THEATER: Milo Rau – LENIN

Ich habe Wattestäbchen gekauft! Auf der Packung steht: „It’s the little things in life“. Andererseits habe ich das Stück LENIN von Milo Rau an der Berliner Schaubühne gesehen. Und Lenin und seine Idee waren alles andere als „little“. Die Revolution musste für ihn weltweit sein, erst dann wäre sie gelungen. Etwas größeres gab es eigentlich in den letzten 100 Jahren nicht. Größer als jedes Wattestäbchen.

100 Jahre nach der Oktoberrevolution 1917 in der Sowjetunion hat Milo Rau „LENIN“ inszeniert. Im Programmheft (eher ein Programmbuch mit interessanten Einblicken zu Lenin und Trotzki, auch mit dem gesamten Text der Inszenierung!) sagt Milo Rau: „Ich warte schon seit meiner Jugend auf dieses Jubiläumsjahr.“ Und: „Über die Jahrzehnte habe ich Dutzende, vielleicht hunderte von Büchern gelesen über die russische Revolution, ihre Folgen, ihre Gründe.

Wie will man die komplexe Geschichte Lenins und damit Russlands und des Kommunismus einfangen? Milo Rau stellt  einen der im Grunde letzten Lebenstage Lenins auf einer Datscha dar. Eine sich durchgehend ganz langsam drehende Bühne, düstere Stimmung, vier Räume, die einzeln immer wieder zum Vorschein kommen. Gleichzeitig sieht man das Geschehen auf einer großen Leinwand über der Bühne. Wunderbare Nahaufnahmen, Lenin, Trotzki, Stalin, Lenins Frau, ein Arzt, ein Leibwächter etc. Man spürt vor allem geradezu: Die Zeit war stehen geblieben. So wird es gespielt, ein beeindruckendes Gefühl. Die Zeit war stehen geblieben, weil sich plötzlich Wissenschaft (Lenin hatte in der Schweiz Hegel gelesen), Idee, Politik, persönliche Schicksal, die Kleinheit des Lebens, Brutalität, Liebe, alles vor dem völlig hilflosen Lenin auftürmte. Er wurde mehr und mehr vom ZK abgeschnitten, Stalin bereitete sich bereits vor. Das Menschenleben Lenins und damit die Idee Lenins wurden immer unbedeutender. Er wollte Stalin noch verhindern.

Verbunden war es mit typischen Elementen von Milo Rau: Lenin wird gespielt von einer Frau, von Ursina Lardi. Denn es wird gefragt: Muss Lenin überhaupt aussehen wie Lenin? Es gebe sowieso nichts Gleiches im Leben. Eine der Theaterfragen Rau’s. Derartige Fragen schwingen ja oft bei ihm mit (Was kann Theater, was können Schauspieler, wie ist das Verhältnis Schauspieler – Theater – Publikum? Vgl. Five Easy Pieces, vgl. Die 100 Tage von Sodom): Und neben der Tribüne ein Schminktisch, an dem der ein oder andere Schauspieler zwischenzeitlich sitzt. Und als Schauspieler aus einer realen Erinnerung erzählt. Bis hin zur RAF. Einmal erzählt Trotzki von einer Aufführung im Burgtheater („Frühlings Erwachen“), eigentlich redet aber der Schauspieler persönlich.

Wie gesagt: Man merkt, die Zeit war für einen Tag stehen geblieben. Und genau das kommt wunderbar rüber. Ich fand vor allem Ursina Lardi super. Kurz dachte ich nur: Sie ist ja fast zu perfekt, die Inszenierung! Es driftet ja fast in Kitsch ab! Aber nur fast.

Also der Tenor: Was waren Lenin und seine Idee schon wert nach seinem Tod? Obwohl die Idee der Gleichheit ja irgendwie viel Berechtigung hat. Es war ein Wahnsinnsidealismus, von dem Russland getroffen wurde. Es ist und bleibt ein besonderes Schicksal Russlands. Andererseits: Wo ist Idealismus heute?

Copyright des Beitragsbildes: Thomas Aurin

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