszenierungen die Bühnenbilder schafft. Es fehlte nur die bei Frank Castorf typische Videoleinwand! Und die fehlte vielleicht wirklich am ehesten. Die Regisseurin Tina Lanik (die das Residenztheater demnächst verlassen wird) hat hier meines Erachtens zu wenig auf Eigenes und Freches und wirklich Überraschendes zurückgegriffen. Das Stück hätte es hergegeben.

Ein anderer Eindruck übrigens: Die schöne Bühne des Residenztheaters wirkte durch die vielen sich bewegenden Wandkonstruktionen seltsam klein! Schade!

Ein weiterer Eindruck: Wieder einmal gibt das Programmheft eine fast radikalere Darstellung des Themas, als die Darstellung auf der Bühne.  Etwa Auszüge aus dem Buch von Micah White, „Die Zukunft der Rebellion. Eine Anleitung“, Berlin 2018. White schreibt im „The Guardian“ viel über Proteste, von Occupy (er ist Mitgründer gewesen) bis zu Trump. HIER der Link zu White im The Guardian.

So, jetzt habe ich einiges beschrieben, ohne besonders auf Inhaltliches einzugehen. Dazu kann man es sich ja ansehen, dann kann man sich Gedanken machen. Aktuell geht es ja in unseren Zeiten immer wieder um Individualismus/Sozialismus/Nationalismus/Abschottung/„irre Politiker“ etc.

HIER die Onlineseite des Residenztheaters zum Stück.

Oder man schaut sich einfach meine nächste (erste) Inszenierung an.

©️ des Beitragsfotos: Mathias Horn

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THEATER: Johann Wolfgang von Goethe – Faust

Heute ist es ein Beitrag mit ziemlich vielen links. Manche sind wunderbar! Schwerpunkt auch: Bühnenbildner Aleksandar Denic. Tja, ich habe ihn also wieder einmal gesehen, unseren großen Faust von Johann Wolfgang von Goethe.

Im Münchener Residenztheater gibt es eine Inszenierung von Martin Kusej, die seit 2014 läuft. Am 1. November, also in der nächsten Spielzeit, wird sie zum 60. Mal gezeigt. Zuletzt war es natürlich angebracht, ihn zu zeigen, in München lief bis Ende Juli ein übertriebenes Faust Festival. Ich halte den Faust – Hype ja für fragwürdig. Unten komme ich drauf zurück. Jedenfalls empfehle ich, sich VOR dem Besuch der Inszenierung auf der umfangreichen Faust – Website des Residenztheaters in Ruhe umzusehen (HIER der Link) und dort am besten den gesamten Text der Inszenierung herunterzuladen und zu lesen (er wird komplett als PDF zur Verfügung gestellt). Der Regisseur – und derzeitige Intendant des Residenztheaters Martin Kusej (er geht zum Wiener Burgtheater) – hat nämlich Textpassagen aus Faust II und Faust I gemischt. So entstand ein neues Textgebilde. In der Aufführung kann man dem Text kaum folgen.

Über zwei Aspekte schreibe ich hier: Zum Einen sage ich etwas zum Bühnenbild. Zum Anderen bringe ich ein paar Gedanken zum Faust.

Also zum Bühnenbild:

Ein bisschen namedropping: Ich bin auf die Faust-Inszenierung von Martin Kusej auch deshalb gekommen, weil Aleksandar Denic wieder einmal das Bühnenbild gemacht hat. Aleksandar Denic hat jahrelang in der Volksbühne (und anderswo) mit Frank Castorf zusammengearbeitet. Die Bühnenbilder von Aleksandar Denic sind berüchtigt, sie haben die Arbeiten von Frank Castorf wesentlich geprägt. Sie sind sehr eigen, sind sich aber andererseits auch meist recht ähnlich, soweit ich sie kenne. Hier ein Bild von Aleksandar Denic:

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© Bojana Denić

Ich habe jetzt Denics Bühnenbilder gesehen in Les Miserables (XXL-Version) von Frank Castorf am Berliner Ensemble (HIER mein Blogbeitrag), in Faust von Frank Castorf am Berliner Theatertreffen 2018 (HIER mein Blogbeitrag) uns jetzt in Faust von Martin Kusej am Residenztheater. Schade, im Rahmen der Salzburger Festspiele 2018 bringt Frank Castorf im August wiederum zusammen mit Aleksandar Denic „Hunger“ von Knut Hansum. Ich kann aber leider nicht hinfahren. HIER der link zur Seite zur Inszenierung von „Hunger“ bei den Salzburger Festspielen. Und HIER eine erste kurze Besprechung von „Hunger“ im Deutschlandfunk Kultur.

Übrigens: Auf der Website zu „Hunger“ ist eine Bildergalerie. Sehr schön! Das sieht nach einer gelungenen Inszenierung aus! Und so sieht wieder einmal das Bühnenbild von Denic in Salzburg aus:

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© Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Aber interessant und bei Denic eher ungewohnt: Andere Szenen sind topmoderner Alltag. Siehe Bildergalerie.

Das Bühnenbild im Residenztheater war ein wenig ruhiger, als von Denic gewohnt. Wieder eine Drehbühne, wieder ein zweistöckiges Gebilde darauf, wieder düstere Stimmung. Irgendwie kaputte Welt. Oben hinter hohem Maschendraht ein Kran und eine „Kampffläche“ für Boxer etc., unten verschiedene dunkle Räume, rückseitig helle Räume.

Unglaublich übrigens, was für eine Arbeit drin steckt, ein solches Bühnenbild auf das Parkett zu bringen! HIER ein eindrucksvolles Video zum Aufbau der Bühne! (Wer wenig Zeit hat – also alle: Nach 1 min 35 sec wird es im Video interessant.)

Aber es war, schien mir, ein wenig an München angepasst: Etwas ordentlicher, etwas übersichtlicher. Auf Videoleinwände wurde sogar – für mich erstmals bei Denic – verzichtet. Und teils der gern gesehene weiße leere Raum.

Meine Gedanken zum Faust:

Erste Überlegung: Ich weiß ja nicht! Da tun wir Deutschen immer so, als sei der Faust das Maß aller Dinge. Als würde dort das ganze Leben drin stecken. Ist aber ziemlich egozentrisch! Meines Erachtens ist der Faust veraltet. Auch wenn man ständig meint, er wäre immer wieder aktuell. Deswegen war für mich auch dieses wahnsinnig groß aufgezogene Faustfestival in München, das monatelang lief, fragwürdig. Es ist einfach mittlerweile anders, es geht zwar allen um Selbstentwicklung, aber nicht so einseitig, wie im Faust gebracht! Gut, manche wollen das Leben voll auskosten, etwa übrigens Benjamin von Stuckradt-Barre, siehe meine kürzlich gebrachte Besprechung von „Panikherz“ HIER. Aber da waren viele Drogen im Spiel.

Zweite Überlegung: Eigenartig, es gibt, glaube ich, Theateraufführungen, die großartig sein können, bei denen aber der Funke zum Publikum einfach nicht überspringt. Zu komplex vielleicht. So kam es mir bei der Faust-Inszenierung im Residenztheater vor. An sich war es eine – finde ich – gute Inszenierung, aber irgendwie begeistert schien mir das Publikum im ausverkauften Haus nicht zu sein. Vielleicht konnte man den Text gar nicht verarbeiten. Der Text war ja schwierig. Schon das Lesen des Faust erfordert ja höchste Konzentration.

Dritte Überlegung: Irgendwie hat mich das Schicksal von Faust nicht gepackt. Matthias Wölbern mag den Faust sehr gut gespielt haben, die Interpretation des Faust, die er spielen sollte, war aber meines Erachtens eben nicht mehr zeitgemäß. Die Versuche (auch durch das Bühnenbild), das Geschehen zeitgemäß darzustellen, waren meines Erachtens nicht wirklich modern oder cool. Das alte Thema: Der Mann, der noch einmal jung sein möchte und sich verlieben möchte. Der sich in das Leben hinein wirft. Im Pakt mit Mephisto. Für den die Zeit nicht still stehen darf. Sicher, so leben wir. Aber diese krankhafte Ichbezogenheit hat heute einfach andere Ausprägungen, Ursachen und Folgen. Feinsinniger komplexer, individueller. Es endet nicht einfach mit dem Tod einer Person. Insoweit war es inhaltlich nicht großartig.

THEATER: Martin Sperr – Jagdszenen aus (Nieder)Bayern

Diesmal kein „politischer“ Theaterabend. Jagdszenen in (Nieder)Bayern von Martin Sperr. Es war ein Theaterabend nach klassischem Modell. Aber – und ich bin ja sehr kritisch (fast negativ voreingenommen), was „klassische Theaterabende“ anbelangt – sehr gelungen! Ich finde, das Stück ist an sich in dieser Inszenierung ein Genuss. Auch wenn man das Theater nicht gerade mit einem aktuellen Thema im Gepäck verlässt. Eher mit einem Dauerbrenner: „Das Anderssein und die Reaktionen derer, die meinen, „normal“ und damit „besser“ zu sein. Die den „Anderen“ in die Ecke treiben. Gezeigt an einer (nieder)bayerischen Dorfgemeinschaft nach dem Krieg. Ein Bild, das heute noch – glaube ich – in gewisser Weise auf ganz Bayern zutrifft. Mia san mia! Deswegen ist auch im Titel der Wortteil „Nieder“ durchgestrichen bzw. – hier im Blog – in Klammern gesetzt.

Die Dorfgemeinschaft verfolgt den Heimkehrer Abram, der aus dem Gefängnis entlassen worden ist, immer mehr. Es staut sich auf. Erste Szene: Er wird erschossen, fast alle haben Gewehre, um ihn zu finden.  Noch dazu soll er schwul gewesen sein. Und: Die Prostituierte Tonka liebte ihn. Auch so ein Problem. Weiter: Sie war sogar schwanger von ihm! Noch weiter: Es gibt auch einen „Dorftrottel“, den Rovo, der auch alle stört. Dann noch: Der Knecht Volker verkehrte mit der Prostituierten Tonka – schuldet ihr dann auch das Geld – obwohl er doch die Bäuerin Maria heiraten „will“. Maria lebt mit Volker zusammen, da ihr Ehemann nicht aus dem Krieg zurück kam. Das wird auch nicht gerne gesehen. Also alles wie im richtigen Leben. Fast jeder hat seinen Teil zu tragen. Und wie es so ist: Einer soll der Schuldige sein! Abram, gegen den sie sich mehr und mehr verschwören.

Dargeboten wird das Stück, das 1965 das Erstlingsstück von Martin Sperr war, rückwärts, wie eine Familienaufstellung oder jedenfalls wie eine therapeutische Aufstellung zu der Situation im Dorf, zur besseren Sicht auf die Entwicklungen und die Personen. Man sieht in der ersten Szene also das Ende, und geht Tag für Tag zurück. Das Stück wurde so vor mehreren Jahren zuerst für die Kammerspiele inszeniert (Martin Kusej war damals der Regisseur) und wurde dann vom Residenztheater übernommen (Martin Kusej ist dort derzeit Intendant). Das Stück steht immer wieder einmal im Spielplan des Residenztheaters. Es ist fast schon ein Klassiker des Residenztheaters.

Drei Dinge kann ich dazu sagen:

– Es ist m. E. hochgelungen, diese Geschichte so auf die Bühne zu bringen. Wie gesagt: wie bei einer Familienaufstellung blickt man Szene für Szene – es werden 14 Szenen gezeigt, man geht eine Woche Tag für Tag zurück – auf die beteiligten Personen. Jeder hat zur Entwicklung der Dinge eine bestimmte Einstellung. Jeder hat seine Geschichte. Auch die Tatsache, wie schlicht die Szenen gehalten sind, ist sehr gelungen. Auch die Auswahl der Szenen und auch Zusammenstellung der Personen (eher das „Verdienst“ von Martin Sperr). Und die Geschichte an sich, eine beispielhafte – natürlich extreme – Entwicklung des Ausschlusses bestimmter Personen aus der Gemeinschaft, die aber eigentlich selber …. So gesehen ein wunderbarer Theaterabend!

– Zwei Darstellerinnen sind auf jeden Fall besonders hervorzuheben: Die beiden wahrscheinlich jüngsten. Katja Bürkle als Abram, der Heimkehrer, und Anna Drexler als Tonka, die Prostituierte. Während Anna Drexler im Stück „Erschlagt die Armen“ (HIER der Link zu meiner Besprechung) meines Erachtens ja zu zurückhaltend spielte oder vielleicht spielen sollte, zeigt sie hier in den „Jagdszenen“ als die Prostituierte Tonka Hochleistung. Die harmlose Tonka erhält trotz ihrer nicht wirklich im Zentrum stehenden Rolle große Präsenz. Genauso aber Katja Bürkle, die den gehetzten Abram wunderbar spielt. Sie spielt also wieder eine männliche Figur – wie den Franz in Die Räuber. Aber das Gehetztsein spielt sie äußerst glaubhaft und sensibel. Auch insoweit ein toller Theaterabend!

– Wie gesagt nur: Es bleibt ein eher „klassischer“ Theaterabend. Nichts von wegen „Immersion“ (also irgendwie „Einbeziehung“ des Zuschauers), von der man zurzeit so viel redet. Natürlich auch nichts von wegen „Performance“. Und auch nichts Auffallendes – abgesehen von guten Leistungen! – von wegen „der Schauspieler als selbständiger Künstler“, was Fabian Hinrichs auch immer damit letztens in seiner Rede zum Berliner Theatertreffen gemeint haben mag. Sympatisieren tut man wenigstens (vielleicht wollte Martin Sperr auch genau das), und zwar – so ging es mir jedenfalls – mit Abram und Tonka, die es beide am schwersten haben. Obwohl alle ihren Mist an der Backe haben. Das wäre dann doch ein „Verdienst“ des Abends. Ich nehme ja gerne etwas mit.

Copyright des Beitragsbildes: Andreas Pohlmann, Residenztheater

THEATER + TV: Friedrich Schiller – Die Räuber

Heute eine kleine Empfehlung:

Auf 3sat kann man am SAMSTAG, DEN 11.11.2017  um 20.55 Uhr eines der Stücke ansehen, die 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren. Es lohnt sich für den Theaterfreund! Gezeigt werden dort ja jährlich die zehn beeindruckendsten Stücke deutschsprachiger Bühnen. Die Räuber von Friedrich Schiller, Inszenierung vom Münchner Residenztheater wird gezeigt. Es ist eine beeindruckende Inszenierung! Ich fand damals, es kam einer Operninszenierung nahe. Vom Bühnenbild her, von der Art der Darbietung, von der Musik! In Berlin konnte es nicht gezeigt werden wegen der Komplexität des Bühnenapparates. 3sat schreibt zurecht: Ein Klang-Raum-Sprachspektakel entsteht, dessen Sog man sich nur schwer entziehen kann. Überwältigungs-Theater. Ich hoffe nur, dass das im Fernsehen auch rüberkommt. Am besten mit Kopfhörer ansehen!

HIER der link zur 3sat-Seite über das Stück.

Davor, um 20.15 Uhr, kann man sich übrigens auch auf 3sat schon eine kleine Dokumentation über das Stück und verschiedene Inszenierungen dazu in der Reihe WAHNSINNSWERKE ansehen. Samy Deluxe hat einen Rap dazu komponiert.

HIER noch der link zur Seite des Münchner Residenztheaters zum Stück.

Copyright des Blogbildes: Andreas Pohlmann

THEATER: Branden Jacobs-Jenkins – Gloria

Es könnte doch ein Theaterabend werden, der irgendwie lohnt, dachte ich. Es geht um die moderne Arbeitswelt, hier in einer Kulturredaktion einer New Yorker Zeitschrift. Gloria heißt das Stück, von Branden Jacobs-Jenkins. Branden Jacobs-Jenkins wird in einem Interview – zu lesen bei http://www.residenztheater.de (HIER) – beschrieben als „one of the most exciting young dramatists working today,” und man zähle ihn zu den in den USA „most original and illuminating writers.” Branden Jacobs-Jenkins hat eine Zeitlang im Magazin The New Yorker gearbeitet. Ich kenne die Verlagsbranche in- und auswendig, habe fast 15 Jahre lang ausschließlich als Rechtsanwalt für das Verlagshaus BURDA gearbeitet. Ich kenne jede Abteilung.  Und: Im Stück spielen zwei neue Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters mit: Cynthia Micas und Lilith Hässle. Also es gab  Gründe, hinzugehen.

Zum Inhalt:

Kendra, Dean, Ani und Miles arbeiten im Midtown-Office eines New Yorker Magazins. Jeder denkt nur an sich. Vieles am Job ist eigentlich (wie es oft im Stück heißt) „scheiße“. Es ist eben ein Sprungbrett für die Karriere. Auch wenn Miles nur Praktikant, Ani eigentlich Neurowissenschaftlerin und (wie die Bloggerin Kendra) auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten eher zufällig in der Kulturredaktion des Magazins gelandet sind. Dean, der „Dienstälteste“ der Redaktion, fühlt sich als Romanautor. In Zeiten des Internets muss man immer auf dem Sprung sein und darf sich nicht zu lange an einer Position festbeißen, sonst bleibt man auf der Strecke. Deshalb beschäftigt sich jeder von ihnen mit sich und seinem eigenen Fortkommen. Eine ganz moderne Situation. Für das Magazin schreiben tut eigentlich keiner, sie haben alle kleinere Aufgaben. So kommt es, dass man die Einladung von Glorias aufwendig geplanter Einweihungsparty zur frisch bezogenen Eigentumswohnung verpasst oder überhaupt nicht ernst genommen hat. Gloria ist seit vielen Jahren in der Schlussredaktion des Magazins steckengeblieben. Sie hat keine Chance auf Veränderung und keine Freunde in und außerhalb des Jobs. Keiner von ihnen hat sich für Gloria interessiert.

Acht Monate später treffen sich Kendra und Dean im Café. Ebenso wie ihre ehemalige Chefin Nan wissen sie um die Exklusivität ihres persönlichen Schicksals als Überlebende von Glorias Amoklaufs am Tag nach ihrer Party in der Redaktion – sie erschießt manche ihrer Kollegen und sich selbst – und unternehmen alles, um ihr Überleben spektakulär zu vermarkten. Wieder: Die persönliche Karriere, der persönliche Erfolg! Ein Buch- oder Fernsehserienhit oder ein verzweifelter Amoklauf können gleichermaßen zu trauriger Berühmtheit führen, die sie ja alle weiterhin anstreben.

Also: Ein Amoklauf als letzter Aufschrei mangels jeder Art persönlichen Erfolges und sozialer Anerkennung und dann sogar der Versuch der Überlebenden, daraus Kapital zu schlagen für die eigene Karriere. Das wird gezeigt. Das Ganze vor dem Hintergrund einer recht desolat dargestellten Medienwelt (fake news!). Naja, fragwürdig. Zum Einen: Ich habe nicht erlebt, dass die Redaktionswelt sooo desolat ist. Zum Anderen: Das Stück wurde in den USA sogar für den Pulitzerpreis vorgeschlagen! Was beschwert man sich da eigentlich gegen Amokläufer, wenn die Veständlichkeit des Amoklaufes hier sogar locker und harmlos mit sozialen Defiziten unserer (Arbeits-)Welt erklärt wird und die Schleife dann sogar im Theater mit denselben fragwürdigen Marktmethoden (Stichworte Aufmerksamkeit, Ichbezogenheit, Karriere, Geld) weitergedreht wird. Es wird auf fast lustige Art gezeigt, wie es funktioniert. Aber soll es zum Nachdenken anregen? Bei mir hat das nicht gewirkt. Da muss man schon sehr kritisch rangehen, um eine Art Selbstkritik an unserer Arbeitswelt oder anderes herauszufiltern. Das Stück gibt dazu kaum etwas her. Da kommt eher braver Applaus.

Auch die Inszenierung: Sie war unspektakulär, harmlos, auch das Bühnenbild. Keine/r der SchauspielerInnen war, fand ich, besonders hervorstechend. Ihre Rollen hatten aber auch keinerlei besondere Prägnanz, keine Entwicklungslinien, keine Brüche. Es hätte um Soziales gehen können, um Amokläufe, um heutige Ichbezogenheiten, um die Medienwelt, die Arbeitswelt. Aber es wurde alles nur gestreift. Also ich weiß nicht. Im Programmheft zum Stück kommen einige interessante Aspekte zur Sprache. Auf der Bühne aber verflachte es. Da passt es, dass Donald Trump jetzt – nach dem Attentat in einer texanischen Kirche – von „Problemen mit geistiger Gesundheit“ faselt. Anstatt einmal auf die gesellschaftlichen Gründe zu schauen. Alles hätte im Stück viel viel desolater gezeigt werden müssen!

Da finde ich das politische Theater von MILO RAU interessanter, auch wenn der das Publikum geradezu quält. An äußerste Grenzen geht. Aber unsere Grenzen sind selbstgemacht und daher immer diskussionswürdig! Der hochaktive und engagierte Milo Rau ist übrigens als Nächstes am 19. November mit seinem Dokumentarfilm „Das Kongo Tribunal“ und einem anschließenden Symposium (HIER der link) zu Gast am Residenztheater. Zwei Jahre nach den tatsächlichen Anhörungen und nur wenige Tage nach seinem Kinostart am 16. November. Ist zwar ausverkauft, aber vielleicht gibt es Restkarten.

Copyright des Blogbildes: Adrienne Meister

THEATER: Friedrich Schiller – Die Räuber

Mein letzter Teil des Berliner Theatertreffens 2017: Eingeladen waren in Berlin bekanntlich (siehe meine Blogberichte) die zehn „bemerkenswertesten“ deutschsprachigen Stücke des Jahres. Die 10er-Auswahl.  Aus München war dieses Jahr ein Theaterstück eingeladen: Die Räuber von Friedrich Schiller. Es wird derzeit noch am Residenztheater gezeigt. Aus „dispositorischen“ Gründen konnte es im Mai nicht in Berlin aufgeführt werden, die Bühnenkonstruktion mit den sich kippenden und drehenden und hochfahrenden und absenkenden riesigen Laufbändern war zu aufwändig. Ich habe es jetzt in München gesehen. In der Tat das derzeit bemerkenswerteste Theaterstück in München. Mein Tipp: Rechtzeitig Karten sichern.
Es ist aus einem Grund bemerkenswert: Die bombastische, außergewöhnliche Umsetzung. Regie und Bühne von Ulrich Rasche. Musik von Ari Ben Meyers. Beides zusammen macht das Stück aus. Im Onlinetext zum Stück heißt es auf der Website des Residenztheaters dementsprechend:  „… gewaltiges Mensch-Maschinen-Musik-Theater“. Im Herbst wird es im Fernsehen auf 3sat zu sehen sein, auch das wird sich lohnen. Noch beeindruckender ist natürlich der Besuch der Vorstellung.
Geprägt ist das Stück von einigen Elementen: Den riesigen Walzen, der unglaublich hohen, dunklen Bühne, dem hochästhetischen Licht- und Eisraucheinsatz, dem durchgehend – über drei Stunden langen – fast schreienden Stimmen der ebenfalls fast durchgehend schwarz gekleideten Schauspieler und von der eindringlichen Musik: Eine Trommel, eine E-Gitarre, zwei Violinistinnen und drei Chorsänger (die sich auf der Bühne/auf den Laufbändern aufhalten). Monoton, laut, so wird das ohnehin schon Bedrängende und Rhythmische der Inszenierung „musikalisch“ auf die Spitze getrieben, durch einen Tonteppich getragen. Auch das hochästhetisch. Die Musik ist ein sehr wesentliches Element dieser Inszenierung. Ari Ben Meyers verfolgt eine besondere Philosophie zu seiner Musik: Er bespielte z. B. Ende Juni im Münchner Lenbachhaus das ganze Museum mit einer eigens geschriebenen Komposition. In jedem Raum spielten einzelne Orchestermitglieder. Man soll sich die Musik, jedes Mitglied des Orchesters, durch das Museum „ergehen“ können. Musik ist – auch hier, bei den Räubern – aus Sicht von Ari Ben Meyers eine Art Performance jedes einzelnen Musikers.  Nicht nur ein Gesamtkunstwerk.
Die Schauspieler gehen in verschiedensten Konstellationen permanent auf den Rollbändern auf die Zuschauer zu. Es wird keine Handlung geboten, es wird Text geboten. Ulrich Rasche will auch mit seinen Inszenierungen gerne besonders auf den Text abstellen. In der Tat wird der Text von allen fast verzweifelt dargeboten. Manchmal nur versteht man ihn wegen der laut „mitarbeitenden“ Musik nicht.  Das Leben nimmt jedenfalls hier für die gehenden, meistens durch Verankerungen im Boden der sich bewegenden Laufbänder gesicherten Beteiligten seinen Lauf.
Ästhetisch ist es wie die Inszenierung einer Wagner – Oper: Einerseits ergreifend, in einer Dimension, die selten im Theater zu sehen ist. Andererseits geht fast der Inhalt etwas verloren. Obwohl doch der Text mit höchsten Mitteln und vollem Einsatz der Schauspieler vom Papier auf die Bühne geholt wird! Er hallt eher nach, der Inhalt, wenn man sich damit beschäftigt. Aber auch im Nachhall verblieb mir ein ungutes Gefühl: Denn wenn man nur den alten Klassiker „Die Räuber“ einmal wieder sehen wollte, dann sah man eine hochgelungene Inszenierung. Okay, es hat ja Berechtigung, wenn man einfach einmal einen der großen Klassiker sehen will. Wenn man sich dagegen fragt, warum man sich aktuell – in unserer Zeit – „Die Räuber“ ansieht, muss man länger überlegen. Mit welchen inhaltlichen Gedanken hat man das Residenztheater verlassen? Ein aktueller Bezug wird von Ulrich Rasche absichtlich nicht geboten.
Man muss sich selber seine Gedanken machen. Die Räuber, Geschichte zweier ungleicher Brüder. Zwei Geschichten sind es eigentlich. Der eine Bruder – Karl – wird aus emotionalen Gründen – er scheint vom Vater verstoßen – Hauptmann einer Räuberbande, will die Welt verändern. „‚Die Räuber‘ erzählt die Genese einer Bewegung, die jeglicher konkreten politischen Grundlage entbehrt“, sagt Rasche im Programmheft. Karl kommt aber, als er emotional vorankommt, letztlich nicht mehr von der Bande los. Der andere – Franz – ist machtbesessen, setzt den Vater durch List außer Gefecht. Er begeht am Ende Selbstmord. Aussage? Ich könnte nicht sagen, warum Die Räuber inhaltlich gesehen aktuell aufgeführt werden.  Dennoch sehr bemerkenswert!

Theater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Ein Kontrastprogramm zum „wortlosen“ Stück Caspar Western Friedrich von Philippe Quesne in den Kammerspielen: Das bekannte Beziehungsdrama Wer hat Angst vor Virginia Woolf von Edward Albee im Residenztheater. Es läuft dort seit Herbst 2014, wurde 1962 in New York uraufgeführt. Zwei Ehepaare, die an einem Abend unter Alkohol gnadenlos ihre extremen Scheinwelten aufdecken. Und ebenso extrem wird es gespielt – vor einem übrigens langweiligen Bühnenbild. Man liest im Spielplan: Bereits in seinen Inszenierungen Die bitteren Tränen der Petra von Kant (Fassbinder) und Hedda Gabler (Henrik Ibsen) widmet sich Martin Kušej den düsteren Beziehungsspielen des gehobenen Bürgertums. Sein Interesse gilt den Schaukämpfen der modernen Gefühlswelt, deren Verletzungen sich tief in die Seelen und Herzen seiner Protagonisten wühlen, bis ins Mark. Mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf wird dem Zuschauer allerdings eine zugespitzte Szene vorgehalten, die sich in der Realität niemals so drastisch abspielen wird. Bei Caspar Western Friedrich dagegen sitzt man vor einem Thema, das jeden betrifft – Mensch und Natur. Und gerade durch die „Wortlosigkeit“ hat jeder Gelegenheit, auf sich selber zu schauen. Auch wenn die Schauspieler weit mehr können, ich finde den Ansatz von Quesne gut. Neuartiger, modern und schon deswegen gut! Meine schlaue Überlegung: Gibt es nicht eigentlich zwei unterschiedliche „Ebenen“ auf der Welt, auf denen wir alle jonglieren? Eine „Scheinebene“ unserer Beziehung zu anderen Menschen und allen Dingen – immer mit Lüge und Selbstbetrug verbunden – und eine andere Ebene der wahrhaftigen Wahrnehmung unserer Stellung zu allem in der jeweiligen Zeit, vor allem in der aktuellen Zeit? Dann war Wer hat Angst vor Virginia Woolf der ersten Ebene zuzuordnen und Caspar Western Friedrich der zweiten Ebene. Die Welt ändert sich momentan rapide und ich denke, die „zweite Ebene“ ist es wert, eine überwiegende Berücksichtigung zu finden. Genau das tun die Kammerspiele derzeit!

Bildergebnis für residenztheater münchen spielplan