LITERATUR: Merce Rodoreda – Auf der Plaza del Diamant

Wieder etwas neben Allem: Mehr zufällig bin ich auf das Buch „Auf der Plaza del Diamant“ von Merce Rodoreda gestoßen. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet. Gabriel Garcia Marquez sagte laut Buchdeckel:

Ich weiß nicht, wie oft ich den Roman wieder gelesen habe, und einige Male auf katalanisch, mit einer Mühe, die viel über meine Verehrung aussagt.

Und ebenfalls auf dem Buchdeckel steht ein Zitat von Roger Willemsen:

Wer nicht davon lassen kann, wie ich, beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten.

Beides klang sehr vielversprechend. (Aber man weiß ja nie, ob solche Zitate nicht eher Goodwill – Aktionen gegenüber dem Verlag sind.)

Merce Rodoreda ist, habe ich gelernt, eine katalanische Schriftstellerin. Man sagt, sie sei „eine der bedeutendsten katalanischen Autorinnen des 20. Jahrhundert“, Der Roman „Auf der Placa del Diamant“ habe sie berühmt gemacht, er wurde in 20 Sprachen übersetzt. Geboren war sie 1908, gestorben am 13. April 1983, also vor fast genau 35 Jahren. Katalonien ist ja ganz aktuell momentan.

Etwas genauer: Sie wurde 1908 in Barcelona geboren, ihre ersten Bücher erschienen in den dreißiger Jahren, darunter der mit dem Preis Crexells ausgezeichnete Roman „Aloma“. Dann begann ein fast zwanzigjähriges Schweigen: Merce Rodoreda ging, wie viele republikanische Katalanen, ins Exil nach Paris, bis sie vor den deutschen Truppen in den unbesetzten Teil Frankreichs floh und schließlich nach Genf zog. Hier arbeitete sie als Übersetzerin für die Unesco und begann wieder zu schreiben. Es entstanden die Romane, die sie berühmt machten: „Auf der Plaça del Diamant“ und „Der zerbrochene Spiegel“. Merce Rodoreda starb 1983 in Girona.

Das Buch Auf der Plaza del Diamant hat mich dann überrascht, da der Schreibstil so simpel ist, wie ich es noch nie gelesen hatte. Ich wollte es fast weglegen. Es wird kaum ein Buch geben, in dem etwa öfter das Wort „und“ vorkommt, was nicht an der Übersetzung liegen wird. Und dennoch berührt das Buch. Mit einfachsten Worten beschreibt Rodoreda (ACHTUNG: Ab hier sollte nicht weiterlesen, wer es selber lesen will!) ihre Liebe zu einem jungen Mann, ihr Leben mit ihm, sie bekommen zwei Kinder, die Zeiten des großen Elends während des spanischen Bürgerkriegs, ihr Mann zieht in den Krieg, sie schildert ihren Verlust des Lebenswillens, will sich und die beiden Kinder schon fast umbringen, schildert den Verlust ihres Mannes und ihre „Flucht“ in die Ehe mit einem älteren Mann, den sie schon lange kennt. Es ist wie eine Rettung für sie und ihre Kinder. Ein letztlich sehr berührendes Buch, das gerade durch die Einfachheit der Sprache die Situation sehr nahe bringt.

Zu einer Leseprobe geht es HIER

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LITERATUR: Norman Ohler – Die Gleichung des Lebens.

Es war ein Weihnachtsgeschenk. „Die Gleichung des Lebens“ von Norman Ohler. Auch wenn man Weihnachtsgeschenke oftmals doch nicht liest, ich habs getan! Ein historischer Roman, der – wie es tatsächlich geschah – im Jahr 1747 spielt. Friedrich II. wollte die Sumpfgebiete östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt a. d. Oder, den „Oderbruch“, trockenlegen, wollte (den damals aufkommenden) Kartoffelanbau fördern und aus anderen Regionen willfährige Untertanen holen und dort ansiedeln.

Der Oderbruch. Eine Landschaft, die durch den ungezähmt und wild mäandernden Fluss beherrscht wurde und ständige Gefahren durch Hochwasser barg. Eine Landschaft, die eine unglaubliche Artenvielfalt, unfassbar riesiges Fischaufkommen, Schildkröten, Wasservögeln etc. aufzuweisen hatte. Es wimmelte von Mücken und Ungeziefer.

Wir wissen alle: Der Strom kann mächtig mit den Ketten rasseln. Ein Deich kann immer brechen und der teuer erkaufte Schutz uns schlagartig verlassen … Dann kommt die Flut und wir sind nicht vorbereitet. Lasst uns auch weiterhin die Berge nie aus den Augen verlieren, sondern immer wissen, ob’s viel Schnee gegeben hat und wann der schmilzt und zu uns herunterkommt„, sagt einer der Fischer, der wie seine Kollegen seinen Reichtum durch Fischfang erwirtschaftete. Tausende Tonnen Fisch wurden in alle Windrichtungen verkauft. Als die Fischer Wind bekamen von des Königs Plänen, brach Panik aus, Angst vor der Zukunft.

Über zehn Jahre lang hat Norman Ohler diesen Roman vorbereitet und geschrieben. Man merkt es auch. Er ist durchzogen von der zeitgemäßen Beschreibung der Gegend, den Menschen, damaligen Kleinigkeiten und vielen Schilderungen, zu denen man manches Wort garnicht kennt! Etwa: „… Oda in die Küche, um einen Kumm mit Schildkrötensuppe zu holen. Kurz verharrte sie unter dem schwarzen Mantelschornstein, der …„, oder „Die Gäste ließen sich ablenken von den Barbenstreifen mit Gurken in Senf, von Odas berühmten Hechtklößen auf Dillschmand, roten Zibola und Radieschentatar, den Muscheln in Sanddornsaft, der quadratisch geschnittenen Sülze aus schwarzen, blauen und gelben Krebsen in Wirsinghülle.“ Also, da muss man sich als Autor schon verdammt gut in der damaligen Zeit auskennen! Es sind ja wohl keine Erfindungen. Ohler hat sich offenbar extrem in die damalige Zeit hineingefuchst! Für mich war es manchmal fast verwirrend.

Der Inhalt: Während der Protest gegen das Siedlungsprojekt des Königs brodelte, schickte seine Majestät einen Mathematiker los, das Mathematikgenie Leonhard Euler. Euler arbeitete sich in die schwierige Aufgabe ein, den Tod des Dammkonstrukteurs Mahistre aufzuklären, aber auch die Kosten und Rentabilität des Projektes zu bewerten. Er wird dem König abraten. Er fürchtete um den immateriellen Schaden, der angerichtet werde durch Zerstörung einer ganzen Landschaft. Euler drohte an einem rätselhaften Fieber zu sterben, wie vor ihm schon – wie er herausbekommt – der französische Ingenieur Mahistre. Die Frage, wer oder was hinter dem Tod Mahistres (und einem weiteren Mordversuch) steckt, verdichtet sich zu einem historischen Kriminalroman.

LITERATUR: Teju Cole – Open City

Durchaus ein Tipp: Man liest Bücher, in denen irgendwelche Handlungen oder Verstrickungen dargestellt werden. Das Buch von Teju Cole, Open City, ist anders: Es passiert nichts! Aber es fesselt einen. Das macht das Buch aus, es ist zu empfehlen! Ich habe es in Englisch gelesen, es gibt auch die deutsche Übersetzung.
Julius geht durch New Yorks Straßen. Und – kürzer – durch Brüssels Straßen. Er will seine dort vielleicht noch lebende Großmutter aufsuchen. Streifzüge durch das fremdenfeindliche Brüssel und das fremdenfreundliche New York (allerdings 2011, also deutlich vor Donald Trump geschrieben!). Wer New York kennt, wird allein schon vieles wieder erkennen. Er geht und beobachtet. Es sieht Menschen, er spricht mit Menschen, er beschreibt Szenen, ihm fallen Dinge auf. Mit wenigen Worten kann er die Dinge wunderbar ausdrücken. Immer mit dem Wechsel zwischen dem, was er sieht, und dem, was er damit assoziiert oder für was es steht. Immer wieder kommen Gedanken – eigene Gedanken und die Gedanken derer, mit denen er spricht – an große und kleine Zusammenhänge zum Vorschein. An Aktuelles und an Vergangenes. Und er erinnert sich. Er ist ein junger Psychiater mit afrikanischen Wurzeln (Nigeria). Das Buch wird nicht nur von Beobachtungen getragen, auch von seinen persönlichen Erinnerungen. Seine Kindheit, seine Familie, seine Ausbildung, sein Job. Alles ganz normal, aber eben doch mit Besonderheiten, die in jedem Leben geschehen. Jeder trägt und trug so etwas mit sich herum. Es ist überall anders, aber jeder hat seine Dinge um sich und mit Recht. Es geht um Tod, Vergänglichkeit, Erinnerungen, das vergangene Leben, das aktuelle Leben. Auffallend ist die gelassene große Distanz, mit der er alles beobachtet, anhört, durchdenkt. In Amerika war das Buch es ein großer Erfolg! Sein zweites Buch beschäftigt sich dann mit Nigeria.
Der Klappentext der deutschen Ausgabe (Suhrkamp);
Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.

PREISAUSSCHREIBEN

Man muss (wie auch oben im Header des Blogs) auf Lesen: Eine abgeschlossene Erzählung klicken. Da geht es dann weiter.

Ich habe in den vergangenen Monaten/Jahren eine Erzählung geschrieben, sie ist jetzt fertig und trägt den Titel „GRUPPE FRÜHLINGSFEST“. Im Blog ist sie unter dem obigen link komplett eingestellt. Außerdem habe ich dort eine kurze Inhaltsangabe formuliert, ein Exposé. Man muss allerdings auf der oben genannten Seite den link zur Erzählung anklicken. Dann ist man drauf.

Gerne höre/lese ich dazu Kommentare jeder Art. Auch Verrisse. UND: Ich habe eine Preisfrage formuliert. Sie lautet:

WER MIR ALS ERSTER SAGEN KANN, OB VATER JUNGWIRTH IM FESTZELT IN TRACHTENKLEIDUNG SITZT, BEKOMMT EIN EXEMPLAR UMSONST, WENN ICH EINEN VERLAG FINDE.

Er oder sie kann es ja verschenken, weil er/sie es ja dann wohl schon liest. Oder bekommt den Gegenwert (Verkaufspreis).

Also, ran an den Speck!! Ich freue mich auf Kommentare und den/die GewinnerIn!

 

 

LITERATUR zum THEATER: Thomas Bernhard – Am Ziel

Wer beides, das Theater und die Literatur, mag, sollte sich dieses kleine Buch vornehmen. „Am Ziel“ von Thomas Bernhard. Natürlich vor allem dann, wenn man Thomas Bernhard mag. Ich habe es kürzlich aus einem Bücherregal herausgezogen. Es liest sich recht locker an einem schönen Abend. Bissig, komisch, auf die Spitze getrieben, immer wieder wahr, Thomas Bernhard eben. Hier ein kleiner Auszug:

Tochter

Ein so großer Erfolg Mama

Mutter

Das besagt doch nichts
die Leute waren in Laune und machten einen Erfolg
aber es hätte auch das Gegenteil und kein Erfolg sein können
es war bis zuletzt nichts entschieden
nichts gar nichts
dann war Stille
die Leute haben geklatscht

Tochter

Und wie geklatscht wurde Mama

Mutter

Mir ist es unverständlich
dass sie geklatscht haben

wo es sich doch um ein Stück handelte
in welchem sie alle bloßgestellt worden sind
und auf die gemeinste Weise
zugegeben mit Witz auch
aber mit einem bösartigen Witz
mit Niedertracht sogar
mit absoluter Niedertracht
Und dann klatschten sie auf einmal

Tochter

Es war ein richtiger ein ganz großer Erfolg

Mutter

E i n Erfolg was sagt das
dann gehen die Leute hinaus auf die Straße
und alles ist vergessen
das sagt doch nichts ein Erfolg an einem Abend
Und ob es zu einem Lebenswerk reicht

Tochter

Was heißt Lebenswerk Mama
Die Leute haben geklatscht es hat Ihnen gefallen
die Schauspieler haben Ihnen gefallen
es hat ihnen alles gefallen

Mutter

Die Schauspieler haben gefallen
die Schauspieler waren großartig
aber das Stück

Tochter

Ich finde es ein ganz außerordentliches Stück

Mutter

Als ob du von der dramatischen Literatur
auch nur das geringste verstündest
die Leute verstehen nichts
und Klatschen sich zu Tode
weil sie gerade zum Klatschen aufgelegt sind
aber sie beklatschen auch das Unsinnigste
Sie beklatschen auch ihr eigenes Begräbnis
sie beklatschen jede Ohrfeige
die sie bekommen
sie werden von der Rampe herunter geohrfeigt
und beklatschen das
Es gibt keine größere Perversität
als die Perversität des Theaterpublikums

 

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Exil

Mit Lion Feuchtwanger kann mir keiner mehr kommen! Nach dem schmalen Bändchen Erfolg habe ich jetzt noch das Heftchen Exil von ihm gelesen. Zwei Teile seiner Kurzgeschichtentrilogie Wartesaal. Und das alles wegen der Inszenierung des Stückes „Wartesaal“ von Stefan Pucher an den …. Münchner Kammerspielen natürlich. Nächste Woche gehe ich hin.

Ist ja ohnehin interessant: Am vergangenen Donnerstag, 14.12.2017, war Premiere des Stückes Trommeln in der Nacht von Bertolt Brecht (HIER mein Blogbeitrag) und jetzt kommt eben Lion Feuchtwanger. Beide kannten sich nämlich, waren gute Freunde. Es gibt ein Buch über ihre Freundschaft: „Sunset“ von Klaus Modick (HIER eine Besprechung des Buches aus 2011 vom Deutschlandfunk Kultur).

Bertolt Brecht bat damals in München Lion Feuchtwanger, sein Werk „Trommeln in der Nacht“ einmal zu lesen. Es hatte damals noch den Titel „Spartacus“. Feuchtwanger war begeistert und seine Frau Marta regte damals an, Brechts Stück „Trommeln in der Nacht“ zu nennen. Also interessant, dass beide jetzt in den Kammerspielen inszeniert werden.

Zum Buch „Exil“ von Lion Feuchtwanger: Das Buch „Erfolg“ (HIER mein kleiner Blogbeitrag dazu) hatte mir besser gefallen! Dort geht es ja um München – das ich natürlich gut kenne – nach dem ersten Weltkrieg, das Aufkommen des Nationalsozialismus. Ich finde, dort werden die Verhältnisse unglaublich dicht und gut erkennbar beschrieben. Man erkennt sehr gut die damaligen Verhältnisse. Auch die Personen sind sehr interessant ausgewählt. Man lernt fast über die Bayern! Dieses gemütliche Bauernvolk. Man ist voll drin.

Im Buch „Exil“ geht es dagegen um die Verhältnisse deutsche Exilanten in Paris. Etwa zur gleichen Zeit, nach dem I. Weltkrieg. Auch Marta und Lion Feuchtwanger lebten ja einige Jahre in Frankreich, bevor sie nach Amerika übersiedelten. Es fiel mir bei „Exil“ etwas schwerer, die Personen wirklich zu verstehen, reinzukommen. Auffallend aber, dass eine fast maximal breit gefächerte Personenkonstellation beschrieben wurde: Juden – Nazis – ein Deutscher, der den Nazis nahestehen wollte, aber mit einer Halbjüdin befreundet war – ein jüdischer Junge, der aus Überzeugung gerne in der Sowjetunion leben wollte – ein jüdischer Geschäftsmann, dessen Tochter noch in Deutschland festsaß – ein Exilant, der in der Schweiz von den Nazis verschleppt wurde – Künstler, Politiker, Journalisten – ein Exilant, der es schaffen wollte, dass sich ein bedrohlicher Nazi seiner atteaktiven jüdischen Freundin annäherte, um ihn in Verruf zu bringen – und und und. Alles dabei.

Und daneben eben zurzeit Bertolt Brecht mit einer wieder anderen Sicht: Der Sicht auf einen Kriegsheimkehrer. Man kommt rum in der damaligen Zeit.

Aber man braucht etwas Zeit für diese niedlichen Kurzgeschichten „Erfolg“ und „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Hemingway liest sich schneller!

LITERATUR: Lion Feuchtwanger – Erfolg

Lion Feuchtwanger – „Erfolg“: Dieses kleine, unscheinbare Heftchen, dieser bescheidene Band, kränkliches Kloblättchen, dürftige Broschüre, unscheinbares Taschenbüchlein, windiges Ding … neinnein, genau das Gegenteil ist der Fall: Dieser Brocken! Ihn hatte ich zuletzt gelesen. Weil in den Kammerspielen ja am vergangenen Wochenende die Premiere von WARTESAAL von Lion Feuchtwanger war (ich sehe es am Sonntag). Und Wartesaal heißt die Trilogie von Lion Feuchtwanger, zu der auch „Erfolg“ gehört. „Erfolg“ – „Die Geschwister Oppenheim“ – „Exil“. Aber ich war auf dem Holzweg. Der Regisseur Stefan Pucher konzentriert seine Inszenierung an den Kammerspielen auf den Roman „Exil“!  Trotzdem, es war eine gute Wahl. Jetzt kommt eben noch „Exil“ dran. Auch so ein windiges Ding, läppische fast 900 Seiten!

München in der Zeit nach dem I. Weltkrieg, erste Hälfte der Zwanziger Jahre. Lion Feuchtwanger schildert in dem Buch, wie man damals in Teilen der Münchner Gesellschaft dachte und handelte. „Erfolg“ ist ein grandioses Panorama der Zeit, in der Hitlers erster Anlauf zur Machtergreifung scheiterte. Lion Feuchtwanger war wohl der erste Schriftsteller, der das Aufkommen des Nationalsozialismus thematisierte. „Kein literarisches Werk vorher und nachher hat die Mentalität der Stadt und ihrer Bewohner so gut erfasst wie der „Erfolg“, trotz oder gerade wegen der begründeten Hassliebe, die daraus spricht“ (Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 7. Juni 2008). Was den Blick auf das Bayerische, Voralpenländische angeht, haben Feuchtwangers Beobachtungen vor allem heute noch volle Berechtigung! Sie sind zeitlos. Die Bayern bleiben die Bayern. Es ist sehr bedrückend, wie hilf- und wehrlos alle die damals aufkommenden Veränderungen gesehen und hingenommen haben. Erst kleine Veränderungen, Lappalien, Stimmungsänderungen, dann auch deutliche Veränderungen. Es wurde immer bedrückender. Aber jeder schaute auf sein eigenes Thema, sein Fortkommen. Durch das Buch zieht sich etwa die tragische Geschichte des progressiven Kunsthistorikers Dr. Martin Krüger, der wegen einer völligen Lappalie – im Grunde aber wegen mißliebiger Kunstwerke, die Krüger erwirbt und ausstellt –  ins Gefängnis kam.

Dieses Kunstskandälchen bildet […] nur den Ausgangspunkt, sozusagen den Schmetterlingsflügelschlag, aus dem sich ein Orkan von einem Roman entwickelt: ein Zeit- und Sittenbild epochalen Ausmaßes, in dem die bayerische Mentalität, die politisch-ökonomische Großwetterlage und die deutschen Zustände am Vorabend des Dritten Reichs spürbar, greifbar und schmeckbar werden. Dieser große politische Roman bleibt bei aller analytischen Schärfe stets das Werk eines Bestsellerautors. (Wilhelm Trapp, Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2008)

Erstaunlich wie immer ist die Zusammenfassung des Romans auf der WEBSITE von Dieter Wunderlich.

THEATER: Branden Jacobs-Jenkins – Gloria

Es könnte doch ein Theaterabend werden, der irgendwie lohnt, dachte ich. Es geht um die moderne Arbeitswelt, hier in einer Kulturredaktion einer New Yorker Zeitschrift. Gloria heißt das Stück, von Branden Jacobs-Jenkins. Branden Jacobs-Jenkins wird in einem Interview – zu lesen bei http://www.residenztheater.de (HIER) – beschrieben als „one of the most exciting young dramatists working today,” und man zähle ihn zu den in den USA „most original and illuminating writers.” Branden Jacobs-Jenkins hat eine Zeitlang im Magazin The New Yorker gearbeitet. Ich kenne die Verlagsbranche in- und auswendig, habe fast 15 Jahre lang ausschließlich als Rechtsanwalt für das Verlagshaus BURDA gearbeitet. Ich kenne jede Abteilung.  Und: Im Stück spielen zwei neue Schauspieler des Ensembles des Residenztheaters mit: Cynthia Micas und Lilith Hässle. Also es gab  Gründe, hinzugehen.

Zum Inhalt:

Kendra, Dean, Ani und Miles arbeiten im Midtown-Office eines New Yorker Magazins. Jeder denkt nur an sich. Vieles am Job ist eigentlich (wie es oft im Stück heißt) „scheiße“. Es ist eben ein Sprungbrett für die Karriere. Auch wenn Miles nur Praktikant, Ani eigentlich Neurowissenschaftlerin und (wie die Bloggerin Kendra) auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten eher zufällig in der Kulturredaktion des Magazins gelandet sind. Dean, der „Dienstälteste“ der Redaktion, fühlt sich als Romanautor. In Zeiten des Internets muss man immer auf dem Sprung sein und darf sich nicht zu lange an einer Position festbeißen, sonst bleibt man auf der Strecke. Deshalb beschäftigt sich jeder von ihnen mit sich und seinem eigenen Fortkommen. Eine ganz moderne Situation. Für das Magazin schreiben tut eigentlich keiner, sie haben alle kleinere Aufgaben. So kommt es, dass man die Einladung von Glorias aufwendig geplanter Einweihungsparty zur frisch bezogenen Eigentumswohnung verpasst oder überhaupt nicht ernst genommen hat. Gloria ist seit vielen Jahren in der Schlussredaktion des Magazins steckengeblieben. Sie hat keine Chance auf Veränderung und keine Freunde in und außerhalb des Jobs. Keiner von ihnen hat sich für Gloria interessiert.

Acht Monate später treffen sich Kendra und Dean im Café. Ebenso wie ihre ehemalige Chefin Nan wissen sie um die Exklusivität ihres persönlichen Schicksals als Überlebende von Glorias Amoklaufs am Tag nach ihrer Party in der Redaktion – sie erschießt manche ihrer Kollegen und sich selbst – und unternehmen alles, um ihr Überleben spektakulär zu vermarkten. Wieder: Die persönliche Karriere, der persönliche Erfolg! Ein Buch- oder Fernsehserienhit oder ein verzweifelter Amoklauf können gleichermaßen zu trauriger Berühmtheit führen, die sie ja alle weiterhin anstreben.

Also: Ein Amoklauf als letzter Aufschrei mangels jeder Art persönlichen Erfolges und sozialer Anerkennung und dann sogar der Versuch der Überlebenden, daraus Kapital zu schlagen für die eigene Karriere. Das wird gezeigt. Das Ganze vor dem Hintergrund einer recht desolat dargestellten Medienwelt (fake news!). Naja, fragwürdig. Zum Einen: Ich habe nicht erlebt, dass die Redaktionswelt sooo desolat ist. Zum Anderen: Das Stück wurde in den USA sogar für den Pulitzerpreis vorgeschlagen! Was beschwert man sich da eigentlich gegen Amokläufer, wenn die Veständlichkeit des Amoklaufes hier sogar locker und harmlos mit sozialen Defiziten unserer (Arbeits-)Welt erklärt wird und die Schleife dann sogar im Theater mit denselben fragwürdigen Marktmethoden (Stichworte Aufmerksamkeit, Ichbezogenheit, Karriere, Geld) weitergedreht wird. Es wird auf fast lustige Art gezeigt, wie es funktioniert. Aber soll es zum Nachdenken anregen? Bei mir hat das nicht gewirkt. Da muss man schon sehr kritisch rangehen, um eine Art Selbstkritik an unserer Arbeitswelt oder anderes herauszufiltern. Das Stück gibt dazu kaum etwas her. Da kommt eher braver Applaus.

Auch die Inszenierung: Sie war unspektakulär, harmlos, auch das Bühnenbild. Keine/r der SchauspielerInnen war, fand ich, besonders hervorstechend. Ihre Rollen hatten aber auch keinerlei besondere Prägnanz, keine Entwicklungslinien, keine Brüche. Es hätte um Soziales gehen können, um Amokläufe, um heutige Ichbezogenheiten, um die Medienwelt, die Arbeitswelt. Aber es wurde alles nur gestreift. Also ich weiß nicht. Im Programmheft zum Stück kommen einige interessante Aspekte zur Sprache. Auf der Bühne aber verflachte es. Da passt es, dass Donald Trump jetzt – nach dem Attentat in einer texanischen Kirche – von „Problemen mit geistiger Gesundheit“ faselt. Anstatt einmal auf die gesellschaftlichen Gründe zu schauen. Alles hätte im Stück viel viel desolater gezeigt werden müssen!

Da finde ich das politische Theater von MILO RAU interessanter, auch wenn der das Publikum geradezu quält. An äußerste Grenzen geht. Aber unsere Grenzen sind selbstgemacht und daher immer diskussionswürdig! Der hochaktive und engagierte Milo Rau ist übrigens als Nächstes am 19. November mit seinem Dokumentarfilm „Das Kongo Tribunal“ und einem anschließenden Symposium (HIER der link) zu Gast am Residenztheater. Zwei Jahre nach den tatsächlichen Anhörungen und nur wenige Tage nach seinem Kinostart am 16. November. Ist zwar ausverkauft, aber vielleicht gibt es Restkarten.

Copyright des Blogbildes: Adrienne Meister

BUCH: Joseph Roth, Radetzkymarsch

Wieder etwas gelesen. Nachts oft. Joseph Roth’s Roman Radetzkymarsch, den ich meinem Sohn Carlos zu Weihnachten geschenkt hatte. Die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, also eigentlich gar nicht so lange her. Das kann doch nicht schaden, denke ich, wenn man als junger Mann auch etwas aus dieser Zeit erfährt. Ich habe natürlich wieder nachgesehen, was Dieter Wunderlich in seiner Besprechung unter http://www.dieterwunderlich.de dazu schreibt: „Ein trauriger, hoffnungsloser Abgesang, ein kunstvoll formuliertes Requiem auf den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und dessen Gesellschaft„. Was hat Dieter Wunderlich nicht alles gelesen und treffend dargestellt und beurteilt!

Sprachlich und von den einzelnen Schilderungen her gesehen ist der Roman schon recht antiquiert, aber historisch interessant. Joseph Roth hatte den Roman ab Herbst 1930 bei Freunden (u. a. Stefan Zweig) und in Hotels in Frankfurt a.M., Berlin, Paris, Baden-Baden und Antibes geschrieben. Die Arbeit konnte 1932 abgeschlossen werden.

In einer drei Generationen umspannenden Familiengeschichte veranschaulicht Joseph Roth, wie die k-und-k-Monarchie mit ihren Traditionen langsam zerfällt. Bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges. Joseph Trotta Freiherr von Sipolje symbolisiert die eine tragende Säule der überkommenen Gesellschaft: das Militär. Sein Sohn Franz als Bezirkshauptmann die andere Säule: das kaiserliche Beamtentum. Der Enkel des „Helden von Solferino“ wiederum profitiert zwar noch vom Schutz des alten Systems, aber er ist nicht mehr in der Lage, sich damit zu identifizieren. Er will das Militär verlassen, steckt aber fest. Zwar merkt er, dass die Zukunft neuen Kräften gehört, aber er ist durch seine Erziehung noch sehr der Vergangenheit verhaftet.

Unter dem Titel „Die Kapuzinergruft“ veröffentlichte Joseph Roth übrigens 1938 eine Fortsetzung seines Romans „Radetzkymarsch“.

BUCH: Zeruya Shalev – Schmerz

Ein kürzlich gelesenes Buch sei erwähnt: Von Zeruya Shalev der Roman Schmerz. Bekannt geworden ist Zeruya Shalev davor durch den Roman „Liebesleben“, den ersten Teil einer Trilogie über das moderne Liebesleben. Shalev ist eine israelitische Schriftstellerin, geboren im Kibbuz am See Genezareth in Galiläa. Shalevs durchaus intensive Erzählungen spielen auch in Israel.

Ich würde das Buch „Schmerz“ mit der Note 2-3 unter „gute Bücher“ einordnen. Ein interessanter Schreibstil. Thematisch geht es darum, dass eine Frau nach vielen Jahren der Ehe ihre große Jugendliebe wiedertrifft und merkt, dass sie zu ihm muss. Es ist eine Familiengeschichte, in der Ordnung und Chaos nebeneinanderstehen, alles gerät ja aus den Fugen. Sie verheimlicht ihre Treffen mit der großen Liebe, macht sich aber natürlich Gedanken. Dass Iris – die Protagonistin – vor langer Zeit nicht nur physisch bei einem Attentat,  sondern auch psychisch durch das unverständliche Scheitern dieser Jugendliebe verletzt wurde, wirkt bei ihr noch immer nach. Sowohl in der Familie, als auch in Bezug auf die Jugendliebe. Es kommt dann hinzu, dass sie ihre Tochter in Gefahr wähnt und sich darauf konzentriert, ihr zu helfen. In diesem Kontext geht es in „Schmerz“ um ihre Befürchtungen, Fürsorge, Kontrolle und eben um die große Liebe, die alles verändern würde.